Die Textflüsterin

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Unsichtbar fürs Publikum, aber mit Blick auf die Bühne: Souffleuse Sigrid Schmieder an ihrem Arbeitsplatz im Großen Haus

Wohl jeder Mitarbeiter des Theaters wurde in seinem Berufsleben schon einmal gefragt: »Und was machen Sie vormittags?« Viele Menschen haben im Kopf, dass an den Abenden die Vorstellungen im Theater laufen und können sich nicht vorstellen, dass Mitarbeiter dort fast rund um die Uhr arbeiten. Zum Beispiel als Souffleuse.

In knapp einer Stunde beginnt die Vorstellung »Homo faber« im Großen Haus. Es summt und brummt längst in allen Abteilungen – die Schauspieler sitzen in der Maske und ziehen ihre Kostüme an, die Techniker gehen langsam auf ihre Position. Auch Sigrid Schmieder, die Souffleuse, ist bereits im Theater, holt ihr Textbuch aus dem Spind und bereitet ihren Arbeitsplatz vor. Dieser befindet sich in einem schwarz gestrichenen, winzig schmalen Gang links neben der Bühne. Von stattlicher Statur darf man nicht sein, wenn man mehrere Stunden dort verbringen muss. Denn darin ist lediglich Platz für ein Pult mit einem winzigen Leselämpchen und einen Stuhl. Von hier aus hat Sigrid Schmieder den Blick auf die Bühne, ohne dass sie vom Publikum gesehen werden kann. Das Textbuch mit den vielen handschriftlichen Notizen und farbigen Anmerkungen legt sie aufs Pult. Griffbereit daneben kommen eine Wasserflasche und ein kleines Handtuch. Wofür das Handtuch? »Damit ich es, falls ich husten oder niesen muss, vor den Mund pressen kann, so dass niemand etwas hört. Man muss sich nur mal vorstellen, was wäre, wenn aus dem OFF ein Hustenanfall käme. Da wären Publikum und Darsteller wohl gleichermaßen irritiert.« Sie kontrolliert ihr Lämpchen und hat dann noch Zeit, sich einen Moment zu sammeln. Sobald der Einlass für die Zuschauer läuft, setzt sie sich an ihren Platz. Mit dem Zeichen des Inspizienten, dass die Vorstellung beginnt, heißt es auch für sie – höchste Konzentration! Zeile für Zeile liest sie mit, wenn Stefan Eichberg den Walter Faber spielt und in dieser Rolle riesige Textmengen zu bewältigen hat. Dabei ist sie dem Schauspieler immer eine halbe Textzeile voraus. »Ein Auge habe ich im Buch, das andere auf der Bühne.« Eingreifen musste sie bei ihm bisher in keiner Vorstellung, was ihr die allergrößte Hochachtung abringt. »Überhaupt sind die Kollegen hier alle wahnsinnig diszipliniert und haben fast nie Texthänger. Vielleicht fünfmal musste ich in den anderthalb Jahren, die ich jetzt hier bin, bisher den Text eingeben.« Dennoch möchte keiner von den Schauspielern auf diese psychologische Stütze, die Sicherheit gibt, verzichten.
Die Vorstellungen zu betreuen, ist aber nur ein kleiner Teil ihrer Arbeit. Jeden Vormittag probt Sigrid Schmieder genauso wie die Schauspieler, um Szene für Szene von einem Stück zu erarbeiten. Vom ersten Moment einer Inszenierung ist die Souffleuse mit dabei. Zunächst ist sie wichtige Partnerin der Schauspieler beim Erarbeiten des Textes. Manche kommen mit komplett vorgelerntem Text auf die Probe, für andere ist es leichter, sich die Worte während des gleichzeitigen Erarbeitens der szenischen Vorgänge einzuprägen. Dann gibt sie häufiger kleine Satzfetzen ein, die den Akteuren helfen. Gleichzeitig führt sie ihr Soufflierbuch. Darin ist der Text immer auf dem aktuellen Stand, denn manchmal werden Passagen während der Proben herausgestrichen. Außerdem verzeichnet sie auch die Aktionen auf der Bühne wie:   Schauspieler X geht von links nach rechts, setzt sich, nimmt ein Wasserglas …
Ganz wichtig ist es für sie, die Pausen zu notieren. Große Pause bekommen einen großen Haken, kleine einen kleinen. Warum ist sie da so akribisch? »Damit ich genau weiß, wann eine Leerstelle inszeniert ist und wann vielleicht ein Schauspieler doch einmal einen Hänger hat.« Mit bunten Klebezettelchen markiert sie Textstellen, bei denen die Kollegen während der Proben leicht durcheinander kommen. Da heißt es, besonders Obacht zu geben! Auch wenn es während der Vorstellungen hin und wieder unfreiwillige Textumstellungen gibt, macht sie sich ein Zeichen und geht hinterher mit dem Kollegen diesen Part noch einmal durch. »Die Proben sind für mich die spannendste Zeit. Es ist jedes Mal wieder aufregend, wenn sich alles zusammenfügt und eine Inszenierung Gestalt annimmt.«
Jedes Stück wird am Theater Heilbronn von einer Souffleuse betreut. Als einzige festangestellte Souffleuse, die anderen fünf sind freiberuflich, hat sie derzeit parallel sechs Inszenierungen: »Good morning, boys and girls« in der Kammer – hier sitzt sie mit einer kleinen Klemmlampe am Textbuch in der ersten Reihe. Im Komödienhaus, da ist ihr  Platz in der ersten Loge neben der Bühne, souffliert sie »Harry und Sally«. Und im Großen Haus sind es »Cyrano de Bergerac«, »Dantons Tod«, »Homo faber«, und gerade haben die Proben für »Enron«, auch wieder für das Große Haus, begonnen. Freie Abende sind selten. Aber Sigrid Schmieder kennt es nicht anders. Seit 40 Jahren ist sie am Theater, von 1973-90 war sie Tänzerin, dann bis 2004 Schauspielinspizientin am Theater Zeitz, anschließend ging es als Souffleuse nach Rudolstadt und 2011 holte Intendant Axel Vornam sie zusammen mit ihrem Mann Lutz Schmieder, der Leiter der Bühnentechnik ist, nach Heilbronn. Der Wechsel aus dem Rampenlicht hinter die Kulissen fiel ihr nicht schwer. »Ich hatte meine Zeit auf der Bühne«, sagt sie. Aus der Zeit als Tänzerin helfen noch heute die eiserne Disziplin und das Rhythmusgefühl, das man auch beim Soufflieren fürs Schauspiel unbedingt braucht.

Silke Zschäckel, Pressereferentin

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