Theaterinstallation macht nachvollziehbar, was Flüchtlinge während des Asylverfahrens erleben

10-Fluchtpunkt_10

Nach monatelanger Flucht heißt es zunächst erst einmal warten. Zwei Beamte registrieren dich und nehmen deine Fingerabdrücke. Du bekommst jetzt für 30 Minuten die Identität von Ellaha Saleh aus Afghanistan, 19 Jahre alt. Du bist geflohen, weil du mit 14 Jahren zwangsverheiratet wurdest. Dein Mann schlägt dich. Weil du es nicht mehr ausgehalten hast, bist du über den Iran, die Türkei, Griechenland, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland geflohen. Mit dem Auto, zu Fuß und mit dem Zug unter großen Strapazen. Doch die sind jetzt vergessen, denn du bist in Sicherheit und das Asylverfahren beginnt…

Mit der Theaterinstallation Fluchtpunkt: Berliner Platz wollen Schauspieler, Regieassistenten, Dramaturgen und Theaterpädagogen des Heilbronner Theaters nachvollziehbar machen, was Flüchtlinge in Deutschland während des Asylverfahren erleben. Dieses Projekt, das in kürzester Zeit realisiert wurde, hat Schauspielerin Anastasija Bräuniger initiiert und es ist allen Mitstreitern eine Herzensangelegenheit. Sie schlüpfen in die Rollen der Beamten, die das Asylverfahren durchführen.

In Zusammenarbeit mit den Werkstätten des Theaters wurden sechs behelfsmäßige Container auf dem Berliner Platz errichtet: Ein Ankunftsraum, ein Erstaufnahmelager, ein Asylbewerberheim, ein Raum, in dem Auszüge aus Leserbriefen, Facebook oder Internetforen ausgestellt sind und die zum Teil so krasse Vorurteile zum Ausdruck bringen, dass einem schlecht wird. Schließlich der Raum, in dem die Anhörung zum Asylverfahren läuft. Wieder Warten. Dann die Verkündung des Urteils … 

Als Ellaha Saleh hast du keine Papiere. Nur ein provisorisches Dokument, das die Deutschen ausgestellt haben. Du darfst im Erstaufnahmelager warten. Die einzige Unterhaltung ist ein Fernseher mit schlechtem Bild. Drei Monate verbringst du hier. Dann geht es weiter ins Asylbewerberheim, wo du mit 10 Menschen in einem Raum wohnst. Viereinhalb Quadratmeter Platz stehen dir zu. Die Waschräume sind nicht nach Männern und Frauen getrennt. Wenn du auf der Straße bist, siehst du die Abneigung in den Augen der Menschen, manche äußern sie auch direkt. Dann endlich die Anhörung, du bist aufgeregt. Der Beamte spricht schnell, schaut dich kaum an. Interessiert er sich überhaupt für dein Schicksal?  25 Fragen werden gestellt. Erst Frage Nummer 24 ist die nach den Gründen deiner Flucht. Da bist du schon ganz müde und ausgelaugt.

Wieder heißt es warten. Dann das Urteil: Als Frau in Afghanistan geschlagen und missbraucht zu werden, sei kein ausreichender Fluchtgrund. Denn das gehört in Afghanistan zur Normalität. Du wirst in Deutschland kein Asyl erhalten und darfst entweder freiwillig gehen oder wirst abgeschoben. Du schreist, dass dies dein Todesurteil ist. Aber das interessiert nicht. Die Gewalt gegen Frauen sei kein hinreichender Grund um als politisch Verfolgte anerkannt zu werden.

Der letzte Raum der Installation vereint Flughafengeräusche, Politikerstatements und Ankündigungen abgeschobener Flüchtlinge, es auf jeden Fall wieder zu versuchen, nach Deutschland zu gelangen, zu einer lauten Kakophonie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.