Mein Auftrag: Probenspionage!

Mein Auftrag: Die Probe von „Die Leiden des jungen Osman (UA)“ ausspionieren.

Foto: Jennifer Laing

Foto: Jennifer Laing

Meine Vorbereitung: Informationen über Schauspieler, Regisseurin und Inszenierung einholen – man will ja wissen, was man sich anschaut

Meine Erwartungen: Eine ernste Stimmung (das Thema ist es schließlich auch) und einen Einblick in Probleme, die türkische Familien in Deutschland haben

Meine Ziele: Da ich selber in der Türkei geboren bin und ich, als wir zurück nach Deutschland kamen, viele türkische Freunde hatte, wollte ich sehen, ob die Inszenierung der Realität nahe kommt

Meine „Waffe“: Papier und Stift

Ablauf: Die Probe sollte um 10:00 Uhr beginnen. Bereits um 09:50 Uhr war ich vor Ort. Ich kam auf die Probebühne und mich schauten sieben Gesichter an. Nur drei kamen mir bekannt vor. Oliver Firit, Mitglied unseres festen Ensembles, Sarah Holtkamp, Regieassistentin und Johannes Frohnsdorf, Dramaturg. Bei den anderen – vier Schauspieler und eine Praktikantin – stellte ich mich kurz vor. Nach und nach trafen auch die Regisseurin Sema Meray, Theaterpädagogin Antjé Femfert und zu guter Letzt auch der Schauspieler von Osmans Vater – Nizam Namidar, ein. Er wurde von seiner „Inszenierungsehefrau“ – Serpil Simsek-Bierschwale – gleich in die Mangel genommen. „Warst du etwa wieder bei deinen Frauen?“ fragte sie belustigt.
Kurz drauf begann die Probe. Man hatte sich darauf geeinigt, alles durchlaufen zu lassen bis zu einem Monolog von „Osman“. Wir, die „Zuschauer“ hatten uns allesamt Papier, Textbücher und Stifte zurechtgelegt um wirklich jede Kleinigkeit, die noch zu ändern bzw. verbessern ist, notieren zu können. Schließlich sind es nur noch 8 Tage bis zur Premiere am 21.03.2014 in den Kammerspielen.
Nach etwa einer Stunde Spielzeit, sehr vielen Gefühlsausbrüchen, Emotionen und türkischen Sätzen, waren die zu Beginn besprochenen Szenen durchgespielt. Ich saß erstmal still auf meinem Platz. So intensiv und authentisch hatte ich mir das nicht vorgestellt. Themen wie Studium, Rauchen, Zwangshochzeiten und auch Salafismus wurden mit aufgegriffen.
Die Schauspieler hatten nun 20 Minuten Pause, so dass Regisseurin, Dramaturg und Theaterpädagogin die wichtigsten Kritikpunkte unter sich klären konnten.
Das gab mir die Zeit, die Schauspieler privat kennenzulernen. Alle waren aufgeschlossen, lustig und freundlich. Von der ernsten Stimmung, die ich erwartet hatte, keine Spur.
Als die Pause vorbei war, stand die „Kritik“ – so heißt die Besprechung nach einer Probe – an. Eine leichte Unsicherheit war in den Gesichtern der Schauspieler zu erkennen. Was würde kritisiert werden? An was muss man noch arbeiten? Erhält man vielleicht auch nur Lob? All diese Fragen sollten schon bald beantwortet werden. Bis auf einige Situationen, an denen noch gearbeitet werden muss, ist schon alles auf einem guten Weg.

Mein Fazit: „Die Leiden des jungen Osman“ sind noch viel spannender als gedacht. Es kam mir vor, als säße ich mitten im Wohnzimmer dieser Familie und würde einer wahren Geschichte folgen. So viele Szenen kamen mir bekannt vor. Ob ich es nun bei mir selber oder bei Freunden miterlebt oder gehört habe.
In Deutschland und auch hier in Heilbronn haben wir viele türkischstämmige Mitbürger und meiner Meinung nach ist es wichtig, die erst einmal richtig kennenzulernen, die Beweggründe zu verstehen, bevor man anfängt zu urteilen. Genau dafür hat die Regisseurin Sema Meray den Text zu „Die Leiden des jungen Osman“ geschrieben und ich finde, das hat sie absolut realitätsnah geschafft.

Ich freue mich schon, wenn die Proben auf der tatsächlichen Bühne in den Kammerspielen fortgeführt werden. Das wird mit Sicherheit die intime Atmosphäre noch einmal verstärken.
Meine Empfehlung: Schaut euch diese Inszenierung von „Die Leiden des jungen Osman“ an. Ihr bekommt einen wunderbaren Einblick in das, was um euch herum, in den vielen türkischen Familien in Deutschland passiert. Auch wenn einige Szenen etwas überspitzt gezeigt werden, ist da doch viel Wahrheit dabei. Sehr interessant wird sicher auch das Publikumsgespräch, das nach jeder Vorstellung stattfinden wird. Hier kann man über das Gesehene diskutieren und bekommt Antworten auf dringende Fragen.

Jennifer Laing, Auszubildende

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