Tod und Leben – ein ewiges Paar

Claus

Claus Emrich leiht dem Philosophen Sokrates im letzten Teil von „Socrate“ sein Gesicht.

Ein Probenbericht

Es ist Samstagmorgen, Probe auf der Bühne im Großen Haus. Für heute hat sich Regisseur Christian Marten-Molnár die Schlusszene von Erik Saties Drame Symphonique „Socrate“ vorgenommen. Auf der Bühne will er die Gelegenheit nutzen, um die Arrangements und Gänge zu überprüfen. Wirken sie? Erzählen sie das, was er sich wünscht?  „Mort de Socrate“, so der Titel des letzten Teils von „Socrate“, ist eine ausgesprochen diffizile Vorlage für einen Regisseur. Einen Text, der ganz von abstrakten Gedanken lebt, auf eine Bühne zu bringen, fordert immer eine besondere Idee. Es handelt sich um den Phaidon-Dialog, einen durch Platon überlieferten Bericht über die Hinrichtung des Sokrates. Marten-Molnár traf die Entscheidung, sich auf einen einzigen, im Grunde einfachen Gedanken zu beschränken: Die Angst vor dem Tod zu überwinden, schenkt dem Menschen eine unvergleichliche Freiheit. So werden Sätze wie dieser möglich: „Denkend an den Tod, bin ich frei von Zwängen.“ Wer abgehobenes Philosophieren befürchtet, der wird an diesem Morgen widerlegt. Sokrates‘ Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod entfaltet in Marten-Molnárs szenischer Anlage schon jetzt eine große Sinnlichkeit. Ksenija Luki´cs Gesang, halb griechischer Chor, halb Todesengel und die Stimme des Dialogs, schafft im Zusammenspiel mit der Begleitmusik (Korrepetitor Mark Johnston am Klavier) eine geradezu meditative Atmosphäre. Berührt Liuki´c Johannes Bahr und Rolf-Rudolf Lütgens, die zwei Menschen im Übergang vom Leben zum Tod spielen, oder kreuzen sich nur ihre Gänge, passiert etwas Wunderbares: Eine eigenartig ambivalente Atmosphäre entspinnt sich auf der Bühne, der Todesgedanke schwebt irgendwo zwischen Furcht, Trost und Verführung, was gleichzeitig faszinierend und kaum auszuhalten ist. Witze werden gerissen – Lachen als Ventil, weil an diesem Morgen mehr als einmal der Atem wegbleibt.

Dieses Durchspielen des Sterben-Müssens hat einen Dreh- und Angelpunkt, eine Art Gravitationszentrum, um das es kreist. Das wird deutlich, als Statist Claus Emrich sich plötzlich zu Wort meldet. Mehr als eine halbe Stunde lag er schon rücklings auf einem Tisch in der Mitte der Bühne. Er spielt in Socrate einen Außenseiter, einen Querdenker, der ohne Zweifel mit Sokrates, aber auch mit Satie identifiziert werden kann. „Christian, entschuldige, brauchst du mich hier? Das wird allmählich doch etwas unbequem.“ Natürlich kann auch ohne ihn geprobt werden, aber sofort zeigt sich, wie stark die Szene vom Eindruck eines aufgebahrten toten Menschen profitiert hatte. Emrich, der hauptberuflich Krankenschwestern und -pfleger ausbildet, ist die Begegnung mit dem Tod vertraut. Am Rande der Probe berichtet er davon, wie in der Ausbildung mit dem Thema umgegangen wird, nennt Definitionen, mit denen er arbeitet – den klinischen Tod, den Hirntod, den sozialen Tod – gibt aber auch eigene Erfahrungen preis. Dann taucht aus dem Gespräch unvermittelt eine Einsicht auf: Der Gedanke an sein eigenes Ende führt den Menschen an den Kern seiner Überzeugungen, seines Glaubens, seines Blicks auf die Welt. Am Tod „hängt“ das Leben sozusagen „dran“, es dreht sich um ihn. So gesehen antwortet der letzte Teil von Saties Drame Symphonique auf alles, was in Marten-Molnárs Satie-Abend vorausgegangen ist. Das lebendige Treiben und Zähnezeigen in „Relâche“, die Sinnsuche auf vergessenen Pfaden in „Socrate“ haben ihren Fluchtpunkt im Schlussbild „Mort de Socrate.

Johannes Frohnsdorf, Dramaturg

TIPP: Am 12. April 2014 um 09:30 Uhr gibt es ein Tweetup zur Bühnen-Orchester-Probe „Relâche – Heute keine Vorstellung“. Seid die ersten, die diese Inszenierung miterleben dürfen und twittert live aus dem Theater Heilbronn.
Anmeldungen unter schroeder@theater-hn.de oder über Twitter @theat_heilbronn
Wer auf Twitter dem Hashtag #relup folgt, wird bereits ab dem 17.03.2014 mit Neuigkeiten versorgt, kann am Veranstaltungstag so den Tweetup verfolgen und sich auch aktiv ins Gespräch einbringen. Wer selbst keinen Twitter-Account besitzt, kann die Tweets über die Twitterwall verfolgen: relup.tweetwally.com

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