Gedächtnis und guter Geist jeder Inszenierung

Wohl jeder Mitarbeiter des Theaters wurde in seinem Berufsleben schon einmal gefragt: »Und was machen Sie vormittags?« Viele Menschen haben im Kopf, dass an den Abenden die Vorstellungen im Theater laufen, und können sich nicht vorstellen, dass Mitarbeiter dort fast rund um die Uhr und natürlich auch vormittags arbeiten. Zum Beispiel DIE REGIEASSISTENTINNEN

Sie verbeugen sich nie, wenn ein Stück Premiere feiert. Für die Zuschauer ist ihr unermüdliches Wirbeln unsichtbar. Die Mitarbeiter des Theaters hingegen wissen, was sie leisten, die guten Geister jeder Inszenierung, die alle Fäden in den Händen halten: die Regieassistentinnen. Am Theater Heilbronn sind das seit zwei Jahren Julika van den Busch und Katrin Minkley. Dritte im Bunde ist seit dieser Spielzeit Sarah Holtkamp. Alle drei haben das Ziel, einmal selbst Regisseurinnen zu sein. Ein gängiger Weg dahin ist der über die Assistenz. Eine klassische Ausbildung zum Regieassistenten gibt es nicht. Julika van den Busch aus Bremen hat nach dem Abitur zwei Jahre lang Hospitanzen an verschiedenen Theatern Deutschlands absolviert. Nach dem Studium der Theaterwissenschaft und Philosophie in Bochum kam sie direkt ans Heilbronner Theater. In Bochum hätte sie eigentlich ihre Kollegin Katrin Minkley treffen können, die zur gleichen Zeit wie sie dort studierte, allerdings Germanistik und Komparatistik. Nach ihrem Masterabschluss hat die gebürtige Krefelderin in Kassel und Bad Vilbel hospitiert und kam dann nach Heilbronn. Sarah Holtkamp aus Mülheim an der Ruhr hat nach dem Abitur ein freiwilliges Jahr im Theater Oberhausen geleistet, dann in München Theaterwissenschaft, Germanistik und Soziologie studiert, das Studium für zwei Jahre unterbrochen, um am Theater Ulm zu arbeiten. Vor kurzem hat sie ihr Studium beendet und arbeitet nun in Heilbronn. Neben ihrer Arbeit als Regieassistentin schreibt sie derzeit an ihrer Doktorarbeit.

Regieassistenten sind die engsten Mitarbeiter des Regisseurs, weichen ihm während der Proben nicht von der Seite. Gleichzeitig sind sie die Schnittstelle zwischen Inszenierungsteam, Schauspielern und den Abteilungen und Werkstätten im Theater. Der Arbeitstag beginnt für die Drei morgens früh um 9 Uhr mit der Vorbereitung der Probe. Sie schließen die Probebühne auf, bringen die benötigten Requisiten und Kostüme mit und sorgen dafür, dass die Kulissen in Position sind. Pünktlich um 10 Uhr beginnt die Probe. Die Regieassistentinnen sitzen dann neben der Regie, ausgerüstet mit ihren wichtigsten Arbeitsgeräten: Bleistift und Radiergummi. Denn während der Einstudierung der Szenen führen sie akribisch das Regiebuch, in dem alle für eine Inszenierung bedeutsamen Dinge notiert werden: Positionen der Schauspieler, Stichworte, Gänge, Auftritte, Abgänge, Lichtzeichen, Toneinsätze, Textänderungen. Julika, Katrin und Sarah haben dafür jede Zeile des Textbuches durchnummeriert. So wissen sie: Bei Zeile 23 auf Seite 8 betritt Schauspieler X die Bühne von links. Das Regiebuch erfordert größte Sorgfalt, denn es ist das Gedächtnis für die Endproben, die Vorstellungen und Wiederaufnahmen.
Mit dem Probenende gegen 14 Uhr ist für die Regieassistentinnen noch lange keine Pause. Sie organisieren für den nächsten Tag, welche Szene wann mit welchen Schauspielern geprobt wird. Anschließend drehen sie ihre Runden durch die Abteilungen und Werkstätten und besprechen alles Nötige. Hinterher bringen sie das Textbuch auf den neuesten Stand, schreiben Requisitenlisten oder Szenarios für die Abteilungen Maske und Kostüm, damit diese wissen, wo sie hinter der Bühne die Schauspieler für schnelle Umzüge erwarten müssen.

Inzwischen ist es 16 Uhr geworden und die Regieassistentinnen können vielleicht kurz durchatmen. Aber spätestens ab 18 Uhr geht der Arbeitstag für sie weiter – als Abendspielleiterinnen. Mit der Premiere gibt die Regie die Verantwortung für das Stück ab in die Hände der Assistentinnen. Diese achten darauf, dass die Vorstellungen Abend für Abend gut laufen.  In jeder zweiten oder dritten Vorstellung sitzen sie im Zuschauerraum und schauen nach, ob alles, was mit den Schauspielern erarbeitet wurde, noch stimmt. Hinterher geben sie Rückmeldung, worauf stärker geachtet werden muss.  Wurde ein Stück längere Zeit nicht gespielt, leiten sie die Wiederaufnahmeproben. Wenn ein Schauspieler erkrankt und ein anderer einspringt, studieren sie mit dem Neuen die Rolle ein und begleiten dessen erste Vorstellungen von der Seitenbühne.

»Da lernt man Verantwortung zu tragen, mit Schauspielern zu arbeiten und sich Respekt zu verschaffen, was man später als Regisseur unbedingt braucht«, sagen die Drei. Jede von ihnen betreut zehn Stücke im Jahr während aller Proben und Vorstellungen. Wenn es die Zeit erlaubt, bekommen sie Verantwortung für eigene künstlerische Arbeiten. Katrin Minkley hat die Krimitour durch die Katakomben des Theaters kreiert, Julika van den Busch wird die Weihnachtsmatinee mit Schauspielern vorbereiten, Sarah Holtkamp erarbeitet mit Jugendlichen eine Inszenierung. »Momentan  lernen wir vor allem dadurch, dass wir den Regisseuren bei der Arbeit zugucken dürfen, uns mit ihrer Arbeitsweise auseinandersetzen oder in ihre Entscheidungsprozesse einbezogen werden«, sagen sie. Dass alle Drei in dem, was sie momentan tun, richtig gut sind, beweist die Wertschätzung, die sie bei ihren Kollegen genießen. Wenn beispielsweise die Schauspieler Sabine Unger und Stefan Eichberg einen Preis zu vergeben hätten, dann ginge der an die Regieassistentinnen.

Silke Zschäckel, Pressereferentin

JULIKA VAN DEN BUSCH, KATRIN MINKLEY UND SARAH HOLTKAMP SIND ALS REGIEASSISTENTINNEN GEDÄCHTNIS UND GUTER GEIST JEDER INSZENIERUNG.
Foto: Fotostudio M42

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