Von der tiefen Klugheit der Kinder

Bianca Sue Henne ist die neue Leiterin des Jungen Theaters

Foto: Thomas Braun

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Zum Abschied aus Nordhausen hat Bianca Sue Henne von ihren Kollegen unter anderem eine orangefarbene Maus geschenkt bekommen. Ja, DIE Maus, aus der »Sendung mit der Maus«. Nicht nur weil die neue Leiterin des Jungen Theaters Heilbronn eine leidenschaftliche Sendung-mit-der-Maus-Guckerin ist, sondern weil sie auch den Maus-Türöffner-Tag am Theater Nordhausen installiert hat. Dieses Ereignis auch nach Heilbronn zu holen, ist eine ihrer ersten Amtshandlungen an ihrer neuen Wirkungsstätte. Am 3. Oktober 2016 lädt das Junge Theater Heilbronn erstmals zum Maus-Türöffner-Tag und damit die kleinen Besucher zu einem aufregenden Blick hinter die Kulissen ihres Theaters ein – Anmeldungen ab September über die Internetseiten der »Sendung mit der Maus«. Die 38-jährige mit dem roten Lockenkopf freut sich schon auf die neugierigen Fragen und die klugen Kommentare der Knirpse, wenn sie ganz aus der Nähe erleben, wie ein Theaterstück entsteht.

Theater für Kinder und Jugendliche zu machen, ist für sie eine Herzensangelegenheit, die sich im Laufe der letzten Jahre manifestiert hat. Dass sie überhaupt ihren Weg ans Theater finden würde, war in ihrer Jugend keineswegs abzusehen. Ihr Vater ist Schlosser, die Mutter Wirtschafterin, kulturelle Bildung spielte im Elternhaus keine große Rolle. »Aber ich hatte so einen Hunger danach«, sagt Bianca Sue Henne, der in der 20 000 Einwohner zählenden Stadt Brilon im Sauerland kaum befriedigt werden konnte. Sie lernte Flöte und Gitarre und finanzierte sich mit Nachhilfestunden selbst den Gesangsunterricht bei einer ehemaligen Opernsängerin der Staatsoper unter den Linden. Doch für ihren großen Traum, selbst Opernsängerin zu werden, hatte sie viel zu großes Lampenfieber, das sich sofort auf die Stimme setzte. Also suchte sie einen anderen Weg zur Bühne und studierte Theaterwissenschaft, Komparatistik und Philosophie in Bochum und lernte Theater zu gucken und darüber zu sprechen. Nebenbei arbeitete sie in unterschiedlichen Funktionen an Theatern. Sie leitete ein Theaterprojekt mit türkischen Jugendlichen, absolvierte Dramaturgiehospitanzen am Schauspielhaus Bochum, arbeitete als Regieassistentin beim ppp Musiktheaterverein, der sich auf Wiederentdeckungen romantischer Opern spezialisiert hatte, war Regieassistentin an der Kammeroper Köln und beendete nebenbei ihr Studium als Magister.

Ihr erstes Festengagement führte sie dann 2006 als Theaterpädagogin ans thüringische Theater Nordhausen. »Ich kam in eine Stadt, die gerade um den Erhalt des Theaters kämpfte. Viele Leute gingen auf die Straße, weil sie es wichtig fanden, ein Theater zu haben, auch wenn sie selbst nicht hingingen. Jetzt, zehn Jahre später, gehen sie alle.« In dieser Dekade leistete Bianca Sue Henne dort eine große Aufbauarbeit im Kinder- und Jugendbereich, nicht nur als Theaterpädagogin, sondern auch als Dramaturgin und Regisseurin. Ihre erste Inszenierung war »Moby Dick«, ein Stück, in dem es eigentlich keine Frauenfiguren gibt, gespielt von zwei Damen, erzählt sie lachend. Bald schrieb sie ihr erstes Stück »Die kleine Meerjungfrau« in einer Fassung für zwei Schauspielerinnen, eine Sängerin und eine Harfe. Weil es so wenig zeitgenössische Musiktheaterstücke für junges Publikum gibt, schrieb sie eigene Opern für Kinder wie »Kannst du pfeifen, Johanna«, die nach Nordhausen jetzt auch in Augsburg gespielt wurde, und für junge Erwachsene »Bonnie und Clyde«, die in der kommenden Spielzeit in Nordhausen Premiere haben wird. Sie absolvierte eine Zusatzqualifikation als Figurentheaterspielerin und integrierte das Puppenspiel mit in die Angebote für Heranwachsende. Drei Jahre lang spielte sie ihr Stück »Der Luftballonverkäufer« von Roberto Frabetti. Ihr Steckenpferd sind genreübergreifende Projekte wie zuletzt »Die Tänzerin von Auschwitz«, eine Inszenierung für zwei Tänzer und zwei Puppenspieler, die von der Kulturstiftung des Bundes unterstützt wurde, und mit der sie sich jetzt aus Nordhausen verabschiedet hat.
Die Stellenausschreibung von Heilbronn kam für sie zu einer guten Zeit. »Mein nächstes künstlerisches Ziel war es, eine junge Sparte zu leiten« erzählt sie. Dass es diese Sparte gibt, weil sie sehr gewollt ist und gerade erst gegründet wurde, und nicht, weil sie seit alters her dazu gehört, ist ein zusätzliches Argument gewesen, sich für Heilbronn zu bewerben. Tatsächlich mag sie das Schwäbische, die Landschaft mit den Weinbergen, die sogar vom Stadtzentrum aus zu sehen sind, die Größe der Stadt, die alles bietet und trotzdem gemütlich ist. Die Arbeit von Intendant Axel Vornam kannte sie noch aus seiner Zeit in Thüringen und hat sie aus der Ferne auch in Heilbronn verfolgt.

Schon in ihrer Bewerbungsphase hat sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Patrick Jech, einem Figurentheaterspieler, die Stadt Heilbronn erkundet und versucht, ihren Geist zu erspüren. Sie hat sich über die wichtigsten Ansprechpartner in allen Bereichen informiert, um später Kontakte für das Junge Theater knüpfen zu können.
Dialog mit den Zuschauern ist ihr wichtigstes Stichwort. Sie meint damit einen Dialog, der weit über die bekannten Publikumsgespräche hinausgeht. In der future|BOXX möchte sie gemeinsam mit ihrem Publikum die Themen erkunden, die auf den Nägeln brennen und diese in den Spielplan aufnehmen. Gesellschaftliche Mitbestimmung fängt nicht erst im Wählalter an, sagt sie.
Für ihre Art von Theater braucht sie Mitstreiter, die sich bewusst für die herausfordernde Arbeit mit Kindern und Jugendlichen entscheiden. »Wer Kindern und Jugendlichen einen gleichberechtigten Dialog anbietet, wird Erstaunliches erleben«, sagt sie. »Kinder lassen großzügig an ihrer Sicht auf die Welt teilhaben, zu der der Zugang für Erwachsene sonst schwer ist. Ihre Weltsicht weicht von unserer ab, und diese Reibung erzeugt Komik, aber wer sich wirklich auf die Erklärungen des Kindes einlässt, wird feststellen, dass seine Welt sehr logisch aufgebaut ist, was für eine tiefe Klugheit spricht. Und Jugendliche sind bereit, sich zu öffnen, wenn sie merken, dass es wirklich um sie geht, dass sie gefragt sind und ihre Antwort zählt. Das gilt auch für die Kommunikation zwischen Bühne und Zuschauerraum.«

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