Der Videotrailer “Verbrennungen” ist da!

Warum Nawal verstummte

Esther Hattenbach inszeniert »Verbrennungen« von Wajdi Mouawad

»Verbrennungen« von Wajdi Mouawad  ist ein Stück, das eine so unglaubliche, eine so berührende, eine so unvorhersehbare Geschichte erzählt – wie sie kaum vorstellbar ist. Eine Geschichte, die alle Gesetze außer Kraft zu setzen scheint, an deren Ende die logischste aller Aufgaben – eins plus eins ist gleich zwei – nicht mehr stimmt. Es ist die Geschichte von Nawal Marwan. Esther Hattenbach inszeniert das Stück für die Große Bühne. Nach »Angst essen Seele auf« und »Groß und Klein« ist das ihre dritte Arbeit in Heilbronn.

Verbrennungen

Nachdem sie fünf Jahre in völligem Schweigen verbracht hat, stirbt Nawal im Alter von 60 Jahren. Ihren Kindern, Jeanne und Simon, Zwillingen von 22 Jahren, hinterlässt sie ein eigenartiges Testament. Jeanne soll ihren Vater finden, von dem sie meint, dass er längst gestorben sei. Simon soll sich auf die Suche nach seinem Bruder machen, von dessen Existenz er noch nie etwas gehört hat.
Besonders Simon ist wütend, sein Verhältnis zur Mutter war alles andere  als gut. Sie hatte ein Herz aus Stein, glaubt er. Jeanne ist vor allem erschüttert, als sie hört, dass ihr Vater noch lebt und sie sogar einen Bruder hat. Aber sie will das Vermächtnis erfüllen. Vielleicht findet sie auf diese Weise heraus, was hinter dem Schweigen der Mutter steckt.
Und sie begibt sich in den Libanon, das von Bürgerkriegen zerrüttete Heimatland der Mutter. Sie erfährt, dass Nawal im Alter von 14 Jahren ein Baby bekommen hat, einen Jungen, der ihr sofort nach der Geburt weggenommen wurde. Nawal war verzweifelt, denn es war ein Kind der Liebe. Sie verließ ihren Heimatort, um das Kind zu finden …
Die Suche nach der Wahrheit führt die Zwillinge direkt zum dunklen  Geheimnis der Mutter und damit der eigenen Herkunft. Nach und nach erkennen die ahnungslos im sicheren Westen Aufgewachsenen  ihre eigene Verstrickung in eine von Bürgerkrieg und  Gewalt geprägte Vergangenheit.

»Verbrennungen« besteht aus mehr als 30 Einzelszenen, die einen Zeitraum von über vierzig Jahren umfassen. Das Stück zeigt Nawal in drei verschiedenen Phasen ihres Lebens, erzählt ihre Lebensgeschichte aber nicht chronologisch, sondern springt in der Retrospektive zwischen den verschiedenen Zeitebenen hin und her. Sabine Unger spielt die Nawal, Julia Apfelthaler und Peter Volksdorf sind die Zwillinge Jeanne und Simon.

Silke Zschäckel, Pressereferentin

Wajdi Mouawad über sein Stück

’Verbrennungen’ ist auf keinen Fall ein Stück über die Notwendigkeit, seine Wurzeln zu kennen, so wie es falsch ist zu glauben, es sei ein Stück über den Krieg. Es ist vielmehr ein Stück über den Versuch, in einer unmenschlichen Situation seine Versprechen als Mensch zu halten. (Wajdi Mouawad)


7 Comments
  1. Hallo, musste den Premierentermin leider verlegen. Skeptisch und irritiert durch den Premierenbericht habe ich am 18.5.12 “Verbrennungen gesehen. Eingestimmt durch die sehr informative und engagiert gehaltene Einführung hat mich das Stück selbst von der ersten bis zur letzten Minute gefesselt. Danke an alle für die gelungene Inszenierung – und weiter so!

  2. hallo…

    nachdem ich “verbrennungen” zweimal gesehen habe und gestern abend auch noch das hörspiel im radio gehört habe, konnte ich viel verstehen….manches bleibt allerdings noch rätselhaft….
    vll. kann mir jemand weiterhelfen:
    – nawal verfügt im gegesatz zu ihrer großmutter, mit dem gesicht nach unten bestattet zu werden….wieso?
    – welche bedeutung haben die drei eimer wasser?
    – nawal spricht davon, schuldig geworden zu sein und das versprechen (an die großmutter?) gebrochen zu haben….was meint sie damit?
    – simon spricht in seiner katharsischen szene, in der er weinend “zusammenbricht” von seiner angst und dann (sehr kindlich) von der angst vor roten wölfen….was ist damit gemeint?
    – nach dem tod der großmutter wird von narwal auf dem stuhl ein feuer entzündet welches auch während der bestattungsszene brennt…. wieso?

    ich hab glaube noch tausend fragen *gg…das stück beschäftigt mich sehr, wie sie sehen….
    ich würde mich wirklich freuen, antworten zu bekommen….

    danke!!
    grüßle aus schwäbisch hall

    • Das freut uns sehr, dass Sie sich so viel mit dem Schauspiel von Mouawad beschäftigen.
      „Verbrennungen“ gehört in der Tat zu den Theatertexten, die immer mehr Fragen aufwerfen, je mehr man sich damit beschäftigt. Uns ist es während der Probenarbeit auch so gegangen. Mouawad bedient sich einer Sprach- und Bilderwelt, die sich sowohl aus dem arabischen Kulturkreis bedient wie auch aus dem westlichen. Dadurch entsteht ein sehr eigener, sehr persönlicher Kosmos, den es erst einmal zu entschlüsseln gilt. Ich will nun versuchen, die Fragen zu beantworten.

      „Mit dem Gesicht nach unten beerdigen“:
      Das ist ein Bild dafür, das Nawal erst dann wirklich Ruhe finden kann und will, wenn ihre Zwillingen über die Familiengeschichte bescheid wissen. Den Faden der Gewalt, des Hasses sollen Jeanne und Simon zerreißen. Dann erst dann kann Nawal im Grab Ruhe finden.

      „Wasser Eimer“:
      Dieses Bild des Abschiednehmens ist den Begräbnis-Ritualen der Aleviten entlehnt. Jeder der drei am Grab soll auf diese Weise Abschied von Nawal nehmen und einen Teil ihrer Lebensgeschichte sühnen. Denn jeder der drei (Jeanne, Simon, Lebel) hat eine Aufgabe übertragen bekommen, die zusammen den Weg in eine bessere, hassfreie Zukunft ermöglichen kann
      .
      „Gebrochenes Versprechen“:
      Damit ist nicht das Versprechen gemeint, das Nawal der Großmutter gegeben hatte, sondern das Versprechen, den Sohn, den man ihr fortgenommen hatte, „immer zu lieben, was auch immer geschieht.“ Im Gefängnis hat sie unerkannter Weise den vermisten Sohn hassen gelernt. Das ist ihre Schuld, ihn nicht erkannt und die Spirale der Gewalt beendet zu haben. Die Umstände sind stärker als der Instinkt der Mutterliebe.

      „Rote Wölfe“:
      Da sind gleich mehrere Bilder/Metaphern zusammengeflossen. Einmal ein typischer Märchentopos, der vom gefährlichen Wolf, der Blut im Maul hat, also der Wolf als Bedrohung. Rot als Bild für die Blutgier dieses Raubtieres. Damit ist natürlich der Heckenschütze und Folterer Abou Tarek gemeint. Solange Simon nicht erkannt hat, wer sein Bruder ist, ist er selber getrieben von Gefühlen des Hasses. Hass- und Gewaltausbrüche kann er nicht zügeln, und er weiß nicht warum. Nicht umsonst will er Profi-Boxer werden, also ein Kämpfer, wenn auch etwas zivilisierter als sein Vater.
      Rot gilt auch noch die Farbe des Libanons, dessen Gebirgszüge durch Korrosion von Eisenoxid rot gefärbt sind.
      Und dann gab es in der Arabischen Welt den Mythos der „Roten Wölfe“, die nach dem 2. Weltkrieg gegen die britische Kolonialmacht im südarabischen Raum für die Freiheit und Unabhängigkeit kämpften, nämlich die Radfan-Beduinen, die „Röte Wölfe“ genannt wurden.

      „Brennende Stuhl“:
      Ein theatrales Bild für das Vermächtnis der Großmutter, das das Handeln Nawals bis zu ihrem eigenen Tod bestimmt hat. Die Flamme der Erkenntnis brennt bis zum Tod. Nawals Lebensweg dauert von dem Tod der Großmutter bis zu ihrem eignen. Diese Klammer wird durch dieses Bild gesetzt.
      Außerdem ist es ein Bild für das Sterben der Großmutter.

      Ich hoffe sehr, dass damit die ersten Fragen beantwortet sind.
      Christian Marten-Molnár (Chefdramaturg)

  3. guten morgen,

    vielen dank für die ausführliche und fundierte antwort…..
    das stück “verbrennungen” hat mich wirklich sehr beeindruckt…ich freue mich immer, wenn hochpolitische themen auf die bühne kommen…
    dazu gehört (vor allem in der “provinz”) mut- und für ihren mut danke ich ihnen einmal ausdrücklich…
    außerdem finde ich die möglichkeit, sich hier im blog noch einmal schlau machen zu lassen, wunderbar…..das werde ich bestimmt öfters mal nutzen…
    nun freu ich mich schon auf die neue spielzeit.

    also, nochmals dank!!

    grüßle aus schwäbisch hall

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>