Am Punkt des ‘Schwebens’

Die englische Dichterin Lavinia Greenlaw (Librettistin von „Minsk“)

 

Lavinia Greenlaw Foto: Julian Abrams

Lavinia Greenlaw
Foto: Julian Abrams

 

“Ich war ein kurzsichtiges, geistig abwesendes Kind, das immer gegen das Problem anrannte, wo es sich befand, was es anschaute, was es vor sicht hatte: ‘Ich kann nicht sehen, ich kann mir keinen Begriff machen.’“, erinnert sich die englische Dichterin Lavinia Greenlaw, die das Libretto zur Oper „Minsk“ verfasst hat. Heute gilt sie als eine Meisterin der Wahrnehmung, der Beschreibung von Raum, Licht und Wasser. Sie selbst versteht das nicht als Widerspruch, eher könnte man einen Zusammenhang vermuten:

Mich hat immer der Moment interessiert, in dem wir versuchen, die Dinge zu bestimmen. Als ich begriff, dass das Sehen nur zur Hälfte mit dem zu tun hat, was physisch da ist und dass die andere Hälfte davon abhängt, was man zu sehen erwartet, war ich fasziniert. Astronomen sehen im Weltraum einen Haufen Sterne und sagen: ‚sieht aus wie ein Krebs.’ Also nennen sie ihn Krebs-Nebel.

Im Zentrum von Greenlaws Arbeit stehen ihre Gedichte. Als Lyrikerin begann sie ihre Laufbahn, veröffentlichte bisher vier Gedichtbände, aber auch zwei Romane, Essays und Bearbeitungen für das Radio. Häufig verwendet sie in ihren Texten Fragmente aus ihrem eigenen Leben. In London geboren, verbrachte sie ihre Jugend auf einem Dorf in Essex. In ihrem ersten Roman, der auf deutsch unter dem Titel „Die Vision der Mary George“ erschien, nimmt sie die ostenglische Landschaft in ihre atmosphärischen Beschreibungen auf. Zur Welt der siebzehnjährigen Mary George gehören aber auch Punk- und Popmusik der Siebzigerjahre in der Provinz. Greenlaw berichtet in einem Interview, in ihrer Jugend sei sie der einzige Punk im Ort gewesen. Einer ihrer Essays trägt den Titel „The Importance of Music to Girls“. Greenlaw spürt allerdings auch eine große Affinität zur Bildkunst, schreibt über Kunst der Moderne und des 17. Jahrhunderts, nutzt Musik und Bildende Kunst aber auch, um sich eine Auszeit von der Sprache zu verschaffen. Sprache fasziniere und frustriere sie gleichermaßen: „Ich wünschte, ich könnte ohne Sprache das tun, was ich tue.“

In ihren Gedichten verbindet sie, die aus einer Familie von Naturwissenschaftlern stammt, (beide Eltern waren Ärzte) eine sehr subjektive Sicht mit Elementen aus den großen Wissenssystemen der Naturwissenschaften, der Astronomie, der Geographie und Geschichte. Dabei entsteht ein eigentümliches Ineinander verschiedener Auffassungen von Wirklichkeit. Dazu trägt auch die Vielfältigkeit der Sprachspiele bei. So verfasste sie als Artist in Residence am Londoner Science Museum das Gedicht „Iron Lung“ über eines der Exponate des Museums. Die Beschreibung der Eisernen Lunge, des Gerätes zur äußeren Beatmung eines  Menschen, weckt auf faszinierend-befremdliche Weise die Ahnung einer menschlichen Berührung. Auf Youtube kann man anschauen, wie Greenlaw das Gedicht liest und kommentiert: „Ich gebe vor, es sei ein Wissenschaftsgedicht, eigentlich ist es aber ein Liebesgedicht. Jemand atmet für dich. Was könnte ein stärkeres Bild für Liebe sein?“ Die Sicht auf die Dinge gerät in Greenlaws Gedichten in Unruhe, in Bewegung. Die Bedeutung ‚schwebt’ sozusagen – entzieht sich, zieht sich zurück an einen Punkt vor dem Begreifen. Diese Textgebäude sind nicht direkt zugänglich. Man kommt nicht schnell in sie hinein, rutscht zunächst an ihrer Oberfläche ab. Doch man will nachlesen, das Schweben spüren, die ungeheuere Musikalität dieser Texte auskosten.

Das Grundmotiv von „Minsk“, den Gang ins Innere eines Menschen mitten in einer alles andere als intimen Umgebung, öffentlich, voller Bewegung und Veränderung, griff Lavinia Greenlaw 2011 noch einmal auf: in der Klanginstalltion „Audio Obscura“, für die sie den Ted Hughes Award erhielt, der für Lyrik in neuartigen Zusammenhängen verliehen wird. In „Audio Obscura“ tauchen aus einem Teppich von Bahnhofsgeräuschen lyrische Texte auf, Monologe, wie sie Menschen halten könnten, die sich auf dem Bahnhof befinden, jeder von ihnen unter Anspannung. Greenlaw betont, „Audio Obscura“ liege „absolut im Herzen meiner Arbeit.“ Parallel dazu bereitete sie die Veröffentlichung ihres vierten Gedichtbandes, „The Casual Perfect“, (etwa: Die Vollkommenheit des Zwanglosen) vor. „Als ich an diesen beiden Dingen arbeitete, verbrachte ich viel Zeit damit, darüber nachzudenken, wie wir zuhören und wie wir mit den Menschen in unserer Umgebung in Beziehung treten.“, berichtet sie,

Und das hat mich schon verändert, weil ich früher kaum wusste, wo ich mich befinde, und kaum mitbekam, was um mich herum war, weil ich immerzu an etwas anderes dachte. Ich war woanders, weit weg. Die Arbeit mit Klang, und über das Überhörte nachzudenken, bedeutet, dass ich mich vielmehr der Frage aussetze, wo ich bin. Und die Gedichte (in „The Casual Perfect“) drehen sich darum, dass es mir besser geht, dort wo ich bin.

Johannes Frohnsdorf, Dramaturg

 

Der erste Kultur-Tweetup eines Stadttheaters in Deutschland findet am Sa, dem 16.02.2013, um 9:45 Uhr zu einer Probe der Oper Minsk (UA) im Großen Haus des Theaters Heilbronn statt! Anmeldung an @theat_heilbronn oder @KultUp auf twitter oder an schroeder@theater-hn.de
Wer auf Twitter dem Hashtag #kultup folgt, wird bereits ab dem 21.01.2013 mit Neuigkeiten versorgt, kann am Veranstaltungstag so den Tweetup verfolgen und sich auch aktiv ins Gespräch einbringen. Wer selbst keinen Twitter-Account besitzt, kann die Tweets über die Twitterwall verfolgen: http://kultup.tweetwally.com

 

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