Aus Neu mach Alt – Oder: Wie man ein neues Schiff in ein rostiges altes Wrack verwandelt und sich auch noch darüber freut

 

Rost! Wo man auch hinschaut, bröckelt die Farbe und darunter kommt eine rotbraune Rostschicht zu Tage. Ein Albtraum? Von wegen! Kirstin Köppel und Karlheinz Kirchler aus dem Malersaal des Theaters Heilbronn freuen sich. Genauso wollten sie es haben. Lange haben sie getüftelt und liebevoll daran gearbeitet, dass aus dem Schiffsrumpf der „Illyrien“, dem Bühnenbild zu Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“,  ein Kahn wird, der seine besten Tage längst hinter sich hat. Lange schon dümpelt das Schiff auf dem Meer herum, ist stellenweise vom Salzwasser zerfressen und nur notdürftig ausgebessert. So haben es sich Regisseur Herbert Olschok und Bühnenbildner Alexander Martynow vorgestellt. Eine schöne Herausforderung für die Kollegen des Malersaals – die Meister des schönen, aber bei Bedarf eben auch des heruntergekommenen Scheins.


Mit leuchtenden Augen erzählen die beiden, wie sie den Zahn der Zeit in rasender Schnelligkeit am Schiffsrumpf haben arbeiten lassen – mit jeder Menge Tricks und Raffinessen. Zum einen: Das Metallschiff besteht gar nicht aus Eisen, sondern aus einem Stahlgerüst, das mit Holz verkleidet ist. Auch die Eisennieten, mit denen  der Schiffsrumpf zusammengehalten wird – man würde schwören, sie sind aus Eisen – bestehen aus Kunststoff, der mittels einer Tiefziehmaschine geprägt wurde. Die Form dafür und die Vorgehensweise haben sich die Theatermaler selbst ausgedacht. Ebenso das Rezept für die Kaschiermasse, die als erstes auf das Holz des Schiffsrumpfes aufgetragen wurde, um der glatten, feinen Oberfläche die raue Struktur eines schwer korrodierten Metalls zu geben. „Das Rezept wird nicht verraten“, sagt Kirstin Köppel. Dann wurden Fetzen von Packpapier, Sand und Kork eingearbeitet, um den „Rost“ richtig schön abblättern zu lassen, und schließlich haben sie eine wunderbar angemischte rostbraune Farbe aufgetragen. So wurde der ganze Rumpf richtig schön eingerostet. Hinterher bekamen der Schiffsrumpf ein kräftiges Schwarz und die Aufbauten wie Kajüte und Reling ein gelacktes Weiß, so wie das Schiff in seinen ersten Jahren vielleicht ausgesehen haben mag. Und der ganze schöne Rost? Das Geheimnis ist eine Kreidemasse zwischen dem Fake-Rost und den Lackfarben. Dieser Kreideschlamm sorgt dafür, dass die Farbe nicht richtig halten kann. Wo immer man nach dem Trocknungsprozess mit dem Hammer draufklopft, kommt der sorgfältig  aufgetragene Rost zum Vorschein! Es sieht traumhaft aus – total echt. An manchen Stellen wirkt die Lackfarbe so, als würde sie gerade reißen. Auch diesen Effekt erreicht man, indem man Materialien übereinander streicht, die sich nicht miteinander vertragen, erklärt Karlheinz Kirchler. Man arbeitet mit Wachs oder Fett als Grundierung oder bringt Farben aufeinander, die unterschiedlich schnell trocknen und hat die schönsten Risse.
Auch die Holzplanken des Schiffes wurden in wenigen Tagen in morsche, von Wind und Wetter gegerbte Bohlen verwandelt. Im täglichen Leben seien die Tricks der Maler übrigens nicht zur Nachahmung empfohlen. Es sei denn man steht auf den ganz krassen Shabby-Look.

 

Theater Heilbronn mit „Kinder der Sonne“ und „König und König“ bei den Baden-Württembergischen Theatertagen in Ulm

Vom 30. Juni 2017 bis zum  09. Juli 2017 finden in Ulm die 23. Baden-Württembergischen Theatertage statt. Rund 30 Theater aus dem Ländle werden mit ihren Ensembles zu Gast sein, um das Publikum im „Jetzt!“ – so das Motto der Theatertage – zu begeistern. Das Theater Heilbronn reist mit dem Kinderstück „König & König“ von Linda de Haan und Stern Nijland an, das am 1. Juli um 11.00 und 13.30 Uhr im Werkraum gezeigt wird. Darin geht es um einen Prinzen, der von seiner Mutter, der Königin, die Regierungsgeschäfte übernehmen und zuvor unbedingt heiraten soll, wozu er überhaupt keine Lust hat. Viele, viele Prinzessinnen reisen an, doch keine will dem Prinzen gefallen. Schließlich steht die letzte vor der Tür, Prinzessin Liebegunde, in Begleitung ihres Bruders Herrlich. Und endlich schlägt das Herz des jungen Königs höher … Die Liebe zwischen zwei Männern als Selbstverständlichkeit darzustellen, das gelingt ganz einfach in diesem wunderbar humorvollen und sehr opulent ausgestatteten Märchen für Kinder ab fünf Jahren, wie die Vorstellungen in Heilbronn zeigen. Dirk Schirdewahn hat aus dem Bilderbuch die Bühnenfassung erstellt und Regie geführt. Die zauberhafte Bühne und die Kostüme haben Jan Hendrik Neidert und Lorena  Diaz Stephens entwickelt. Es spielen Nicole Buhr, Helene Aderhold, Henry Arturo Jiménez, Sascha Kirschberger und Giulia Weis.

Am Abschlusstag des Festivals, dem 9. Juli, wird im Großen Haus des Theaters Ulm die Heilbronner Inszenierung von Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ gezeigt. Das Schauspiel aus dem Jahre 1905 ist sehr heutig, handelt es doch von der Ignoranz der Intellektuellen gegenüber einer Gesellschaft, die, wie wir es derzeit auch erleben, immer mehr von sozialen Konflikten zerrissen wird und stellt die Frage nach der Verantwortung der gesellschaftlichen Eliten: Chemiker Protassow ist so vertieft in seine Arbeit, dass er die Welt um sich herum ausblendet. Gemeinsam mit seinen intellektuellen Freuden hat er sich in seinem Elfenbeinturm eingerichtet. Sie glauben als „Kinder der Sonne“ auf der richtigen Seite des Lebens zu stehen. Sie merken nicht, dass sich draußen die ohnmächtige Wut der abgehängten Bevölkerung immer mehr anstaut und irgendwann explodieren wird. Axel Vornam ist der Regisseur, Bühne und Kostüme stammen von Tom Musch. Es spielen: Felix Defér, Stefan Eichberg, Oliver Firit, Stella Goritzki, Oliver Jaksch, Judith Lilly Raab, Ingrid Richter-Wendel, Sabine Unger und Tobias D. Weber.

Im Anschluss an beide Vorstellungen gibt es Publikumsgespräche.

Parallel zu den Baden-Württembergischen Theatertagen tagt auch der Arbeitskreis Junges Theater Baden- Württemberg. Über 100 Theaterschaffende aus diesem Bereich werden an Diskussionen, Fachgesprächen und Workshops teilnehmen und die Inszenierungen der jeweils anderen anschauen. Allen gemeinsam geht es um die Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendtheaters, ein Bereich, in dem sich in den letzten Jahren schon viel getan hat. Nun gilt es, die Theaterkunst für Kinder und Jugendliche in der öffentlichen Wahrnehmung auf Augenhöhe mit jeglicher Kunst für erwachsenes Publikum zu etablieren. Natürlich ist dies auch ein Anliegen des Teams vom Jungen Theater Heilbronn um dessen Leiterin Bianca Sue Henne und die Theaterpädagoginnen Katrin Singer, Natascha Mundt und Lea Kaiser  die sich auch im Arbeitskreis Junges Theater engagieren.

 

 

 

Papagei mit Übergewicht beim Notarzt

Unsere Requisiteurinnen sind Alleskönner. Ob Feuer aus der bloßen Hand aufflammen lassen, Pistolen aus dem 18. Jahrhundert auftreiben, Spiel-Geld drucken,  Fake-Rouladen machen oder plötzlich Blut aus den Augen einer Dame auf einem Gemälde laufen lassen – immer finden sie ein Lösung für die großen und kleinen Theaterwunder, bei denen die Zuschauer  fragen: Wie geht das bloß? Wie haben die das gemacht?
Jetzt hatte Chefrequisiteurin Carmen Riehl sogar einen Einsatz als Tierärztin. Denn Caramello, der süße, Italienisch sprechende Papagei aus der Inszenierung „Honig im Kopf“ war krank. Saß da in seinem goldenen Käfig und bewegte sich nicht mehr. Keine Angst, liebe Tierfreunde: Caramello ist natürlich kein echter Papagei, obwohl er sich so bewegt und auch so krächzt. Es handelt sich hier um eine Papageienpuppe, die auf Sprache reagiert, mit den Flügeln flattert und eigentlich auch Sprache nachahmen kann. Letztere Fähigkeit hat ihm Carmen Riehl aber genommen und ihn stattdessen mit der Begabung ausgestattet, sich auf Italienisch ungefragt in Gespräche einmischen zu können und dem Großvater Amandus und seiner Enkelin Tilda in dem Stück den Weg zu weisen. Die Stimme lieh ihm übrigens unser Leiter des Besucherservice David Eberhard, der in Italien studiert hat. Die Kollegen aus dem Ton haben sie dann papageienmäßig bearbeitet. Doch nun wollte gar nichts mehr gehen. „Caramello hat Übergewicht“,  lautete die Diagnose von Carmen Riehl. Die Elektronik in seinem Bauch, die auf Knopfdruck aus der Ferne die Sätze abspielt und mit Flatterbewegungen auf menschliche Worte reagiert, war so schwer und deshalb tiefer gerutscht, dass sie die Mechanik  behinderte. Also wurde Caramello in einer schnellen Not-Operation von seinem Übergewicht befreit – die Elektronik wurde höher gesetzt und neu befestigt – Kopf wieder drauf. Und nun wartet der Vogel wieder freudig flatternd auf seinen nächsten Einsatz bei „Honig im Kopf“. Wer Caramello und die anderen vier Darsteller (Frank Lienert- Mondanelli als Opa Amandus, Tamara Theisen als Enkelin Tilda, Katharina Voß als deren Mutter und Raik Singer als Vater) sehen möchte, hat eigentlich nur  in unserer Zusatzvorstellung am 9. Juli die Chance. Alle anderen Vorstellungen sind bis auf wenige Restkarten ausverkauft.

Junges Theater lädt ein zu „BOXX|pur Shakespeare“

Schauspieler, Jugendclubber und Schüler  würdigen den großen Dramatiker auf ganz eigene Weise

Zwischen dem 18. und dem 20. Juni verwandelt sich die BOXX, die Spielstätte des Jungen Theaters Heilbronn, in einen Ort des jugendlichen Shakespeare-Kults. Das Junge Ensemble der BOXX, Mitglieder des Theaterclubs 3 und Theater AGs von verschiedenen Schulen haben sich auf ganz unterschiedliche Weise mit diesem großen Dramatiker auseinandergesetzt und präsentieren ihre Sicht auf einige seiner bedeutendsten, aber auch auf weniger bekannte Szenen in einem kleinen Festival  „BOXX|pur Shakespeare“. Am 18. Juni um 18 Uhr ist Premiere.
Anlass für diese spielerische Auseinandersetzung mit William Shakespeare ist die bevorstehende Premiere von „Was ihr wollt“ im Großen Haus. Hintergrund ist aber auch der Wunsch des BOXX-Ensembles nach einer ganz eigenständigen künstlerischen Auseinandersetzung mit einem Klassiker, erklärt die Leiterin des Jungen Theaters Heilbronn, Bianca Sue Henne. Seit Anfang Mai proben die jungen Schauspieler in unterschiedlichen Zusammensetzungen Szenen, für die sie in jeder Hinsicht selbst verantwortlich sind. Giulia Weis und Henry Arturo Jimenez setzen sich mit Othello und Jago auseinander, Helene Aderhold spielt mit den Sonetten, denen sie sich unter anderem auch tänzerisch nähert. Sascha Kirschberger beschäftigt sich als personifizierter Tod mit dem Sterben von Romeo und Julia. Alle vier Schauspieler arbeiten zusammen mit Bianca Sue Henne an der Szene „Die Fremden“, das erst 2016 als einzige erhaltene Handschrift von Shakespeare identifiziert wurde und aus dem Stück „Sir Thomas Morus“ stammt. „In / Jedwedem Land, das nicht grad England ist / Dort wärt ihr selbst die Fremden“, sagt Staatskanzler Sir Thomas Morus in diesem um 1604 verfassten Stück und ruft in einer großen Rede zu Mitmenschlichkeit gegenüber den Fremden auf, die in das Land kommen. Der Text liest sich wie ein Kommentar zur Flüchtlingskrise heute.
Auch Mitglieder des Theaterclubs 3 sind im Shakespeare-Fieber und haben sich mit dem Stück „Die lustigen Weiber von Windsor“ beschäftigt. Außerdem stehen Szenen aus dem „Sommernachtstraum“ und aus „Romeo und Julia“ auf ihrem Programm. Mit dem Material gehen sie erfrischend frei um und arbeiten komplett selbständig.
Parallel proben sechs Theater-AGs aus fünf Schulen, die sich während des ganzen Jahres an Shakespeare abgearbeitet haben. Mit dabei sind das Jagsttal Gymnasium Möckmühl, der Jagsttal Schulverbund Möckmühl, die Damm-Realschule Heilbronn, die Gustav- von- Schmoller- Schule Heilbronn und die Andreas-Schneider-Schule Heilbronn. Für sie standen drei Szenen zur Auswahl: die Balkon-Szene aus „Romeo und Julia“, die Hexenszene aus „Macbeth“ und die Szene aus „Was ihr wollt“, in der Malvolio einen fingierten Brief findet. Bianca Sue Henne, die im Vorfeld der Shakespeare-Tage die Proben aller Clubs besucht hat, ist schon jetzt verblüfft, welch unterschiedliche Zugänge die Jugendlichen und Kinder, in der Damm-Realschule waren es die 5.und 6. Klassen, gefunden haben. Da gibt es eigene Übersetzungen, Auseinandersetzungen zwischen „Traditionalisten“ und „Modernisierern“, die demokratisch in der Gruppe entschieden wurden. Es gibt Shakespeare mit Musik und Tanz und Shakespeare im englischen Original –  eben „BOXX pur Shakespeare“.

Vorstellungen:

18.06. 2017 – 18 Uhr (Junges Ensemble und Theaterjugendclub)
19.06. 2017 – 11 Uhr  (Junges Ensemble; Jagsttal Gymnasium Möckmühl und Jagsttal Schulverbund Möckmühl)
19.06 2017 – 18 Uhr (Junges Ensemble und Theaterjugendclub)
20.06. 2017  – 11 Uhr (Junges Ensemble; Damm-Realschule Heilbronn, Gustav-von-Schmoller-Schule Heilbronn, Andreas- Schneider-Schule Heilbronn)
20.06. 2017 – 18 Uhr (Junges Ensemble und Theaterjugendclub)

„Be water, my friend“

Breakdanceweltmeister Amigo erarbeitet eindrucksvolles Tanzprojekt mit jungen Flüchtlingen

Die Fernsehjournalistin, die eine Probe des Projektes „Be water, my friend“ besucht hat, wollte es kaum glauben. Diese Jungs haben tatsächlich noch nie getanzt? So akrobatisch, so kraftvoll, wie sie sich auf der Bühne bewegen? Zwischen 15 und 17 Jahre sind sie alt, leben erst seit kurzem in Heilbronn und stammen aus Syrien, Afghanistan, Guinea und Somalia. Sie sind der harte Kern, der durchgehalten hat, um nun vor großem Publikum auf der Bühne zu tanzen, sich als ein Bestandteil des großen Tanzfestivals Tanz! Heilbronn zu präsentieren. Ihr Choreograf, von dem sie so viel gelernt haben, ist der aus der Türkei stammende und in Berlin lebende mehrfache Breakdanceweltmeister  „Amigo“ Kadir Memis. Seine Jungs nennen ihn einfach nur Amigo.

Als das Theater im Februar 2017 junge Männer für das Tanzprojekt von Amigo gesucht hat, kamen 40 zum ersten Treffen. Als klar wurde, dass sie am Ende auf der Bühne stehen würden, wurde die Gruppe kleiner. Als einige merkten, dass Tanz mit harter Arbeit und viel Disziplin zu tun hat, schmolz die Gruppe weiter. 12 Jungs sind dabeigeblieben, haben seit März an vielen Wochenenden geprobt und jetzt seit zwei Wochen jeden Tag – nach der Schule von 14-20 Uhr. Sie wollen tanzen, sich bewegen, sich beweisen – je kraftvoller desto besser. Der groovende Sound von Live-Musiker Milan Vogel treibt sie voran. Er mixt Hip Hop mit traditionellen Klängen aus den Heimatländern der Jungs. Lautete der Arbeitstitel zunächst „Artikel 1“ und sollte sich um die Würde des Menschen drehen, änderte sich der Titel des Projektes im Laufe der Arbeit und heißt jetzt „Be water, my friend“. Um Würde geht es immer noch, aber nicht mehr so abstrakt. Das Wasser ist ein gutes Symbol für das, was sie unter Würde verstehen – es kann sich jedem Gefäß anpassen, in das es hineingefüllt wird, es ist weich und geschmeidig. Es ist kann tragen, man kann darin versinken, es ist in jedem Fall überlebenswichtig. Aber es hat auch eine große gestalterische Kraft. So wünschen sie sich ihren Platz in ihrem neuen Leben – sie wollen sich anpassen und dabei trotzdem sie selbst bleiben und mitgestalten. Inspiriert ist der Titel von der Maxime des Kampfkünstlers Bruce Lee: Be water, my friend.

Die erste Vorstellung war ein gigantischer Erfolg

In der ersten Vorstellung am 18. Mai saßen lauter junge Zuschauer – viele so alt wie die Jungs auf der Bühne.  Mit frenetischem Applaus feierten sie die Leistung der jungen Männer. Und dann hielt es das Publikum nicht mehr auf den Sitzen. Ein großer Teil stürmte die Bühne, um gemeinsam weiter zu tanzen. Ein einziges fröhliches Fest! Im anschließenden Publikumsgespräch wurde gefragt: Warum tanzen hier nur Jungs? Festivalkuratorin Karin Kirchhoff, die gemeinsam mit AMIGO das Projekt entwickelt hat, sagt, dass sie damit den jungen männlichen Flüchtlingen, über die so oft einseitig und negativ in den Medien berichtet wird, ein anderes Gesicht geben wollte. Wieder großer Beifall!

Hoffentlich geht es weiter

Das Tanzprojekt hat ihnen geholfen, sie sind selbstbewusster, verständigen sich jetzt untereinander auf Deutsch. Sie mussten lernen, diszipliniert und pünktlich zu sein, sich aufeinander zu verlassen. Wenn das Projekt vorbei ist, wollen sie weitermachen mit Bboy Tunaj Abedinov, der aus Heilbronn stammt und als gestandener Breakdancer das Projekt unterstützt.

Von der Schönheit eines halbgefüllten Glases

Steffen Nödl fängt mit seiner Kamera besondere Momente hinter den Kulissen ein

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Einmal war es nur der Schatten des Kronleuchters an der Wand, der seinen Blick fesselte. Dann wieder ein paar halbgefüllte Gläser mit (unechtem) Sekt, die am Bühnenrand auf ihren Einsatz warteten. Ein anderes Mal die glücklichen Gesichter der Schauspieler im Applaus nach der Vorstellung.
Steffen Nödl sucht nach den besonderen Momenten, nach den Kleinigkeiten im Theateralltag, die manch anderer überhaupt nicht wahrnimmt. Und er hält sie mit seiner Kamera fest. Die Nikon D 300s ist sein ständiger Begleiter bei der Arbeit, damit sie im rechten Moment einsatzbereit ist. Als Bühnentechniker kommt der 44-Jährige ganz nah ans Geschehen auf den weltbedeutenden Brettern heran, ist quasi selbst ein Teil davon. »Ich habe nur sehr selten mal ein Stück von vorn gesehen«, sagt er. Immer von der Seite oder von hinten. Vielleicht interessiert ihn die Zuschauerperspektive deshalb nicht so sehr. Er entdeckt das Besondere in der Normalität des Theateralltags, das kaum ein Zuschauer je zu Gesicht bekommt. Das Gespräch zwischen Schauspielern und Regisseur in der Probe, die Verwandlung der Kollegen in der Maske, die Pausenzigarette zwischen den Auftritten, die akkurat zurechtgelegten Requisiten vor der Vorstellung, die Kontrolle der Bühne durch die Inspizientin vor Beginn des Theaterabends, die für die schnellen Umzüge ausgebreiteten Kostüme, die konzentrierten Mienen der Schauspieler kurz bevor sie auf die Bühne müssen. Während des Fotografierens versucht er sich im Hintergrund zu halten und sich unsichtbar zu machen. Die Nähe stellt Steffen Nödl über die Brennweiten seiner Objektive her. Da Blitzlicht im Theater ein absolutes Tabu ist, hat er den Blitz nicht nur ausgeschaltet, sondern auch abgeklebt. Eine doppelte Absicherung, denn jedes unabgesprochene Lichtzeichen kann auf der Bühne zu Irritationen führen. Besonders gern fotografiert er das Spiel der Darsteller von der Seitenbühne oder von hinten. Fängt Situationen ein, wenn sie einsam auf der großen Bühne ganz vorn an der Rampe stehen – das Bild flößt Ehrfurcht und Respekt vor diesem Beruf ein.
Obwohl Steffen Nödl als Kind nur einmal in einer Theatervorstellung war – »das war in Ali Baba und die 40 Räuber, daran kann ich mich noch ganz genau erinnern« – ist das Theater schon immer ein Teil seines Lebens. Er ist ganz in der Nähe, in der Lammgasse, aufgewachsen und hat den Bau des Hauses am Berliner Platz beobachtet. Als in der Heilbronner Stimme ein Ausbildungsplatz für einen Schlosser im Theater ausgeschrieben war, bewarb er sich. »Die Bewerbung habe ich persönlich vorbei gebracht, damit nichts schief geht.« Nach den dreieinhalb Jahren Ausbildung wurde er in der Theaterschlosserei fest eingestellt und wechselte nach einiger Zeit in die Bühnentechnik – also in den Bereich, der die Kulissen auf- und abbaut und die Umbauten und Verwandlungen während der Vorstellungen realisiert. Mit einem Mal war er ganz dicht dran an der Kunst, ließ sich fesseln und inspirieren. Er entdeckte so manches Motiv, denn schon immer hat er seine Umgebung mit den Augen eines Fotografen beobachtet. Seit Kindertagen war die Fotografie sein Hobby. Und endlich traute er sich zu fragen, ob er hinter den Kulissen Aufnahmen machen dürfe, zunächst analog jetzt meistens digital. Aber bei manchen Inszenierungen lässt er sich auf das Abenteuer der analogen Schwarz-Weiß-Fotografie ein. Er mag daran das Ungewisse, den viel bewussteren Umgang mit dem Material. Wenn er zu Hause im heimischen Fotolabor die Filme entwickelt und die Fotos vergrößert, ist das immer ein großer Moment. In erster Linie fotografiert er für sich selbst. Aber auch die Schauspieler und viele andere Kollegen im Haus mögen seinen besonderen Blick und behalten Steffen Nödls Bilder als unvergessliche Erinnerungen an die Inszenierungen, die ja immer nur eine endliche Zeit im Spielplan sind.

Matthieu Delaportes und Alexandre de la Patellières Bühnenerfolg »Der Vorname« im Komödienhaus

Brillant-böses Desaster-Dinner

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen gemütlich mit Verwandten und alten Freunden beim gemeinsamen Abendessen zu Hause. Man kennt sich in- und auswendig – denkt man. Die Gastgeberin hat mit viel Aufwand ein exotisches Buffet vorbereitet, die Gäste haben den Wein mitgebracht. Jemand am Tisch ist schwanger, und natürlich fragt jemand: Wie soll das Kind denn heißen? Antwort: Adolf!

Soll das ein Scherz sein? Sprengt so etwas die Grenzen des guten Geschmacks, der politischen Korrektheit und der Toleranz? Wie viel Provokation vertragen Familien- und Freundschaftsbande wirklich? Und ist das komisch?

Die Antwort gibt der gigantische Erfolg, den »Der Vorname«, das Debütstück der beiden Franzosen Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière, nicht nur im französischen und deutschen Sprachraum, sondern inzwischen auch international hat. Seit der Uraufführung 2010 in Paris begeistert die pointierte Konversationskomödie ihr Publikum, heimste den Preis SACD 2011 der Académie française und sechs Nominierungen für den wichtigsten französischen Theaterpreis, den Prix Molière, ein und wurde mit den Schauspiel-Stars Patrick Bruel und Charles Berling erfolgreich von den beiden Autoren auch auf die Kinoleinwand gebracht. Nicht verwunderlich, denn »eigentlich« arbeiten Delaporte und de la Patellière für Film und Fernsehen: Kennengelernt haben sich die beiden, als sie 1995 zufällig im selben Gebäude die Endfassung ihrer Filme schnitten. Gemeinsam waren sie bei der Produktionsfirma Onyx Films, schrieben Drehbücher und schufen die hoch gelobten Zeichentrickfilme »Renaissance« fürs Kino und »Skyland« fürs Fernsehen. Seit dem Überraschungserfolg von »Der Vorname« haben sie mit »Das Abschiedsdinner« und »Alles was Sie wollen« zwei weitere Theaterstücke herausgebracht.

»Der Vorname« spielt an einem Abend in der Pariser Wohnung des Literaturprofessors Pierre (bei uns gespielt von Stefan Eichberg) und seiner Frau Elisabeth (Judith Lilly Raab). Eingeladen sind Elisabeths jüngerer Bruder Vincent (Oliver Firit) und seine schwangere Partnerin Anna (Stella Goritzki), sowie der Posaunist Claude (Raik Singer), ein langjähriger Freund der Gastgeber. Was als netter Abend unter Freunden beginnt, entwickelt sich zwischen  schmackhaften Briouats und Zaalouk zu einem wahren Desaster-Dinner, bei dem sich hinter der Fassade des linksliberalen Bildungsbürgertums gar finstere (und urkomische) Abgründe auftun. Und dann serviert ausgerechnet die »Pflaume« Claude zum Dessert noch ein pikantes Familiengeheimnis.

Für Regisseur Jens Kerbel und Ausstatterin Carla Friedrich, die in der letzten Spielzeit »Rita will‘s wissen« auf die Bühne des Komödienhauses brachten, besteht der Reiz und die Herausforderung bei »Der Vorname« darin, wie »brillant und böse« durch den hinterhältig gelegten Sprengsatz einer Provokation sehr schnell gesellschaftliche Konventionen, aufgeklärte Wertvorstellungen und bequem eingerichtete Lebensentwürfe in die Luft gewirbelt werden. Aus der kontroversen Diskussion um den »Vornamen« wird ein rasantes verbales Gefecht, bei dem jede/r der Anwesenden mehr als genügend Angriffsfläche bietet. Sind die Grenzen erst einmal überschritten, gibt es kein Halten mehr – und nicht nur der Wohnzimmertisch geht zu Bruch. Viel Vergnügen!

Familienforschung oder wie hundemüde Kinder zu aktiven Schauspielern werden

Ab dem 6. November, 15 Uhr,  steht eines der beliebtesten Kinderstücke der vergangenen Spielzeit wieder auf dem Spielplan der BOXX: „Wir alle für immer zusammen“ von Guus Kuijer. Darin geht es um die 11jährige Polleke, in deren Leben es gerade drunter und drüber geht. Ihre Mutter ist in den Lehrer verliebt, ihr Freund will nicht mehr mit ihr zusammen sein und auf den Vater ist sowieso kein Verlass. Ganz schön viel für eine 11-Jährige! Aber Polleke ist ein großartiges Mädchen, das mit Witz und Geradlinigkeit alle Probleme meistert. Parallel zu den Wiederaufnahmeproben der Schauspieler beschäftigten sich Kinder in den Herbstferien mit dem Stück und entwickelten ein eigenes Theaterspiel zum Thema Familie Praktikantin Alina Joy war beim  Familienforschungsprojekt in den Herbstferien dabei und schildert ihre ersten Eindrücke: Mittwochmorgen, ich werde an der Pforte des Theaters abgeholt und Lea Kaiser, eine der Theaterpädagoginnen des Theaters, führt mich durch ein Gänge-Labyrinth in Richtung BOXX.  Vorbei an vielen Türen, die wieder in spezielle Räume oder weitere Gänge führen. Ich helfe der Theaterpädagogin bei diesem Herbstferienprojekt, das sich mit dem Thema Familie befasst.  Das Ziel unserer Woche ist ein kleines Stück mit den Kindern, aber auch zu lernen wie man miteinander etwas erarbeitet. Die Kinder kommen und wollen gleich mit dem Theaterspielen anfangen. Doch genau wie „richtige“ Schauspieler bereiten sie sich erst einmal auf ihr Thema  und auf das schauspielerische Handwerk vor.  Zunächst werden verschiedene Aufwärm-Spiele gespielt um die Kinder „aufzuwecken“, denn da sie Ferien haben, sind sie alle noch etwas müde. Anschließend erklärt ihnen Lea, dass sie „Familienforscher“ sind und sich Fragen überlegen sollen die sie schon immer an Familien interessiert haben. Einige Fragen haben mich berührt, andere zum Schmunzeln gebracht: „Wieso streiten Eltern so oft?“ oder „ Warum sind Mama und Papa immer strenger als Oma und Opa?“ Am nächsten Tag dürfen wir bei den Proben von „Wir Alle für immer zusammen“ zugucken. Es ist total interessant die Schauspieler bei der Arbeit und auch von ihrer persönlichen Seite zu sehen. Anschließend sind die Kinder wieder dran. Singend und tanzend wärmen sie sich auf und dann heißt es endlich: „ Jetzt dürft ihr euch Szenen überlegen“. Nun können sie Theater spielen und gehen richtig auf in ihren Rollen auf. Natürlich gibt es auch Uneinigkeiten und kleine Auseinandersetzungen. Aber das gehört zur Theaterarbeit dazu. Je tiefer wir alle in das Stück einsteigen, umso mehr Spaß macht es, das kleine Schauspiel auf die Beine zu stellen. Am Ende der Probe sind die Kinder fast schon etwas traurig, dass die Zeit schon vorbei ist und sie nicht weiter das Stück entwickeln können. Die Ergebnisse des Familienforschungsprojektes werden am Freitag, 4. November, um 15 Uhr in der BOXX vorgestellt. Neues Familienformat: story|Boxx startet am 12. November Junge Theaterbesucher werden selbst zu Dichtern Übrigens sollten sich alle jungen Theaterfreunde den 12. November vormerken. Da steht noch einmal Polleke, die Hauptfigur des Stückes, im Mittelpunkt. Sie ist Dichterin. Aus diesem Grund startet am 12. November im Anschluss an die Vorstellung um 15 Uhr ein neues Familienformat für junge Theaterbesucher und ihre Eltern in der BOXX, in dem die Kinder selbst zu Dichtern werden können – die story|Boxx. Wie die Hauptheldin aus dem Stück können die Kinder in spielerischen Aktionen selbst Geschichten erfinden oder kleine dichterische Kunstwerke erschaffen. Außerdem wird mit Ausschnitten aus seinen anderen Büchern die Neugier auf weitere Polleke-Romane von Guus Kuijer geweckt. Anmeldung für die Vorstellungsbesuche und die story|Boxx unter 07131/563001 oder 563050

Keine Angst vor der Zukunft

Junges Theater stiftet Diskurs zwischen Heranwachsenden und gesellschaftlichen Entscheidungsträgern

Josip Juratovic (Mitglied des Bundestages) und Dr. Wolfgang Hansch (experimenta) im Gespräch
Josip Juratovic (Mitglied des Bundestages) und Dr. Wolfgang Hansch (experimenta) im Gespräch

„Wie lautet diesmal Ihr Urteil?“, fragt Theaterintendant Axel Vornam den Vorsitzenden Richter am Heilbronner Landgericht Roland Kleinschroth. „Sie werden verurteilt, diese Veranstaltung zu wiederholen und von nun an fest in Ihr Repertoire aufzunehmen“, sagt er Richter mit gespielt ernstem Blick. „Im Ernst“, ergänzt er: „Der Polit- Brunch ist ein tolles Format und ich bin auch beim nächsten Mal gern mit dabei.“

Bianca Sue Henne, der Leiterin des Jungen Theaters, und ihren Kolleginnen von der Theaterpädagogik fällt ein Stein vom Herzen. Zum ersten Mal haben sie das neue Format der future|Boxx ausprobiert,  ein unkonventionelles Begegnungsformat, mit dem zum einen das Junge Theater den Dialog mit seinem Publikum eröffnet und das zum anderen Jugendliche und erwachsene Entscheidungsträger aus der Region an einen Tisch bringt. Heranwachsende und gestandene Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft begegnen sich hier gleichberechtigt auf Augenhöhe und diskutieren über Themen, die die Jugendlichen umtreiben. Das Ganze bei einem leckeren Brunch mit einer reichen Auswahl an herzhaften und süßen Speisen – Gastronom Matthias Hornung hatte sich selbst übertroffen.

Viele wichtige Heilbronner Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Bereichen fanden die Idee spannend, als sie die Einladung erhielten, und hatten sich spontan bereit erklärt mitzumachen. So kamen, neben Richter Kleinschroth, auch Josip Juratovic, Mitglied des Bundestages für die SPD; Roland Häussermann, Geschäftsführer der Wirtschaftsprüfgesellschaft Ernst & Young in Heilbronn; Uwe Ralf Heer, Chefredakteur der Heilbronner Stimme; Roswitha Keicher, Leiterin der Stabsstelle für Partizipation und Integration der Stadt Heilbronn; Agnes Christner, erste Bürgermeisterin von Heilbronn; Dr. Wolfgang Hansch, Geschäftsführer des Science Centers Experimenta; Dr. Michael Krötz, Facharzt für Radiologie, Susanne Eicher vom Schulamt Heilbronn, Charlotte Mischler, Kulturamtsleiterin; Nadine Ratz von der Stadtbibliothek Heilbronn; Marlene Neumann vom Welcome Center Heilbronn-Franken; Jakob Dongus, stellvertretender Landesvorsitzender der Jusos; sowie Uta Koschel, Chefregisseurin, und Andreas Frane, Chefdramaturg des Theaters Heilbronn.
Bereits am Nachmittag vorher hatten sich die Jugendlichen getroffen, um gemeinsam ihre brennendsten Zukunftsfragen zu diskutieren und herauszuarbeiten, worüber sie am nächsten Tag reden wollten. Sie einigten sich auf Themenfelder wie Leistungsgesellschaft, Krieg, Konsum, Freiheit, Musik und Heilbronn.

Warum verdienen Leute, die unser Geld verwalten, mehr als Menschen, denen wir unsere Kinder und unsere Großeltern anvertrauen? Diese Frage wurde am „Konsum“- Tisch diskutiert. Was kann man tun, um diese Ungerechtigkeit abzuschaffen? Schnell landete die Runde an diesem Tisch bei TTIP und bei der Rolle der USA in der Weltpolitik.
Sehr viel konkreter ging es am Heilbronn-Tisch zu: Wie schaffen wir es, Alkoholikern und Drogensüchtigen zu helfen und sie nicht als Aussätzige der Gesellschaft zu betrachten? Oder warum ist die Radwegesituation in Heilbronn so schwierig?

Am Musiktisch ging es unter anderem um illegale Downloads und darum, dass man Musik noch besser ins gesellschaftliche Leben integrieren könnte, um für gute Laune zu sorgen.
Gibt es Freiheit ohne Regeln? Sollte man Menschengruppen mit Regeln oder lieber über Wertevermittlung führen?
Wie kann die Schule besser aufs Leben  und auf die Berufsfindung vorbereiten?

Wie können Medien erreichen, dass sich die Menschen wieder mehr für Fakten als für emotionalisierte und personalisierte Skandale interessieren? Wie kann man den Leuten nahebringen, dass es auch in der Flüchtlingsfrage keine einfachen und schnellen Lösungen gibt? Was ist Wohlstand? Was macht die digitale Revolution mit den Arbeitsplätzen? Wird es irgendwann den stationären Handel noch geben oder geht alles nur noch online? Wie kann man das Tempo im Alltag drosseln?

Nicht die Erwachsenen, die Jugendlichen gaben die Themen vor. An insgesamt sechs Tischen hatten sie gemeinsam in gemischten Gruppen Platz genommen. „Für mich war es überraschend, dass wir wirklich auf Augenhöhe diskutiert haben“, schrieb eine der  Jugendlichen als ihr Fazit an die Pinnwand. Ein anderer resümierte, dass er verblüfft war, wie interessant politische Gespräche sein können.

Agnes Christner (Sozialbürgermeisterin der Stadt Heilbronn) und Chefregisseurin Uta Koschel beim politBrunch
Agnes Christner (Erste Bürgermeisterin der Stadt Heilbronn) und Chefregisseurin Uta Koschel beim politBrunch

Dass die Unterhaltungen sehr angeregt verliefen wurde deutlich, als keiner der future|Boxx-Teilnehmer die Veranstaltung nach dem offiziellen Ende verlassen wollte, sondern dass alle weiter redeten. „Der Ruf der Jugend, sie sei desinteressiert und denke nur an sich, ist nicht gerecht“, findet Josip Juratovic bestätigt. Einige Jugendliche wollen von ihm künftig im wöchentlichen Newsletter über seine Bundestagsarbeit informiert werden – ein Schritt zu einem Punkt, der den Heranwachsenden sehr wichtig ist: Transparenz in der Politik.
Dr. Wolfgang Hansch nimmt für sich als Fazit mit: „Man sollte Jugendlichen mehr zuhören und weniger selbst reden. Denn es ist ihre Zukunft, die wir heute gestalten.“
Auch Themenwünsche für die nächste future|Boxx wurden festgehalten: Globalisierung, gesellschaftliche Partizipation, Heimat, Gleichberechtigung, Sicherheit, soziale Ausgrenzung … Alle Teilnehmer wollen auch beim nächsten Mal wieder dabei sein.

Das Junge Theater sammelt die Gedanken, die an diesem Tag ausgetauscht wurden, und hat schon erste Ideen, wie sich zumindest einige der Themen im Spielplan für die Saison 2017/2018 wiederfinden können.

Eine Woche am Jungen Theater Heilbronn gegen Rechtsextremismus

Robin Brodt von der Landeszentrale für politische Bildung
Robin Brodt von der Landeszentrale für politische Bildung

 

Die Zahlen sprechen für sich. Politisch motivierte Straftaten nehmen zu. Waren es 2013 in Baden-Württemberg 925 stieg die Zahl 2015 auf 1604. Allein 1408 Straftaten in 2015 hatten in Baden-Württemberg einen rechtsextremen Hintergrund. Mit Stand 20. Oktober dieses Jahres wurden die ohnehin schon hohen Zahlen des Vorjahres im Bereich Angriffe auf Asylsuchende übertroffen. Gab es 2015 vier verletzte Asylsuchende in Baden-Württemberg, sind es bis zum 20. Oktober 2016 schon 28. Doch diese Zahlen, die Robin Brodt von der Bundeszentrale für politische Bildung in seinem Eröffnungsreferat über „Die extreme Rechte in Baden-Württemberg“ nannte, sind nur die Spitze des Eisberges. Rechtsextreme sind nicht mehr so einfach zu erkennen und sie agieren nicht mehr am Rand der Gesellschaft. Rechtspopulistische Strömungen verkünden ihre Propaganda auf Demonstrationen und Wahlveranstaltungen – PEGIDA und ihre Ableger in den verschiedenen Regionen Deutschlands und die neue Partei AfD polemisieren laut gegen Flüchtlinge und eine angebliche Überfremdung Deutschlands und sammeln Kräfte aus allen sozialen und intellektuellen Schichten. Die jüngst erschienene Mitte-Studie 2016 der Universität Leipzig unter der Überschrift „Die enthemmte Mitte“ zeigt, wie weit antidemokratisches und rechtsextremes Gedankengut in den Köpfen verbreitet ist: Jeder Zehnte wünscht sich einen Führer, der das Land zum Wohle aller mit starker Hand regiert. Elf Prozent der Bürger glauben, dass Juden zu viel Einfluss haben. Zwölf Prozent sind der Ansicht, Deutsche seien anderen Völkern von Natur aus überlegen.

„Wir haben das Gefühl, dass in der Gesellschaft etwas brennt“, sagt Bianca Sue Henne, die Leiterin des Jungen Theaters Heilbronn. „Wir wollen und müssen dazu Stellung beziehen.“ Deshalb steht die Inszenierung „Kriegerin“ nach dem gleichnamigen Film von David Wnendt auf dem Spielplan, die eindringlich zeigt, welches Verführungspotential rechte Ideologien für Jugendliche haben können, wie sie sich radikalisieren, aber auch, was passiert, wenn sie den Ausstieg versuchen. Vom 24.-28. Oktober hat das Junge Theater eine ganze Themenwoche rund um die Inszenierung „Kriegerin“ gestrickt, die weit über das ohnehin schon große theaterpädagogische Programm zum Stück hinausgeht. Die jugendlichen Theaterbesucher absolvieren jeweils vor den Vorstellungen einen Workshop. Im Anschluss an die Vorstellungen gibt es Nachgespräche mit den Darstellern und den Theaterpädagogen. Außerdem finden drei ganztägige Workshops der Landeszentrale für politische Bildung unter der Überschrift „Planspiel Soundcheck“ statt. Hier geht es um die „Einstiegsdroge“ rechtsradikale Musik, die mit eingängigen Rhythmen über Ohr und Emotionen mit ihren Texten den Weg direkt ins Hirn der Jugendlichen findet.
Robin Brodt beschreibt, dass die Schulhof-CDs mit rechtsextremer Musik, immer noch gratis unter Heranwachsenden verteilt werden und sich vordergründig gegen „Pauker und Spießer“ richten um unterschwellig das rechte Gedankengut in die Köpfe zu pflanzen. Rechte nutzen darüber hinaus ihr ehrenamtliches Engagement in Sportverbänden oder engagieren sich in Elternvertretungen.

Rund 1800 Personen gehören in Baden-Württemberg zur organisierten rechtsextremen Szene. Den aktivsten Kreisverband der NPD habe die Region Heilbronn-Franken, erklärt der Referent. Darüber hinaus entwickeln sich weitere Strömungen wie die Identitäre Bewegung, die aus Frankreich kommt. Deren Mitglieder gerieren sich nicht als Nazis, aber als Verteidiger der deutschen bzw. der abendländischen Kultur. Auch unter dem Deckmantel der Verteidigung konservativer Werte sammeln sich viele Gruppierungen mit rassistischen, völkischen und demokratiefeindlichen Ansichten.

Der Referent verwies aber auch auf die vielen Kräfte, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren und Menschen, die aus der Szene austeigen wollen: