„Eines vereint sie alle. Sie haben Blauwalherzen.“

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In der Theaterwerkstatt rascheln die Vespertüten. Noch sitzen alle gemütlich, teils frühstückend, auf den komfortablen Couches. Gemütlich ist gut, denn die 15 Jugendlichen haben ganz schön Muskelkater von den ersten zwei Tagen Intensivprobe.

Ramona Klumbach, Leiterin des Theaterclubs 2, wischt den schwarzen Tanzboden blank. Herzlich gibt sie mir die Hand und begrüßt mich zur Probe. Noch fehlen ein paar Teilnehmer, aber gleich wird es los gehen. Schon trippeln die Jugendlichen barfuß oder in bunten Socken auf die schwarze, rechteckige Tanzfläche. Mit Ramona und den beiden renommierten Choreografen, Felix Bürkle und Paolo Fossa, stellen wir uns im Kreis auf. Wir beginnen mit einem Aufwärmspiel: PENG. Im Spiel versucht man sich auf Kommando schnellstmöglich mit Fingerpistolen abzuschießen. Wer langsamer ist, scheidet aus. Schnell merke ich, mit Entspannung ist es jetzt definitiv vorbei.

Nach zwei Runden Anspannung in PENG geht es gleich richtig zur Sache. Paolo legt einen schnellen Beat auf, vom Wilden Westen im Aufwärmspiel geht’s jetzt ins elektronische Zeitalter. Alle stehen am Ende des Raumes, ihre Blicke sind gebannt auf Paolo gerichtet. Er dreht und wendet sich um die eigene Achse, streicht dabei mit der Hand durch die Luft wie ein Maler mit dem Pinsel auf eine Leinwand. Dann schnellt sein Bein mit einem schnellen Kick nach vorne. Der Beat gibt den Takt an. Bass Kick Bass Kick. Alle reihen sich hinter Paolo ein und tanzen in kraftvollen Bewegungen über die schwarze Fläche. Es ist toll anzuschauen. Die Gruppe ist mit Eifer dabei.

Wir sind in der Intensivprobenwoche für das Projekt „Blauwalherzen“, mit dem die 15 Teilnehmer ihre Faschingsferien verbringen. Als Ramona und Nicole Widera das Projekt planten, war ihre Idee, dass die Teilnehmer zwischen 12 und 17 Jahren im Tanz durch ihren Körper sprechen. In reinen Theaterprojekten geht es darum durch Text zu sprechen. Bei diesem Projekt ist das anders: Nicht die Sprache sondern der Körper steht im Fokus. In der Jugend verändert sich der Körper und wird fremd. Man drückt sich über Sprache und Stimme aus, wird laut oder leise. Der Körper rückt in den Hintergrund, stört manchmal sogar. Durch das Tanzen bekommen die Teilnehmer hier eine Chance, ihn kennenzulernen, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Gemeinsam wollen sie aus der Starre ausbrechen.

Um sich diesem Ziel zu nähern haben Ramona und Nicole mit der Gruppe schon verschiedene Tanzmethoden ausprobiert. „Es ist toll, wie alle mitmachen“, lobt Ramona die starke Gruppe. Ob zu Ballettübungen oder Improvisationen, seit Oktober trifft sich der Theaterclub einmal wöchentlich. Welche Themen die Jugendlichen am Ende auf die Bühne bringen wollen, haben sie selbst entschieden. Es geht um ihre Lebenswirklichkeiten: Um Schulalltag, Kindheitserinnerungen und Rebellion. Aber auch um Einsamkeit und darum, sich selbst in dieser Welt zu finden und zu behaupten. „Blauwalherzen“ soll das Stück heißen. Denn egal wie schwierig es manchmal ist Gefühle zu zeigen, haben trotzdem alle in der Gruppe ein großes Herz. Premiere ist am 23. April 2016 um 18.00 Uhr in der BOXX. Die beiden Leiterinnen entwickeln mit der Gruppe die Dramaturgie und Choreografie. Seit Beginn der Planung, war aber klar, dass es sich lohnt professionelle Unterstützung anzufordern. In der Clubszene des Theaters ist das neu. Felix Bürkle und Paolo Fossa sind ein echter Gewinn für den Club.

Paolos Übungen erinnern mich ein wenig an Kampfsporttraining, was nicht weiter verwunderlich ist. Schließlich hat er neben Tanz auch Ausbildungen in Capoeira, Kalaripalayattu, Judo und der Feldenkraismethode. Der in Turin ausgebildete Tänzer, war schon in vielen Staatstheatern in Deutschland als Choreograf und Darsteller tätig. Er arbeitete in ganz Europa, im Theater am Gärtnerplatz München, Staatstheater Bremen, im Tanzhaus NRW und vielen anderen.

Die Musik in der Theaterwerkstatt wird schneller, Paolo zieht das Tempo an. Die Tanzübungen werden zügiger und nach und nach wird die Anstrengung auf den jungen Gesichtern sichtbar. Alle sind konzentriert dabei, trotz Muskelkater und blauer Flecken von gestern. Die Bewegungen werden rhythmisch, jeder Schritt ist getaktet. Ein Schritt ein Atemzug. Vom Rand der Matte geben Paolo und Felix Tipps.

„Beide Choreografen ergänzen sich perfekt“, meint Ramona Klumbach, „während Paolo das etwas härtere Training morgens übernimmt, leitet Felix Gruppen- und Partnerübungen“. Neben eigenen Soloprojekten hat Felix Bürkle viel Erfahrung mit Gruppenchoreografien und Tanzprojekten. Mit seiner Produktion „beckett, beer and cigarettes“ wurde er von Pina Bausch zum internationalen Tanzfestival NRW 2008 eingeladen. Über die Jahre sammelte er vielerlei Erfahrung mit verschiedenen Gruppenprojekten in Europa und darüber hinaus.

Im Raum liegt Anstrengung in der Luft. So langsam kann ich verstehen, woher der Muskelkater kommt, der auch mich am nächsten Tag nicht verschont. Plötzlich springt Paolo auf und schreit „Böse! Das ist böse!“ Überraschte Blicke. Er macht vor, was er meint. Mit jedem Kick und jeder Armbewegung scheint er eine Energie wegzudrücken, die Luft mit Wut zu durchschlagen. „Ich selbst bin tausend Sachen. Hungrig, lustig, müde. Entwickeln wir jetzt tausend Sachen. Jeder von uns wird wütend, fröhlich, traurig!“, spornt Paolo die Gruppe an. Mutig setzen es die 15 Teilnehmer um. Die gute Atmosphäre ist deutlich zu spüren. Alle sind voll dabei. Wenn ich von meiner Matte gebannt zuschaue, ist es als würde ich plötzlich mitfühlen. „Ihr kommuniziert durch euren Körper“, sagt Felix, „was ist die Information die ihr übertragen wollt?“

Mit ganz verschiedenen Übungen nähert sich der Club dem Ziel „auszubrechen“ – sich seinen wahren Gefühlen zu stellen. Eine davon ist „Bodysurfen“. Das klingt nicht nur nach Spaß, es macht auch viel Spaß. Bei der Übung ist der Raum voll von Gelächter. Felix und Paolo machen es vor. Felix legt sich flach auf den Bauch, Paolo liegt quer über ihm. Sie bilden ein Kreuz. Durch eigenes Rollen bringt Felix Paolo zum über ihn hinweg surfen. Paolo gleitet über ihn drüber.

Viel Körperkontakt ist ungewohnt in der heutigen Gesellschaft, sogar Provokation, meint Paolo. Kinder umarmen sich, klettern auf den Schoß der Eltern. Das ist ganz normal. Aber wenn man älter wird, sagt einem die Gesellschaft, das darf man nicht. Gefallen lassen, will sich die Gruppe das nicht, das spürt man deutlich. Ausbrechen heißt, das wiederzufinden, was einem die Gesellschaft wegnimmt. Gefühle zu zeigen, Grenzen zu überschreiten, zu provozieren. Paolo fasst den Morgen zusammen: „Auszubrechen heißt nicht cool sondern wild zu sein!“ Oder was denkst du?

Auch ohne eigenes Rhythmusgefühl war Ayleen Kern vom Tanzprojekt begeistert. Die 21-Jährige studiert Rhetorik und Medienwissenschaften in Tübingen. Am Theater Heilbronn ist sie für 4 Wochen Praktikantin der Presse und Öffentlichkeitsarbeit.

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