Unsere Neuen: Malin Kemper

Wir stellen euch unsere neuen Schauspielerinnen und Schauspieler im Ensemble vor. Heute: Malin Kemper, die ihre ersten Rollen am Theater Heilbronn in „Harper Regan“ und „Pension Schöller“ spielt.

Malin Kemper Foto: Fotostudio M 42

Malin Kemper ist trotz ihrer 24 Jahre ziemlich old school. Ihr Smartphone hat sie nach anderthalb Jahren abgeschafft und sich stattdessen wieder ein gutes, altes Tastenhandy zugelegt. »Statt in 60 Whats-App-Gruppen und im Internet gleichzeitig unterwegs zu sein und davon meine Zeit auffressen zu lassen, lese ich lieber«, sagt sie. Weniger Stress, mehr Gewinn. Zurzeit vertieft sie sich in die Tagebücher von Astrid Lindgren aus den Jahren 1939-45, die unter dem Titel »Die Menschheit hat den Verstand verloren«, erschienen sind. Das ist nicht nur ein hervorragendes Zeitzeugnis, findet Malin Kemper. Es trifft auch sehr die Situation unserer Tage: Was tun, wenn Fremdenfeindlichkeit und Rassismus das Denken und Handeln der Menschen bestimmen? Wie kann jeder Einzelne von uns Stellung beziehen? Das sind die Fragen, über die Astrid Lindgren philosophiert und die auch Malin Kemper nicht loslassen. Überhaupt ist die junge Schauspielerin, die nach ihrem Schauspielstudium an der Kunstuniversität Graz in Heilbronn ihr erstes Engagement angetreten hat, sehr politisch interessiert. Aktuelle Debatten wie #Me too hat sie in ihre selbst entwickelte Diplominszenierung mit aufgenommen. Unter dem Titel »Ungehalten« erarbeitete sie hier »Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen« – bekannter Frauen aus den unterschiedlichsten Zeiten, die aber nur über ihre Männer berühmt geworden sind, mit dabei sind Eva Hitler und Christiane Goethe. »Möglicherweise wäre deren Leben und vielleicht auch die Geschichte anders verlaufen, wenn sie an der richtigen Stelle ihren Mund aufgemacht und ihrem Ungehaltensein über ihre Männer Ausdruck verliehen hätten«, meint Malin Kemper.  Die Sensibilisierung für feministische und politische Themen verdankt sie ihrer langen Beschäftigung mit Theater – seit der ersten Klasse steht sie auf der Bühne. Ihre erste Rolle war die des Schmetterlings in »Die kleine Raupe Nimmersatt« an der Grundschule in Aachen. Nach dem Umzug nach Düsseldorf schloss sie sich dem dortigen Jugendclub an, der von Schauspielern des Ensembles geleitet wurde. Das wollte sie auch machen – auf der Bühne stehen und nächtelang über die Stücke diskutieren. Nach der Schule ging sie für ein Jahr nach Berlin und wurde dort Mitglied des Jugendclubs »Die Aktionist*innen« im Gorki-Theater. Mit ihrer Stückentwicklung  »Kritische Masse  – 12 junge Frauen stellen Fragen an ihren Körper und die Gesellschaft« in der Regie von Suna Gürler war die Gruppe zum deutschen Theatertreffen der Jugendclubs eingeladen.
Dann ging es ins wunderschöne Graz zur Schauspielausbildung, wo sie auch begriff, mit welch harter Arbeit, Disziplin und mit wie vielen Zweifeln der Beruf verbunden ist, wo sie aber auch das Handwerkszeug erlernte, das ihr auf der Bühne die nötige Sicherheit geben wird. Als sie sich zum Ende des Studiums an Theatern bewarb, war das Theater Heilbronn ihr schon lange ein Begriff. Eine ihrer Freundinnen und Mitstreiterinnen aus dem Gorki-Theater ist Josephine Weber, die Tochter des langjährigen Heilbronner Schauspielers Nils Brück, die viel über die Arbeit ihres Vaters erzählt hat. »Lustigerweise spiele ich in der ›Pension Schöller‹ seine Tochter«, sagt sie. Ihren Einstand gab sie als Sarah Regan, die Tochter der Titelfigur Harper Regan,  eine junge Frau, die ihre Ängste und Zweifel hinter einer Fassade aus Coolness  und den Statussymbolen jugendlicher Subkultur verbirgt.  Nach ihren Wünschen für ihr Engagement in Heilbronn befragt antwortet sie: »Ich lass alles auf mich zukommen und versuche das Beste herauszuholen«.

Szenenfoto aus „Pension Schöller“ Foto: Thomas Braun
Szenenfoto aus „Harper Regan“ Foto: Thomas Braun

Eine Krone für den König

Die Krone Englands ist sein Ziel. In seinem Machtstreben um König von England zu werden, kennt Richard III. keine Skrupel. Dafür geht er über zahlreiche Leichen.

Oliver Firit (Richard III.) & Lucas Janson (Catesby)

Die Requisite, die unsere Theaterstücke mit den für die Aufführungen nötigen Gegenständen ausstattet, musste für die englische Krone weder morden noch in den Krieg ziehen. Stattdessen war bei Carmen Riehl, Leiterin der Requisitenabteilung, für die Herstellung der Kronreifen für »Richard III.« jede Menge handwerkliches Geschick gefragt. Mit Hammer, Amboss und Dremel geht sie zu Werke, um aus zwei Blechstreifen zwei antike Kronreifen zu schaffen. Dank ihrer jahrelangen Erfahrungen mit der Schmuckherstellung in der Kostümabteilung der Bayerischen Staatsoper und in der Rüstkammer des Bayerischen Staatsschauspiels war die Umsetzung der Kronreife nach den Entwürfen des Regieteams (Axel Vornam und Tom Musch) kein Problem. Die Umsetzung erforderte zunächst eine grobe Bearbeitung der Blechstreifen, die mit einem Hammer in Form gehauen werden. Die dadurch eingehauenen Vertiefungen und Schrammen geben den Streifen ihre antike Struktur, als wären sie schon auf zahlreichen Königshäuptern durch die Wirren der Zeiten getragen worden.
Noch ist gut zu erkennen, dass es sich um zwei moderne Blechstreifen handelt. Mit einem zähen Kunstharz und schwarzer Farbe erhalten sie Patina. Bearbeitet mit dem Dremel entsteht daraus eine lebendige Oberfläche deren »Gebrauchsspuren« von früheren Abenteuern »berichten«. Nachdem sie auf die Köpfe der Schauspieler angepasst wurden, werden Schlossschraubenköpfe als Dekoration aufgeklebt und mit Lederbändern die Abschlusskanten am oberen und unteren Rand der Kronreifen geschaffen. Auch hier kommt wieder jede Menge Patina zum Einsatz, so dass die Kronen für Richard, Eward und später Richmond aussehen, als würden sie aus einer alten Schatzkammer stammen.

Am 25. Februar sind sie noch ein letztes Mal in Aktion auf den Häuptern Edwards, Richard III. und Richmonds zu sehen.
https://www.theater-heilbronn.de/spielplan/detail/inszenierung/richard-iii.html  

Unsere Neuen: Lucas Janson

Wir stellen unsere neuen Schauspielerinnen und Schauspieler im Ensemble vor. Heute: Lucas Janson, der seinen Einstand in Heilbronn in »Richard III.« und im »Dschungelbuch« gab.

Lucas Janson. Foto: Fotostudio M 42

In »Endstation Sehnsucht« stand Lucas Janson zum ersten Mal auf der Bühne des English Theatre in Frankfurt am Main. Da war er erst 15 Jahre alt und bemühte sich neben den ganzen Native Speakers mit seinem Schul-Englisch nicht ganz so verloren zu wirken. Und doch hat ihn dieses Erlebnis nachhaltig geprägt. »Sechs Wochen intensiv zusammen zu proben und dann gemeinsam einen Abend auf die Bühne zu bringen, das ist ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl«, sagt der junge Schauspieler. »Ich war auf der Suche nach diesem Gefühl – auch in meinem Beruf.« Seit September gehört er zum Ensemble des Theaters Heilbronn.  Im Sommer hat er die renommierte Folkwang-Schauspielschule in Essen abgeschlossen.

Beeinflusst hat ihn auch die Arbeit seines Vaters, des Film- und Fernsehregisseurs Uwe Janson, an dessen Sets er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Als Jugendlicher stand Lucas auch mehrmals  vor der Kamera z.B. in »Vulkan« an der Seite von Armin Rohde oder in der Märchenverfilmung von »Aschenputtel«. Aber das Dreh-Erlebnis war kein Vergleich zur Intensität der Theaterarbeit, beschreibt er.
Lucas Janson wollte sich durchbeißen, das Schauspielerhandwerk von der Pike auf lernen und bewarb sich an verschiedenen Schauspielschulen. Zunächst völlig naiv – ohne vorbereitete Rollen – hoppla, hier bin ich. Ganz klar, dass das erstmal nichts werden konnte. Aber die Absage von der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« in Berlin hatte eine kathartische Wirkung, so dass er sich von da an mit großer Ernsthaftigkeit auf den Weg machte.  Er ging zunächst zum Studium der Theater- und Medienwissenschaften nach Bayreuth, um sich theoretisches Rüstzeug zu holen. Anschließend begann er sich akribisch auf Vorsprechen vorzubereiten. »2013 habe ich an zehn Schauspielschulen vorgesprochen, war in mehreren Endrunden und hatte am Ende zwei Zusagen in der Tasche.« Unter anderem von der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin. Die Entscheidung für die Folkwang-Schule war eine echte Herzensangelegenheit, »weil die Dozenten dort wahrhaftig in 5 Runden testen,  was man kann und an dem Menschen interessiert sind«. Außerdem hat er eine  Vorliebe für den Ruhrpott und für Borussia Dortmund. Für Fußball interessiert er sich mit der gleichen Besessenheit wie für Theater. Wann immer es ging, hat er die Spiele seiner Lieblingsmannschaft im Stadion verfolgt und die unglaubliche Stimmung auf der Südtribüne genossen.

Nach vier Jahren Studium drängt es ihn auf die Bühne. »In den nächsten Jahren will ich mich zu 100 Prozent dem Theater verschreiben, lernen, mein Handwerk verbessern.« Seinen Einstand gab er in »Richard III.«, mit dem »Dschungelbuch« geht es weiter. Den erfahrenen Kollegen im Ensemble begegnet er mit viel Respekt und findet es großartig, dass Leute wie Nils Brück und Stefan Eichberg so uneitel von ihrem Wissen und Können an ihn als Anfänger weitergeben. »Man fühlt sich gut aufgehoben in diesem Ensemble«, sagt er. Und er ist froh, dass er auch schon eine alternative Szene in Heilbronn ausfindig gemacht hat – gar nicht weit weg vom Theater im Data.

Lucas Janson (rechts) in »Richard III.« neben Oliver Firit. Foto: Thomas Braun

Lucas Janson (rechts) als Wolf Akela in »Das Dschungelbuch« neben Stella Goritzki. Foto: Thomas Braun

Unsere Neuen: Anja Bothe

Wir stellen unsere neuen Schauspielerinnen und Schauspieler im Ensemble vor. Heute: Anja Bothe aus dem Jungen Theater, die ihre ersten Rollen in »Netboy«, »Farm der Tiere«, »Emil und die Detektive«, »Klopf Klopf« und »Der goldne Topf« spielt.

Anja Bothe. Foto: Fotostudio M 42

Feine Gesichtszüge, eine zierliche Gestalt, rotbraune Haare und braune Augen, das Lächeln eher zurückhaltend. Anja Bothe wirkt auf den ersten Blick sehr mädchenhaft und weich. Das Zitat auf der Startseite ihrer Homepage spricht dagegen eine ganz andere Sprache. Es strotzt nur so vor Power und Lebensgier: »Auslöffeln, Aussaufen, Auslecken, Auskosten, Ausquetschen will ich dieses herrliche heiße sinnliche tolle unverständliche Leben.« Dieses Motto hat sie vom Dramatiker Wolfgang Borchardt (»Draußen vor der Tür«) übernommen.
»So wünsche ich mir meine Arbeit«, sagt die Schauspielerin, die jetzt ihr erstes Engagement am Jungen Theater Heilbronn angetreten hat. Auf der Bühne will sie Grenzen überschreiten und Konflikte durchleben. Im wirklichen Leben ist sie eher harmonieliebend und ausgeglichen. Wahrscheinlich ist diese Chance, die man als Schauspielerin bekommt, auch der Grund, warum sie diesen Beruf ergriffen hat: Jemand anders sein können, das Leben mit allen Höhen und Tiefen ausreizen, sein Ich vollkommen in den Dienst einer Rolle stellen.

Geboren wurde sie in Gräfelfing, einem Stadtteil von München. Aufgewachsen ist sie in Niederbayern, eine Stunde entfernt vom nächsten Theater. Trotzdem schloss sie sich mit 13 Jahren dem Jugendclub des Theaters Passau an und nahm dafür eine Stunde Fahrzeit in Kauf. »Zuvor hatte ich eine Jugendclubinszenierung von Shakespeares »Ein Sommernachtstraum« gesehen und dachte: Das will ich auch.« Von da an ließ sie das Theater nicht mehr los. Ihr Abitur machte sie an einer Schule für Gestaltung und überlegte, ob sie eventuell Kommunikationsdesign studieren sollte. »Aber den ganzen Tag am Computer zu arbeiten, das wäre nichts für mich gewesen«, sagt sie. Schauspiel studierte sie dann am Europäischen Theaterinstitut in Berlin. Nach dem Studium sammelte sie ihre ersten Spielerfahrungen beim Drehen von Independentfilmen. In »Different« etwa spielt sie eine Frau, die aus unerwiderter Liebe zu bösartigen, drastischen Maßnahmen greift. »Keine Ahnung, warum ich gern in bösen Rollen besetzt werde«, sagt sie und lacht. Denn auch in »Netboy«, ihrem ersten Stück am Jungen Theater, spielt sie eine sehr zwielichtige Person. Das zweite Standbein unmittelbar nach dem Studium waren Gastengagements an Theatern und bei großen Projekten. Die verrückteste Erfahrung war dabei, Teil der sechsstündigen Performance-Installation  »Das Heuvolk« vom renommierten Künstlerkollektiv SIGNA anlässlich der Schillertage 2017 in Mannheim zu sein. Diese Endzeit-Performance in einer früheren US-Militärkaserne war ein inszenierter Alptraum, ein apokalyptisches Sekten-Szenario, bei dem die Grenzen zwischen Darstellern und Zuschauern sich auflösten. »Eine spannende und tolle Erfahrung«, sagt Anja Bothe.

Aber jetzt möchte sie endlich kontinuierlich an einem Theater arbeiten, den Wechsel von Proben und Vorstellungen erleben, heute diese Rolle spielen und morgen die nächste, viele verschiedene Regiehandschriften kennenlernen und dabei trotzdem die Geborgenheit eines festen Ensembles erfahren. Und sie möchte lernen, ihr Handwerk festigen, sich die Standhaftigkeit und Disziplin aneignen, die der Beruf verlangt. Zugegeben, nach sechs Jahren in Berlin fiel ihr die Umgewöhnung auf Heilbronn nicht leicht, sagt sie. Aber den Neckar hat sie schon für sich entdeckt, als Jogging-Strecke und zum Entspannen.

Szenenfoto »Netboy« Foto: Thomas Braun

Szenenfoto »Emil und die Detektive«, Anja Bothe (vorne links) Foto: Thomas Braun

Szenenfoto »Die Farm der Tiere« Foto: Thomas Braun

Rache ist kein guter Begleiter

Rahel Ohm als Margaret in »Richard III.«

»Die oben sind, sie werden hart geschüttelt, / und wenn sie falln, haun sie sich selbst zu Brei.«

Rahel Ohm in »Richard III.«

Nur zwei Szenen hat William Shakespeare der ehemaligen Königin Margaret in »Richard III.« geschrieben. Aber die Auftritte der Witwe des ermordeten Heinrich VI. gehören zweifellos zu den Höhenpunkten des erschreckend aktuellen Historien-Stücks. Sie kommentiert das dreckige und blutige Machtgerangel im Staat und verflucht ihre Gegner, sie wagt es, Dinge auszusprechen, für die Andere den Kopf verlieren würden. Für die markante Rolle hat sich Intendant und Regisseur Axel Vornam Verstärkung ans Haus geholt: Rahel Ohm, die schon an vielen renommierten Theatern zwischen Leipzig und Düsseldorf, Kassel und Weimar gearbeitet hat, war die letzten neun Spielzeiten festes Ensemblemitglied am Schauspiel Stuttgart. Wie würde sie Margaret beschreiben? »Verstoßen, mehr oder weniger mittellos, wissend dass Rache kein guter Begleiter ist, dennoch von ihr getrieben.« Ob sich die vielen Flüche, die die verbitterte Ex-Königin ausstößt, alle bewahrheiten, will Rahel Ohm nicht verraten. Die große Herausforderung auf der Bühne besteht für sie nicht im Navigieren des rutschigen, dreckigen Terrains, durch das die Figuren sich mühsam an die Macht bewegen, sondern in der »Verlebendigung« der kongenialen deutschen Übersetzung von Thomas Brasch: »Wie bekomme ich den Text griffig und in den Körper, so dass man der Figur abnimmt, dass es ihre Gedanken sind und nicht die einer Schauspielerin, die Shakespeare spricht.« Der immer wieder einsetzende Szenenapplaus für ihre Auftritte zeigt, dass Rahel Ohm das hervorragend gelingt.

Unsere Neuen: Marek Egert

Wir stellen unsere neuen Schauspielerinnen und Schauspieler im Ensemble vor. Heute: Marek Egert, der seinen Einstand in „Richard III.“ und im „Dschungelbuch“ gab.

Marek Egert. Foto: Fotostudio M 42

Marek Egert ist ein echtes Nordlicht: Aufgewachsen in Oldenburg, Studium in Hamburg, Erstengagement in Hildesheim.  Jetzt verlegt er seinen Lebensmittelpunkt erstmals in den Süden Deutschlands nach Heilbronn. Dabei war ihm die Himmelsrichtung völlig egal. „Ich wollte einfach etwas Neues – neue Kollegen, andere Regisseure kennenlernen, mich weiterentwickeln …“, sagt er. Vom Theater Heilbronn wusste er, dass es ein gut laufendes, beim Publikum beliebtes Haus ist, das auch Berufsanfängern eine gute Gage zahlt. „Die Liebe der Heilbronner zum Theater wurde mir bewusst, als ich eine Annonce aufgab: Schauspieler sucht Wohnung. Da kamen die Angebote, WEIL ich Schauspieler am Theater bin. Das ist nicht selbstverständlich“, meint er.

In Hildesheim hatte Marek Egert vieles erreicht. Wurde in den letzten zwei Jahren in vielen großen Rollen besetzt – ob als Romeo in „Romeo und Julia“, als O’Brien in Orwells „1984“ oder als autistischer Held in „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“. So hätte es sicher weitergehen können. Aber der großgewachsene junge Mann mit dem dunkelblonden Lockenkopf will sich seinen Platz in einem neuen Haus mit einem starken Ensemble, von dem man viel lernen kann, neu erobern. „Stillstand ist in meinem Alter tödlich.“
Zum Theater kam er eher durch Zufall, oder besser gesagt durch die Liebe. Seine damalige Freundin war an der Schauspielschule Frese in Hamburg, und er bewarb sich aus Spaß auch einfach mal. Eigentlich hatte er nach einem kurzen Intermezzo im Jugendclub, das ihm damals gar nicht gefiel,  nicht daran gedacht Schauspieler werden zu wollen. „Mit einer dementsprechenden Naivität ging ich an die Sache heran“, sagt er heute schmunzelnd. Dass die Ausbildung eine harte Arbeit an Köper und Stimme bedeutete, hat er dafür umso mehr zu schätzen gelernt. Er hätte sich durchaus viele Berufe vorstellen können. Koch wäre er zum Beispiel gern geworden. „Aber das mache ich jetzt als Hobby“, sagt Marek Egert. Die perfekten Spätzle konnte er schon zubereiten, bevor er überhaupt ahnte, dass er mal im Schwäbischen landen würde. Auch der soziale Sektor wäre ein interessanter Berufszweig für ihn gewesen. Er besuchte eine Berufsfachschule für Sozialpflege und anschließend eine Fachoberschule für Sozialpädagogik. In dieser Zeit arbeitete er in einem Wohnheim für geistig behinderte Menschen und im ambulanten Hospizdienst.  „Da war ich mit vielen existentiellen Situationen konfrontiert.“

Um existentielle Dinge, quasi um Leben und Tod, geht es auf der Bühne auch permanent. Seine Vorliebe gilt den menschlichen Schattenseiten, den schwarzen Momenten, den Figuren mit Abgründen. Diese spielt er am liebsten. Seinen Einstand in Heilbronn gab er als  Henry Tudor, Earl of Richmond, der spätere Heinrich VII. von England und Widersacher von  „Richard III.“ Außerdem ist er im „Dschungelbuch“ als gemütlicher Bär Baloo zu sehen – ein krasser Bruch. Aber so ist es eben, das Schauspielerleben.

Szenenfoto „Das Dschungelbuch“ mit Marek Egert als Baloo, der Bär, Giulia Weis als Mowgli und Anjo Czernich als Panther Bagheera. Foto: Thomas Braun

Szenenfoto aus „Richard III.“ mit Marek Egert (links) und Sonja Isemer. Foto: Thomas Braun

Komik aus dem Werkzeugkasten

Bauen Sie für uns eine Komödienfigur!

Beim Theaterfrühstück haben wir schon – zum Amüsement des Publikums – einen Testlauf gemacht, jetzt gehen wir mit unserem Komödienexperiment »online«: In seinem Buch »Handwerk Humor« behauptet der amerikanische Drehbuchautor und Script Consultant John Vorhaus, dass jede/r eine gelungene Komödienfigur bauen kann, wenn sie oder er ein paar einfache Werkzeuge verwendet. Das Wichtigste dabei ist eine starke komische Perspektive, d.h. eine Sicht auf die Welt, die von der »normalen« Wirklichkeit abweicht. Damit das wirklich komisch wird, so Vorhaus, muss man der komischen Figur sowohl Fehler geben, um einen emotionalen Abstand zwischen ihr und dem Publikum zu schaffen, aber genau so ein Stück Menschlichkeit, um Sympathie und Mitgefühl zu erzeugen. Auch wenn das paradox wirkt, zum Lachen brauchen wir Distanz und Nähe zugleich. Dass jemand auf der Bananenschale ausrutscht, ist nur komisch, wenn es nicht die eigene Großmutter ist. Dass jemand in der Öffentlichkeit die Hosen verliert, ist für uns komisch, weil es nicht uns selbst passiert, wir aber genau wissen, wie peinlich uns selbst das wäre. Als viertes und letztes Werkzeug kommt das Mittel der Übertreibung zum Einsatz, das die anderen drei – komische Perspektive, Fehler und Menschlichkeit – zusätzlich zuspitzt.
Nehmen wir Philipp Klapproth aus »Pension Schöller« als Beispiel: Seine komische Perspektive ist, dass die Gäste der Pension Schöller alles Verrückte sind. Klapproths Fehler ist seine schier unglaubliche Naivität, er glaubt einfach alles, was man ihm erzählt. Menschlich wird er dadurch, dass er sich über alles, was ihm neu, ungewöhnlich oder schräg vorkommt, freut, und das lautstark und wie ein Kind.

Haben Sie Lust, für uns eine Komödienfigur mit dem »Werkzeugkasten« zu bauen und sie uns zuzuschicken? Dann erfinden Sie Ihre komische Figur und senden sie uns per E-Mail (an online@theater-hn.de) bis zum 15. Januar 2019.
Die komischsten Figuren stellen wir hier in unserem Blog vor. Unter allen Einsendungen verlosen wir zwei Freikarten für »Pension Schöller« am Samstag, den 23. Februar 2019 um 19.30 Uhr im Großen Haus.

Aus Eisen erwächst ein Baum

Harper Regan ist das Psychogramm einer Frau, die ausbricht um zurückzukehren, so beschreibt Claudia Ihlefeld von der Heilbronner Stimme das Drama von Simon Stephens. Es ist die Geschichte einer durchschnittlichen Frau, Anfang 40, die als Hauptverdienerin ihre Familie ernährt. Harper hat gelernt, zu funktionieren und allen Anforderungen in Job und Familie gerecht zu werden. Dabei hat sie ihre eigenen Bedürfnisse aus dem Blick verloren. Aus dieser Welt entflieht Harper für zwei Tage.

Auch das Bühnenbild der Inszenierung spiegelt die Tristesse von Harper Regans Leben wider. Bis zur Schlussszene wird die Bühne von einem grauen Betonkubus bestimmt, vor den sich die Stationen dieser zwei Tage schieben: die Küche der Regans, der Flur des Krankenhauses, in dem Harpers Vater starb oder das Hotelzimmer, in dem sie einen ihr völlig Fremden datet. Die Bühne erschafft ein Abbild von Harpers Einsamkeit und den Verkrustungen ihrer Seele.

Die Küche der Regans.


Erst als Harper von ihrer »Flucht« heimkehrt, ändert sich dieses Bild. Der Kubus öffnet sich für die Schlussszene. In seinem Inneren kommt ein unwirklich wirkendes Vorort-Paradies zum Vorschein. Es ist ein kitschiges Gartenidyll, das von einem riesigen, hyperrealistisch erscheinenden Apfelbaum dominiert wird, unter ihm der gedeckte Frühstückstisch der Regans, die Vögel zwitschern, das Sonnenlicht bricht durch die Blätter. Die Idylle, in die Harper heimkehrt, ist zu perfekt.

Die Vorstadtidylle trügt.

Für Ausstatter Tom Musch und Regisseurin Uta Koschel war früh klar, dass es kein beliebiger Garten sein konnte, ein großes Bild musste her. Bei den Überlegungen wie dieser Garten aussehen könnte, kamen bald das Bild des Paradiesgartens auf, und von diesem Punkt an war der Apfelbaum für die Schlussszene gesetzt, wie Tom Musch berichtet.

Doch woher bekommt man einen solchen Baum?

Nun standen die Theaterwerkstätten vor der Aufgabe, einen Apfelbaum zu erschaffen. Schlosserei und Malersaal unterstützt von der Dekorationsabteilung und Schreinerei arbeiteten gemeinsam über Wochen an der Entstehung des Baumes. Es entstanden erste Skizzen im Malersaal wie der Baum aufgebaut sein kann. Die Größe von 6 x 6 Metern wurde festgelegt. Fragen zum Umfang und zur Üppigkeit der Baumkrone, sogar wie viele Äpfel darin hängen sollen, wurden geklärt. Die wichtigsten Punkte der Vorüberlegungen waren: wie bekommt der Baum seine Stabilität und wie lässt er sich im Boden verankern? Mit großem Ehrgeiz arbeiteten die Werkstätten sehr eng zusammen an der Umsetzung der Vorgaben, berichtet Tom Musch begeistert. Aus den Skizzen des Malersaals entstanden in der Schlosserei Ideen und Entwürfe für Konstruktion des Baumes. Ein Stahlskelett bildete das Grundgerüst, den Baumstamm. Verstärkt wurde er durch ein Stahlrohr im Podest, das ihm Stabilität gibt. Aus diesem Stamm erwuchsen über ca. vier Wochen die Äste aus Eisen, die für die weitere Bearbeitung abnehmbar blieben. Von Woche zu Woche wurden die Schweißarbeiten immer filigraner, bis hin zu 4 mm dünnen Drähten an denen später die Blätter befestigt werden solletn. Ein echter Ast auf der Werkbank diente dem Schlosser als Vorbild.

Danach ging es für den Stahlbaum in den Malersaal. Hier wurden die Rinde und Blätter angebracht, dass der Baum ein natürliches Aussehen erhielt. Auf das Stahlgerüst des Baumstamms und die starken Äste wurde zuvor in der Schreinerei Holz aufgebracht, um den Drahtrupfen – ein grober Netzstoff, der sich dank des darin verarbeiteten Drahtes in jede Form bringen lässt – befestigen zu können. Darüber legten die Plastiker eine Stoffkaschur aus Nesselstoff, auf die weitere Kaschiermasse aufgetragen wurde, um dem Baum eine realistische Rindenoberfläche zu geben. Nachdem alle Äste kaschiert waren, wurden sie mit Farbe in eine echt erscheinende Borke verwandelt. Dann fehlten nur noch die Blätter und Äpfel. Diese wurden alle einzeln mit einem Drahtringtacker an den kleinen Ästen befestigt. Am Ende stand ein paradiesisch schöner Apfelbaum, der seinen Weg auf die Bühne fand.

Dort lässt er jetzt im Schlussbild der Inszenierung die Hoffnung aufscheinen, dass sich die Welt der Familie Regan verändern könnte. Er gibt der Entwicklung des großen Traums von Seth Regan wie eine mögliche Zukunft aussehen könnte, ein Bild, das dem Nullpunkt an dem sich die Figuren in dieser Szene befinden, gegenüber steht.

Dieser enorme, vor Grün und Äpfeln strotzende Baum überspitzt die Vorstadtidylle. Er offenbart die Irrealität des erträumten Happy Ends. Harpers Reise endet wo sie begann, in ihrem Leben vor diesen zwei Tagen, in dem alles gleich scheint und doch nichts mehr ist wie es war. Ob Harpers Ausbruch Veränderung bringt, bleibt offen.

Der Weg zu Macht ist ein dreckiger.

Das spiegelt sich auch in dem Bühnenbild der Inszenierung »Richard III.« wider. Über zweieinhalb Stunden kämpfen sich die Schauspieler durch einen Sumpf aus Dreck im wahrsten Sinne des Wortes.

Auf der Bühne ist ein Schlachtfeld entstanden, statt des klassischen Bühnenbodens haben unsere Bühnentechniker dort einen morastigen Erdboden erschaffen, der keinen sicheren Halt gewährt.

Ob er die Schlachtfelder der Rosenkriege zwischen den Herrscherhäusern Lancaster und York, den Sumpf und Morast der Familie York, inder jeder Dreck am Stecken hat, symbolisiert – dieser schlammige Bühnenboden bietet jede Menge Raum als Spiel- und Projektionsfläche. Über vier Monate wird er für jede Vorstellung im großen Haus neu auf die Bühne gebracht.  Unsere Bühnentechniker haben ein ausgeklügeltes System entwickelt, dass der Torf frisch bleibt, zu jederAufführung die gleiche Konsistenz besitzt.

Es ist nicht das erste Mal, dass mit Schlamm auf der Bühne gearbeitet wird, erklärt Bühnenmeister Lutz Schmieder. Aus der Inszenierung »Dantons Tod« lagen bereits jede Menge Erfahrungswerte vor, so dass die Produktionsleitung sofort wusste, was zu bestellen war, um einen morastigen Sumpfboden entstehen zu lassen. Acht Kubikmeter Schwarztorf wurden bestellt und auf Paletten angeliefert. In einer eigens für die Bühne des großen Hauses gefertigten Schlammwanne wurde der noch trockene Torf aufgeschüttet und so lange gewässert bis er die gewünschte Konsistenz hatte. In kleinen Schritten haben sich Bühnentechniker und Regisseur Axel Vornam an das Endergebnis herangetastet, vorsichtig wurde immer wieder Wasser hinzugegeben, bis der Schlamm die richtige Feuchtigkeit erreicht hatte.
Die Schlammwanne ist ein 6 x 12 Meter großes Untergestell aus Holz, die in Zusammenarbeit mit den Werkstätten gebaut wurde. Mehrere Schichten Teichfolie dichten die Wanne ab, so dass der eigentliche Bühnenboden stets geschützt bleibt.

Doch was passiert mit dem Schlamm, wenn die Tiere des Dschungels über die Bühne tanzen oder sich die illustre Gesellschaft durch die Pension Schöller durch die Nächte feiert?

Nach jeder Vorstellung wird die Schlammwanne von den Bühnentechnikern mit Schaufeln, Schneeschiebern und Besen geleert. Der Torf wird in Handarbeit in große Behälter gefüllt, die bis zur nächsten Vorstellung aufder Hinterbühne lagern. Auch die Schlammwanne wird bis zur nächsten Vorstellung abgebaut. Bevor es wieder auf die Bühne geht, wird der Torf erneut aufbereitet. Ist er durch das Lagern zu trocken geworden, wird er erneut gewässert. Wenn erdurch zu viel Wasser übersättigt ist, wird er von den Bühnentechnikern ausgetauscht, bevor er zu schimmeln anfängt. Dann wird neuer trockener Torf – zur Sicherheit lagert genug »frischer« Torf hinter der Bühne, denn er wird nur zu bestimmten Jahreszeiten ausgeliefert – mit Schaufeln untergehoben und immer wieder umgeschichtet und erneut gewässert, bis der Schlamm wieder den Anforderungen der Inszenierung entspricht. Dann wird er erneut in die Schlammwanne geschaufelt verteilt, und das Spektakel auf dem Shakespearischen Schlachtfeld kann erneut seinen Lauf nehmen.

Vom Papier auf die Bühne

Wer sich hinter den Kulissen des Theaters nicht auskennt, kann es sich kaum vorstellen: Am Bühnenbild für das Weihnachtsmärchen wird immer schon  mitten im heißen Sommer gearbeitet.  Noch vor der Sommerpause des Theaters entstanden im Malersaal riesige gemalte Dschungellandschaften, die seit November die Bühne des großen Hauses in den indischen Dschungel verwandeln.

Auch die berühmte Affenstadt aus dem Dschungelbuch wurde hier gefertigt. Eine alte Tempelanlage, erbaut von Menschen, die King Louie und seiner Affenbande als Heim dient. Die hölzernen und steinernen Statuten sind von Wind, Wetter und den wilden Affen gezeichnet. Und langsam erobert sich der Urwald die Relikte kultischer Rituale der Menschen zurück. Diese Zeugen längst vergangener Zeiten sehen verdammt echt aus – sogar aus der Nähe. Aber statt Holz und Stein ist ihr Hauptbestandteil Styropor, das in vielen Arbeitsschritten in kultische Stein und Holzfiguren verwandelt wird.

Michelle Zimmermann, die zum Sommer ihre 3-jährige Ausbildung als Plastikerin im Malersaal abgeschlossen hat, hat für uns die Entstehung der Statuen dokumentiert.

Am Beginn stehen die Skizzen des Bühnenbildners und ein riesiger Block Styropor. Nachdem Michelle Zimmermann die Skizzen angepasst und eine Lochpause erstellt hat, überträgt sie die Skizze auf den Styroporblock. Dann kommen Ketten- und Konturexsäge zum Einsatz, um der Figur ihre groben Konturen zu verleihen. Noch lässt sich nur erahnen, was das Endprodukt wird. Nach den ersten Schnitzarbeiten lässt sich schon erkennen, was später auf der Bühne stehen wird. Doch um der Figur auch den nötigen Halt zu verleihen, bekommt unsere Plastikerin Hilfe aus der Schlosserei und Schreinerei, die eine Stahlarmierung in jede Figur einfügen und ihr einen stabilen Sockel verleihen. Mit Montageschaum wird die Schnittstelle für die Stahlarmierung im Innern wieder unsichtbar gemacht.
Im nächsten Schritt geht es in die Feinarbeit. Mit klassischen Küchenmessern schnitzt Michelle Zimmermann immer mehr Details in das Styropor. Arme, Augen, Nase, Kleidung werden herausgearbeitet bis ihnen mit Schleifpapier der letzte Schliff verpasst werden kann.

Doch wie wird aus dem weißen Styropor eine antike Holz- oder Steinfigur?

Mit Nesselstoff, Leim und Farbe! Mit Stoff und Leim wird die Figur kaschiert, das gibt dem Styropor nicht nur Schutz und Festigkeit sondern auch die gewünschte Oberfläche, um die Figur anschließend mit Farbe in eine antike Holz- oder Steinfigur zu verwandeln.

In unserem kleinen Video, könnt Ihr verfolgen. Wie sich aus den Skizzen die verschiedenen Stauten entwickeln.