Countdown für ein neues Festival

Was und wie erzählt Theater über Wissenschaft? Wie nutzt Wissenschaft die Mittel des Theaters zur Wissensvermittlung? In einem neuartigen Festival erforschen die experimenta und das Theater Heilbronn ihre gemeinsamen Schnittstellen und präsentieren sechs ungewöhnliche, abwechslungsreiche, spannende Gastspiele und Projekte, die sich mit Wissenschaftsgeschichte ebenso beschäftigen wie mit den drängenden Zukunftsfragen. Publikumsgespräche, Talk-Runden mit Experten und – als besonderes Highlight – ein im Rahmen des Festivals ausgeschriebener internationaler Science-Dramenwettbewerb ergänzen das Programm.

Aus 27 eingeschickten internationalen Theaterstücken hat eine fünfköpfige Jury die drei besten ausgewählt, die nun am letzten Festivaltag in szenischen Lesungen vorgestellt werden. Ob nun Christina Ketterings gar nicht so ferne Zukunftsvision »Schwarze Schwäne« (D), Stef Smiths Thriller »Girl in the Machine« (GB) oder Charles Ways philosophisches Spiel »Endstation Leben« (GB) in der nächsten Spielzeit im Science Dome inszeniert werden wird, entscheidet auch das Publikum am 9. November ab 15 Uhr mit.

»Kafka in Wonderland« (Foto: Krischan Ahlborn)

Den Auftakt im spektakulären Science Dome der experimenta macht aber schon am Mittwoch, 6. November, um 20 Uhr, das deutsch israelische Künstlerduo half past selber schuld, alias Ilanit Magarshak-Riegg und Sir ladybug beetle. Mit Musik und Tanz, Animationsfilm und Figurentheater schaffen sie überbordende »Bühnencomics« und nehmen in »Kafka in Wonderland« die Zukunft ins Visier: Dort wirbt die Firma Wonderland inc. für endloses Leben und bietet den Upload des Bewusstseins in die Wonderland-Cloud an – vollauflösend und in bester Qualität. Doch der verheißene Fortschritt birgt einige tiefe Abgründe … Eine zweite Vorstellung im Science Dome findet am 7. November um 20 Uhr statt.

Am selben Ort reist das Brachland Ensemble am Samstag, 9. November, um 14 und 18 Uhr, in das Innere des Gehirns des informationsüberforderten Brian, wo Brain, eine Art Arbeiter zwischen den Synapsen, Brians Geistesblitz hinterherjagt. »The Curiosity of Brain« mischt lustvoll fantasievolle Hirnforschung, Physical Theatre und Animationsfilm.

»The Curiosity of Brain« (Foto: Brachland Ensemble)

Mit dem Theater an der Parkaue aus Berlin gastiert eines der renommiertesten Kinder- und Jugendtheater Deutschlands in der BOXX. Das preisgekrönte Stück »In dir schläft ein Tier« (ab 9 Jahren) von Oliver Schmaering erzählt vom Kampf der Mediziner Ehrlich und von Behring gegen die Diphterie und hat durch die Diskussion über die Impfpflicht eine zusätzliche Aktualität erhalten. Die beiden Vorstellungen (auch für Schulen geeignet) finden am Donnerstag, 7. November, um 11 und 18 Uhr in der BOXX statt.

»In dir schläft ein Tier« (Foto: Christian Brachwitz)

Das sind nur drei Beispiele aus einem dichten Programm. Das Théâtre Nouvelle Génération aus Lyon fragt in ihrer Installation »Artefact«: Kann es Theater ohne Menschen geben? »Dr. Wahn« erklärt seine all-umfassende Theorie der Welt. Und die Gruppe Meinhardt & Krauss aus Stuttgart erzählt in »ELIZA uncanny love« eine ganz neue Variante der »Pygmalion«-Geschichte – mit Robotik. In Publikumsgesprächen und den Talk-Runden »Geht es auch ohne Helden?« und »Müssen wir Angst vor der Zukunft haben?« gibt es die Möglichkeit, sich mit den Künstlern und namhaften Experten auszutauschen.

Das komplette Festivalprogramm finden Sie auf unserer Homepage.

»Eine Rolle spielen, die wiederum eine Rolle spielt«

Als »Gärtnerin aus Liebe« kommt die Sopranistin Johanna Pommranz ans Theater Heilbronn zurück

Johanna Pommranz als Marchesa Violante Onesti, unter dem Namen Sandrina als Gärtnerin verkleidet; Foto: Thomas Braun

»Bei »Orlando« habe ich Gesang noch im Bachelor-Studiengang studiert, inzwischen geht mein Master-Studium schon dem Ende entgegen«, antwortet Johanna Pommranz auf die Frage, was sie als Sängerin gemacht hat, seit sie als Dorinda in unserer letzten eigenen Operninszenierung das Heilbronner Publikum eroberte. »Außerdem konnte ich weitere Opernerfahrungen sammeln, z.B. in Tübingen als Erminio in der Wiederentdeckung von Jommellis »Il cacciatore deluso« oder als Sand- und Taumännchen in Humperdincks »Hänsel und Gretel« bei den Staufer Festspielen. Daneben gab es viele Konzerte mit Orchester und einige solistische Auftritte auch im Ausland – Spanien, Österreich und Frankreich.«

Nun singt und spielt die aus Gomaringen stammende junge Sopranistin die Titelrolle in unserer Gartenoper »La finta giardiniera«. Und sie ist als die »Gärtnerin aus Liebe« auch sicher die vielschichtigste Figur in Mozarts Jugendwerk. »Für mich liegt das Geheimnis von Sandrina, alias Violante, zum einen darin, dass sie eine wahnsinnige Entwicklung durchläuft«, beschreibt Johanna. »Trauer, Zorn, Eifersucht, aber auch Todesangst und Freude. Dass sie all diese Gemütszustände und Emotionen durchlebt, macht sie zu einer alles andere als stereotypen Figur. Für mich wird sie dadurch so menschlich.« Sie erklärt sich das Besondere an der vermeintlichen Gärtnerin Sandrina aber auch opernhistorisch: »Zum anderen kann man sie weder einer typischen Opera buffa- noch einer typischen Opera seria-Figur zuordnen. Eigentlich ist Violante eine Gräfin, die sich aber als eine Person niedrigen Standes ausgibt. Ich finde, dass Mozart das in seiner Komposition wahnsinnig interessant widerspiegelt. In ihrer Arie »Geme la tortorella« verwebt er Elemente der Opera buffa wie liedhafte Melodik mit einer so differenzierten Harmonik und Dynamik, die nicht mehr der Opera buffa zugeordnet werden können. Auch der Text lässt sich als Gleichnisarie der Opera seria zuordnen. So verschmilzt an dieser Stelle Musik beider Varianten, genauso wie die beiden Rollen Sandrina und Violante quasi gemeinsam singen und ineinander verschmelzen. Bei ihrer letzten Arie im zweiten Akt ist aber nichts mehr von der Opera buffa wiederzufinden. Sandrina flieht aus dem Haus des Podestà und hat ihre Rolle als Gärtnerin abgelegt. Sie ist Violante.«

Johanna Pommranz und Paul Sutton, im Vordergrund; Foto: Thomas Braun

Man merkt Johanna Pommranz an, wie intensiv sie sich mit der Gärtnerin auseinander gesetzt hat. »La finta« war offensichtlich für sie ein Spaß und eine Herausforderung: »Neben dem großen Reiz, eine Rolle zu spielen, die wiederum eine Rolle spielt, hat die Partie in musikalischer Hinsicht auch viele Tücken. Die vielen verschiedenen Emotionen stellen unterschiedliche Ansprüche an die Stimme. So gibt es viele lyrische Elemente, aber auch dramatische und Koloraturpassagen. Das alles innerhalb einer Oper zu zeigen und sich zwischen den Arien umzustellen, finde ich bei jeder Vorstellung aufs Neue spannend.« Und was ist das nächste Spannende für Johanna? »Mein Master-Abschluss an der Hochschule im Februar«, lacht sie. »Und dann heißt es für mich: Vorsingen und hoffen, dass ich in ein Opernstudio aufgenommen werde.« Wir wünschen ihr dafür ein herzliches TOI TOI TOI!

Noch könnt Ihr Johanna Pommranz zwei Mal in der Oper »La finta giardiniera« auf der BUGA erleben, gleich heute Abend um 20.00 Uhr und das letzte Mal am Freitag 5. Juli 2019 um 20.00 Uhr.

»Gehört zu werden ist manchmal wichtiger als das Siegertreppchen«

Bariton Konstantin Krimmel gastiert nach »Orlando« zum zweiten Mal am Theater Heilbronn

Konstantin Krimmel als Roberto, Diener der Marchesa Violante, unter dem Namen Nardo, Gärtnerbursche beim Podestà mit Clémence Boullu; Foto: Thomas Braun

Seit seinen Auftritten als Zoroastro in unserer Inszenierung von Georg Friedrich Händels »Orlando« hat sich bei dem Bariton Konstantin Krimmel einiges getan: Erst vor kurzem ist er mit dem Preis des Deutschen Musikwettbewerbs UND des Internationalen Helmut-Deutsch-Liedwettbewerbs ausgezeichnet worden. Was bedeuten solche Preise für einen jungen Sänger? »Solche Wettbewerbe können für uns ein sehr großes Sprungbrett sein«, erklärt der Absolvent der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. »Die Jury ist meist besetzt mit hochkarätigen Sängern und Musikern, mit Agenten, Intendanten. Sie haben alle schon große Karriere gemacht und dadurch natürlich auch einen großen Wirkungskreis. Noch dazu sind die Finalrunden meist öffentlich, man kann sich vor Publikum präsentieren. Und gehört zu werden, das ist manchmal wichtiger als das Siegertreppchen.«

Konstantin Krimmel, Foto: Thomas Braun

Bei den vielen neuen und spannenden Auftritten und Projekten, die nun auf Konstantin zukommen, haben wir uns sehr gefreut, dass er Zeit und Lust hatte, auf der Sparkassenbühne der BUGA die Partie des Nardo zu übernehmen. Wie auch die anderen Figuren in »La finta giardiniera« stellt der vermeintliche Gärtner dem Objekt seiner Liebe hinterher – auch wenn es natürlich die Falsche ist. Könnte man ihn sogar ein bisschen als »Stalker« bezeichnen? Konstantin Krimmel lacht: »Das ist nicht ganz der richtige Begriff. Inmitten all dieser anderen Liebespaare ist Nardo einfach fasziniert vom Kammermädchen Serpetta. Und sie ist ja auch die Einzige, die wegen ihrer sozialen Stellung für ihn überhaupt in Frage kommt.« Ein ganz anderer Fall ist da seine »Kollegin« Sandrina … »Für sie würde er sehr weit gehen. Nardo ist ihr Diener. Aber weil sie sich nicht als Adelige zu erkennen geben darf, haben sie nach außen dieselbe Stellung, eigentlich. Und das gefällt ihm ganz  gut.«

Was wartet nun als Nächstes auf Konstantin Krimmel, wenn die acht Vorstellungen auf der BUGA vorbei sind? »Viel Lied und Konzert. Unter anderem in Köln und Stuttgart, aber auch Konzert- und Opern-Projekte auf Schloss Esterhazy im Burgenland und am Staatstheater Wiesbaden, in Oxford und London. Gibt also viel zu proben, und ich freue mich sehr darauf.«

Noch drei Mal gibt es »La finta giardiniera« auf der BUGA zu erleben. Alle Termine finden Sie HIER –>.

Konstantin Krimmel, Foto: Andreas Donders

»Eine komische Oper funktioniert nur, wenn man ernst macht.«

Ewandro Stenzowski singt und spielt den »Podestà« in unserer Gartenoper

vlnr. Konstantin Krimmel, Ewandro Stenzowski, Clémence Boullu; Foto: Thomas Braun

»Ich bin in Brasilien geboren«, schreibt Ewandro Stenzowski auf seiner Internetseite, »und meine Familiengeschichte ist so etwas wie ein Ausdruck dessen, was mein Land ausmacht: eine komplexe Mischung aus Kulturen und Geschmäckern. Meine Wurzeln sind italienisch, afrikanisch, portugiesisch und polnisch. Das erklärt vielleicht, warum ich mich in praktisch jedem Land zu Hause fühle, in dem ich bisher gewesen bin.« Mit Musik und Gesang kam er schon früh in seiner Heimatstadt Curitiba in Berührung und blieb beidem auch über seine fünfjährige Dienstzeit bei der brasilianischen Marine treu. Seit seinem Masterabschluss an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Stuttgart hat Ewandro große Tenorrollen u.a. am Opernstudio der Staatsoper Stuttgart und am Landestheater Detmold gesungen, Cavaradossi in »Tosca«, Rodolfo in »La Bohème« und Erik im »fliegenden Holländer«.

Don Anchise, Podestà von Lagonero: Ewandro Stenzowski, mit Clémence Boullu;
Foto: Thomas Braun

In »La finta giardiniera« auf der Bundesgartenschau hat er als verliebter Podestà allerdings eine durch und durch komische, komödiantische Rolle. Ist das für ihn ein krasser Wechsel? »Vor ein paar Wochen stand ich noch als Cavaradossi auf der Bühne. Es ist toll, und ich liebe die Musik. Aber jetzt freue ich mich auf etwas Leichteres, wo niemand am Ende stirbt … Oops! Spoiler!« lacht der stets gut gelaunte Tenor. Und apropos komische Rollen: »Ich habe auch schon den Alfred in der »Fledermaus« gespielt – und war im »Schwarzwaldmädel« besetzt. Wenn man eine komische Oper singt und spielt, muss man verstehen, dass es nur funktioniert, wenn man ernst macht.«

Mit seiner Rolle in »La finta« hat er sich deshalb durchaus ernsthaft auseinandergesetzt. „Weißt du, was interessant an der Rolle ist? Der Podestà heißt eigentlich Don Anchise, aber wird im ganzen Stück kein einziges Mal so genannt, sondern immer nur mit seiner Funktion bezeichnet“, erklärt Ewandro. »Das Wort »Podestà« leitet sich vom italienischen »potere (Macht)« ab, und ist als Titel so etwas wie ein nicht demokratisch gewählter Oberbürgermeister. Ein Podestà hat das Recht, praktisch alle wichtigen politischen, rechtlichen und militärischen Strukturen in einer Stadt zu kontrollieren. Im Stück versucht Don Anchise, eine Hochzeit für die Nichte zu arrangieren, so dass er mehr Einfluss und Geld bekommen kann. Ein geld- und machtgieriger Provinzherrscher. Andererseits spricht er komplizierter als fast alle anderen, und ist sehr stolz darauf. (Er singt auch sehr laut, dass er ein »gelehrter Mann« ist.) Dabei ist er wieder sehr komisch.« Ist das dann die Herausforderung für das Spiel? Wieder lacht Ewandro: »Ja, genau, genau die Balance zu finden zwischen Autorität und Sympathie und Leichtigkeit in der Figur.«

Johanna Pommranz und Ewandro Stenzowski; Foto: Thomas Braun

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»Wir brennen für die Musik!«

Manuela Vieira singt und spielt »Arminda« in »La finta giardiniera«

Arminda, edles Fräulein aus Mailand: Manuela Vieira (rechts) Foto: Thomas Braun

»Die Oper könnte nicht besser auf die BUGA passen«, freut sich Manuela Vieira. Die junge Sopranistin, die wie ihr Kollege Ewandro Stenzowski aus Brasilien stammt und ihren Master in Stuttgart gemacht hat, ist dem Heilbronner Publikum schon aus »Così fan tutte«, der ersten Kooperation zwischen dem Theater Heilbronn, dem WKO und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, bekannt. Damals sang sie die Fiordiligi, in unserer Oper auf der Bundesgartenschau nun die Partie der Arminda, beide starke, leidenschaftliche Frauen. »Mozart war 18 Jahre alt, als er »La finta« komponiert hat, und 16 Jahre später fand die Uraufführung von »Così« statt. Sein jeweiliger Reifegrad spiegelt sich in seiner Musik und in der Konzeption der Rollen«, erklärt Manuela. »Beide sind junge und reiche Frauen, beide singen sehr dramatische Bravourarien (»Vorrei punirti indegno« und »Come scoglio«), aber was sie verbindet ist viel geringer, als das, was sie unterscheidet: Arminda, die Nichte des Podestà, hat ein klares Ziel vor Augen, von Anfang bis Ende. Sie ist entschlossen, dreist und direkt, fast übertrieben wie eine lustige Karikatur. Dagegen hat Fiordiligi so viele Nuancen, Gedanken und Gefühle, dass es mir manchmal schwer gefallen ist, sie als Opernrolle und nicht als echte Person zu sehen.«

Manuela Vieira und Paul Sutton; Foto Thomas Braun

Ist Arminda also im Kontrast dazu eine komische Figur? Manuela Vieira lacht: »Sie weiß auf jeden Fall ganz genau, was sie will. Noch mehr Luxus, als sie bisher gewohnt ist. Sie ist es auch gewohnt, immer alles zu bekommen, aber plötzlich laufen ihre Pläne nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat. Und sie will den Grafen haben und Gräfin werden, egal was sie dafür tun muss!«

Und wie ist es, eine Gartenoper im Garten zu spielen? »Case Scaglione und Axel Vornam haben zusammen ein großartiges Spektakel geschaffen. Und wir als junges Team auf der Bühne freuen uns über die wunderschönen Kostüme und brennen für die Musik! Wir haben schon durch die vielen Zuschauer während der Proben gemerkt, dass es eine tolle Gelegenheit für die Menschen ist, die (noch) keine großen Opernfans sind, diese Art von Theater kennen zu lernen. Und wir hoffen, dass das Publikum minimum so viel Spaß hat wie wir auf der Bühne!«

vlnr. Ewandro Stenzowski, Manuela Vieira, Paul Sutton; Foto Thomas Braun

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Ein glückliches Paar sieht anders aus …

Ein Probenbesuch bei der »Gärtnerin«
Mozarts »La finta giardiniera« probt (noch) auf der Probebühne

Die Pause ist vorbei. Geprobt wird der Anfang des zweiten Aktes. Laut Libretto befinden wir uns in einer Halle im Palast des Podestà, des Bürgermeisters von Lagonero (deutsch: Schwarzensee). Real befinden wir uns auf der Probebühne 2 im Probenzentrum in der Christophstraße. Noch sind die Stellwände aus Pappkarton. Die davor stehenden Gartenmöbel für die Gartenoper sind schon die Originale, die bei der Premiere von »La finta giardiniera« auf der BUGA zum Einsatz kommen werden.

Die Darsteller von »La finta giardiniera« hier noch im Probenzentrum. (Foto: Andreas Donders)

»Alles OK?« fragt Regisseur Axel Vornam seine (noch) unsichtbaren Sänger hinter der Kulisse. »Seid ihr so weit? Los geht’s.« Auftritt Manuela Vieira von rechts. Arminda war im ersten Akt eigentlich nach Lagonero gekommen, um sich mit dem Grafen Belfiore zu verloben. Dummerweise hat er kurz vor der Pause seine tot geglaubte Ex Violante wieder getroffen. Kein Wunder, dass die mondäne Arminda auf die Bühne rast, im kleinen Schwarzen, mit Sonnenbrille und topmodischer Handtasche, die sie in ihrer Erregung auf einen der Gartenstühle wirft.

So ist es zumindest gedacht. Diesmal fällt die Handtasche neben den Stuhl. »Stop«, unterbricht Axel Vornam lachend, »Manuela hat sich verworfen.« Die Szene beginnt von vorne. Wegen so einer Lappalie unterbrechen? Aber natürlich, denn jedes Detail einer Inszenierung hat seine Bedeutung. Dass die Handtasche da landet, wo sie landen soll, ist für den weiteren Verlauf des Geschehens nicht ganz unwichtig: In einer späteren Szene kommt sie genau auf diesem Stuhl als zentrales Requisit zum Einsatz, wenn das Dienstmädchen Serpetta (Clémence Boullu) ein diebisches Interesse am Inhalt hat.

Aber zurück zur Szene. Korrepetitorin Jinhee Park gibt am Klavier den Einsatz. Recitativo. Auftritt Paul Sutton von hinten. Der Graf Belfiore kommt auf die »Terrasse« und muss sich den Fragen und Vorwürfen Armindas stellen. Die steigern sich zur virtuosen Arie »Vorrei punirti indegno« (Ich wollte dich bestrafen, Unwürdiger), nicht umsonst »Aria agitata« bezeichnet. Aufgeputscht von Leidenschaft und Eifersucht reißt Arminda ihren abgewandten Bräutigam herum. Ein glückliches Paar sieht anders aus. Und hier sieht man, was sich in der Inszenierung Axel Vornams durch die ganze Oper ziehen wird: Es sind die Frauen, die die Hosen anhaben und den Männern zeigen, wo es lang geht. Im Falle von Beatriz Simoes in der »Hosenrolle« des Contino Ramiro ganz buchstäblich.

Noch etwas wird in der kleinen Szene klar: Mit »La finta giardiniera« bedient der damals erst 18jährige Wolfgang Amadeus Mozart zwar die gängigen Typen und Muster der komischen Oper seiner Zeit, aber – wie um 1775 üblich – gehören durchaus auch ernste Momente und tiefe Leidenschaften zum Repertoire. Deshalb nennt Mozart »La finta« auch »Dramma giocoso« – ein »lustiges Drama«.

Diese Probe ist schon fast eine der letzten im Probenzentrum. In der darauffolgenden Woche geht es auf die Bundesgartenschau. »Oh Dio, oh Numi« singt Manuela Vieira, alias Arminda, gerade im nächsten Rezitativ. Genau! Mögen die Wettergötter der Gärtnerin gewogen sein!

Die Premiere der Oper »La Finta Giardiniera« ist am Sonntag 9. Juni 2019, 20:00 Uhr auf der Sparkassenbühne auf dem BUGA-Gelände.

Komische Oper mit tiefem Gefühl

Mit »La finta giardiniera« wächst Mozart über die »typischen« Opern seiner Zeit hinaus

Drei Jahre hatte Wolfgang Amadeus Mozart keine Oper mehr geschrieben. Da erhält er 1774 den Auftrag des Münchner Hofintendanten, ein Werk für den Münchner Fasching zu komponieren. Lustig soll es sein – und ein Textbuch gibt es auch schon. Der kurbayerische Gesandte hat es von einer erfolgreichen Aufführung in Rom mitgebracht. Wer zahlt, so die Regel damals, bestimmt auch das Libretto, der Komponist macht nur die Musik dazu. Urheberschutz oder Plagiatsvorwürfe spielen keine Rolle.

Und der 18jährige Mozart macht sich an die Arbeit für »La finta giardiniera (Die Gärtnerin aus Liebe)«. Typisch für die komische Oper dieser Zeit ist die Spielhandlung, typisch sind die sieben Rollen-Typen, die sie antreiben und am Laufen halten. Don Anchise, der Bürgermeister, der auf seinem Landgut die Verlobung seiner Nichte ausrichtet, erinnert nicht zufällig an den lüsternen alten »Pantaleone« aus der italienischen Stegreifkomödie, der Commedia dell’Arte. Dazu kommen jeweils ein ernstes, ein komisches und ein gemischtes Liebespaar, die sich verlieben und verwechseln, zerstreiten und versöhnen, nicht immer in dieser Reihenfolge.

Ein Blick in den Probenraum auf die Figurinen der Kostüme. Foto Andreas Frane

Man sieht es schon an dieser Besetzung: Die komischen Opern der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren »Mischformen«, in denen auch tiefe Gefühle und heftige Leidenschaften, die man aus der »Opera seria« kennt, ihren Platz finden. Und gerade hier zeigt der 18jährige Komponist einen großen musikalischen Einfallsreichtum, der schon auf die späteren Meisterwerke verweist. Wer würde in einer Faschingsoper eine intensive, mitreißende Wahnsinnsarie vermuten?

»La finta giardiniera« ist so abwechslungsreich wie musikalisch berückend – und ab 9. Juni 2019 auf der BUGA Heilbronn zu erleben. Musikalische Kostproben mit Mitgliedern des Ensembles gibt es bereits beim Theaterfrühstück am 2. Juni um 11 Uhr im Oberen Foyer des Theater Heilbronn.

Die Requisiten lassen mörderische Absichten vermuten. Foto: Andreas Frane

»Üben, üben, üben, bis alles sitzt«

In dieser Spielzeit hat er als Tartuffe, als Schöller und als Lenglumé in »Die Affäre Rue de Lourcine« das Publikum zum Schmunzeln, Lachen, sogar zum Japsen gebracht. Nils Brück spricht mit Dramaturg Andreas Frane über die harte Arbeit an der Komödie.

»Die Affäre Rue de Lourcine« Nils Brück, Hannes Rittig; Foto: Thomas Braun

Andreas Frane: Welche Voraussetzungen und Eigenschaften sollte man mitbringen, wenn man Komödie spielen will?

Nils Brück: Mein Wissen stützt sich vor allem auf Erfahrungen aus der Praxis. Komödie braucht aus meiner Sicht viele Zutaten: Zuerst einmal Spielfreude – Verspieltsein, Mut – Übermut, Disziplin – Anarchie, Timing, Rhythmus, Genauigkeit, Instinkt, Publikumsnähe und die Bereitschaft zum Scheitern.

Kann man »komisch sein« lernen?

Ich glaube, es gibt schon Schauspieler, die für dieses Genre besonders begabt sind. Und eine häufige Beschäftigung mit Komödien verschiedenster Herkunft (aus Frankreich, Großbritannien, Irland, Amerika, Deutschland) hilft sicher auch, seine Fähigkeiten auf diesem Gebiet zu entwickeln. Aber nur das und ausschließlich für die Bühne zu erlernen? Das gibt es wahrscheinlich nicht. Anders ist es im Zirkus. Da gibt es ja viele und auch tolle Clownsschulen. Auch die Pantomimen haben eine Spezialausbildung. Beide von mir sehr geschätzte und bewunderte Kunstformen.

Karl Valentin hat einmal gesagt: »Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.« Trifft das besonders auf die Komödie zu?

Absolut. Man durchläuft während der Proben verschiedenste Phasen. Das Entwickeln einer Situation, das Ausreizen des Scheiterns (denn es geht in der Komödie immer um das Scheitern, um die Not von Individuen in Extremsituationen, um die Zuspitzung einer unlösbaren Schwierigkeit) macht gerade zu Beginn einer Arbeit großen Spaß. Dann geht es um Genauigkeit, um das richtige Timing und um eine Wiederholbarkeit des Ganzen. Das ist harte Arbeit. Auch das gesamte Team kann ja nicht zwanzig, dreißig Mal über das Gleiche lachen. Dabei geht oft der Spaß verloren. Und man muss wie ein Jongleur üben, üben, üben, bis alles sitzt. Belohnt wird man dann, sollte alles gelingen, mit dem herzlichen Lachen des Publikums.

Hierzu vielleicht eine kleine Anekdote aus unserer letzten Vorstellung der »Affaire Rue de Lourcine«: Nach einem Satz in meinem Monolog lachte eine Frau ganz laut auf. Als sie merkte, dass sie die Einzige war, sagte sie »Oh Gott« und hielt sich den Mund zu. Ich hatte mich aber über die Reaktion gefreut und habe sie von der Bühne aus angesprochen: »Ach bitte, Sie können ruhig weiter lachen. Wir freuen uns…« Zum Lachen muss man eben nicht in den Keller gehen …

»Die Affäre Rue de Lourcine« Hannes Rittig, Nils Brück ; Foto: Thomas Braun

Wie viele Freiheiten darf / kann man sich denn erlauben?

Tja, das ist eine gute Frage, die auch von uns immer wieder diskutiert wird. Denn wo ist der Grat zwischen dem, was neu hinzukommt und dem Abend gut tut, und dem, was den Abend eher beschädigt? Da trifft man den Punkt nicht immer. Aber trotzdem ist es wichtig, eine Lebendigkeit zu erhalten. Das ist nicht so leicht in unserem Metier.

Es ist viel von Techniken bei Komikern und Komödianten die Rede. Wie verhindert man andererseits, dass Komödie auf der Bühne »technisch« wird und wirkt?

Ich glaube bei allen Stücken, so auch in der Komödie, kommt es darauf an, die Spielsituationen immer wieder neu zu erleben. Jeder Abend sollte ein Unikat sein und somit ein Erlebnis für das Publikum schaffen, dass eben nur an dem speziellen Abend in dieser Form stattfindet. Es ist alles live! Es geht um ein Gemeinschaftserlebnis, mit allen Fehlern, die passieren, mit Zustimmung oder Ablehnung des Publikums. Man muss sich also als Schauspieler trauen, sich im Moment zu bewegen.

Gibt es Gags, Techniken, Witze, die beim Publikum garantiert funktionieren?

Ja, gibt es schon, denke ich. Man muss Sie aber dosiert einsetzen, sonst nutzen sie sich ab. Welche das sind, wird aber nicht verraten …

Nils, ich bedanke mich herzliche für dieses Gespräch.

Den mörderisch komischen Monsieur Lenglumé aus »Die Affäre Rue de Lourcine« spielt Nils Brück nur noch am 20., 25. Und 26. April im Komödienhaus.

»Die Affäre Rue de Lourcine« Sven-Marcel Voss, Nils Brück ; Foto: Thomas Braun

Wie der Boxenstopp in der Formel Eins

Julia Schmalbrock springt in »Spiel’s nochmal, Sam« in viele Rollen – und Kostüme


»Nancy, Gina, Vanessa, Barbara, zwei ohne Namen und Sharon gibt es zwei Mal«, zählt Julia Schmalbrock, »acht Rollen in einem Stück. Das hatte ich noch nie.« Die gebürtige Münchnerin, die acht Jahre lang am Staatstheater Hannover von Pünktchen in »Pünktchen und Anton« bis »Minna von Barnhelm« große und kleine Rollen gespielt hat, ist für »Spiel’s nochmal, Sam« als Gast nach Heilbronn gekommen. Und in einer schweißtreibenden Inszenierung gelandet: »Es sind, ich glaube, zehn Umzüge, die schnellsten dauern knapp unter einer Minute. Das kann man sich ein wenig vorstellen wie beim Boxenstopp in der Formel Eins«, lacht Julia Schmalbrock. »Sobald ich von der Bühne komme, werde ich von zwei Ankleiderinnen und einer Maskenbildnerin in kürzester Zeit einmal komplett ent- und wieder bekleidet. In den ersten Proben war das ganz schön stressig, aber inzwischen sind wir richtig gut eingespielt.« Auf jeden Fall ist Jens Kerbels turbulente Inszenierung eine Chance, die eigene Vielseitigkeit auf die Probe und zur Schau zu stellen. Denn so viele unterschiedliche Frauentypen hat man als Schauspielerin selten in einer Spielzeit zu zeigen, geschweige denn in einem einzigen Stück.

»Spiel’s nochmal, Sam« ist nur noch bis zum 22. Februar im Komödienhaus zu belachen.
https://www.theater-heilbronn.de/spielplan/detail/inszenierung/spiels-nochmal-sam.html

v.r. Judith Lilly Raab, Oliver Firit & Julia Schmalbrock in »Spiel´s nochmal, Sam«
Julia Schmalbrock & Oliver Firit in »Spiel´s nochmal, Sam«

Rache ist kein guter Begleiter

Rahel Ohm als Margaret in »Richard III.«

»Die oben sind, sie werden hart geschüttelt, / und wenn sie falln, haun sie sich selbst zu Brei.«

Rahel Ohm in »Richard III.«

Nur zwei Szenen hat William Shakespeare der ehemaligen Königin Margaret in »Richard III.« geschrieben. Aber die Auftritte der Witwe des ermordeten Heinrich VI. gehören zweifellos zu den Höhenpunkten des erschreckend aktuellen Historien-Stücks. Sie kommentiert das dreckige und blutige Machtgerangel im Staat und verflucht ihre Gegner, sie wagt es, Dinge auszusprechen, für die Andere den Kopf verlieren würden. Für die markante Rolle hat sich Intendant und Regisseur Axel Vornam Verstärkung ans Haus geholt: Rahel Ohm, die schon an vielen renommierten Theatern zwischen Leipzig und Düsseldorf, Kassel und Weimar gearbeitet hat, war die letzten neun Spielzeiten festes Ensemblemitglied am Schauspiel Stuttgart. Wie würde sie Margaret beschreiben? »Verstoßen, mehr oder weniger mittellos, wissend dass Rache kein guter Begleiter ist, dennoch von ihr getrieben.« Ob sich die vielen Flüche, die die verbitterte Ex-Königin ausstößt, alle bewahrheiten, will Rahel Ohm nicht verraten. Die große Herausforderung auf der Bühne besteht für sie nicht im Navigieren des rutschigen, dreckigen Terrains, durch das die Figuren sich mühsam an die Macht bewegen, sondern in der »Verlebendigung« der kongenialen deutschen Übersetzung von Thomas Brasch: »Wie bekomme ich den Text griffig und in den Körper, so dass man der Figur abnimmt, dass es ihre Gedanken sind und nicht die einer Schauspielerin, die Shakespeare spricht.« Der immer wieder einsetzende Szenenapplaus für ihre Auftritte zeigt, dass Rahel Ohm das hervorragend gelingt.