Ein Quacksalber aus Knittlingen?

Der historische Faust als Symbolfigur im Wandel der Zeiten

Der historische Faust war ein Mann, um den sich schon zu Lebzeiten Legenden rankten. Er lebte von ca. 1480 bis 1540, in der Zeit der deutschen Bauernkriege, und war damit ein Zeitgenosse so revolutionärer Figuren wie Martin Luther, Thomas Müntzer und Ulrich von Hutten. Er hieß Johann Georg mit Vornamen und stammte aus Knittlingen in Württemberg, wurde also nur etwa 50 Kilometer von Heilbronn entfernt geboren. Es ist dieser Faust, auf den sich alle literarischen Versionen des Stoffes beziehen – ob vor Goethe nun die von Christopher Marlowe oder Gotthold Ephraim Lessing oder nach ihm beispielsweise die von Thomas Mann und Hanns Eisler. Glaubt man den Überlieferungen, so war dieser Doctor Faustus aber eher ein Scharlatan als ein Gelehrter, eher ein Quacksalber als ein Arzt, der ein unstetes Wanderleben im süddeutschen Raum führte. Angeblich hatte er sich auf der Hohen Schule zu Krakau zum »Meister aller mantischen Künste« ausbilden lassen, worunter die Wahrsagerei, die Magie und die Zauberei zu verstehen sind. Belege dafür gibt es aber keine. Dennoch machte er sich als Zauberer und Wahrsager einen Namen, zog durch die süddeutschen Städte, war als Bader tätig, unterrichtete und stellte Horoskope. Zudem scheint er ein brillanter Fabulierer gewesen zu sein, eine Art Münchhausen der Reformationszeit, der sein Publikum für sich begeistern konnte. Er liebte die leiblichen Genüsse, besonders das Zechen, und »nannte den Teufel seinen Schwager«, wie Klaus Völker schreibt. Kein Wunder also, dass seine Zeitgenossen – zumindest die klerikalen, feudalen und bürgerlichen – in ihm eher einen Landstreicher und Sittenstrolch sahen; wiederholt wurde er aus verschiedenen Städten ausgewiesen und ihm unterstellt, gemeinsame Sache mit dem Teufel zu machen. Das Volk hingegen ergötzte sich ebenso bewundernd wie schaudernd an seinen Kunststücken, die offenbar »philosophischen Eulenspiegeleien« (K. Völker) gleichkamen. Seit sich Luther angewidert von den »räuberischen und mörderischen« Bauernhorden distanziert hatte, die den Aufstand gegen das feudal-klerikale Herrschaftssystem unternahmen, war auf den Protestantismus als Unterstützer der sozialen Kämpfe nicht mehr zu hoffen. In dieser Situation entdeckte man die Magie als eine geistige Gegenkraft, mit der man neue Hoffnung verknüpfen konnte. So entwickelte sich der »Schwarzkünstler Faust« zu einer neuen volkstümlichen Symbolfigur.

»Faust. Der Tragödie erster Teil«
vlnr. Frank Lienert-Mondanelli, Sabine Unger, Johanna Sembritzki, Stefan Eichberg, Oliver Firit, Sven-Marcel Voss, Marek Egert
Foto: Candy Welz

Die offizielle Stigmatisierung einer schillernden Figur wie der des Faust als »Teufelsbündler« ist keine Überraschung in einem Zeitalter, das alle seine bedeutenden Wissenschaftler – von Agrippa von Nettesheim über Paracelsus bis hin zu Galilei Galileo und Giordano Bruno – als Ketzer brandmarkte. »Noch wurden [nämlich die] Superbia, die Anmaßung, und [die] Curiositas, die Neugier, als Sünden angesehen«, suchten sie doch »die von Bibel und Kirche gesetzten Grenzen des Menschlichen« (S. Demmer) zu überschreiten. 1587, 47 Jahre nach Fausts Tod, erschien beim Frankfurter Buchhändler Spieß die »Historia von D. Johann Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwartzkünstler«, gedacht – so der Untertitel – als »abscheuliche[s] Exempel und treuherzige[] Warnung« vor dem verruchten Unhold. Im protestantischen Kontext stand der maßlose Forscher Faust, den sich letztlich der Teufel holt, somit dem redlichen Gottesmann Luther als verderbtes Gegenstück gegenüber. Allerdings bewirkte die Schrift, wie oft in solchen Fällen, genau das Gegenteil: Innerhalb etwa eines Jahrzehnts erfolgten 22 Nachdrucke, woran sich deutlich die Faszination und der Schauder der Zeitgenossen an der Faustlegende zeigen. Goethes spätere Umdeutung des Stoffes zeigt sich schon allein darin, dass er in seiner Faust-Figur schließlich charakteristische Facetten des Gottesmanns Luther mit denen des Magiers und Schwarzkünstlers Faust zu einer ambivalenten Gestalt verschmilzt.

Oliver Firit (Mephistopheles), Stefan Eichberg (Faust)
Foto: Candy Welz

Der Stoff gelangt zu Goethe durch seine – oft sensationslüsterne – Überlieferung in Volksbüchern, auf Wanderbühnen und in Puppenspielen, die ihn durch das 16. und 17. Jahrhundert trägt. In der Aufklärung setzt sich schließlich die Auffassung durch, dass Fausts Erkenntnisdrang durchaus als Teil der göttlichen Gabe der Vernunft zu verstehen sei und somit nicht der göttlichen Strafe anheimfallen dürfe. Die Dichter des Sturm und Drang wiederum erweitern dieses neue Faust-Bild um ein »leidenschaftliches Bekenntnis zur Natur« (S. Demmer) und zur menschlichen Empfindungsfähigkeit, dem sich Goethe spürbar anschließt. Ganz im Sinne des Sturm und Drang erkennt auch er in der Faust-Legende eine Identifikationsfigur des Zeitgeistes, einen »mutige[n] Außenseiter, der die Horizonte des Denkens und Fühlens« (S. Demmer) zu erweitern sucht und nimmt sich ihr in diesem Sinne an. Was zu Beginn der 1770er-Jahre beginnt, wird für Goethe zu einer literarischen Obsession, die ihn ein ganzes Leben lang nicht loslässt.

Oliver Firit (Mephistopheles), Stefan Eichberg (Faust)
Foto: Candy Welz

Die ungeheure Fülle und Geräumigkeit der Motive und ästhetischen Formen, die Goethes Weltgedicht der Nachwelt zur Verfügung gestellt hat, hat in den vergangenen 200 Jahren zu einer ebenso ungeheuren Fülle von Auseinandersetzungen mit seinem »Faust« geführt. Die Interpretationen des Stoffes allerdings wandeln sich mit den Zeitläufen. Jedes Land und jede historische Epoche, so scheint es, schafft sich nach Goethe ihren eigenen Faust, um an ihm die jeweiligen gesellschaftlichen Fragen zu spiegeln. Im 19. Jahrhundert steigt der »Faust« so als »Repräsentant der deutschen Seele, die freilich auf Welteroberung aus ist« (K. Völker), zum Nationaldrama auf – und bildet seither das Zentrum des deutschen Bildungskanons.

Quellen:

  • Sybille Demmer: »Faust« – Stoff und Spiegel eines Dichterlebens. In: Johann Wolfgang Goethe: Faust. Eine Tragödie. Erster und Zweiter Teil. 9. Auflage. München 2006, S. 355–370.
  • Klaus Völker: Die Geburt einer Legende und ihr Fortleben in den Köpfen. In: Faust. Ein deutscher Mann. Die Geburt einer Legende und ihr Fortleben in den Köpfen. Lesebuch von Klaus Völker. Berlin 1981, S. 181–188.

»Faust. Der Tragödie erster Teil« ist noch bis zum 15. April 2020 im Großen Haus zu sehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.