Von Windmühlen und Vorurteilen

Jeton Neziraj schreibt ein Stück für das Junge Theater Heilbronn

Jeton Neziraj

„Die Künstlerinnen und Künstler im Kosovo sind sich bewusst, dass sie in Europa nicht einfach so einen besseren Ort finden können“ als ihr Heimatland, sagte Jeton Neziraj kürzlich in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen. Er ist einer der wichtigsten Autoren und Intellektuellen seines Landes und schreibt jetzt ein Stück für das Junge Theater Heilbronn, das 2016/17  hier inszeniert und anschließend auch in seiner Heimatstadt Pristina gezeigt werden soll. Worum soll‘s gehen? Fest steht schon mal der grobe Plot unter dem durchaus doppeldeutigen Arbeitstitel „Windmühlen“. Einer der Protagonisten des Stücks, ein deutscher Ingenieur, soll Windmühlen, besser gesagt gigantische Windkraftanlagen im Kosovo aufbauen. Ein Projekt, das Jahre dauern wird. Deshalb sollen ihn seine Frau und seine Tochter begleiten. Die beiden sind entsetzt und haben überhaupt keine Lust auf das Land. Ihr Bild vom Kosovo ist geprägt von den Berichterstattungen in den Medien, in denen häufig nur Probleme und Katastrophen eine Rolle spielen. Doch dann begleiten sie den Vater und Ehemann. Zunächst leben sie abgeschirmt von den Einheimischen in einem Diplomatenviertel. Doch beim Spielen verlässt die Tochter den eingezäunten Bereich, kommt mit den kosovarischen Kindern in Kontakt und lernt das Land von einer ganz anderen Seite kennen …

Vorurteile abzubauen gleicht auch häufig einem Kampf gegen Windmühlen. Für Jeton Neziraj ist dies ein Lebensthema, wie er beim Pressefrühstück im Theaterrestaurant Gaumenspiel erzählte. Drei Tage lang weilte er zusammen mit seinem Kollegen Agon Myftari, dem künstlerischen Leiter des Nationaltheaters Kosovo, in Heilbronn, um sich über die hiesige Theaterarbeit zu informieren. Neziraj sieht Theater als Mittel der politischen Auseinandersetzung und als Medium der Kritik – besonders in seiner Heimat Kosovo. Dort gilt er als zugleich gefeierter und gehasster regierungskritischer Oppositioneller. Für sein Stück „Einer flog über das Kosovotheater“ (2012) , in dem er das jüngste Land Europas mit dem Irrenhaus in Ken Keseys „Einer flog über das Kuckucksnest“ vergleicht, bekam er Morddrohungen und musste sich von einigen Medien den Vorwurf des Antinationalismus gefallen lassen. Die Premiere kam nur dank politischer Fürsprecher und unter Polizeischutz zustande.

Ein geradezu unerhörtes Ereignis war und ist seine „Romeo- und Julia“ Adaption (2015), die die beiden Liebenden in serbischen bzw. kosovarischen Familien ansiedelt. Die absurden nationalen Grabenkämpfe zwischen Serbien und der seit 2008 autonomen ehemaligen serbischen Teilrepublik Kosovo machen eine junge Liebe kaputt. Neziraj zwingt sein Publikum dem Kosovo-Albanisch von Romeos Familie und dem Serbisch von Julias Familie zuzuhören, denn das erfordere seiner Meinung nach Respekt und Geduld. Dass dieses Theaterstück von der serbischen und der kosovarischen Regierung finanziert wurde, ist von enormer politischer Bedeutung für beide Länder. Allerdings findet jede Vorstellung unter Polizeipräsenz statt, weil sowohl die serbischen als auch die kosovarischen Nationalisten keine Versöhnung wollen und die Sprache des „Feindes“ als Zumutung empfinden.
Viele seiner Stücke hat er in Deutschland oder in der Schweiz herausgebracht: „Peer Gynt aus dem Kosovo“ über die (negativen) Migrationserfahrungen der Kosovaren (2014) zusammen mit dem Jungen Staatstheater Wiesbaden oder „Kosovo für Dummies“ (2015) mit dem Theater im Schlachthaus Bern. 2013 erschien sein mit Timon Perabo gemeinsam verfasstes Buch: „Sehnsucht im Koffer: Geschichten der Migration zwischen Kosovo und Deutschland“. Allein 15 Prozent der Kosovaren haben ihre Heimat in den letzten Jahren in Richtung Deutschland verlassen.

Er plädiert für ein Bleiben in der Heimat, für eine Einstellung der zum Teil absurden interkulturellen Auseinandersetzungen. Er zeigt, dass Minderheitenprobleme, Korruption und Bürokratie generelle Themen sind. Und er ironisiert die übersteigerten Hoffnungen seiner Landsleute, die sie an ein Leben etwa in Deutschland knüpfen. So heißt es in seinem Stück „Peer Gynt aus dem Kosovo“: Es gibt einen Ort, wo alles besser ist. „Dort ist eine andere Welt. Wenn du kein Geld mehr hast, gehst du zur Bank und stellst einen Antrag, und du bekommst es, ohne es je zurückzahlen zu müssen. Ihre Läden nennen sie Supermarkt, weil es dort super Lebensmittel gibt. Ihre Haustüren lassen sie Tag und Nacht offen, niemand klaut, weil alle alles haben. Dort ist alles aus Gold.“

Er selbst würde sein Heimatland nie verlassen. Die Widersprüche dort, die Ungereimtheiten und Schwierigkeiten sind für ihn der Stoff, aus dem seine Geschichten sind. „Es ist aufregend, gerade jetzt dort zu sein, historische Veränderungen zu begleiten und zu spüren und sie mit seiner Arbeit sogar voran zu treiben.“
Für das Theater Heilbronn wird die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der kulturellen Vielfalt in dieser Stadt konsequent fortgesetzt, erinnert sei hier nur an Stücke wie „Heimat.com“, „Tito, mein Vater und ich“ oder „Die Leiden des jungen Osman.“

Gefördert wird die Zusammenarbeit aus dem Innovationsfonds Kunst des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden Württemberg rund vom Goetheinstitut Belgrad.

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