Spannende und schweißtreibende Proben für „Running“

Bereits jetzt, vor der Sommerpause des Theaters, laufen die Proben für die ersten Stücke der neuen Spielzeit auf Hochtouren. Besonders hochtourig sind die Proben für unser ersten BOXX-Stück „Running“ von Anna Konjetztky und Christina Kettering. Dieses Stück an der Schnittstelle von Tanztheater und Schauspiel vergleicht den Weg von Jugendlichen in ihre eigene Zukunft mit den Anstrengungen eines Marathonlaufes. Bianca Sue Henne, unsere Leiterin des Jungen Theaters und Dramaturgin dieses Stücks, beschreibt den Beginn der Proben. Premiere ist übrigens am 23. September.

 

Erster Probentag »RUNNING«. Die Choreographin Anna Konjetzky ist die erste vom neuen Team, die ins Theater kommt. Während auf der Probebühne schon das Laufband für die Videoaufnahmen aufgestellt wird, begleite ich sie in die Kostümabteilung zu unserer Kostümchefin Roswitha Egger. Die beiden kennen sich noch nicht, und so stelle ich beide einander vor. Natürlich sind wir nicht nur zum Plaudern hier. Anna ist nicht nur Choreographin und Regisseurin der Inszenierung, sie ist auch für die Ausstattung verantwortlich. Ausgestattet mit den Kleidergrößen des BOXX-Ensembles macht sie sich nun auf den Weg in die Heilbronner Innenstadt, um die Kostüme zu kaufen. Da heute schon Videoaufnahmen gemacht werden, brauchen wir die Originalkostüme nämlich sofort. Besonders wichtig sind die Laufschuhe. Jedes Kostüm kommt zweimal in den Einkaufbeutel. Das liegt an ihrem szenischen Konzept: die Tänzer doublen die Schauspieler. Jana Frankes Alterego wird von Quindell Orton getanzt. Die Australierin ist außergewöhnlich groß und schlank und trägt – wie BOXX-Neuzugang Jana Franke – ihre langen blonden Locken zum Pferdeschwanz gebunden. Für Giulia Weis hat die Choreographin die belgische Tänzerin Sahra Huby als Double mitgebracht. Die beiden verbindet ihre Power-Ausstrahlung. Für Sascha Kirschberger ist Jascha Viehstädt als Doppelgänger zu Gast. Anna kündigt an, dass sie die Namen sicher verwürfeln wird. Ähnlicher können Sie ja auch kaum sein. Während Anna also Kostüme kauft, gehe ich auf die Probebühne, wo inzwischen René Liebert seine Ausrüstung aufbaut. Parallel richtet Beleuchtungsmeister Michael Herold ein paar Scheinwerfer auf das Setting: Das vom Staatstheater Darmstadt geliehene Laufband (ohne Bedienerkonsole, wir wollen ja nur den Läufer filmen) steht inzwischen in der richtigen Richtung vor dem Greenscreen, jenem grünen Stoffaushang, der später digital weggerechnet wird. Anna darf also keine knallgrünen Kostüme kaufen, die könnten sonst bei der Bearbeitung mit verschwinden. Und während die erste Tänzerin, Quindell Orton, sich bereits warm macht und Annas Kostüm anprobiert, flitze ich in den Supermarkt, um eine Stärkung für Team und Ensemble zu besorgen. Auf dem Weg treffe ich Sergej Maingardt, unseren Komponisten. Ich schicke ihn auf die Probebühne und bin sehr gespannt auf seinen Sound!
Als ich zurückkehre, finde ich Quindell auf dem Laufband, schwitzend und mit vor Anstrengung rotem Kopf. Sie ist eine versierte Läuferin, aber die Halogenscheinwerfer arbeiten an diesem heißen Tag gegen die Belüftungsanlage auf der Probebühne im untersten Geschoss des Theaters Heilbronn. Glück gehabt – alle anderen Probebühnen sind unklimatisiert und bei diesem Wetter wahnsinnig heiß, denn unser Probenzentrum ist noch nicht fertig. Ich werfe einen Blick auf den kleinen Monitor an Renés Kameras. Eine der beiden filmt die ganze Person, die andere einen Ausschnitt, der vor allem das Gesicht zeigt.

Ich kann mir schon gut vorstellen, wie die fertigen Videobilder auf den Projektionswänden in der BOXX wirken werden. Nacheinander dürfen Sahra und Jascha ebenfalls für jeweils 30 Minuten aufs Laufband. Musik gibt es hier noch nicht, nur das gleichmäßige Surren des Laufbandes und die kraftvollen Schritte der Tänzer darauf. Schon beim Zuhören erinnere ich mich, dass Laufen etwas sehr Meditatives hat. René zeigt mir parallel auf seinem Computer die bereits entstandenen Aufnahmen. Es ist schon ein großer Unterschied im Gesichtsausdruck zwischen dem Anfang und dem Ende der Aufzeichnung. Genau dieser Unterschied interessiert das Team.
Jetzt müssen wir uns beeilen. Schnell die Kamera einpacken, wir müssen zum Sportplatz am Justinus-Kerner-Gymnasium, einer Kooperationsschule des Theaters Heilbronn. Die Stadt Heilbronn hat uns die Ausnahmegenehmigung erteilt, hier auf der einzigen roten Kreisrennbahn in Heilbronn zu filmen. Dort angekommen kontaktieren wir kurz den Hausmeister, und dann geht’s auch schon los. Die drei Tänzer laufen in ihren Kostümen auf der roten 400m-Ring hinter dem Caddy des Theaters her, bei offenen Türen sitzen hinten René und Anna und filmen. Ein tolles Bild! Ich mache wieder ein paar Fotos und poste sie direkt auf Twitter. Sieht toll aus. Besseres Wetter hätten wir nicht haben können. Die Sonne lässt die Farben wunderbar leuchten. Aber auf dem Laufband im Keller des Theaters war es deutlich angenehmer, denn nicht nur brennt uns die Sonne auf der Nase. Die vorsichtige Australierin fragt besorgt in die Runde, ob jemand Sonnencreme dabei hat, aber glücklicherweise finden wir ein schattiges Plätzchen für die, die gerade nicht laufen. Noch unangenehmer für die Tänzer ist der Staub, den der vor ihnen herfahrende Caddy aufwirbelt. Aber für die Kunst… Noch ein paar Aufnahmen, die nur die Füße zeigen, und dann müssen wir uns schon wieder beeilen, denn um 18 Uhr warten die Kollegen auf der Probebühne für die Konzeptionsprobe, in der das Team dem Ensemble, also Schauspielerin und Tänzern, aber auch der Maske, der Requisite, der Dramaturgie, der Theaterpädagogik, der Tontechnik, der Pressereferentin, dem Künstlerischen Betriebsbüro (das für die Probenorganisation zuständig ist) und natürlich auch dem Intendanten, der alle herzlich begrüßt, die Pläne für die Inszenierung vorstellt.
Hier ist nun auch Christina Kettering dabei, die die Texte geschrieben hat. Gemeinsam mit Anna Konjetzky hat sie über einige Monate hinweg das Konzept entwickelt, eine Stückdramaturgie angelegt, die sich an den psychologischen Vorgängen bei einem Amateurmarathonlauf orientiert. Sie stellt die Figuren vor, die in ihrem Stück auftauchen: Jugendliche im Perfektionierungswahn. Jugendliche, die von ihren Eltern, Lehrern, Freunden unter Druck gesetzt werden. Jugendliche, die verbissen auf ein Ziel zulaufen. Jugendliche, die vor etwas weglaufen. Jugendliche, die ihre Kräfte bündeln und den Erwachsenen ihre Sicht auf die Welt entgegenschreien. Das sind starke Texte, die mich schon beim ersten Lesen nicht ungerührt gelassen haben. Außen und innen – das ist die Idee, die hinter der Figurendoppelung steckt. Sergej Maingardt, der elektronische Musik studiert hat, stellt sich Hiphop Beats für »RUNNING« vor. Darauf ist er gemeinsam mit Anna gekommen, weil für Anna gerade in Verbindung mit Tanz die Schwelle vom Sprechen zum Sprechgesang spannend ist. Die dazugehörigen Sounds werden von ihm vorbereitet und in den Vorstellungen vom Ensemble von einem DJ-Pult aus abgefahren. Die dafür benötigte kleine Midi-Konsole lässt Saschas Augen strahlen.
René und Anna stellen die beweglichen Projektionswände vor. Und dann geht es auch gleich weiter mit den Filmaufnahmen: René dreht Portraitaufnahmen der Schauspielerinnen und Schauspieler.
Und ich freue mich auf die Arbeit mit diesem hoch energetischen Team.

In der Themenwoche »RUNNING« gibt es Tanzworkshops, Hintergründe über Leistungsdruck und Stressbewältigung und zur Eröffnung haben wir Marc- Oliver Bischoff ins BOXX-Foyer eingeladen. Der Krimiautor lebt in Ludwigsburg und hat seinen Laufblog in seinem Buch »Lauf, du Sau« veröffentlicht. Bei uns liest er am 25. September um 18 Uhr unterhaltsame Anekdoten aus dem Leben eines Amateurläufers. Im Anschluss zeigen wir um 20 Uhr »RUNNING« in der BOXX.

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