Stückentwicklung in eigener Regie

Ayleens Clubspionage: Theaterclub 3 – Zwischen zwei Welten

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Auf der kleinen Probebühne, versteckt im tiefen Gängelabyrinth des Theaters, scheint alles vorbereitet zu sein. Stühle und Tische sind auf der Bühne zu verschiedenen Räumen angeordnet. In der großen Spiegelwand werden die 18 Teilnehmer des Theaterclub 3 reflektiert. Auf dem Boden markiert Kreppklebeband Auf- und Abgänge der Schauspieler, so wie das Herz des Theaterstücks: den Umriss eines, gläsernen Raumes. Was es mit diesem auf sich hat? Das werde ich gleich in der Probe herausfinden.

Vom Rand des Saales verfolge ich die Probe mit. Neben mir sitzen Nikolai Stiefvater, ein renommierter Mediengestalter, Stefan Schletter, Leiter des Jungen Theaters, sowie zwei Regieteams, die selbst im Club Mitglied sind. Zwei Gruppen haben sich im Laufe der Woche mit jeweils einer Welt theatralisch auseinander gesetzt. Eine der beiden mit der realen, alltäglichen, betreut von den jugendlichen ‚Regisseuren‘ Jule und Giovanni. Die andere, unter Leitung des zweiten Regisseur-Teams Steve und Volkan, mit einer virtuellen, an ein Computerspiel angelehnten Welt. Drei Teilnehmer des Clubs sind für die Kostüme verantwortlich. Premiere ist am 18.06.15 um 18.00 Uhr in der BOXX. Noch hat das Stück keinen Namen, es läuft unter dem Arbeitstitel „Kein Netz“. Die Idee zum Stück kam Leiterin des Clubs, Katrin Singer, und den Teilnehmern in Anlehnung an das Stück „Im Netz“ von Tim Staffel, dass im Mai am Theater Premiere hat.

Die Probe beginnt. Jule zählt ein: „Drei, zwei, eins.“ Kurz ist es mucksmäuschenstill im Raum. Dann schaltet sie die Musik ein. Auf der Bühne beginnt das Spiel über das alltägliche Internatsleben der Protagonistin Nora, gespielt von Luise. Aus dem Off wird in einer monotonen Freundlichkeit ihr Tagesablauf vorgelesen: „Es ist 8.00 Uhr. Bitte stehen sie auf, in zwanzig Minuten beginnt der Unterricht.“ Alles im Internat läuft nach einem bestimmten Zeitplan ab. Jeder hat sich nach den Regeln der sehr elitären Schule zu richten. Von den Schülern wird viel gefordert. Vom akademischen Leben im Internat so langsam überfordert, kreiert Nora sich eines Tages ihre Heldin im virtuellen Leben, einen weiblichen Avatar. Nachts schleicht sie sich an die Computer, um im Spiel „Rückkehr der Nymphen“ heldenhaft zu kämpfen.

Bei dieser Szene kann ich endlich das Rätsel des gläsernen Raumes lösen. Der Raum, der jetzt nur markiert ist, weil der Plexiglaswürfel noch in der Schreinerei angefertigt wird. Auf der Bühne wird Nora von ihm aus in die geheimnisvolle Welt der Nymphen tauchen, denn dort steht ihr Computer. Während sie spielt, erscheint ihr Avatar, gespielt von Melissa, auf der Bühne. „Das ist die größte Herausforderung des Stückes, die virtuelle und reale Welt sinnvoll zu verknüpfen“, meint Stefan Schletter. Rein darstellerisch wäre das schwierig. Es braucht eine formale, technische Verknüpfung über Licht, Bild und Ton.

Geschrieben haben die Teilnehmer das Stück fast ganz alleine. Zum ersten Mal in der Clubgeschichte liegen Stückfassung, Dramaturgie und Entwerfen und Entwickeln der Kostüme in Hand der Teilnehmer. Die 18 Jugendlichen des TC3 haben zwei Künstlerkollektive gebildet. Spannend am Projekt ist, dass die verantwortungsvollen Posten von ihnen selbst übernommen werden. Schauspieler und Regie auf Augenhöhe, kann das funktionieren? Zunächst war das keine einfache Aufgabe, schließlich muss sich ein Regisseur mit Entscheidungen auch über seine Schauspieler stellen. Im Laufe der Woche wurden die Rollen der Teilnehmer klarer. Eine Diskussion über Abläufe auf der Bühne beendet einer der Regisseure selbstbewusst: „Das könnt ihr uns überlassen, wir sind da dran.“ Es ist faszinierend, wie die Gruppe in Eigenverantwortung so produktiv arbeitet.

Sogar einige Kostüme sind schon fast fertig. Während die einen in der Intensivwoche geprobt haben, ratterten die Nähmaschinen im Büro der Theaterpädagogik. Anna, Jannik und Marie waren dort fleißig an der Arbeit. Bei der Anprobe ernten sie Applaus. Hier und da noch ein paar Änderungen, dann sind die Kostüme bühnenreif. Die Ergebnisse der intensiven 7 Tage Kostümentwicklung und der Probenarbeit lassen sich sehen.

Professionelle Unterstützung, bekommt der Club von Nikolai Stiefvater. Er produziert am Theater die Trailer der Stücke oder Videodokumentationen. Er freut sich auf das Projekt mit dem Theaterclub. „Am Theater stehen Künstlerisches und Technik nah bei einander“, erklärt er. Für die Gruppe wird er ein Intro, eine geographische Karte der Spielwelt, verschiedene Orte des Spiels, aber auch eine Uhr für die reale Welt gestalten, die dann auf den Plexiglaswürfel projiziert werden. Damit schafft der sympathische Mediengestalter die Rahmenbedingungen für das Computerspiel auf der Bühne. Und das wichtigste: Durch seine Arbeit gelingt es, virtuelle und reale Welt auf der Bühne zu verknüpfen!

Dass das alles noch fehlt bei der Probe, fällt gar nicht auf, so fesselnd ist die spielerische Darstellung. Auf der Bühne läuft alles wie am Schnürchen, von der realen Welt in die virtuelle und zurück. Bei ihrem Stück geht es den Teilnehmern des Clubs aber auf keinen Fall darum, das Internet als Fluchtort von der Welt zu verteufeln. Nein, sie wollen ein Stück auf die Bühne bringen, in dem am Ende jeder für sich selbst etwas mitnehmen kann.

Ayleen Kern staunt darüber, was der Theaterclub in einer Woche auf die Beine gestellt hat. Die 21-jährige studiert Rhetorik und Medienwissenschaft in Tübingen. Am Theater Heilbronn ist sie für 4 Wochen Praktikantin der Presse und Öffentlichkeitsarbeit.

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