Demnächst in diesem Theater: »Born to Be Wild?« mit Julia Klotz

Für Julia Klotz war die Arbeit an »Born to Be Wild?« so etwas wie ein »Heimkommen«. Direkt nach ihrem Studium an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig war sie zwei Jahre lang Ensemblemitglied am Theater Heilbronn, sang und spielte sich vom »Weißen Rößl« bis zur »Abbey Road« (mit Regisseur Stefan Huber) und erhielt 2007 den Kilian für die Rolle der Norma Cassady in »Victor/Victoria«. Auch unter der Intendanz von Axel Vornam war sie mehrfach am Berliner Platz zu sehen: In »Der Vetter aus Dingsda«, »White!« (wieder unter der Regie von Stefan Huber) und als Eliza Doolittle bei einem Gastspiel von »My Fair Lady« aus Kaiserslautern.

Julia Klotz (Foto: Oliver Betke)

»Was ich am Festengagement am meisten vermisse,« gesteht die aus Mainz stammende Schauspielerin und Sängerin, »das ist ein Ensemble. Ich habe zwar als Gast am Gärtnerplatztheater in München über die letzten fünf Jahre oft mit denselben wunderbaren Kollegen zusammengearbeitet, trotzdem fährt jeder nach den Vorstellungen wieder nach Hause. Mir fehlt meine Theaterfamilie, denn ich bin sowohl privat, als auch in der Arbeit ein Herdentier.«

Dabei hat ihr die Freiheit der »Wanderjahre« einige wunderbare Rollen eingebracht. Für ihre Darstellung der Madame de Tourvel in der Uraufführung des Musicals »Gefährliche Liebschaften« erhielt Julia Klotz den Deutschen Musical Theater Preis 2015. Auch die brandneue Revueoperette »Drei Männer im Schnee«, bei der sie mitwirkt, wurde mit drei Musicaltheaterpreisen ausgezeichnet. »Ich bin selbst überrascht, dass „Born to Be Wild?“ schon meine neunte Uraufführung ist – drei davon waren in Heilbronn«, sprudelt es aus ihr heraus. »Wenn man mich vor ein paar Jahren gefragt hat, welche Rolle ich gerne spielen würde, dann hab ich immer geantwortet: Ich möchte gerne in einer Uraufführung mitwirken. Mich reizt daran besonders, noch früher in den Entstehungsprozess eines neuen Stückes eingebunden zu sein und eine Rolle mit zu kreieren.«

Und in »Born to Be Wild?« sind es gleich zwei. Julia Klotz lacht: »Ich mag meine beiden Rollen sehr, und sie könnten unterschiedlicher nicht sein.« Wie würde sie ihre Figuren charakterisieren? »Uschi von Kulenburg ist eine konservative und ehrgeizige Hausfrau der Nachkriegsgeneration, die sich über ihren Mann und seine Stellung definiert. Sie ist stets darum bemüht, den Schein zu wahren.« Und was ist mit Priscilla Joe, die bei der Show in der Show u.a. mit »Cinderella Rockefella« oder »River Deep Mountain High« auftritt? »Sie ist das Sinnbild der sich auflehnenden Generation, als Außenseiterin für mich eine tragische Figur. Freiheitsliebend, experimentell, auch was Drogen und die Liebe angeht.« Bei den Proben war der Bezug der Songs zum aktuellen Aufbegehren und Revoltieren junger Menschen häufig ein Thema. Auch Julia Klotz zieht Parallelen zum Hier und Heute: »Das ist absolut gegeben. Gerade das Lied, das Tietje und Huber für den Schluss ausgewählt haben und das für sich stehen soll, spricht heute noch Bände …« Aber mehr wollen wir jetzt nicht verraten.

Demnächst in diesem Theater: »Born to Be Wild?« – choreografiert von Eric Rentmeister

Als ich ihn auf die Hauptprobe anspreche kurz vor dem Theater-Lockdown, der die heiß ersehnte Uraufführung von »Born to Be Wild?« vorerst sabotiert hat, muss Eric Rentmeister lauthals lachen. Wegen einer kurzfristigen Erkrankung im Ensemble war er kurz entschlossen als »Priscilla Joe« eingesprungen, damit die Nummern im Ablauf für Licht, Ton und Technik funktionierten. »Ja, die Probe hat Spaß gemacht!« grinst Rentmeister. »Und so etwas ist manchmal auch hilfreich, weil ich dann ein bisschen besser nachvollziehen kann, wie es den Schauspielerinnen und Schauspielern auf der Bühne geht und wie ich sie besser unterstützen kann.«

Eric Rentmeister (rechts) bei der Probe von »Born to Be Wild« mit Pablo Guaneme Pinilla.
Foto: Jochen Quast

Für das Theater Heilbronn ist der große, schlanke Künstler aus Köln inzwischen schon zum achten Mal tätig: Er war als »Cagelle« im »Käfig voller Narren« zu erleben und entwickelte die Choreografien für »White!«, »Das Apartment«, »Spring Awakening«, die »Rocky Horror Show«, »Charleys Tante« und »Zwei hoffnungslos verdorbene Schurken«. Wenn er sich entscheiden müsste, ob er lieber selbst auf der Bühne stehen oder choreografieren wollte, welche Wahl würde er treffen? »Ich bin nicht ohne Grund sowohl Darsteller als auch Choreograf, weil ich mich da noch nie entscheiden wollte. Beides hat seine ganz eigenen Reize. Auf der Bühne kann ich mich austoben, als Choreograf kann ich zusehen, wie meine Vision in die Tat umgesetzt wird.«

Tatsächlich geht sein »Aktionsradius« aber noch weit über die künstlerischen Fähigkeiten hinaus, die er in Heilbronn unter Beweis gestellt hat. Eric Rentmeister war mehrfach als Regisseur an Theatern im Ruhrgebiet engagiert und hatte diverse Lehraufträge u.a. an der Folkwang Universität der Künste, an der selbst er von 2000 bis 2004 studiert hatte, der Universität Hildesheim und der WAM Medienakademie Dortmund. Seit 2012 unterrichtet er den Musicalnachwuchs an der Hochschule Osnabrück. Was gibt er seinen Studentinnen und Studenten dort mit auf den Weg? »Ich möchte ihnen neben dem Handwerk insbesondere Respekt vor dem Genre und die nötige Ernsthaftigkeit mitgeben«, erklärt Rentmeister nun selbst ganz ernst. »Musical wird so oft als leichte Muse und als oberflächlich abgetan, dabei kann es so viel mehr sein.«

Was und wie das Genre sein kann, hat ihm unter anderen auch der Regisseur Stefan Huber vermittelt, den er 2003 beim Abschlussprojekt seines Studiums »kennen und schätzen gelernt« hat: »Bis heute eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich auf der Bühne machen durfte.« Auch Eric Rentmeisters erste eigene Choreografie war für eine Huber-Inszenierung, 2009 bei Andrew Lloyd Webbers »Evita« in Dortmund. Die letzten Jahre hatte sich keine gemeinsame Arbeit ergeben – bis das Theater Heilbronn die beiden bei der Uraufführung der 68er-Show »Born to Be Wild?« wieder zusammen brachte. »Was mir am meisten Spaß macht«, freut sich Rentmeister, »ist es, immer wieder auf bekannte Gesichter zu treffen. In Heilbronn ist das Klima für mich inzwischen fast familiär. Das macht die Arbeit sehr angenehm.« Hat ihm die Show in der Show, die sich Stefan Huber und der musikalische Leiter und Arrangeur Kai Tietje für »Born to Be Wild?« ausgedacht haben, denn auch Herausforderungen bereitet? Eric Rentmeister lacht noch einmal schallend: »Mit den vielen Stufen unserer Showtreppe war es da schon mal knifflig. Aber ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis.«

Demnächst in diesem Theater: »Born to Be Wild?« mit Frederik Bott

Bei »Mit der Faust in die Welt schlagen« schockierte er als brutaler Menzel. In »Born to Be Wild?« zeigt sich Frederik Bott von einer ganz anderen Seite. Beziehungsweise gleich von zwei Seiten: Denn wie fast alle Mitglieder des kompakten Ensembles spielt der 28jährige Schauspieler aus Münsingen auf der schwäbischen Alb zwei verschiedene Rollen, Benno Leichtfuß, Student und Regievolontär bei der Fernsehshow »Mit Musik geht alles besser«, und Barry Rocker, den glamourösen Gaststar der Sendung.

Frederick Bott als Barry Rocker (Foto: Jochen Quast)

»Ich denke, bei mir vermischen sich On- und Backstage in der Figur am ehesten, denn Benno möchte im Endeffekt die Sendung übernehmen«, erklärt Frederik Bott. »Benno ist gleichzeitig impulsiv und zielstrebig, während Barry mehr Glam und Starallüren mitbringt. Gemeinsam haben beide ihre Power, jeder auf seine Weise.« Das Aufbegehren des Studenten, von Autor und Regisseur Stefan Huber konzipiert als »Prototyp des revolutionären Studenten der 68er, eine Mischung aus Rudi Dutschke und Benno Ohnesorg«, kann Bott gut nachvollziehen und auch auf aktuelle gesellschaftspolitische Strömungen beziehen: »Ich denke, dass in puncto Revolte die Geschichte sich immer wiederholen wird. Immer wenn das Fass überläuft, radikalisieren sich Menschen.«

Die »Power«, die er in seinen Rollen am Theater Heilbronn unter Beweis gestellt hat und stellen wird, zeichnet Frederik Bott auch als Person aus. Noch während seines Schauspielstudiums an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart drehte er den mehrfach preisgekrönten Kinofilm »Elser – Er hätte die Welt verändert«. Es folgen seitdem Engagements bei »Tatort« und in der RTL-Serie »Sankt Maik« (als einer der Partner unseres ehemaligen Ensemblemitglieds Bettina Burchard). Nach seinem Abschluss ging er für zwei Spielzeiten ans Staatstheater Nürnberg. Seine letzte Rolle dort war in dem Liederabend »Raumstation Sehnsucht« unter der Regie von Patricia Benecke, die in Heilbronn bereits »Kunst« und »Venedig im Schnee« im Komödienhaus inszenierte.

Seit 2018 ist der junge Schauspieler freischaffend und viel bei Film und Fernsehen beschäftigt, hat aber auch mehr Zeit für die Musik, denn »nebenbei« tritt er als Sänger der beiden Bands »Phrad Baron« und »Lay Out« auf. Welche Art von Musik mag und macht Frederik Bott? Er grinst breit: »Gute Frage! Ich höre andere Musik, als ich selber mache. Für mein Soloprojekt schreibe ich Singer-Songwriter-Nummern, für meine Band Hip Hop Funk, aber wenn es ums Hören geht, kann man mir mit Rock und Metal eine Freude machen.« In »Born to Be Wild?« reicht die Bandbreite seiner Songs von dem »I Feel Like I’m Fixing to Die«-Rag bis zu »Stairway to Heaven«. Freuen Sie sich drauf!

Demnächst in diesem Theater: Born to Be Wild? – Mit Eve Rades

Pandemie-bedingt sind wir mit unserer Uraufführung, Kai Tietjes und Stefan Hubers 68er-Revue »Born to Be Wild?« bisher leider nur bis zur Generalprobe gekommen. Aber keine Sorge: Sobald es wieder geht, stehen Ihnen »wilde« Zeiten im Theater Heilbronn bevor. Um schon jetzt Lust auf den Abend zu machen, stellen wir den April über die Gäste und die kreativen Köpfe in und hinter der Show in einer Blog-Serie vor. Den Auftakt macht die Berliner Schauspielerin und Sängerin Eve Rades.

Eve Rades als Jane Hippins in »Born to Be Wild?« (Foto: Jochen Quast)

Bis auf einen Schauspieler aus unserer 8-köpfigen Besetzung – wir können es hier schon verraten: es ist Stefan Eichberg als der Moderator der Fernsehsendung »Mit Musik geht alles besser«, Vico von Kulenburg – haben alle Ensemblemitglieder zwei Rollen – onstage und backstage. »Meine beiden Figuren«, erklärt Eve Rades, »heißen Jane Hippins, eine britische Hippie-Folksängerin, und Rosemarie Bleicher, die persönliche Maskenbildnerin des Moderators der Fernseh-Show. Allein von ihrem Aussehen her unterscheiden sie sich schon ganz gut. Jane Hippins ist ja als Gaststar Teil der Show und steht im Rampenlicht vor den Kameras, während Rosemarie aus der Arbeiterklasse kommt und mit dieser ganzen Glamourwelt nichts am Hut hat und auch mit diesem Gehabe nicht viel anfangen kann. Das sind zwei komplett unterschiedliche Energien und zwischen den beiden zu wechseln, macht Spaß.«

Der Name des Autors und Regisseurs Stefan Huber war der Absolventin der Bayerischen Theaterakademie August Everding schon seit ihrer Studienzeit bekannt: »Stefan hat an unserer Akademie das Abschlussstück »Rent« inszeniert. Ich fand die Inszenierung toll, und viele der Studenten schwärmten von der Arbeit mit ihm. Da war ich natürlich neugierig, und mir blieb der Name präsent. Als dann drei Jahre nach meinem Studium ein Casting für »Next to Normal« an der Oper Dortmund ausgeschrieben wurde, mit ihm als Regisseur und Kai Tietje als musikalischem Leiter, war ich wirklich aufgeregt. Ich habe selten jemanden erlebt, der sich so viel Zeit für ein Vorsingen nimmt. Da fühle ich mich dann nicht wie eine Nummer. Man hat Zeit anzukommen und kann sich in der Arbeit kennenlernen.« Die Rolle der Natalie in dem Pulitzerpreis-gekrönten Erfolgsmusical hat Eve Rades dann gleich zwei Mal in Hubers Inszenierung gespielt – in Dortmund und später in Österreich.

Es folgen viele große Musicalpartien, ein wahres »Who’s Who« von Eliza Doolittle über Sally Bowles und Maria Magdalena bis zu Evita. Daneben war sie mehrere Saisonen in Berlin und Hamburg in »Hinterm Horizont« zu sehen. Und deutschlandweit on Tour als Hexe Bibi Blocksberg in »Bibi & Tina«. Gibt es eine Lieblingsrolle?  »Kann ich gar nicht sagen,« lacht die quirlige Berlinerin mit der rockigen Stimme. »Ich hatte bisher Glück, Rollen spielen und singen zu dürfen, in denen ich mich darstellerisch austoben konnte, und da möchte ich mich nicht entscheiden.«

Auch das Eintauchen in die Musik der 68er und der frühen 70er hat Eve Rades einen großen Spaß gemacht. »Viele der Songs sind nach wie vor bekannt und über Generationen weitergetragen worden, zum Beispiel »Revolution«, »Imagine« aber auch »Für mich soll´s rote Rosen regnen«. Es gibt einfach Musik, die bleibt immer aktuell und berührt, egal wie alt sie ist.«

Countdown für ein neues Festival

Was und wie erzählt Theater über Wissenschaft? Wie nutzt Wissenschaft die Mittel des Theaters zur Wissensvermittlung? In einem neuartigen Festival erforschen die experimenta und das Theater Heilbronn ihre gemeinsamen Schnittstellen und präsentieren sechs ungewöhnliche, abwechslungsreiche, spannende Gastspiele und Projekte, die sich mit Wissenschaftsgeschichte ebenso beschäftigen wie mit den drängenden Zukunftsfragen. Publikumsgespräche, Talk-Runden mit Experten und – als besonderes Highlight – ein im Rahmen des Festivals ausgeschriebener internationaler Science-Dramenwettbewerb ergänzen das Programm.

Aus 27 eingeschickten internationalen Theaterstücken hat eine fünfköpfige Jury die drei besten ausgewählt, die nun am letzten Festivaltag in szenischen Lesungen vorgestellt werden. Ob nun Christina Ketterings gar nicht so ferne Zukunftsvision »Schwarze Schwäne« (D), Stef Smiths Thriller »Girl in the Machine« (GB) oder Charles Ways philosophisches Spiel »Endstation Leben« (GB) in der nächsten Spielzeit im Science Dome inszeniert werden wird, entscheidet auch das Publikum am 9. November ab 15 Uhr mit.

»Kafka in Wonderland« (Foto: Krischan Ahlborn)

Den Auftakt im spektakulären Science Dome der experimenta macht aber schon am Mittwoch, 6. November, um 20 Uhr, das deutsch israelische Künstlerduo half past selber schuld, alias Ilanit Magarshak-Riegg und Sir ladybug beetle. Mit Musik und Tanz, Animationsfilm und Figurentheater schaffen sie überbordende »Bühnencomics« und nehmen in »Kafka in Wonderland« die Zukunft ins Visier: Dort wirbt die Firma Wonderland inc. für endloses Leben und bietet den Upload des Bewusstseins in die Wonderland-Cloud an – vollauflösend und in bester Qualität. Doch der verheißene Fortschritt birgt einige tiefe Abgründe … Eine zweite Vorstellung im Science Dome findet am 7. November um 20 Uhr statt.

Am selben Ort reist das Brachland Ensemble am Samstag, 9. November, um 14 und 18 Uhr, in das Innere des Gehirns des informationsüberforderten Brian, wo Brain, eine Art Arbeiter zwischen den Synapsen, Brians Geistesblitz hinterherjagt. »The Curiosity of Brain« mischt lustvoll fantasievolle Hirnforschung, Physical Theatre und Animationsfilm.

»The Curiosity of Brain« (Foto: Brachland Ensemble)

Mit dem Theater an der Parkaue aus Berlin gastiert eines der renommiertesten Kinder- und Jugendtheater Deutschlands in der BOXX. Das preisgekrönte Stück »In dir schläft ein Tier« (ab 9 Jahren) von Oliver Schmaering erzählt vom Kampf der Mediziner Ehrlich und von Behring gegen die Diphterie und hat durch die Diskussion über die Impfpflicht eine zusätzliche Aktualität erhalten. Die beiden Vorstellungen (auch für Schulen geeignet) finden am Donnerstag, 7. November, um 11 und 18 Uhr in der BOXX statt.

»In dir schläft ein Tier« (Foto: Christian Brachwitz)

Das sind nur drei Beispiele aus einem dichten Programm. Das Théâtre Nouvelle Génération aus Lyon fragt in ihrer Installation »Artefact«: Kann es Theater ohne Menschen geben? »Dr. Wahn« erklärt seine all-umfassende Theorie der Welt. Und die Gruppe Meinhardt & Krauss aus Stuttgart erzählt in »ELIZA uncanny love« eine ganz neue Variante der »Pygmalion«-Geschichte – mit Robotik. In Publikumsgesprächen und den Talk-Runden »Geht es auch ohne Helden?« und »Müssen wir Angst vor der Zukunft haben?« gibt es die Möglichkeit, sich mit den Künstlern und namhaften Experten auszutauschen.

Das komplette Festivalprogramm finden Sie auf unserer Homepage.

»Eine Rolle spielen, die wiederum eine Rolle spielt«

Als »Gärtnerin aus Liebe« kommt die Sopranistin Johanna Pommranz ans Theater Heilbronn zurück

Johanna Pommranz als Marchesa Violante Onesti, unter dem Namen Sandrina als Gärtnerin verkleidet; Foto: Thomas Braun

»Bei »Orlando« habe ich Gesang noch im Bachelor-Studiengang studiert, inzwischen geht mein Master-Studium schon dem Ende entgegen«, antwortet Johanna Pommranz auf die Frage, was sie als Sängerin gemacht hat, seit sie als Dorinda in unserer letzten eigenen Operninszenierung das Heilbronner Publikum eroberte. »Außerdem konnte ich weitere Opernerfahrungen sammeln, z.B. in Tübingen als Erminio in der Wiederentdeckung von Jommellis »Il cacciatore deluso« oder als Sand- und Taumännchen in Humperdincks »Hänsel und Gretel« bei den Staufer Festspielen. Daneben gab es viele Konzerte mit Orchester und einige solistische Auftritte auch im Ausland – Spanien, Österreich und Frankreich.«

Nun singt und spielt die aus Gomaringen stammende junge Sopranistin die Titelrolle in unserer Gartenoper »La finta giardiniera«. Und sie ist als die »Gärtnerin aus Liebe« auch sicher die vielschichtigste Figur in Mozarts Jugendwerk. »Für mich liegt das Geheimnis von Sandrina, alias Violante, zum einen darin, dass sie eine wahnsinnige Entwicklung durchläuft«, beschreibt Johanna. »Trauer, Zorn, Eifersucht, aber auch Todesangst und Freude. Dass sie all diese Gemütszustände und Emotionen durchlebt, macht sie zu einer alles andere als stereotypen Figur. Für mich wird sie dadurch so menschlich.« Sie erklärt sich das Besondere an der vermeintlichen Gärtnerin Sandrina aber auch opernhistorisch: »Zum anderen kann man sie weder einer typischen Opera buffa- noch einer typischen Opera seria-Figur zuordnen. Eigentlich ist Violante eine Gräfin, die sich aber als eine Person niedrigen Standes ausgibt. Ich finde, dass Mozart das in seiner Komposition wahnsinnig interessant widerspiegelt. In ihrer Arie »Geme la tortorella« verwebt er Elemente der Opera buffa wie liedhafte Melodik mit einer so differenzierten Harmonik und Dynamik, die nicht mehr der Opera buffa zugeordnet werden können. Auch der Text lässt sich als Gleichnisarie der Opera seria zuordnen. So verschmilzt an dieser Stelle Musik beider Varianten, genauso wie die beiden Rollen Sandrina und Violante quasi gemeinsam singen und ineinander verschmelzen. Bei ihrer letzten Arie im zweiten Akt ist aber nichts mehr von der Opera buffa wiederzufinden. Sandrina flieht aus dem Haus des Podestà und hat ihre Rolle als Gärtnerin abgelegt. Sie ist Violante.«

Johanna Pommranz und Paul Sutton, im Vordergrund; Foto: Thomas Braun

Man merkt Johanna Pommranz an, wie intensiv sie sich mit der Gärtnerin auseinander gesetzt hat. »La finta« war offensichtlich für sie ein Spaß und eine Herausforderung: »Neben dem großen Reiz, eine Rolle zu spielen, die wiederum eine Rolle spielt, hat die Partie in musikalischer Hinsicht auch viele Tücken. Die vielen verschiedenen Emotionen stellen unterschiedliche Ansprüche an die Stimme. So gibt es viele lyrische Elemente, aber auch dramatische und Koloraturpassagen. Das alles innerhalb einer Oper zu zeigen und sich zwischen den Arien umzustellen, finde ich bei jeder Vorstellung aufs Neue spannend.« Und was ist das nächste Spannende für Johanna? »Mein Master-Abschluss an der Hochschule im Februar«, lacht sie. »Und dann heißt es für mich: Vorsingen und hoffen, dass ich in ein Opernstudio aufgenommen werde.« Wir wünschen ihr dafür ein herzliches TOI TOI TOI!

Noch könnt Ihr Johanna Pommranz zwei Mal in der Oper »La finta giardiniera« auf der BUGA erleben, gleich heute Abend um 20.00 Uhr und das letzte Mal am Freitag 5. Juli 2019 um 20.00 Uhr.

»Gehört zu werden ist manchmal wichtiger als das Siegertreppchen«

Bariton Konstantin Krimmel gastiert nach »Orlando« zum zweiten Mal am Theater Heilbronn

Konstantin Krimmel als Roberto, Diener der Marchesa Violante, unter dem Namen Nardo, Gärtnerbursche beim Podestà mit Clémence Boullu; Foto: Thomas Braun

Seit seinen Auftritten als Zoroastro in unserer Inszenierung von Georg Friedrich Händels »Orlando« hat sich bei dem Bariton Konstantin Krimmel einiges getan: Erst vor kurzem ist er mit dem Preis des Deutschen Musikwettbewerbs UND des Internationalen Helmut-Deutsch-Liedwettbewerbs ausgezeichnet worden. Was bedeuten solche Preise für einen jungen Sänger? »Solche Wettbewerbe können für uns ein sehr großes Sprungbrett sein«, erklärt der Absolvent der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. »Die Jury ist meist besetzt mit hochkarätigen Sängern und Musikern, mit Agenten, Intendanten. Sie haben alle schon große Karriere gemacht und dadurch natürlich auch einen großen Wirkungskreis. Noch dazu sind die Finalrunden meist öffentlich, man kann sich vor Publikum präsentieren. Und gehört zu werden, das ist manchmal wichtiger als das Siegertreppchen.«

Konstantin Krimmel, Foto: Thomas Braun

Bei den vielen neuen und spannenden Auftritten und Projekten, die nun auf Konstantin zukommen, haben wir uns sehr gefreut, dass er Zeit und Lust hatte, auf der Sparkassenbühne der BUGA die Partie des Nardo zu übernehmen. Wie auch die anderen Figuren in »La finta giardiniera« stellt der vermeintliche Gärtner dem Objekt seiner Liebe hinterher – auch wenn es natürlich die Falsche ist. Könnte man ihn sogar ein bisschen als »Stalker« bezeichnen? Konstantin Krimmel lacht: »Das ist nicht ganz der richtige Begriff. Inmitten all dieser anderen Liebespaare ist Nardo einfach fasziniert vom Kammermädchen Serpetta. Und sie ist ja auch die Einzige, die wegen ihrer sozialen Stellung für ihn überhaupt in Frage kommt.« Ein ganz anderer Fall ist da seine »Kollegin« Sandrina … »Für sie würde er sehr weit gehen. Nardo ist ihr Diener. Aber weil sie sich nicht als Adelige zu erkennen geben darf, haben sie nach außen dieselbe Stellung, eigentlich. Und das gefällt ihm ganz  gut.«

Was wartet nun als Nächstes auf Konstantin Krimmel, wenn die acht Vorstellungen auf der BUGA vorbei sind? »Viel Lied und Konzert. Unter anderem in Köln und Stuttgart, aber auch Konzert- und Opern-Projekte auf Schloss Esterhazy im Burgenland und am Staatstheater Wiesbaden, in Oxford und London. Gibt also viel zu proben, und ich freue mich sehr darauf.«

Noch drei Mal gibt es »La finta giardiniera« auf der BUGA zu erleben. Alle Termine finden Sie HIER –>.

Konstantin Krimmel, Foto: Andreas Donders

»Eine komische Oper funktioniert nur, wenn man ernst macht.«

Ewandro Stenzowski singt und spielt den »Podestà« in unserer Gartenoper

vlnr. Konstantin Krimmel, Ewandro Stenzowski, Clémence Boullu; Foto: Thomas Braun

»Ich bin in Brasilien geboren«, schreibt Ewandro Stenzowski auf seiner Internetseite, »und meine Familiengeschichte ist so etwas wie ein Ausdruck dessen, was mein Land ausmacht: eine komplexe Mischung aus Kulturen und Geschmäckern. Meine Wurzeln sind italienisch, afrikanisch, portugiesisch und polnisch. Das erklärt vielleicht, warum ich mich in praktisch jedem Land zu Hause fühle, in dem ich bisher gewesen bin.« Mit Musik und Gesang kam er schon früh in seiner Heimatstadt Curitiba in Berührung und blieb beidem auch über seine fünfjährige Dienstzeit bei der brasilianischen Marine treu. Seit seinem Masterabschluss an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Stuttgart hat Ewandro große Tenorrollen u.a. am Opernstudio der Staatsoper Stuttgart und am Landestheater Detmold gesungen, Cavaradossi in »Tosca«, Rodolfo in »La Bohème« und Erik im »fliegenden Holländer«.

Don Anchise, Podestà von Lagonero: Ewandro Stenzowski, mit Clémence Boullu;
Foto: Thomas Braun

In »La finta giardiniera« auf der Bundesgartenschau hat er als verliebter Podestà allerdings eine durch und durch komische, komödiantische Rolle. Ist das für ihn ein krasser Wechsel? »Vor ein paar Wochen stand ich noch als Cavaradossi auf der Bühne. Es ist toll, und ich liebe die Musik. Aber jetzt freue ich mich auf etwas Leichteres, wo niemand am Ende stirbt … Oops! Spoiler!« lacht der stets gut gelaunte Tenor. Und apropos komische Rollen: »Ich habe auch schon den Alfred in der »Fledermaus« gespielt – und war im »Schwarzwaldmädel« besetzt. Wenn man eine komische Oper singt und spielt, muss man verstehen, dass es nur funktioniert, wenn man ernst macht.«

Mit seiner Rolle in »La finta« hat er sich deshalb durchaus ernsthaft auseinandergesetzt. „Weißt du, was interessant an der Rolle ist? Der Podestà heißt eigentlich Don Anchise, aber wird im ganzen Stück kein einziges Mal so genannt, sondern immer nur mit seiner Funktion bezeichnet“, erklärt Ewandro. »Das Wort »Podestà« leitet sich vom italienischen »potere (Macht)« ab, und ist als Titel so etwas wie ein nicht demokratisch gewählter Oberbürgermeister. Ein Podestà hat das Recht, praktisch alle wichtigen politischen, rechtlichen und militärischen Strukturen in einer Stadt zu kontrollieren. Im Stück versucht Don Anchise, eine Hochzeit für die Nichte zu arrangieren, so dass er mehr Einfluss und Geld bekommen kann. Ein geld- und machtgieriger Provinzherrscher. Andererseits spricht er komplizierter als fast alle anderen, und ist sehr stolz darauf. (Er singt auch sehr laut, dass er ein »gelehrter Mann« ist.) Dabei ist er wieder sehr komisch.« Ist das dann die Herausforderung für das Spiel? Wieder lacht Ewandro: »Ja, genau, genau die Balance zu finden zwischen Autorität und Sympathie und Leichtigkeit in der Figur.«

Johanna Pommranz und Ewandro Stenzowski; Foto: Thomas Braun

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»Wir brennen für die Musik!«

Manuela Vieira singt und spielt »Arminda« in »La finta giardiniera«

Arminda, edles Fräulein aus Mailand: Manuela Vieira (rechts) Foto: Thomas Braun

»Die Oper könnte nicht besser auf die BUGA passen«, freut sich Manuela Vieira. Die junge Sopranistin, die wie ihr Kollege Ewandro Stenzowski aus Brasilien stammt und ihren Master in Stuttgart gemacht hat, ist dem Heilbronner Publikum schon aus »Così fan tutte«, der ersten Kooperation zwischen dem Theater Heilbronn, dem WKO und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, bekannt. Damals sang sie die Fiordiligi, in unserer Oper auf der Bundesgartenschau nun die Partie der Arminda, beide starke, leidenschaftliche Frauen. »Mozart war 18 Jahre alt, als er »La finta« komponiert hat, und 16 Jahre später fand die Uraufführung von »Così« statt. Sein jeweiliger Reifegrad spiegelt sich in seiner Musik und in der Konzeption der Rollen«, erklärt Manuela. »Beide sind junge und reiche Frauen, beide singen sehr dramatische Bravourarien (»Vorrei punirti indegno« und »Come scoglio«), aber was sie verbindet ist viel geringer, als das, was sie unterscheidet: Arminda, die Nichte des Podestà, hat ein klares Ziel vor Augen, von Anfang bis Ende. Sie ist entschlossen, dreist und direkt, fast übertrieben wie eine lustige Karikatur. Dagegen hat Fiordiligi so viele Nuancen, Gedanken und Gefühle, dass es mir manchmal schwer gefallen ist, sie als Opernrolle und nicht als echte Person zu sehen.«

Manuela Vieira und Paul Sutton; Foto Thomas Braun

Ist Arminda also im Kontrast dazu eine komische Figur? Manuela Vieira lacht: »Sie weiß auf jeden Fall ganz genau, was sie will. Noch mehr Luxus, als sie bisher gewohnt ist. Sie ist es auch gewohnt, immer alles zu bekommen, aber plötzlich laufen ihre Pläne nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat. Und sie will den Grafen haben und Gräfin werden, egal was sie dafür tun muss!«

Und wie ist es, eine Gartenoper im Garten zu spielen? »Case Scaglione und Axel Vornam haben zusammen ein großartiges Spektakel geschaffen. Und wir als junges Team auf der Bühne freuen uns über die wunderschönen Kostüme und brennen für die Musik! Wir haben schon durch die vielen Zuschauer während der Proben gemerkt, dass es eine tolle Gelegenheit für die Menschen ist, die (noch) keine großen Opernfans sind, diese Art von Theater kennen zu lernen. Und wir hoffen, dass das Publikum minimum so viel Spaß hat wie wir auf der Bühne!«

vlnr. Ewandro Stenzowski, Manuela Vieira, Paul Sutton; Foto Thomas Braun

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Ein glückliches Paar sieht anders aus …

Ein Probenbesuch bei der »Gärtnerin«
Mozarts »La finta giardiniera« probt (noch) auf der Probebühne

Die Pause ist vorbei. Geprobt wird der Anfang des zweiten Aktes. Laut Libretto befinden wir uns in einer Halle im Palast des Podestà, des Bürgermeisters von Lagonero (deutsch: Schwarzensee). Real befinden wir uns auf der Probebühne 2 im Probenzentrum in der Christophstraße. Noch sind die Stellwände aus Pappkarton. Die davor stehenden Gartenmöbel für die Gartenoper sind schon die Originale, die bei der Premiere von »La finta giardiniera« auf der BUGA zum Einsatz kommen werden.

Die Darsteller von »La finta giardiniera« hier noch im Probenzentrum. (Foto: Andreas Donders)

»Alles OK?« fragt Regisseur Axel Vornam seine (noch) unsichtbaren Sänger hinter der Kulisse. »Seid ihr so weit? Los geht’s.« Auftritt Manuela Vieira von rechts. Arminda war im ersten Akt eigentlich nach Lagonero gekommen, um sich mit dem Grafen Belfiore zu verloben. Dummerweise hat er kurz vor der Pause seine tot geglaubte Ex Violante wieder getroffen. Kein Wunder, dass die mondäne Arminda auf die Bühne rast, im kleinen Schwarzen, mit Sonnenbrille und topmodischer Handtasche, die sie in ihrer Erregung auf einen der Gartenstühle wirft.

So ist es zumindest gedacht. Diesmal fällt die Handtasche neben den Stuhl. »Stop«, unterbricht Axel Vornam lachend, »Manuela hat sich verworfen.« Die Szene beginnt von vorne. Wegen so einer Lappalie unterbrechen? Aber natürlich, denn jedes Detail einer Inszenierung hat seine Bedeutung. Dass die Handtasche da landet, wo sie landen soll, ist für den weiteren Verlauf des Geschehens nicht ganz unwichtig: In einer späteren Szene kommt sie genau auf diesem Stuhl als zentrales Requisit zum Einsatz, wenn das Dienstmädchen Serpetta (Clémence Boullu) ein diebisches Interesse am Inhalt hat.

Aber zurück zur Szene. Korrepetitorin Jinhee Park gibt am Klavier den Einsatz. Recitativo. Auftritt Paul Sutton von hinten. Der Graf Belfiore kommt auf die »Terrasse« und muss sich den Fragen und Vorwürfen Armindas stellen. Die steigern sich zur virtuosen Arie »Vorrei punirti indegno« (Ich wollte dich bestrafen, Unwürdiger), nicht umsonst »Aria agitata« bezeichnet. Aufgeputscht von Leidenschaft und Eifersucht reißt Arminda ihren abgewandten Bräutigam herum. Ein glückliches Paar sieht anders aus. Und hier sieht man, was sich in der Inszenierung Axel Vornams durch die ganze Oper ziehen wird: Es sind die Frauen, die die Hosen anhaben und den Männern zeigen, wo es lang geht. Im Falle von Beatriz Simoes in der »Hosenrolle« des Contino Ramiro ganz buchstäblich.

Noch etwas wird in der kleinen Szene klar: Mit »La finta giardiniera« bedient der damals erst 18jährige Wolfgang Amadeus Mozart zwar die gängigen Typen und Muster der komischen Oper seiner Zeit, aber – wie um 1775 üblich – gehören durchaus auch ernste Momente und tiefe Leidenschaften zum Repertoire. Deshalb nennt Mozart »La finta« auch »Dramma giocoso« – ein »lustiges Drama«.

Diese Probe ist schon fast eine der letzten im Probenzentrum. In der darauffolgenden Woche geht es auf die Bundesgartenschau. »Oh Dio, oh Numi« singt Manuela Vieira, alias Arminda, gerade im nächsten Rezitativ. Genau! Mögen die Wettergötter der Gärtnerin gewogen sein!

Die Premiere der Oper »La Finta Giardiniera« ist am Sonntag 9. Juni 2019, 20:00 Uhr auf der Sparkassenbühne auf dem BUGA-Gelände.