Im Handumdrehen erzählt sich eine Welt

Tom Muschs Bühne für „König Drosselbart“ lehnt sich an Märchenbuch und Papiertheater an

Bühnenmodell „König Drosselbart“ von Tom Musch

Mit den Märchen sind immer auch die Erinnerungen verknüpft, wie es war, als man sie zum ersten Mal hörte. Egal ob erzählt, vorgelesen oder auf Schallplatte. Für mich gibt es da die Erinnerung an ein rotes Buch, auf dessen Einband kleine Tannenzweige abgedruckt waren und aus dem meine Eltern mir abends abwechselnd vorlasen: Der Wolf und die sieben Geißlein, Das tapfere Schneiderlein und Rotkäppchen zum Beispiel. Die Märchenwelt, von der die Tannenzweige kündeten, lud ein, sich Helden zuzugesellen, mit ihnen durch ihre Geschichten zu wandern. Und für mich hielt diese Reise immer wieder Gründe bereit, mich über Unrecht zu empören. (Ich muss ein anstrengender Zuhörer gewesen sein…) Es sind die durchlebten Gefühle, an die ich mich eigentlich erinnere, wenn ich zurückdenke, wie es an jenem Abend war, als meine Mutter Rapunzel vorlas. Und es genügt, an die Tannenzweige zu denken oder die Hülle einer Schallplatte. Schon tauchen die Erinnerungen wieder auf.

 

Bühnenmodell "König Drosselbart" von Tom Musch

Bühnenmodell „König Drosselbart“ von Tom Musch


Bühnenbildner Tom Musch hat eine Bühne entworfen, die auf ganz vielfältige Weise die Erinnerung an das Vorlesen wachruft. Als bunt illustrierte Märchenbuchseiten erscheinen die Bilder, in denen er das Märchen „König Drosselbart“ erzählt: das Schloss, der Markt, die Hütte des Spielmanns. In einem Umblättern verwandelt sich die ganze Bühne. In der Mitte sind Wellen zu sehen, die sich bewegen lassen. Es sind Mittel des Barock-Theaters, die diese Anklänge an das Märchenbuch möglich machen: Kulissen, also leichte Wände, die man schieben oder ziehen kann, um sie erscheinen oder verschwinden zu lassen. Stellwände, Gassen und ein Prospekt am hinteren Ende der Bühne. Unweigerlich fällt einem das Papiertheater ein, in dem bemalte Hänger und Kulissen genau diese Bühne des Barock abbilden. An Stäben bewegte man Papierfiguren und spielte Theaterstücke im Kleinen. Trotzdem war alles da, was man für den Bühnenzauber brauchte. In Muschs Bühnenbild für „König Drosselbart“ gibt es zusätzlich noch einen Rahmen, eine Grenze zwischen dem Hier und der Welt des Märchens. Zwei Erzähler können durch diesen Rahmen in die Geschichte eintreten, um mitzuspielen. Wir dürfen gespannt sein auf ein Weihnachtsmärchen, das den Zauber des Erzählens auf die Bühne bringt. Beim Probenstart am letzten Mittwoch schlugen beim bloßen Anblick des Bühnenbildmodells die Herzen höher.

Johannes Frohnsdorf, Dramaturg

2 Comments
  1. Ich habe da eine kleine Frage: Warum sind die Seitenkulissen beim oberen Bild nicht ausgeschnitten? Die perspektivische Wirkung wird damit erheblich gesteigert. So wirkt das unfertig, was es ja auch ist. Ansonsten viel Freude mit dem Theater. Grüße aus Lingen, Michael Sänger

    • Lieber Michael, das ist doch erst das Bühnenbildmodell. Die ganze Pracht und Wirkung entfaltet sich auf der Bühne.

      Viele Grüße aus dem Theater

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