Erinnerungen an das alte Stadttheater

Von unserer Zuschauerin Else Gutbrod

Aus Anlass der Sanierung der sechs großen Maskenköpfe aus Sandstein, die einst das alte Jugendstiltheater in Heilbronn zierten, schrieb Else Gutbrod, Jahrgang 1925, ihre Erinnerungen an das Theater jener Zeit auf.

Meine früheste Erinnerung an die Zauberwelt des Theaters geht zurück in den Winter 1929/30. Meine Eltern hatten sich eine Theatermiete geleistet und nahmen mich als Fünfjährige, da kein Babysitter vorhanden war, einfach mit. Aufmerksam verfolgte ich vom Schoß von Vater oder Mutter aus das Geschehen auf der Bühne. Nach der Heimkehr spät in der Nacht setzte sich mein Vater ans Klavier und spielte die Melodien nach, die er gehört hatte.  Ab 1941 ging es dann mit der Schulklasse ins Theater, unter anderem in »Maria Stuart«. Da erwachte eine Theaterleidenschaft in mir. Ich flüchtete aus der rauen Kriegswirklichkeit in eine Traumwelt. So oft wie möglich ging ich ins Theater, im Gegensatz zu meinen Freundinnen, die sich lieber Liebesfilme im Kino ansahen. Freilich, eine Theaterkarte kostete damals dreimal soviel wie ein Kinokarte: im zweiten Rang oder hinteren Parkett zwischen drei und vier Reichsmark.

Vor jedem Theaterbesuch kaufte ich das Textheft von Reclam für 35 Pfennige. Mein monatliches Taschengeld als Schülerin betrug damals nur 2 Reichsmark. Der Text wurde fast auswendig gelernt. Am Abend der Vorstellung dann das schönste Kleid angezogen, das perlenbestickte Theatertäschchen genommen und andächtig die große, dreigeteilte Freitreppe zum Eingang des Theaters hinaufgestiegen. Im intim-warmen Zuschauerraum in die Polstersessel gesetzt und zunächst den Bühnenvorhang angestaunt. Er war mit glitzernden Metallplättchen übersät. Auf jeder Hälfte war eine Figur abgebildet: links eine Göttin mit Füllhorn, rechts eine männliche Figur mit einem Tuch über Armen und Körper. Darüber in der Wand war ein Brunnen mit Adler. Darunter stand der Spruch: »So Alte so Junge sind alle geladen in unserem Äther sich munter zu baden.« Und dann öffnete sich der Vorhang.

Nach jedem Theaterbesuch schrieb ich meine Eindrücke auf, schnitt die Kritik aus und sammelte die Programme, die »Heilbronner Bühnenblätter«. Diese Sammlung ist noch vorhanden, 70 Jahre alt, hinübergerettet aus Bombennächten und Heimatlosigkeit. Dazu ein Skizzenbuch – ich habe einzelne Szenen gezeichnet. Da steht Rhodope im Tempel der Hestia, da fällt Maria Stuart in Ohnmacht, Mephisto dirigiert den Hexentanz in der Walpurgisnacht, Britannicus wird aus dem Marsfeld verbrannt und Empedokles doziert vor einem Schüler. Manchmal habe ich das Skizzenbuch unter dem Mathematikbuch versteckt, weil ich lieber zeichnete, statt Hausaufgaben zu machen. Die Schauspieler hat man natürlich angeschwärmt. Dietmar Stürmer, der den »Don Carlos« spielte, oder Norbert Ecker, der als Hermann in der »Hermannsschlacht« große Töne anschlug. Auf dem Heimweg vom Robert-Mayer-Gymnasium machte ich immer einen Bogen zum Theater, um vielleicht einen Blick auf einen Schauspieler zu erhaschen. Was hatten wir für einen Spaß mit Otto März und Liesel Christ. März hatte eine verkrüppelte Hand, die er auf der Bühne gut zu verstecken wusste, die ihn aber vor der Einberufung zur Wehrmacht bewahrte. Nach dem Krieg war Liesel Christ in Heilbronn und meinte, das Theater könne man doch gut wieder aufbauen … Vor einigen Jahren hat eine Malgruppe, der ich angehörte, Bilder vom alten Heilbronn ausgestellt. Ich hatte das Stadtbad am Wollhaus und das Stadttheater gezeichnet. Es waren wohl die schönsten Bauwerke jener Zeit in Heilbronn.

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