Schnell mal kreativ sein

Besuch beim Workshop: Stressabbau und Konzentrationssteigerung mit der Theaterpädagogik 

»Sitzen 13 Akademiker um 19.15 Uhr zusammen und machen Grimassen«, schreibt einer in die Chatkommentare und sendet drei dicke Grinse-Smilies hinterher. Seinem Gesicht, in das sich seit geraumer Zeit ein breites Lächeln eingegraben hat, sieht man den Spaß an dieser speziellen Abendunterhaltung an. Wie die anderen Akademiker, die sich zur Online-Konferenz verabredet haben, ist er Lehrer und der Einladung der Abteilung Theaterpädagogik zum Workshop »Energizer und Warm up« gefolgt. Schon zum zweiten Mal haben die Theaterpädagoginnen des Theaters Heilbronn zu einer Online-Fortbildung für Pädagogen eingeladen, in der sie ganz praktische Tipps vermitteln, wie man in einer Schulklasse nach anstrengenden Arbeitsphasen Lockerungsübungen einbaut, oder wie man die Konzentration wieder sammelt, wenn die Energie der Schüler langsam schwindet. Die Idee kam Natascha Mundt, Christine Appelbaum und Anna-Lena Weckesser, weil es im Online-Unterricht zu Corona-Zeiten dreimal schwerer ist, die Aufmerksamkeit der Schüler auf einem hohen Level zu halten. Sie selbst merken es bei der Arbeit mit ihren Kinder- und Jugendclubs, wo die Übungen ihnen schon so manchen guten Dienst erwiesen haben. Das Schöne ist, dass alle Methoden auch in Präsenzveranstaltungen und mit allen Altersgruppen funktionieren. Die Theaterpädagoginnen setzen sie regelmäßig ein, wenn sie in den Schulen der Region unterwegs sind, und kaum jemand kann sich dem Charme dieser so ganz und gar nicht pädagogisch wertvoll daherkommenden Energizer entziehen.
Auch die Lehrer nicht, denen Natascha Mundt und Christine Appelbaum an diesem Abend gern von ihrem Wissen abgeben. Eigentlich wollten sie zu zweit die Gruppe anleiten, aber weil es auch für diesen Termin so viele Anmeldungen gab, wird die Gruppe geteilt. Ich darf beim Online-Workshop vom Team Natascha zuschauen und, um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe schon lange nicht mehr so einen lustigen Abend erlebt.

Die Theaterpädagoginnen Natascha Mundt und Christine Appelbaum leiten die Workshops an.

Los geht’s mit einem Kennlernspiel: Die Computer-Kameras werden mit Post-its abgeklebt, die abgenommen werden, wenn man sich von einer bestimmten Frage der Teamleiterin angesprochen fühlt. Bei der letzten Frage in dieser Rubrik – Wer hätte jetzt lieber Präsenzunterricht? – sind alle Klebezettel weg. 
Bei einer der nächsten Übungen gilt es, schnellstmöglich Gegenstände in einer vorgegebenen Farbe herbei zu schaffen und in die Kamera zu halten. Danach geht es um Wahrnehmungstraining – alle Teilnehmer prägen sich für zwei Minuten die Gesichter und die Bild-Hintergründe der anderen ein. Dann werden die Kameras abgeklebt und jeder ändert zwei Details an sich, die anschließend von den anderen erraten werden müssen: Brille auf, Haare offen, Ordner verschwunden … Man muss schon genau hinschauen und sein Gegenüber bewusst wahrnehmen. Dann wird es wieder sportlich, wenn alle sehr zügig Utensilien heranholen müssen, die mit einem bestimmten Buchstaben anfangen. Wer die meisten Dinge eingesammelt hat, ist Sieger. Die Steigerung dieser Übung ist eine Geschichte, die man rund um diese Gegenstände erfinden soll. Je absurder, desto besser. Ein herrlicher Spaß und ein wunderbares Training für die grauen Zellen.

Bereit für den Workshop.

Nach einer kurzen Pause wird es nun richtig spaßig. Zunächst gilt es, berühmte Bilder nachzustellen. Dann soll man die Grimasse seines Vorgängers nachmachen (O-Ton der Ermunterung von Natascha Mundt: Man muss keine Angst haben, sich zum Obst zu machen). Wer will, kann hier mit seiner Gruppe die beste Grimasse küren. »Die Klassen lieben es, sie machen wirklich alle mit«, versichert die Theaterpädagogin.
Dann folgt die Aufgabe, Emotionen in unterschiedlichen Abstufungen darzustellen: zum Beispiel ein bisschen Freude, größere Freude, riesengroße Freude. An dieser Stelle ist bei vielen Workshopteilnehmern durchaus schauspielerisches Talent erkennbar.
Mein Highlight ist folgende Übung: Alle stellen sich mit dem Rücken zur Kamera. Wenn sie nach vorne schauen, befinden sie sich in einer bestimmten Rolle. Wie sieht ein typischer Lehrer aus? Vom Erklärbär bis zur (gegenwärtig) ratlosen Person ist eine große Auswahl an Persönlichkeitstypen. Und dann die Aufforderung: Dreht euch um als eure Schüler! Köpfe mit zerrauften Haaren und zerknirschten Gesichtern schauen jetzt aus den Video-Kacheln. Aber alle mit einem liebevollen Augenzwinkern, bei dem man erkennen kann, warum die Lehrer nach vielen Stunden online-Unterricht noch den Workshop absolvieren – für ihre Schüler nämlich!
So manche Übung könnte man auch als Party-Spaß in sein Repertoire aufnehmen, wenn es denn wieder möglich ist. Einen Zungenbrecher zu sprechen etwa – zuerst normal, dann ganz schnell, hinterher in Zeitlupe, mit einer vorgestellten großen Kartoffel im Mund, einem Zahnstocher quer oder einer heißen Kirsche. Oder man tauscht alle Vokale in ein A: Faschers Fratze faschte frasche Fasche …
Und versuchen Sie mal, in der Gruppe bis 21 zu zählen, jeweils einer nach dem anderen, ohne festzulegen, wer wann dran ist. Immer wenn zwei zur gleichen Zeit eine Zahl nennen, muss wieder von vorn begonnen werden. An diesem Abend kommen all die schlauen und engagierten Lehrerinnen und Lehrer nicht weiter als bis zur Sieben. Macht nichts! Dafür haben sie jede Menge Muskeln gelockert, Stress abgebaut und Glückshormone freigesetzt. So viel ist sicher!

Der Workshop wird für alle interessierten Lehrkräfte wieder angeboten. Wer Interesse hat, kann sich auf der Warteliste unter: theaterpaedagogik@theater-hn.de anmelden.

Podcast-Hörer wissen mehr

Theater Heilbronn lädt zum neuen Podcast-Format »HörBühne« ein

Ab morgen können Freunde des Heilbronner Theaters und solche, die es werden wollen, noch näher dran sein an allem, was im Theater passiert. Am 11. Februar beginnt das Theater unter dem Titel »HörBühne – hören was sich im Theater abspielt« mit einer regelmäßigen Podcast-Reihe. Zwei im Monat wird akustisch hinter die Kulissen geblickt, oder es werden Hintergrundinformationen zu den Inszenierungen des Theaters präsentiert, die man sonst nirgends bekommt. Es gibt Interviews mit den Theatermachern und Experten zu den Themen der Stücke oder Hörreportagen, die den Theaterleuten beim Arbeiten einfach auf die Finger schauen. Fakt ist: Podcast-Hörer wissen mehr und können die Theaterabende als bestens informierte Zuschauer genießen.

Katja Schlonski für den Podcast in Aktion. (Foto: Rebekka Mönch)

Das Theater Heilbronn hat sich für dieses neue Format eine Expertin ins Team geholt: Katja Schlonski, die viele Jahre als Reporterin, Moderatorin und Redakteurin beim SWR gearbeitet hat. Als leidenschaftliche Radiomacherin ist sie natürlich Profi beim Erstellen von Hörfunkbeiträgen. Für den Theaterpodcast kann sie dabei alle Register ihres Könnens ziehen und Radiofeatures erstellen, die im besten Sinne alte Schule sind und für die es im normalen Sendealltag kaum mehr Platz gibt.

Dafür hat sich Katja Schlonski in ihrem heimischen Arbeitszimmer ein Tonstudio eingerichtet. Ihre beruflichen Wurzeln liegen übrigens im Theater. Nach dem Studium ging sie ans Junge Theater Göttingen. Sie arbeitete als Regieassistentin hinter den Kulissen und stand als Schauspielerin auf der Bühne. Weitere Theaterstationen waren das Theater Konstanz und die Staatstheater Karlsruhe und Oldenburg, bevor ihr Weg sie zum Radio führte. »Die Liebe zum Theater ist immer geblieben. Irgendwie schließt sich jetzt ein Kreis«, sagt sie. Aus ihrer eigenen Erfahrung weiß sie um die Sensibilität, das Wechselspiel aus Nähe und Distanz, die es braucht, um den Kreativen am Theater in den Proben, die eigentlich geschützte Räume sind, zuschauen zu dürfen.

Katja Schlonski schaut im Podcast hinter die Kulissen. (Foto: privat)

Ursprünglich sollte die Begleitung der Uraufführungsinszenierung »Schwarze Schwäne« mit mehreren Podcasts das Pilotprojekt für die »HörBühne« sein. Katja Schlonski besuchte dafür einige Proben, interviewte die Akteure und beleuchtete die Arbeit am Stück unter den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Da sich die Premiere aber Corona-bedingt verschiebt, werden diese Beiträge später ausgestrahlt. Stattdessen beginnt die »HörBühne« nun mit Geschichten rund ums Theater, die davon erzählen, was sich im Haus am Berliner Platz alles ereignet, wenn offiziell nichts passiert. Die prägnante Erkennungsmelodie wurde übrigens von Markus Herzer arrangiert, der als Musiker an vielen musikalischen Inszenierungen des Theaters Heilbronn beteiligt ist. Sie leitet jeden Podcast ein – als unverwechselbares Signal: Hören Sie zu! Hier gibt’s was Spannendes auf die Ohren!

Am 11. Februar 2020 um 17.30 Uhr geht die erste Folge unseres Podcasts an den Start. Ihr könnt den Podcast direkt auf unserer Webseite hören unter:
https://www.theater-heilbronn.de oder bei Spotify, iTunes, Deezer und vielen anderen Podcast-Apps.

Jeden 2. und 4, Donnerstag im Monat gibt es eine neue Folge.
Startet mit uns einen Lauschangriff auf die Geschichten im Theater.


Clubszene digital

Die Theaterclubs am Theater Heilbronn gehen trotz Pandemie und damit einhergehender geschlossener Theater weiter. Wie das geht? Theater ist doch so nah, so unmittelbar? Die direkte Erfahrung zwischen den Akteuren und den Zuschauern. Genau das haben sich zu Spielzeitbeginn auch die drei Theaterpädagoginnen Christine Appelbaum, Natascha Mundt und Anna-Lena Weckesser gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Evelyn Döbler gefragt. Und sich bewusst dazu entschieden, das Wagnis »Online-Theaterclub« einzugehen. Also treffen sich seit Ende Oktober die vier Clubs wöchentlich über eine Konferenzplattform, um hier gemeinsam den digitalen Raum als Spielfläche zu nutzen.

Der Kinderclub bei den Proben.

Erstaunlicherweise ist das gar nicht ein so großer Unterschied zum realen Proben in den Clubs. Mittlerweile haben sich die Teilnehmer gut als Gruppe zusammengefunden, obwohl sich fast noch niemand davon in der wirklichen Welt getroffen hat. Erste Schauspielübungen für den Körper und die Stimme gingen den Clubbern gut von der Hand. Sie konnten sogar ihren Raum erfahren, indem sie ausprobiert haben, was die Kamera alles so aufzeichnen kann.

Momentan probieren sich alle Clubs an der Kunst des Improvisierens. Hier gilt es, spontan zu sein, sich auf die Situation und seine Mitspieler einzulassen, Kompromisse einzugehen und mit Lust jedes gemachte Angebot der Mitspieler anzunehmen und zu nutzen. Vielleicht befindet man sich so plötzlich in einem Opern-Western, findet auf einem fernen Planeten einen Gegenstand, den man klassifizieren soll oder muss einen gekauften Gegenstand im Laden umtauschen, obwohl man keine Ahnung hat, was man da eigentlich gerade zurückgeben will. Lacher sind also auch auf die Ferne unter den Teilnehmern garantiert und das bindet auch wieder die Gruppe ein Stück mehr zusammen.

Der Teensclub in Aktion.

Kernstück unserer Clubarbeit am Theater Heilbronn ist jedes Jahr das gemeinsame Erarbeiten eines eigenen Stücks, das die Clubber unter theaterpädagogischer Anleitung selbst schreiben. In dieser Spielzeit  beschäftigen sich alle mit dem Spielzeitmotto »Paradise Lost«, das geradezu gespenstisch zur aktuellen Lage passt.

Durch Improvisationsspiele und -übungen und Gesprächsrunden sammeln die Teilnehmer ihr Material, aus dem dann später ein Stück entstehen soll. Ob dies dann analog in der BOXX zu sehen sein wird, oder ob wir uns dazu auch eine digitale Alternative ausdenken, steht momentan noch in den Sternen. Wir freuen uns aber auf beides und machen aus der Not eine Tugend.

Ein Blick in die Proben des Jugendclubs.

Wodka gegen strenge Gerüche

Die Kostümwerkstatt kennt so manches Hausmittel zur Pflege von Kleidung

Als die Kostümwerkstatt des Theaters Heilbronn zum wiederholten Mal eine größere Menge Wodkaflaschen bestellte, bat der Intendant den Leiter Manuel-Roy Schweikart zu einem vertraulichen Gespräch zu sich. Was ist denn bei Ihnen los? Wozu brauchen Sie denn den ganzen Wodka? Hat da jemand ein Problem? Der Chef der Kostüm­abteilung konnte den Theater­leiter beruhigen: Wodka ist einfach das beste Mittel gegen Schweißgerüche bei Kostümen, die nicht permanent gereinigt werden können. Man füllt das hochprozentige Getränk in eine Sprühflasche und bringt den Wodkanebel auf das Kleidungsstück auf. Anschließend wird es zum Lüften aufgehängt und duftet am nächsten Tag wieder frisch. Warum das funktioniert? Der Alkohol tötet die Bakterien ab, ist aber geruchlos. »Wir haben viele Kostüme aus speziellen Materialien, die man nur schwer reinigen kann«, sagt der erfahrene Gewandmeister. Das ist ein Mittel, das man übrigens auch für den Hausgebrauch nutzen kann – statt Jacketts häufig in die Reinigung zu geben, lieber einmal mit Wodka behandeln, dann werden sie wieder frisch. Auch Stinke-Schuhe kann man auf diese Weise von lästigen Gerüchen befreien.

Manuel-Roy Schweikart in der Kostümwerkstatt.
Foto: Rebekka Mönch

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kostümwerkstatt haben einen Haufen Tipps zur Pflege und Reinigung von Kleidung parat. »Jeder steuert aus seinem reichen Erfahrungsschatz etwas dazu bei«, erzählt Schweikart, der selbst an seinen unterschiedlichen beruflichen Stationen viele neue Tricks gelernt hat. Nach seiner Ausbildung zum Damen- und Herrenschneider am Theater Augsburg arbeitete er an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin und absolvierte dann ein Meisterstudium in der Modellistik. Einer seiner ersten Arbeitgeber war Wolfgang Joop, in dessen Firma »Wunderkind« Manuel-Roy Schweikart die Inspirationen des Meisters umsetzte. Bevor er ans Theater Heilbronn kam, gehörten Guido Maria Kretschmer, Adelshäuser, Adidas und die Lufthansa zu seinen Auftraggebern. Woher er weiß, dass farbige Kleidung ihre Farbintensität behält, wenn man dem Waschmittel beim ersten Waschen einen guten Schluck Essigessenz und circa zwei Esslöffel Salz zusetzt, kann er nicht mehr rekonstruieren. Er weiß einfach, dass es funktioniert. »Das tut übrigens auch der Waschmaschine gut«, ergänzt er. Von speziellen Waschmitteln für dunkle Wäsche hält er nichts. Die seien nur ein Verkaufstrick. Spätestens wenn die Corona-Kontaktbeschränkungen aufgehoben werden, dürften viele auch dieses Problem wieder beklagen: Make-Up-Flecken auf Sakkos. Küsschen links und Küsschen rechts, eine Umarmung, und schon hat man beige oder zartbraune Schlieren auf dem Stoff. »Hier helfen ganz normale Baby-Feuchttücher ohne Öl, mit denen man leicht über die Flecken wischt«, rät Manuel-Roy Schweikart.

Vorratsschrank der Kostümabteilung.

Bei Öl-Flecken in Kleidung kennen viele den Tipp, ein einfaches Geschirrspülmittel anzuwenden. Das geht aber nur bei waschbaren Sachen. Ist das nicht der Fall, kann ein Stück Schneider-kreide helfen. Man schabt ein-fach ein wenig Pulver von der Kreide auf den Fleck. Diese darf aber nur leicht aufliegen und keinesfalls eingerieben werden. Nach einer kurzen Zeit wird das ganze ausgeklopft. Die Kreide hat dann das Öl wie ein Magnet herausgezogen. Krauseminzwasser hilft gegen Glanzstellen vom Bügeln. Lavendelwasser, mit dem man Stoffsäckchen tränken und in den Schrank hängen kann, ist stark gegen Motten. Beide Wässerchen sind preiswert in der Apotheke zu bekommen und werden viel im Kostümfundus eingesetzt. Ganz kostenlos ist ein Hausmittel zu haben, das gegen Blutflecken hilft: Spucke. Allerdings nützt die nur beim eigenen Blut. Bei fremdem sollte man schnellstens kaltes Wasser über die Flecken laufen lassen – niemals warmes. Wer seinen Lederschuhen einen glanzvollen Auftritt verschaffen will, sollte sie mit Nylonstrümpfen putzen. Wildlederschuhe, auch in hellen Farben, bekommt man mit einfachem Shampoo wieder sauber. Dieses wird mit Wasser und einer Bürste aufgeschäumt und vorsichtig mit klarem Wasser ausgespült. Dabei ist es wichtig, immer beide Schuhe gleich zu behandeln, damit man nach der Prozedur keine unterschiedlichen Farben hat, und die Schuhe hinterher langsam bei Raumtemperatur zu trocknen. Heiße Luft tut da nicht gut. Kälte ist hingegen ein gutes Mittel zur Pflege von Kleidung. Ein Cashmere-Pullover bleibt schön weich und kuschelig, wenn man ihn ein paar Stunden in einem Gefrierbeutel ins Eisfach legt. Danach lässt man ihn einfach im Liegen trocknen. Die Cashmere-Ziegen, von denen die wertvolle Wolle gewonnen wird, leben in Nordindien, im Himalaya oder der Mongolei und sind kalte Temperaturen gewöhnt, meint Manuel-Roy Schweikart und ergänzt augenzwinkernd: »Das ist im Grunde genommen für den Pullover wie nach Hause kommen.«

»WILD!« – Wir sind Premierenklasse

Von Ende September bis Anfang November begleitete die Klasse 6a der Lindenparkschule Heilbronn die Entstehung des Stücks »WiLd!«. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse haben sie für uns in folgendem Bericht fest gehalten.

Start des Projekts
Im letzten Schuljahr am 15.07.2019 war Frau Kuß bei uns in der Schule. Frau Kuß ist Regisseurin im Theater Heilbronn. Sie erklärte uns was ihre Aufgabe als Regisseurin ist. Eine Regisseurin legt fest, was im Theaterstück vorkommen soll. Das nennt man Regie. Wir durften Fragen stellen und haben ein Spiel gespielt. Außerdem durften wir verschiedene Gefühle darstellen, wie zum Beispiel ängstlich, fröhlich oder wütend. Zum Schluss erzählte sie uns noch, wie das Stück heißt und worum es in dem Stück geht. Das Stück heißt »WILD!« und es handelt von Billy, einem Jungen mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung). Wir sollten Frau Kuß zeigen, was für uns »wild« bedeutet. Also gingen wir im Klassenzimmer herum und waren wild.

Wir lernen Patrick Isermeyer kennen
Am 26.09.2019 waren wir zum ersten Mal in diesem Schuljahr im Theater. Wir sind mit Frau Kuß in einen Raum gegangen und in diesem Raum war das Bühnenbild aufgebaut. In diesem Raum übt Patrick Isermeyer seine Rolle als Billy in dem Stück »WILD!« . Etwas später kam Patrick Isermeyer und erzählte uns etwas von sich. Wir haben sehr viele Fragen gestellt und Patrick hat uns eine Szene aus dem Stück »WILD!« vorgespielt. Wir, die 6a, durften Patrick Tipps geben. Wir haben Standbilder und verschiedene Theaterübungen gemacht.

Auch wir sind Schauspieler
Am 7.10.2019 kam dann Frau Appelbaum zu uns an die Schule. Wir gingen in den Festsaal und machten ein paar Übungen. Wir lernten zum Beispiel verschiedene Geschwindigkeiten kennen. Außerdem haben wir Szenen aus dem Stück »WILD!« selbst gespielt. Frau Appelbaum ist Pädagogin am Theater. Eine Theaterpädagogin vermittelt zwischen dem Theater und dem Publikum. Sie organisiert zum Beispiel Workshops für Kinder und Jugendliche.

Probenbesuch und Theaterbesichtigung
Als nächstes waren wir nochmal im Theater. Wir haben wieder Patrick, Frau Kuß und Frau Appelbaum getroffen. Patrick hat mehrere Szenen vorgespielt. Wir durften wieder Tipps geben und Fragen stellen. Dann haben wir das Theater angeschaut. Als wir das gemacht haben, hat Frau Appelbaum etwas über das Theater erzählt und wir haben den größten Kleiderschrank von Heilbronn gesehen.

Besuch der Theateraufführung
Am 5.11.2019 waren wir nochmal im Theater. Aber dieses Mal waren wir in der Boxx und wir haben das Theaterstück angeschaut. Wir und unsere zwei Lehrerinnen hatten kostenfreien Eintritt und wir durften als Erste unsere Plätze auswählen. Wir haben die erste Reihe genommen und dann ging es schon los. Es war super und jetzt war auch noch der Schlagzeuger mit dabei. Er hat das Stück begleitet und hatte eine coole Frisur. Zurück in der Schule haben wir noch über das Theaterstück gesprochen. Wir konnten uns richtig gut in Billy hineinversetzen und uns vorstellen wie er sich fühlt.

DANKESCHÖN!
Uns, der Klasse 6a der Lindenparkschule Heilbronn mit Frau Matter und Frau Grammetbauer, hat das Projekt »Premierenklasse« sehr gut gefallen.
Wir bedanken uns von Herzen bei Frau Kuß, Frau Appelbaum, Patrick Isermeyer und dem Theater Heilbronn für die tollen und spannenden Einblicke!

Auch wir bedanken uns bei der Klasse 6a der Lindenparkschule, dass sie unsere Premierenklasse bei »WiLD!« waren und uns mit diesem schönen Bericht teilhaben lassen.
Alle Vorstellungen zu »WiLd!« finden Sie auf unserer Webseite.
Am 5. März 2020 gibt es ab 19.30 Uhr einen Themenabend »Leben mit AD(H)S« und einer Abendvorstellung von »WiLD!«.

Soziale Obdachlosigkeit

von Anja Bothe

Die Schauspielerin Anja Bothe spielt in Delphine de Vigans »No und ich« die Pariser Schülerin Lou Bertignac, die die 18-jährige Obdachlose No von der Straße holt, um ihr ein Zuhause und Geborgenheit zu schenken. Während der Probenarbeit hat Anja Bothe sich literarisch mit dem Thema (soziale) Obdachlosigkeit beschäftigt.

Anja Bothe in »No und ich«
Foto: Thomas Braun

Wir alle brauchen Familie. Egal ob groß oder klein. Ob erwachsen oder ein Kind. Wir alle brauchen Familie. Und wer sie nicht hat, hat die Arschkarte. Wer sie nicht hat, der muss schauen wo er bleibt.

Ich fühle mich manchmal obdachlos. So als hätte ich keine Heimat. Als ob ich immer auf der Suche wäre. Nach meinem Zuhause. Einen Vater haben. Eine Mutter. Vielleicht Geschwister. Ist es das? Ist es eine gute Kindheit? Was erlebt man in seiner Kindheit? Wie lebt man, um ein Zuhause zu haben? Um sich, wenn man erwachsen ist, nicht wie eine Obdachloser zu fühlen? Obdachlos. Man hat kein Obdach. Aber das kann man sich doch leisten. Das kann sich doch jeder in Deutschland leisten. Wegen Hartz IV und so. Da gibt es doch Möglichkeiten. Aber was ist mit dem ganz persönlichen Erleben? Mit den ganz persönlichen Erlebnissen und Gefühlen?

Und dann gibt es die gesellschaftlichen Einordnungen. Die Normen. Wie man zu sein hat. Was man zu machen hat. Die Strukturen. Aber was ist, wenn man in eine solche Struktur nicht passt? Sein ganzes Leben versucht man sich anzupassen. Sich hinein zu formen. Umzuformen. Sich von seinem eigentlichen Wesen, seinem Urinstinkt zu verabschieden. Aber kann man das überhaupt? Sich so losreißen. Man wird geboren in eine Umgebung, in ein Umfeld. Man kann sich seine Familie nicht aussuchen. Man kann sich auch nicht aussuchen, ob sie für den Monat genug zu essen hat. Man kann sich die Liebe seiner Eltern nicht aussuchen. Man kann sie nicht erzwingen. Man könnte meinen sie wäre von Grund auf da. Wie ein unausgesprochenes Band. Aber was ist, wenn ein Elternteil dich nicht liebt? Was ist, wenn es diese angeblich grundlegende unanfechtbare Liebe nicht geben kann? Und du schreist nach ihr. Weil es ein Grundbedürfnis ist. Du schreist wie ein Löwe. Und du weiß nicht, warum du diese Liebe nicht erhältst. Und dann veränderst du dich und wächst heran. Aber dieses Grundbedürfnis wurde nicht gestillt. Du hast es einfach nicht erlebt.

Und diese Seelen wandern in einer Gesellschaft, in der man sich gegenseitig nicht mehr brauchen will. In der es einfacher scheint, für sich zu leben. In einer Gesellschaft, in der man nebeneinander her lebt. In der man hinter verschlossenen Türen Schwäche zeigt. Eine Gesellschaft, in der am besten alles gleich bleibt: neutral und steril. In der der »gute« Schein gewahrt wird. Weil alles andere wäre anstrengend.
Soziale Obdachlosigkeit ist für mich ein Symptom. Ein Mangel an Liebe. Eine Verkümmerung. Ein Nicht-Helfen, ein Unverständnis der Umwelt. Was ist, wenn man anders ist? Wenn man vielleicht nicht laut, sondern leise ist. Wenn man nur schreien kann statt normal zu sprechen. Hören wir uns trotzdem? Warum müssen wir alle einer bestimmten Norm entsprechen? Wer hat die festgelegt und warum? Ich will Diversität in einer Gesellschaft, die sich nur noch unter einem Deckel befindet.

Was ist, wenn man kein Zuhause hat? Wenn dieses Grundbedürfnis von einem auf den anderen Tag wegfällt? Wenn sich plötzlich ein Mensch von dir trennt. Deine Mutter, dein Vater, dein Bruder, deine Schwester, deine bester Freundin, deine Freund*in. Wenn ein Band zerbricht. Wenn es eine Verkettung von Umständen gibt. Ein Unglücksfall in der Familie. Manche Dinge kann man erklären und manche nicht. Das Leben verlangt keine Erklärung. Menschen schon. Wir wollen die Hintergründe wissen. Denn alles hat doch seinen Grund. Aber es gibt keine Erklärung. Keinen Wegweiser. Manchmal schwebst du und musst entscheiden wohin. Oder zumindest denkst du das. Aber Sicherheit gibt es nicht. Viele Menschen konstruieren sich ein Sicherheitspaket und kommen ihr Leben scheinbar damit zurecht. Aber gibt es Gehör und Empathie für diejenigen, die diese Sicherheit nicht haben?

Zu Hause. Was ist das für dich?

Noch bis zum 8. Juli 2020 könnt ihr Anja Bothe als Lou in »No und ich« erleben.

Sarah Finkel, Anja Bothe, Sascha Kirschberger in »No und ich«
Foto: Thomas Braun

Dreizehnte Szene oder Das Stück im Stück

Der Berliner Publizist und Dramatiker Thomas Martin hat eigens für das Theater Heilbronn den Debütroman von Lukas Rietzschel »Mit der Faust in die Welt schlagen« bearbeitet. Dafür hat er einen ganz eigenen sprachlichen und theatralen Zugriff auf den Stoff gefunden.

Die hier veröffentlichte Szene 13 ist in dieser Form nicht auf der Bühne zu sehen, sie hat sich im Lauf der Probenarbeit verändert. Statt der Figur des Tobias‘ ist es in Axel Vornams Inszenierung der ältere Bruder Philipp, der seinen Mitschüler Ramon auf dem ehemaligen LPG-Hof aufsucht.
Die hier veröffentlichte Szene 13 ist in dieser Form nicht auf der Bühne zu sehen, sie hat sich im Lauf der Probenarbeit verändert. Statt der Figur des Tobias‘ ist es in Axel Vornams Inszenierung der ältere Bruder Philipp, der seinen Mitschüler Ramon auf dem ehemaligen LPG-Hof aufsucht. Die Lektüre der ursprünglichen Szene 13 von Thomas Martin ermöglicht nicht nur einen Eindruck seines Schreibansatzes, sondern hinterfragt auch die Form des Erzählens im Theater und damit sich selbst.

13. LPG

Ramons Hof. Tobias, Ramon. Elli. Ramons Mutter.

CHOR
Ein Feld, ein Weg, ein Feld. Dann wieder ein Feld. Abgeerntet, Spuren von Traktoren, die Sonne frei, der Himmel wolkenlos. Ein Gelb, ein Blau.

ELLI
War van Gogh je in der sächsischen Oberlausitz? In Sorbien?

CHOR
Steine auf der Straße an den Feldeinfahrten. Lehmfarbener Acker soweit du sehen kannst, bis Tschechien, bis Polen. Zwischen den Feldern die Höfe. Alte Höfe, große Tore, meistens morsch. Alte Höfe, leere Höfe. LPG-Höfe.

TOBIAS
EllPeGE, was heißt das eigentlich?

CHOR
Die Gärten klein, zur Straße hin von Maschendraht begrenzt. Ramons Häuschen grün gestrichen. Er und seine Mutter plus Geschwister wohnen in einem der drei Häuser, die der Hof mal waren. Der Hof daneben: ZU VERKAUFEN. Ramons Mutter hält Kühe. Kühe und Kinder, sonst hält sie nichts.

TOBIAS unschlüssig am Tor, klopft.

CHOR Nase zu
Wie das stinkt!

ELLI
Aber die geben doch die gute Milch.

CHOR
Und warum ist die so billig, daß der Bauer nicht mal leben kann davon?

ELLI
Weil ihr in der Schule nicht aufgepaßt habt, Honks, darum!

TOBIAS
Weil die uns plattmachen hier in unserm Freilichtmuseum.

CHOR
Ah, Philipp der Kluge. Er spricht!
Quatsch, sieh doch mal hin, das ist Tobias. Der kleinere von beiden.
Und was will der beim großen Ramon?
Ist doch egal, wer das ist, bei Brüdern spielt das keine Rolle.
Genau, ganz egal, wer wen hier spielt, solang wir fantasieren.
Tobi oder Philipp, eh alles nur Theater. Wie bei den Räubern.
WIE BEI DEN RÄUBERN.
Und sie sehn sich so ähnlich, zwei Jahre Altersunterschied, was macht das schon.
WIE BEI DEN RÄUBERN.
Ganz gewöhnliches Theater. Genau.
Bretter und der elektrische Mond und dahinter die Fleischbank, die allein echt ist.
WIE BEI DEN RÄUBERN.
Aber Rindfleisch muß es sein.
WIE BEI DEN RÄUBERN, WIE BEI …

ELLI
Chöre, mein Gott!

CHOR
Wir haben Chöre gesehen der Arbeiter
Haben Chöre gesehen des Proletariats
Chöre der kommunistischen Genossen
Sogar Chöre auf dem Land, Bauernchöre
Haben wir gesehen, aber noch keinen
Chor, der den Kapitalismus repräsentiert.

ELLI
Was für ein Chor sollte das denn sein, bitte?

CHOR
Wir!

TOBIAS
Obzwar ich schon Bauklötzer staune, ganz glauben kann ich das nicht.

ELLI
Hör nicht hin, ist der blanke Populismus.

TOBIAS
Hör ja gar nicht hin.

CHOR
Die alte Form des Dramas ermöglicht es nicht, die Welt so darzustellen, wie wir sie heute sehen!

ELLI
Ganz recht, schließlich dramatisieren wir Romane. Neue Romane! Romane einer ganz neuen Generation. Und nicht nur das: Wir dramatisieren ein Volk. Gut, gut: ein ehemaliges, ein halbes. Aber was red ich, wo wir doch seit … ja seit wann eigentlich? ein Volk sind, ein einiges, echtes, das sein Volksein leben will, verstehen will, versteht sich. Die Sehnsucht nach Echtheit wächst natürlich mit dem Fortschritt digitaler Welten, in der Kunst vor allem. Seht euch doch um, wenn ihr euch umseht. Trotzdem hat die zeitgenössische Dramatik derzeit keinen leichten Stand. Selbst an den Theatern nicht. Erst recht an den Theatern nicht. Das Drama: ein Relikt. Die Postdramatik löst sich im Performativen auf wie Silber in der Säure, Stadtteilprojekte, Recherchen, Bürgerbühnen und offene Formate reagieren schneller und politischer. Das Vertrauen in das Miteinander von Regie und Dramatik schwindet, auch bei uns. Dabei gibt es doch beim Publikum eine Sehnsucht nach Erzählungen, nicht wahr. Das steht sogar in der Zeitung. Und kein Unterschied zu sehen zwischen Ost und West … und da können wir nun konstatieren: Hier ist die Einheit nach nur 30 Jahren doch erreicht, im Dramatisieren von Romanen. Hut ab, kann ich da nur sagen, wenn ich einen hätte.

TOBIAS sitzt auf dem Boden und flickt an seinem BMX herum
Wenn das eine Regieanweisung wäre, würde ich lesen: „Sitzt auf der Erde und flickt an seinem BMX-Rad rum.“ Ich habs verstanden.

CHOR
Aber wem gehört der Roman, und wem das Drama? Wem gehört das Theater?

ELLI
Wo ihr fragt, da sollt ihr Antwort haben: 80 Prozent der, jawohl, 140 öffentlichen Theater in Deutschland sind renovierungsbedürftig. Es gab zwei Bauwellen von Theatern, zwischen 1890 und 1910 und dann die schönen Häuser nach dem Weltkrieg, dem zweiten. Und ihr könnt eben nicht 50 Jahre lang nichts an einem Bauwerk machen, denn dann fällt es zusammen. Und das ist bei uns hier der Fall. Ich kann nur sagen, seht euch um. Jeder Hausbesitzer weiß, er muß fünf bis zehn Prozent der Bausumme jährlich für Reparatur und Sanierung aufwenden. Das ist wie auf einem Bauernhof, weil Eigentum, ihr habts gehört, verpflichtet, auch und erst recht das geistige. Bei den Theatern hat man das gespart. Weggespart. Mit erheblichen Folgekosten, liebes Publikum, neutral bleiben nützt hier gar nichts. Schlägt ja alles zurück auf die Preise, die Öffentliche Hand. Wir subventionieren den eigenen Verfall, kann ich dazu nur sagen. Außerdem sind unsere Theater zu klein geworden: Lüftung, Klima, Brandschutz, Werkstätten, Fundus, all das braucht heute viel mehr Platz. Vom Publikum, das uns die Buden einrennt, gar nicht zu reden, da habt ihrs.

CHOR
Die Theater sind also von heute aus betrachtet gar nicht zukunftsfähig, meinst du das?

ELLI
In der Tat, das meine ich, sie sind nicht zukunftsfähig. Wir haben ein Drittel weniger Festangestellte als noch vor elf Jahren, und mit dieser knappen Personaldecke spielen wir 69.900 Vorstellungen, fast 300 pro Tag, das ist Weltrekord! Im künstlerischen Bereich bekommen auch immer weniger von uns Festverträge, ich weiß, wovon ich rede. Alle im Theater werden ausgequetscht wie die Zitronen. Ich bin nicht sicher, ob das Bild trägt, aber ihr wißt, was ich meine. Das Theater ist doch der Ort, an dem Visionen entwickelt werden, an dem die gesellschaftlichen Zustände kritisch hinterfragt werden, stimmts nicht? Da fangen wir am besten gleich bei uns selber an.

CHOR uneins mit sich selbst
Es handelt sich hier offensichtlich aristotelische Einfühlungs-Dramatik. Die Nachteile dieser Technik könnten bis zu einem gewissen Grad ausgeglichen werden, wenn man das Stück zusammen mit einem Dokumentenfilm, der die Vorgänge in Spanien zeigt, oder irgendeiner propagandistischen Veranstaltung aufführen würde … was meint ihr?

TOBIAS zwischen verträumt und zu doof am Fahrrad
Spanien? Ich war noch nie in Spanien …

RAMON aus dem Off hinter dem Bretterzaun
Du kannst nicht neutral bleiben, Theresa!

RAMONS MUTTER Off
Für dich immer noch Mutti, mein Sohn!

ELLI
Jawohl, denn es gibt eine Sehnsucht nach tragischen Konflikten. Nach Gesprächskatalysatoren. Nach Dialog. Absurderweise aber wird danach nicht in der Dramatik gesucht, sondern im Roman. Ist zeitgenössische Dramatik zu komplexeren Erzählungen nicht mehr in der Lage? Wer, wenn nicht die Theater, kann professionellen Begleitschutz dafür bieten, frage ich? Sprechen wir über die Besitzverhältnisse! Zurück zu den Wurzeln, back to the roots! Und dem Zeitgeist auf den Fersen! Die nichtdramatische Form wird gern auch deshalb in Kauf genommen, weil Romaninszenierungen zu publikumsgenerierenden Wiedererkennungseffekten führen. Titel, die in der SPIEGEL-Bestsellerliste vorkommen, sind einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Theaterstücke kommen – wenn überhaupt – nur noch als hochspezialisierte Nischengattung auf dem Buchmarkt vor. Versucht es selbst: findet erstens einen Buchladen, zweitens dort eine Ausgabe mit Stücken, viel Glück! Aber genug jetzt, weiter im Text, dem Roman hinterher, Leser, mir nach: Tobias legt also sein BXM-Rad endlich auf dem Feldweg ab und stellt sich vor das Tor von Mutter Mehlschwitz, da kommt sie. Er sieht durch das rissige Holz auf den Hof. Ablauf: immer der gleiche. Fragen, ob derjenige rauskommen dürfe, von dem man hoffe, daß …

TOBIAS technisch auf der Höhe der Zeit:
Ist Ramon da? Darf er mal raus?

CHOR
Ist Ramon da? Darf er mal raus?

TOBIAS
Darf er?

ELLI
Und wenn die Eltern die Tür öffnen, auch immer das Gleiche.

CHOR
DARF RAMON RAUS? NEIN, DARF ER NICHT. JA, DARF ER DOCH.

»Mit der Faust in die Welt schlagen«; Friedrike Pöschel (Ramons Mutter), Romy Klötzel (Elli)
Foto: Candy Welz

RAMONS MUTTER erscheint in der Türe wie im Folgenden exakt beschrieben:

ELLI
Ramons Mutter: rotgefärbte Haare, fett geschminkt, mit Schmuck behängt, Typ polnische Friseuse, und immer eine Fluppe zwischen den auch rotgefärbten Lippen, hat wohl grad Suppe für die jüngsten auf dem Herd.

TOBIAS
Ich kenne Sie von BILLIGLAND, wo sie an der Kasse sitzen, weil sie den Hof allein nicht halten können. Ist ja nicht mehr LPG, nein, Besitz, das haben wir gelernt, verpflichtet, Frau Mehlschwitz.

RAMONS MUTTER
Genau. Wer hat, der kann machen, was er will damit. Verpißt euch.

CHOR
Wir wollen nichts lernen.

RAMONS MUTTER
Ja, weil ihr viele seid. Aber wieviel seid ihr noch?

CHOR
Genug.

RAMONS MUTTER
Und was habt ihr?

CHOR
Nicht viel.

RAMONS MUTTER
Woher sollt ihr von Besitz was wissen, woher ich? Hat uns keiner in die Hand gegeben. War Volkseigentum das alles, privat war eher Staatsvergehn, hast kaum mehr davon gehabt als Ärger. Nur Unterricht, das war das einzige. Lernen, lernen, nochmals lernen. Tag, Tobi, Ramon ist im Schuppen.

TOBIAS
Danke, Frau Mehlschwitz.

RAMONS MUTTER
Aber nicht rauchen, das fliegt sonst alles in die Luft hier wegen dem vielen Altöl von früher.

CHOR
Er wollte noch fragen, wo der Schuppen und wie er dorthin, aber da schloss sie von innen die Tür ab. Drehte den Schlüssel zwei Mal und ein drittes Mal.

TOBIAS
Stille. Und Gestank. Und Fliegen, sie verfolgen mich.

CHOR
Hab dich nicht so, kleiner Mann. Sind bloß Fliegen, gewöhnliche Fliegen. Und die stechen nicht. Sie erinnern nur an das, was zu tun ist, Tobias.

TOBIAS
Wie das aussieht hier …

ELLI
Zerbrochene Betonplatten im Hof. Als ob hier Panzer durchgefahren wärn oder der Schaufelbagger vom Tagebau nebenan. Korrigiere mich wie folgt: Zerbrochene im was ein Hof gewesen war … ein Baumstrunk in der Mitte, eine Plastebank davor. Nur eine von drei Hausfassaden gestrichen, sonst grauer Putz, der fröhlich bröckelt. Die Fenster offen oder fehlen ganz. Buntes Spielzeug, ein Bagger, ein Traktor umgekippt auf dem Boden neben Pflanzenkübeln.

CHOR
Ramon hat auch einen Bruder oder zwei sogar, der weiß, was das heißt. Immer einen Kleinen an den Hacken.

TOBIAS
Und überall der Gestank und die Fliegen.

ELLI
Dafür hat die Garage ja gottseidank kein Dach, ist also immer schön Durchzug.

RAMON
Hey.

TOBIAS
Scheiße.

RAMON
Was?

TOBIAS
Daß ich einfach mal Hallo sagen wollte und du erschreckst mich.

CHOR
Wie erbärmlich er aussehen muss in Ramons Augen. Wie der totale Untermensch. Die Flasche. Aber Ramon!

ELLI
An die Werkbank gelehnt, unter weißen Neonröhren, eine flackert, ein Moped, frisch lackiert.

RAMON
Meine Mutter lässt jeden rein, der die Klingel findet. Ich sag ihr, dass sie da aufpassen soll, ich bin ja auch nicht immer da. Ist gefährlich hier draußen, Zigarette?

TOBIAS
Nein, danke muß nicht sein.

RAMON raucht
Ist gut gegen die Fliegen.

ELLI
An den Wänden Blechschilder RADEBERGER PILSNER, eine verblasste Dynamofahne und das Poster einer Frau, die ihre Beine spreizt, das sich an zwei Ecken gelöst hat und sich im Zugwind hinundherbewegt …

CHOR
Oh, und das viele Werkzeug ringsherum, Hammer und Sichel …

RAMON
Hier sind manchmal Leute unterwegs, ich sag dir. Willst du was trinken?

TOBIAS
Was hast du denn?

CHOR
Klasse Antwort, TobiasPhilipp, gut gemacht. Mach weiter so.

RAMON
Radeberger und noch nen Kasten Zeckenbier.

TOBIAS
Radeberger, das ist gut.

RAMON
Kalt wär besser.

TOBIAS
Bier ist Bier.

»Mit der Faust in die Welt schlagen«; Sven Marcel Voss (Philipp), Arne Löber (Ramon)
Foto: Candy Welz

CHOR
Hört, hört! Bier ist Bier!

ELLI
Ramon grinst, Tobias unterdrückt ein Würgen. Ein schlaffer Wind ergreift das Poster, läßt es an den losen Enden träge flattern. Das Papier so dünn, dass es sich anhört, als könnte eine Fliege sich nicht von der Wand lösen, wo der klebrige Leim von der Falle sie hält.

CHOR „Fliegen
Ssssssss…chnlllzsch…p…lopp!

TOBIAS
Na dann: Prost, Ramon.

RAMON
Tobi, prost!

ELLI
Tobias sieht, wie es reißt, das Poster, an den Beinen der Gespreizten entlang … Ramon nimmt einen Schluck aus der Flasche, die freie Hand fährt lässig über den gepolsterten Sitz seines Mopeds. Und ich, ich mach mich vom Hof jetzt.

Ab.

RAMON
Deine Alte arbeitet doch im Krankenhaus. Da verdient die doch bestimmt ganz gut.

TOBIAS
Alte?

RAMON
Mutti, Mensch.

TOBIAS
Weiß nicht, kann sein.

RAMON
Habt ihr ein Auto?

TOBIAS
Renault.

CHOR
Das ist doch kein Auto! Oder denkt er etwa auch: Auto ist Auto?

RAMON
Warum bist du hergekommen?

TOBIAS
Was du alles hast hier, ganz schön alt.

RAMON
Mein Vater hat den kompletten Scheiß hier gelassen. Richtig gutes Werkzeug aus der DDR. Kein Billigscheiß, den du bei OBI kaufst.

CHOR
Was er jetzt plötzlich gegen OBI hat? OBI ist doch super, OBI sind die besten.

TOBIAS
Wo ist dein Vater eigentlich?

RAMON
Hat sich verpisst und fickt sich drüben durch.

CHOR
Ein Vaterproblem. Da macht auch Ramon keine Ausnahme.

TOBIAS
Im Westen?

RAMON
In Polen, du Blödmann.

CHOR
Im Westen! Der ist gut!

TOBIAS
Aber du hast ihn noch gekannt, oder?

RAMON
Der hat meine Mutter sitzen lassen, da war ich zwei drei Jahre alt. Da hatten wir auch noch mehr Kühe.

CHOR Nase zu
Puh, wie das gestunken haben muß!

RAMON
Wir kommen auch ohne ihn klar. Und ich hab Freunde.

TOBIAS
Du bist der Vater hier.

RAMON
Menzel ist der Führer.

TOBIAS
Hier?

RAMON
Von der Bande.

TOBIAS
Bande, wie das klingt.

RAMON
Gut klingt das, und nicht jeder darf das sagen.

CHOR
Nicht jeder darf dabei sein, nein. Und nicht jeder ist wie Ramon. Jetzt sitzt er auf dem Moped. Sein Haar ist ganz kurz. Das Gel drin läßt es glänzen. Er riecht nach dem Deo aus der Werbung, wie hieß das noch, vergessen …

RAMON
Zigarette?

CHOR
Der Kuhmist stinkt und Ramon duftet.

RAMON
Glaub bloß nicht, man kann damit verdienen. Was die für die Milch zahlen, ist ein Witz. Wenn man das rechnet, machen wir minus. Mit jedem verschissenen Liter. Ich lass mich von meiner Mutter auf gar keinen Fall bezahlen, außer Taschengeld natürlich, prost, sonst könnten wir uns das alles nicht leisten. Scheiß-EU. Der deutsche Bauer ist hier nichts mehr wert. Den haben die Großbetriebe und die Ökos ruiniert. Zigarette?

Sirene von fern, näher … vorbei.

CHOR
Und während Tobi rätselt, was jetzt Scheiß-EU bedeuten soll und ob er schon wieder eine rauchen soll, rast die Feuerwehr vorbei. Wenn man nichts macht, dann brennt der Wald.

TOBIAS
Was Eisen nicht heilt, heilt Feuer.

RAMON
Was?

TOBIAS
Sagt Philipp immer.

RAMON
Ich muß jetzt, machs gut.

TOBIAS
Wohin?

RAMON
Sehn, wos brennt.

CHOR
Ramon zum Beispiel, seht ihn euch an. Sieht aus wie ein Kanake, heißt wie ein Kanake, ist katholisch wie ein Kanake, hört Kanakenkaraoke und ist trotzdem deutsch total und komplett von hier. Solche suchen wir.

Feuer. Übergehend in Traumbild: Regen/Dusche/Tropen/Italienische Oper …

RAMONS MUTTER schwarz am weißen Pfahl der Kolonisatoren:
„Der Hof war verlassen, außer von dem Geier, der
An ein Wagenrad gekettet mit den Flügeln schlug.
Im Keller zwischen den Leichen wartete er auf mich
Der mir aus der Hand lesen wollte. Diagnose
NOSTALGISCHER KREBS. Flucht in den Hof
verfolgt vom Lächeln des Handlesers. Der Geier
von seinen Flugversuchen an der Kette gänzlich
auf das Wagenrad geflochten, hackte nach
dem Himmel. Die Wolken sanfte, gewaltige
Tiere in dem schwarzen Blau, das in den Hof fiel.“

Wolkenbruch und Blitzschlag.

TOBIAS einziger Zuschauer des Dramas, nimmt sein BMX-Rad auf und radelt ab in Szene 14.

»Mit der Faust in die Welt schlagen« könnt ihr noch bis zum 19. Mai 2020 im Großen Haus sehen.

Unsere Neuen: Sarah Finkel

Die Holzbildhauerei war auch eine Option. Sarah Finkel ist offenbar eine vielseitig begabte junge Frau. Sie solle ihre tolle Stimme nutzen und diese beruflich einsetzen – zum Beispiel beim Radio, rieten ihr die einen. Auf keinen Fall dürfe sie ihre künstlerisch-kreative Ader verkümmern lassen, meinten die anderen. Also probierte sie erst einmal die bildende Kunst und studierte Holzbildhauerei in dem schönen Ort Oberammergau.

Sarah Finkel als No in »No und ich« (Foto: Thomas Braun)

»Es hat Spaß gemacht. Aber irgendwas hat gefehlt«, sagt die junge Frau mit der dunklen Lockenmähne. Während ihrer Schulzeit in Landshut hat sie Theater gespielt. Warum also nicht versuchen, das Kapital aus künstlerischer Ader und interessanter Stimme zusammen zu nutzen.
»Ich habe dann beschlossen, es einfach zu probieren und an Schauspielschulen vorsprechen zu gehen«, erzählt Sarah Finkel. Es hat auf Anhieb geklappt an der Athanor Akademie für Darstellende Kunst in Passau, wo sie von 2013-2017 ihre Schauspielausbildung absolvierte. »Da hatte ich meine innere Ruhe und mein Glück gefunden und das Gefühl richtig zu sein«, sagt die junge Frau. Ihre ersten Berufserfahrungen sammelte sie als freie Schauspielerin in Kurzfilmen und in mehreren Stückengagements am Theater Paderborn. Unter anderem entwickelte sie zum Thema 100 Jahre Frauenwahlrecht einen feministischen Schlagerabend über die Entwicklung der Rolle der Frau von 1919 bis 2019. »Wir sind in den 100 Jahren weit gekommen«, sagt sie, »aber wir dürfen uns nicht ausruhen.« Der Gesang ist ihre große Leidenschaft und der Einsatz für die Rechte der Frauen ein wichtiges, persönliches Anliegen.

Sarah Finkel als Jameelah in »Tigermilch« (Foto: David Klumpp)

Zwei Sommer lang spielte sie im Kulturmobil Niederbayern, einer professionellen Schauspieltruppe, die ganz den Ursprüngen des Schauspielerberufes verpflichtet ist: Die Schauspieler ziehen von Ort zu Ort und spielen dort für die Menschen abseits der Theaterzentren. Für den Sommer 2019 hatte sie ihr Engagement für das Kulturmobil bereits unterschrieben, als die Einladung zum Vorsprechen aus dem Theater Heilbronn kam. Sarah Finkel überzeugte die Heilbronner Theaterleitung und saß in der Zwickmühle. Die Proben für ihr erstes Stück im Jungen Theater liefen parallel zu denen für das niederbayerische Volksstück »Unkraut«, mit dem sie auf Tournee gehen wollte. Und während ihre neuen Kollegen des Heilbronner Schauspielensembles Sommerpause hätten, würde sie Abend für Abend in einem anderen Ort auf der Bühne stehen und spielen. Nix mit Erholung. »Aber wenn man seinen Vertrag unterzeichnet hat, dann lässt man die Kollegen nicht im Stich«, beschloss Sarah Finkel und stellte mit dieser Entscheidung schon mal eine der wichtigsten Tugenden eines Schauspielers unter Beweis: absolute Zuverlässigkeit. Mit den Heilbronnern einigte sie sich, dass sie zeitversetzt zu ihren Verpflichtungen beim Kulturmobil proben konnte. Und so spielte sie den ganzen Sommer lang vor einem begeisterten Publikum und brach mit ihrer Truppe vom Kulturmobil alle Zuschauerrekorde. Kaum war der letzte Vorhang für »Unkraut« gefallen, startete sie in ihre erste Spielzeit im Festengagement am Jungen Theater Heilbronn.

Sarah Finkel als Jameelah in »Tigermilch« (Foto: David Klumpp)

Ein schönes Haus und ein guter Spielplan, das ist das erste, was ihr zum Theater Heilbronn einfällt. Alles andere will sie auf sich zukommen lassen und erst einmal spielen, spielen, spielen mit dem schönen Gefühl, ein zweijähriges Festengagement zu haben. »Mir ist klar, dass ich in diesen zwei Jahren im Jungen Theater kaum von der Bühne herunterkommen werde«, sagt Sarah Finkel. Ihren Einstand gibt sie als Nowlen, eine 18-jährige Obdachlose in dem Stück »No und ich« von Delphine de Vigan. Ein großartiges Stück, wie sie findet. Sehr aktuell, ohne moralischen Zeigefinger. Auch wenn sie das Gefühl von Obdachlosigkeit nicht kennt, fühlt sie sich ihrer Figur nahe, denn auch sie weiß, was es heißt, für das persönliche Glück zu kämpfen. Ihr Lebensmotto stammt von Samuel Beckett und lautet: »Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail Better.«

Vorurteile aufbrechen und Geschichte(n) verstehen

Ein Gespräch mit Dr. Mirjam Meuser über »Erinnerung ist Liebe zur Zukunft«

Aus Anlass des 30. Jahrestages des Mauerfalls widmet sich das Theater Heilbronn in einer ganzen Veranstaltungsreihe dem Thema Deutsche Einheit. Unter dem Titel »Erinnerung ist Liebe zur Zukunft« finden monatliche Lesungen, Gesprächsrunden und Filmabende in Kooperation mit dem Kinostar Arthaus-Kino statt. Inhalt aller Veranstaltungen ist es, gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen aus ihrem historischen Kontext heraus zu untersuchen. Kuratorin der Reihe ist Dr. Mirjam Meuser, Dramaturgin am Theater Heilbronn. Pressereferentin Silke Zschäckel hat sich mit ihr unterhalten.

Dr. Mirjam Meuser (Foto: Thomas Braun)

S.Z.: »Erinnerung ist Liebe zur Zukunft« – ein sehr schöner, sehr poetischer Titel: Woher kommt er?

M.M.: Eigentlich ist das der Titel eines Heiner-Müller-Interviews, nur leicht abgewandelt. Der Titel heißt ursprünglich »Nekrophilie ist Liebe zur Zukunft«. Die Liebe zu den Toten, das Ausgraben der Toten – das ist die Liebe zur Zukunft. Das ist ein Zentralmotiv im ganzen Müller’schen Werk. Ich habe das umgewandelt in »Erinnerung ist Liebe zur Zukunft«, damit es nicht ganz so morbid klingt. Und zum anderen gibt es in der Geschichtswissenschaft das Teilgebiet der Erinnerungsforschung, und darauf wollte ich mich beziehen.

S.Z.: Woher rührt dein Interesse für dieses Thema – die Beschäftigung mit der deutsch-deutschen, insbesondere auch mit der ostdeutschen Geschichte, obwohl du aus Bayern stammst?

M.M.: Zunächst mal liegt das an meinem grundsätzlichen Interesse für Geschichte. Und dann ist es eine Geschichte, mit der ich unmittelbar konfrontiert worden bin, weil ich während meines Studiums in Berlin sehr viele Menschen aus Ostdeutschland kennengelernt habe, unter anderem meinen Doktorvater. Der brachte mir Heiner Müller nahe, und damit war es unweigerlich verbunden, dass ich anfing, mich mit der ostdeutschen und der deutsch-deutschen Geschichte zu beschäftigen. Ich lernte einen ganz anderen Blick auf die historische Vergangenheit kennen, als ich ihn in der Schule erlebt habe oder als im Westen Geschichte reflektiert wurde. Da wurde die ganze Historie des Sozialismus ausgespart, die gab es nicht – oder eben erst ab 1989. In bin in meinem Literaturstudium komischerweise immer wieder bei den ostdeutschen Professoren gelandet, ohne dass ich vorher wusste, dass sie aus der ehemaligen DDR kommen. Und bei den Philosophen, die ich aus Ostdeutschland kennengelernt habe, spielte das Lehren von Zusammenhängen eine größere Rolle als beim Studium im Westen, wo das Vertiefen in einzelne Positionen und Autoren wichtig war, weniger das Woher und das Wohin.

S.Z.: Nach welchen Aspekten hast du die Reihe konzipiert? Welche Themen wolltest du unbedingt drin haben?

M.M.: Ich habe die Reihe nicht allein konzipiert. Das war eine Gemeinschaftsarbeit, da sind Ideen vom gesamten Leitungsteam dabei. Wir haben versucht,  verschiedene Themenschwerpunkte zu setzen. Es war klar, dass es eine Auftaktveranstaltung geben soll, in der wir die letzten 30 Jahre noch mal untersuchen. Eine Veranstaltung zum Wirken der Treuhand  war Axel Vornam und Uta Koschel, die auch mitgedacht hat, sehr wichtig. Für mich persönlich ist auch die Geopolitik-Veranstaltung von Belang, weil ich möchte, dass wir das Thema in einen größeren globalen Kontext stellen. Denn mit 1989/90 ist nicht nur die DDR verschwunden, sondern auch die alte BRD. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks hat ein massiver weltweiter Veränderungsprozess begonnen. Das kommt erst jetzt so langsam im gesellschaftlichen Bewusstsein an. Und dann war mir auch wichtig, die Vorgeschichte der friedlichen Revolution anzuschauen. Die kam ja nicht aus dem nichts. Welche Entwicklungen haben eigentlich dazu geführt, dass am Ende die Mauer aufging?

S.Z.: Hast du eine Veranstaltung, auf die du dich ganz besonders freust?

M.M.: Ich freu mich auf die erste, weil ich auf die unterschiedlichen Sichtweisen sehr gespannt bin. Wir haben eine Frau auf dem Podium, Adriana Lettrari, Gründerin des »Netzwerks 3te Generation Ostdeutschland«, die inzwischen in der Wirtschaftsberatung tätig ist, außerdem den Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz und den Theatermann Axel Vornam, die von Martin Sabrow, einem sehr profilierten Historiker befragt werden. Ich glaube, das kann sehr spannend werden. Ich freue mich auch sehr auf die Treuhand-Veranstaltung, ein Thema, bei dem, glaube ich, noch viel Aufarbeitung notwendig ist. Auch da bin ich gespannt auf das Podium. Wir haben den investigativen Journalisten Dirk Laabs eingeladen, außerdem Marcus Böick, einen jungen Historiker, der mit seiner Dissertation die erste historische Aufarbeitung der Geschichte der Treuhand geschrieben hat. Und für die Moderation kommt André Steiner, ein renommierter Wirtschaftshistoriker, der sowohl die Geschichte der DDR als auch der BRD kennt.

S.Z.: War es schwierig, die sehr hochkarätigen Gäste von dem Konzept zu überzeugen oder haben gleich alle gesagt: Wir sind dabei?

M.M.: Ich habe sehr oft die Erfahrung gemacht, dass die Leute das Konzept gut finden und dass sie deshalb auch gerne kommen.

S.Z.: Was erhoffst du dir von dieser Reihe? Sowohl von den einzelnen Abenden als auch als Quintessenz am Ende?

M.M.: Von den Abenden erhoffe ich mir spannende Diskussionen, von denen ich mir wünsche, dass sich das Publikum miteinbeziehen lässt. Ich hoffe auf einen Dialog, einen Austausch – letztlich auch zwischen Ost und West, um die vielen Vorurteile, die es doch noch gibt, aufzubrechen und einander besser verstehen zu lernen. Es wäre schön, wenn es gelingen würde, die subjektiven Sichten und die historischen Zusammenhänge besser miteinander ins Verhältnis zu setzen. Das wäre mir ganz wichtig.

Hier geht es zum Programm der Reihe: https://www.theater-heilbronn.de/programm/erinnerung/erinnerung.php

Wie aus Heilbronner Lebensgeschichten Theater wird

»Man braucht gar nicht vor ein Publikum zu treten, wenn man nicht bereit ist, etwas von seiner Lebenserfahrung, seinen Gefühlen, seinen Meinungen und seiner Fantasie Preis zu geben.« Ivan

Eine Szene aus den Proben.

Im Generationenclub treffen Welten aufeinander, jung, alt, Ost, West, verwurzelt, zugezogen, Nord, Süd, nah und fern. Alle Spieler bringen ihre Lebensgeschichten und -erfahrungen mit, aus denen ein eigenes Stück entsteht.

In diesem Jahr ist die Stückentwicklung »Das Gewebe der Gegenwart braucht rote Fäden« entstanden. Orientiert am Spielzeitmotto SINNSUCHER_NoLimits haben sich die Spieler auf die Suche gemacht nach dem, was dem Leben einen Sinn gibt. Geschichten, Erfahrungen, Lebensfäden werden immer wieder verknüpft, beschreibt Andrea die Entstehung des Stückes.

Ob es Geschichten aus ihrer Kindheit in einer anderen fernen Heimat sind, Geschichten vom Ankommen, Geschichten vom Altsein, vom Jungsein. Manche Geschichten erzählen über Krieg, der sich vor über siebzig in das Leben der Menschen einschrieb, als die Erzählenden noch Kinder waren. Jetzt wird er mit den Erfahrungen junger Menschen von heute in Verbindung gebracht. Parallelen zu den Erzählungen Geflüchteter, die heute in Deutschland Schutz suchen, werden offenbar. So laufen hier jeden Mittwoch Geschichten aus vielen Ländern und Kulturen, unterschiedlicher Generationen zusammen und werden im Spiel verwoben. 

Aus den Proben.

Egal ob die Spieler seit der ersten Stunde des Generationenclubs vor sechs Jahren wie Ivan, Bruni, Beate,  Edi, Andrea und Barbara dabei oder erst in den letzten Monaten hinzugekommen sind wie Stefan, Sebastian, Alara und Sam, sie alle finden im wöchentlichen Training zueinander. In der Arbeit – mit Clubleiterin Evelyn Döbler – am eigenen Stück lernen sie alle viel über sich und die anderen und erfahren, wie aus einer willkürlichen Gruppe eine Gemeinschaft wachsen kann. Dank des Clubs, sagt Andrea, habe sie gelernt, zu sehen welches Potential in ihr selbst und auch den anderen schlummert.

Es ist die Freude, die Gemeinschaft, das gemeinsame Nachdenken, das Spielen, das Lachen, die Verbindung mit den anderen, das voneinander Lernen, was die Clubber antreibt, sich jeden Mittwoch zu treffen. Es ist das Zuhören, das Gehörtwerden, das ihnen Kraft, Hoffnung, Stärke gibt einen Platz zu finden, im Club, in der Gruppe, aber auch den eigenen Platz in der Gesellschaft besser auszuloten.  Das alles übertragen sie in ihre Stücke.

Wie Achtsam bin ich gegenüber anderen? Wie gehen wir miteinander um? Wo ist mein Platz in dieser Gesellschaft? Was können wir voneinander lernen? Was verbindet uns? Was trennt uns? Was gibt uns Halt? Wonach suchen wir im Leben? Das sind die Fragen denen sie sich gestellt haben. Jede Woche treten sie miteinander neu in Kontakt. Begegnen sich freundschaftlich mit Vertrauen, Verständnis und ihren Texten, die sie im Spiel zusammenbringen. Beharrlich und mit großem Einfühlungsvermögen für jeden einzelnen treibt Clubleiterin Evelyn Döbler die Gruppe voran. Mit Disziplin, Kraft und Kreativität suchen sie nach dem Verbindenden im Club und in der Gesellschaft. So wird der Club für sie zu einem Ort des Ankommens, der Erdung, der Einbettung im Hier und Jetzt, in Heilbronn. Ihr Stück ist der Wunsch, etwas davon hinauszutragen, von diesem Gefühl der Gemeinschaft und den Geschichten, die in ihr entstehen können.

»Das Gewebe der Gegenwart hat rote Fäden« seht Ihr am 12. Oktober um 18.00 Uhr und am 13. Oktober um 15.00 Uhr in der BOXX.