Zwei rechts, zwei links und eine fallen lassen

In Philipp Löhles Globalisierungsstück „Das Ding“ stehen die erste Weltumsegelung und der globale Handel auf heutiger Stufe unmittelbar nebeneinander
Im Anfang war das Gewürz
Stefan Zweig

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Die Wurzel global vernetzter Beziehungen, wie wir sie heute erleben, liegt zweifellos in der Entwicklung von Nautik und Schiffsbau um 1500. Hier wuchsen die Voraussetzungen, um einen transozeanischen, regelmäßigen Warentransport aufzubauen und über Jahrhunderte hin auszuweiten. Dabei war der beginnende Austausch von Waren selbstverständlich von Anfang an auch Motor eines verstärkten Transfers von Informationen, Wissen und Weltbild (man denke nur an die christliche Mission und den Gedanken der Zivilisation). Die Weltumsegelung Magellans im Auftrag der spanischen Krone ist Paradebeispiel dieses historischen Entwicklungsschritts, in erster Linie weil sie sozusagen den geographischen Rahmen der künftigen internationalen Beziehungen absteckt. Die Pioniertat öffnet jedoch, wenn sie das astronomische Modell einer runden Welt bestätigt, nicht nur buchstäblich den Horizont, sondern beweist ganz nebenbei auch die Endlichkeit des Planeten Erde und seiner Ressourcen… Möglich wurde die epochale Expedition des Portugiesen und seiner Männer nur deshalb, weil sich eine finanzielle Spekulation an sie knüpfte, die schlussendlich auch aufging: Während die Bilanz der fast dreijährigen Fahrt hinsichtlich des Einsatzes der „Ressource Mensch“ nicht anders als verheerend zu nennen ist – von den 237 Mann kehrte nur knapp ein Zehntel zurück auf die iberische Halbinsel – sprang dabei ein beträchtlicher Handelsüberschuss durch den Import von 26 Tonnen Muskat und Gewürznelken heraus, der die vorausgegangenen Investitionen um ein Vielfaches überstieg.
Eine historisch weitaus kürzere Strecke als die Jahrhunderte seit Beginn der Ozeanschifffahrt nimmt der Begriff der Globalisierung in den Blick. Mit „Globalization of Markets“ beschrieb Professor Theodore Levitt von der Harvard Business School die Strategie von Unternehmen, sich von nationalen Märkten loszulösen, um Marken international auszurichten und weltweit zu platzieren. In seinem gleichnamigen Artikel zeigte er bereits 1983 am Beispiel von Coca-Cola und McDonald‘s das Zusammenwirken von Unternehmerstrategien und Verbraucherverhalten. Levitt prägte damit den Begriff „Globalisierung“, der heute, im Zeitalter von Personal Computer, Mobilfunk und Internet, neben den wirtschaftlichen und politischen Dimensionen mehr denn je eine kulturelle Dimension aufweist.
Während sich hinter dem Expeditionsauftrag des spanischen Königs das Streben nach einem schnellen Zugang zu den Übersee-Rohstoffen seines portugiesischen Regentenkollegen abzeichnet und das, was Levitt „globalization“ nennt, offenkundig aus einer Suche nach neuen Absatzmärkten heraus entsteht, kommt man im Fall von Weltumsegler Magellan nicht umhin, ihm zuzuschreiben, dass die Wertigkeiten für ihn anders liegen. Denn zu einer Unternehmung, bei der die Risiken nicht abschätzbar sind, müsste der homo oeconomicus ganz klar „nein“ sagen. Der Abenteurer dagegen ist ein in Faszination befangener Mensch. Er kann der Aussicht auf Erfolg nicht widerstehen, gerade auch angesichts von Gefahren – etwa im Kampf gegen Naturgewalten, feindliche Schiffe und Eingeborene zu scheitern. Was suchte sonst Messner auf dem Everest? Hier liegt ein wichtiger vitaler Impuls, der die Welt dynamisch und wandelbar hält.
Von solchem Heldenmut weit entfernt bewegen sich Katrin und Thomas, in Löhles Stück die beiden Vertreter des heutigen Europa. Ihre Gedanken kreisen um eine gemeinsame Vergangenheit und um Projektionen jeweils individuellen Glücks, ihre Lebensimpulse sind auffällig privat. Beinahe ohne es zu ahnen, ist das Paar dennoch eingestrickt ins Maschenwerk der großen Globalisierung, von der Philipp Löhle eine kleine, geschwinde Geschichte zu erzählen weiß: Ein Quantum Baumwolle reist um die Welt und knüpft dabei Verbindungen zwischen Menschen auf drei Kontinenten.

Johannes Frohnsdorf, Dramaturg

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