S. B. trifft E. S.

Über Anziehungskräfte im Theater (zwischen Text und Musik)

Seit inzwischen 15 Jahren ist Sibylle Berg eine anerkannte Fachfrau unter den deutschsprachigen Autoren für den lakonischen bis ätzenden Kommentar zum ganz normalen Wahnsinn auf heutiger Stufe, zu jenen verbreiteten Routinen einer beschleunigten Welt, die man gewohnt ist, „Leben“ zu nennen. Ihr erstes veröffentlichtes Buch, „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ (1997), sagte es schon im Titel ganz deutlich: So etwas wie Galgenhumor springt bei ihr in eine Lücke, die freigeblieben ist, wo das Glück nicht bis zum Ziel durchgekommen ist. Kommt Ihnen bekannt vor? Auch das ist halt „Leben“… Aber wie, fragen Sie nun, verträgt sich das mit Satie?
Christian Marten-Molnár, dem von Anfang an klar war, dass er den Schwerpunkt seines Satie-Abends auf die politische Seite des exzentrischen Komponisten legen würde, suchte nach einem Text-Material, das sich mit der Musik Saties verbinden ließ und in der szenischen Umsetzung von Musik und Text aktuelle Zeitkritik ermöglichte. Die Music-Hall-&-Cabaret-Ästhetik, die Cakewalk-Anklänge, vor allem aber die ironische Grundhaltung von „Relâche“ gegenüber der Gesellschaft (vertreten im Theaterpublikum), scheint es, ziehen schräg-groteske Texte wie die von Sibylle Berg an wie ein Magnet. Bergs seit 2011 entstandene Spiegel-Kolumnen („Fragen Sie Frau Sibylle“), auf die die Wahl fiel, beackern das gesamte Feld von Arbeit, Konsum, Freizeit und Geschlechterverhältnissen. „Wie halte ich das nur alles aus?“, der Titel unter dem sie voriges Jahr als Buch erschienen sind, ist zu so etwas wie einem Motto für Marten-Molnárs szenische Umsetzung von Saties Ballett-Musik „Relâche“ geworden. Drei Saties (Ingrid Richter-Wendel, Johannes Bahr, Rolf-Rudolf Lütgens) wühlen sich durch einen Durchschnittsalltag, mal in überzogenen Pantomimen à la Lloyd-Chaplin-Keaton, mal bewaffnet mit Worten zwischen den Zähnen. „Du kannst doch jetzt nicht schlafen!“, heißt es da, „arbeite an deinem BMI oder beobachte die Börse in Japan! … Es ist völlig egal, dass du keine Kompetenz hast, die meisten von uns tun nur so…“ Bergs Texte sind inhaltlich konkret, wo Musik nur allgemein Skepsis oder Ironie vermitteln kann. Sie fordern die drei Saties heraus, sich zu entscheiden: Das Spiel, in dem sie sich wiederfinden, weiter mitspielen? Jeden Tag die eigene Person anlegen wie einen gesellschaftsfähigen Anzug, der aber nicht passt und nie passen wird? Das Lächeln des Siegers aufsetzen? Oder einen Platz außerhalb dieses sogenannten „Lebens“ suchen, von dort draußen dem Treiben die Zähne zeigen?
Oder – mehr praktisch-besonnen: Nur soviel mitmachen wie nötig!

Sibylle Berg, geboren 1962 in Weimar, lebt seit 18 Jahren als Autorin in Zürich. Seit 1997 veröffentlichte sie 15 Romane, 17 Theaterstücke und unzählige Essays. Seit 2000 wurden ihre Theaterstücke wiederholt zu den Theatertagen nach Mülheim eingeladen. Sie erhielt den Wolfgang-Koeppen-Preis und den Marburger Literaturpreis. Die ausgebildete Puppenspielerin, die nach ihrer Ausreise in die BRD 1984 auch als Tierpräparatorin und Versicherungsvertreterin arbeitete, sagt über das Schreiben, es sei das einzige: „wovon ich dachte, dass ich es wirklich kann.“

Johannes Frohnsdorf, Dramaturg

TIPP: Am 12. April 2014 um 09:30 Uhr gibt es ein Tweetup zur Bühnen-Orchester-Probe „Relâche – Heute keine Vorstellung“. Seid die ersten, die diese Inszenierung miterleben dürfen und twittert live aus dem Theater Heilbronn.
Anmeldungen unter schroeder@theater-hn.de oder über Twitter @theat_heilbronn
Wer auf Twitter dem Hashtag #relup folgt, wird bereits ab dem 17.03.2014 mit Neuigkeiten versorgt, kann am Veranstaltungstag so den Tweetup verfolgen und sich auch aktiv ins Gespräch einbringen. Wer selbst keinen Twitter-Account besitzt, kann die Tweets über die Twitterwall verfolgen: relup.tweetwally.com

Wir heißen natürlich ebenfalls Blogger und Nutzer von Facebook, Instagram sowie anderen Social-Media-Kanälen, welche über dieses Event berichte möchten, herzlich zur Probe willkommen!

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