Gedächtnis und guter Geist jeder Inszenierung

Wohl jeder Mitarbeiter des Theaters wurde in seinem Berufsleben schon einmal gefragt: »Und was machen Sie vormittags?« Viele Menschen haben im Kopf, dass an den Abenden die Vorstellungen im Theater laufen, und können sich nicht vorstellen, dass Mitarbeiter dort fast rund um die Uhr und natürlich auch vormittags arbeiten. Zum Beispiel DIE REGIEASSISTENTINNEN

Sie verbeugen sich nie, wenn ein Stück Premiere feiert. Für die Zuschauer ist ihr unermüdliches Wirbeln unsichtbar. Die Mitarbeiter des Theaters hingegen wissen, was sie leisten, die guten Geister jeder Inszenierung, die alle Fäden in den Händen halten: die Regieassistentinnen. Am Theater Heilbronn sind das seit zwei Jahren Julika van den Busch und Katrin Minkley. Dritte im Bunde ist seit dieser Spielzeit Sarah Holtkamp. Alle drei haben das Ziel, einmal selbst Regisseurinnen zu sein. Ein gängiger Weg dahin ist der über die Assistenz. Eine klassische Ausbildung zum Regieassistenten gibt es nicht. Julika van den Busch aus Bremen hat nach dem Abitur zwei Jahre lang Hospitanzen an verschiedenen Theatern Deutschlands absolviert. Nach dem Studium der Theaterwissenschaft und Philosophie in Bochum kam sie direkt ans Heilbronner Theater. In Bochum hätte sie eigentlich ihre Kollegin Katrin Minkley treffen können, die zur gleichen Zeit wie sie dort studierte, allerdings Germanistik und Komparatistik. Nach ihrem Masterabschluss hat die gebürtige Krefelderin in Kassel und Bad Vilbel hospitiert und kam dann nach Heilbronn. Sarah Holtkamp aus Mülheim an der Ruhr hat nach dem Abitur ein freiwilliges Jahr im Theater Oberhausen geleistet, dann in München Theaterwissenschaft, Germanistik und Soziologie studiert, das Studium für zwei Jahre unterbrochen, um am Theater Ulm zu arbeiten. Vor kurzem hat sie ihr Studium beendet und arbeitet nun in Heilbronn. Neben ihrer Arbeit als Regieassistentin schreibt sie derzeit an ihrer Doktorarbeit.

Regieassistenten sind die engsten Mitarbeiter des Regisseurs, weichen ihm während der Proben nicht von der Seite. Gleichzeitig sind sie die Schnittstelle zwischen Inszenierungsteam, Schauspielern und den Abteilungen und Werkstätten im Theater. Der Arbeitstag beginnt für die Drei morgens früh um 9 Uhr mit der Vorbereitung der Probe. Sie schließen die Probebühne auf, bringen die benötigten Requisiten und Kostüme mit und sorgen dafür, dass die Kulissen in Position sind. Pünktlich um 10 Uhr beginnt die Probe. Die Regieassistentinnen sitzen dann neben der Regie, ausgerüstet mit ihren wichtigsten Arbeitsgeräten: Bleistift und Radiergummi. Denn während der Einstudierung der Szenen führen sie akribisch das Regiebuch, in dem alle für eine Inszenierung bedeutsamen Dinge notiert werden: Positionen der Schauspieler, Stichworte, Gänge, Auftritte, Abgänge, Lichtzeichen, Toneinsätze, Textänderungen. Julika, Katrin und Sarah haben dafür jede Zeile des Textbuches durchnummeriert. So wissen sie: Bei Zeile 23 auf Seite 8 betritt Schauspieler X die Bühne von links. Das Regiebuch erfordert größte Sorgfalt, denn es ist das Gedächtnis für die Endproben, die Vorstellungen und Wiederaufnahmen.
Mit dem Probenende gegen 14 Uhr ist für die Regieassistentinnen noch lange keine Pause. Sie organisieren für den nächsten Tag, welche Szene wann mit welchen Schauspielern geprobt wird. Anschließend drehen sie ihre Runden durch die Abteilungen und Werkstätten und besprechen alles Nötige. Hinterher bringen sie das Textbuch auf den neuesten Stand, schreiben Requisitenlisten oder Szenarios für die Abteilungen Maske und Kostüm, damit diese wissen, wo sie hinter der Bühne die Schauspieler für schnelle Umzüge erwarten müssen.

Inzwischen ist es 16 Uhr geworden und die Regieassistentinnen können vielleicht kurz durchatmen. Aber spätestens ab 18 Uhr geht der Arbeitstag für sie weiter – als Abendspielleiterinnen. Mit der Premiere gibt die Regie die Verantwortung für das Stück ab in die Hände der Assistentinnen. Diese achten darauf, dass die Vorstellungen Abend für Abend gut laufen.  In jeder zweiten oder dritten Vorstellung sitzen sie im Zuschauerraum und schauen nach, ob alles, was mit den Schauspielern erarbeitet wurde, noch stimmt. Hinterher geben sie Rückmeldung, worauf stärker geachtet werden muss.  Wurde ein Stück längere Zeit nicht gespielt, leiten sie die Wiederaufnahmeproben. Wenn ein Schauspieler erkrankt und ein anderer einspringt, studieren sie mit dem Neuen die Rolle ein und begleiten dessen erste Vorstellungen von der Seitenbühne.

»Da lernt man Verantwortung zu tragen, mit Schauspielern zu arbeiten und sich Respekt zu verschaffen, was man später als Regisseur unbedingt braucht«, sagen die Drei. Jede von ihnen betreut zehn Stücke im Jahr während aller Proben und Vorstellungen. Wenn es die Zeit erlaubt, bekommen sie Verantwortung für eigene künstlerische Arbeiten. Katrin Minkley hat die Krimitour durch die Katakomben des Theaters kreiert, Julika van den Busch wird die Weihnachtsmatinee mit Schauspielern vorbereiten, Sarah Holtkamp erarbeitet mit Jugendlichen eine Inszenierung. »Momentan  lernen wir vor allem dadurch, dass wir den Regisseuren bei der Arbeit zugucken dürfen, uns mit ihrer Arbeitsweise auseinandersetzen oder in ihre Entscheidungsprozesse einbezogen werden«, sagen sie. Dass alle Drei in dem, was sie momentan tun, richtig gut sind, beweist die Wertschätzung, die sie bei ihren Kollegen genießen. Wenn beispielsweise die Schauspieler Sabine Unger und Stefan Eichberg einen Preis zu vergeben hätten, dann ginge der an die Regieassistentinnen.

Silke Zschäckel, Pressereferentin

JULIKA VAN DEN BUSCH, KATRIN MINKLEY UND SARAH HOLTKAMP SIND ALS REGIEASSISTENTINNEN GEDÄCHTNIS UND GUTER GEIST JEDER INSZENIERUNG.
Foto: Fotostudio M42

Unsere Neuen: Jörg Schulze

Es gibt Lehrer, die prägen ihre Schüler fürs Leben. Bei Jörg Schulze war es der Lehrer für Darstellendes Spiel am Gymnasium in Berlin. Er inszenierte mit den Jugendlichen die »Dreigroschenoper« von Brecht. Jörg Schulze, der seine berufliche Zukunft eher als Ingenieur für Umwelttechnik sah, durfte damals den Mackie Messer spielen. Sogar in der Abiturphase, als die meisten Mitschüler nur noch über Büchern saßen, diskutierten die Theaterschüler nächtelang. »Wir haben alle für dieses Projekt gebrannt. Das hat mein Leben verändert.« Wie man die Schauspielerei zum Beruf macht, wusste er deshalb noch lange nicht. In seiner Familie, in der mehrere Mitglieder bei den Berliner Verkehrsbetrieben beschäftigt sind, konnte ihm keiner raten. Neben Bewerbungen für andere Studiengänge hat er dann einfach auch an Schauspielschulen vorgesprochen und erhielt eine Zulassung für Frankfurt/Main. Hier absolvierte er die ersten zwei Jahre und wechselte dann an die Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Nach dem Studium wurde er vom Fleck weg an das Volkstheater Rostock engagiert. Nach zwei Spielzeiten zieht es ihn weiter: Er möchte sich als Schauspieler entwickeln – von Heilbronn ist bekannt, dass man hier viel spielen darf, dass man in sehr unterschiedlichen Rollen auf der Bühne steht. »Außerdem wollte ich in eine Stadt, in der die Menschen ihr Theater lieben«, gesteht er. Schon während seines Studiums, das er mit der Diplomarbeit zum Thema »Vom gesellschaftlichen Wert des Theaters« abschloss, trieb ihn um, was das Theater den Menschen bedeuten könnte.

Neben der Schauspielerei machte Jörg Schulze mit eigenen Projekten auf sich aufmerksam. Zum Beispiel mit Kurzfilmen, von denen einer den Deutschen Jugendvideopreis bekam, oder auch mit eigenen Stückentwicklungen. Außerdem hat er in Rostock einen Jugendtheaterclub geleitet, der ein Stück zum Thema Tod erarbeitet hat. Auch in Heilbronn wird Jörg Schulze einen Jugendclub übernehmen, worauf er sich schon freut.

Silke Zschäckel, Pressereferentin

Jörg Schulze
Foto: Fotostudio M42

Roter Samt und Sternenhimmel

Wohl jeder Mitarbeiter des Theaters wurde in seinem Berufsleben schon einmal gefragt: »Und was machen Sie vormittags?« Viele Menschen haben im Kopf, dass an den Abenden die Vorstellungen im Theater laufen, und können sich nicht vorstellen, dass dort fast rund um die Uhr und natürlich auch vormittags gearbeitet wird. Zum Beispiel in der Dekoabteilung

Sandra Horvath und Reiner Hennrich arbeiten am Mobiliar für »Lola«.

Roter Samt und goldene Borte – das Bett von »Lola« für das gleichnamige Schauspiel nach Fassbinder braucht einen altmodisch-plüschigen und etwas anrüchigen Charakter. Schließlich ist Lola Nachtclubsängerin in einem Edelbordell. Für das richtige Interieur einer Inszenierung sorgt die von allen schlicht als »Deko« bezeichnete Abteilung. Die Werkstatt wirkt trotz ihrer Größe sehr gemütlich – schließlich ist der Sinn für Atmosphäre in Räumen eine der wichtigsten Eigenschaften, die man in diesem Beruf mitbringen muss. In der Mitte steht ein riesiger Arbeitstisch, an dem alle sechs Kollegen gleichzeitig tätig sein können. An den Wänden hängen bunte Teppiche, die für schon abgespielte Inszenierungen angefertigt wurden. In Regalen lagern farbige Stoffballen, PVC-Rollen, Stahlfedern für Sitzmöbel, robuste Scheren oder Seile und Kordeln aller Art. An der Fensterseite stehen 6 Nähmaschinen – eine, so laut wie ein LKW, ist für schwere Vorhangstoffe gedacht und kapituliert auch nicht vor Plastikbahnen. Viele Näh-Arbeiten werden aber noch mit der Nadel in der Hand verrichtet. So wie jetzt eben das Nähen der goldenen Kordel um das rote Samtbett. Sandra Horvath liebt diese Tätigkeit, die sie sehr akribisch verrichtet. »Nur weil das Möbelstück meterweit vom Auge des Betrachters entfernt steht, darf man sich trotzdem nicht um einen halben Zentimeter vertun. Man sieht es, wenn es nicht stimmt«, versichert sie. Mit dem gleichen roten Samt bezieht ihr Kollege Reiner Hennrich einen alten Sessel, der die Einrichtung von »Lola« komplettieren wird. Dafür wurde ein altes, ziemlich abgewirtschaftetes Möbelstück aus dem Fundus geholt, die Federn neu gespannt, frisch gepolstert und schließlich bezogen. Reiner Hennrich ist seit zwanzig Jahren am Theater Heilbronn. Früher hat er Autositze in teure Limousinen eingebaut. Als das Theater eine Stelle als Dekorateur ausschrieb, hat er sich beworben, um den zugegebenermaßen sehr gut bezahlten Job in der Autoindustrie mit der sehr abwechslungsreichen Arbeit im Theater einzutauschen.

Ohne gute Scheren geht gar Nichts bei Chefin Angelika Wagner.

Ähnlich kam Angelika Wagner, die seit zwei Jahren die Abteilung leitet, ans Theater. Sie ist gelernte Raumausstatterin. Ihr Markenzeichen ist eine große Schere, die sie immer in der Hosentasche trägt und Stecknadeln am Pullover. »Nähen, polstern, tapezieren, Fußböden verlegen – das sind unsere Arbeiten, wie bei einem Raumausstatter auch«, beschreibt sie. Allerdings sind die Dimensionen viel größer und die Deko-Artikel alles andere als gewöhnlich. Wann braucht man in einer Wohnung schon mal einen riesigen Vorhang aus Goldlaméstreifen wie bei »Ladies Night«? Die Blasen an den Händen vom Zuschneiden sind mittlerweile verheilt. Oder wer benutzt Toilettenpapier von einem Meter Breite – wie es in »Hase Hase« gebraucht wurde? Wer weiß, wie man handgemalte Tapeten verklebt, wie es bei »Arsen und Spitzenhäubchen« erforderlich war? Eine der spannendsten Herausforderungen waren die Stalaktiten aus Stoffballen, die in der Inszenierung »Die Irre von Chaillot« von der Decke hingen und für die Tonnen von Stoffresten verarbeitet wurden. Für diese Stoffinstallationen gab es in so mancher Vorstellung Szenenapplaus – diese unmittelbare Reaktion auf ihre Arbeit erfahren die Dekorateure nur selten. Ihren persönlichen Beifall erhalten sie zumeist am Tag der technischen Einrichtung vom Bühnenbildner rund zehn Tage vor der Premiere. »Das sind quasi unsere Auftraggeber«, erklärt Angelika Wagner. Das Bühnenbildmodell, technische Zeichnungen und schriftliche Erläuterungen sind ihre Arbeitsgrundlage. Diese sind für jede Inszenierung auf einem gelben Blatt festgehalten, das an der Eingangstür zur Deko klebt. WAS sie bauen und einrichten sollen, geht daraus hervor. WIE sie es tun, ist ihrer Kreativität, ihrer Stilsicherheit und ihrem handwerklichen Geschick überlassen. »Wir entwickeln Proben und sprechen die Materialien mit dem Bühnenbildner ab. Anschließend wird in Großformat gearbeitet«, erklärt die Abteilungsleiterin. Für »Lola« zum Beispiel lautete die Anforderung: Gebraucht wird ein wunderschöner Sternenhimmel. Der entsteht aus pechschwarzem Samt: 15 Meter breit, 10 Meter hoch, in den viele kleine Löcher gestanzt werden. Mit Hilfe einer kunstvollen Beleuchtung von hinten erhält man auf diese Weise die perfekte Illusion einer sternenklaren Nacht.

Silke Zschäckel, Pressereferentin

Meister des schönen Scheins

Wohl jeder Mitarbeiter des Theaters wurde in seinem Berufsleben schon einmal gefragt: »Und was machen Sie vormittags?« Viele Menschen haben im Kopf, dass an den Abenden die Vorstellungen im Theater laufen, und können sich nicht vorstellen, dass dort fast rund um die Uhr und natürlich auch vormittags gearbeitet wird. Zum Beispiel im Malersaal
Sie können sich ihren eigenen Palast bauen — richtig preiswert noch dazu. Marmor, Gold, edle Hölzer, wertvolle Tapeten und Gemälde – alles kein Problem. Sie brauchen dafür lediglich ein paar Sperrholzplatten, die sie mit Farbe und verschiedenen Materialien bearbeiten.  »Wir sind die Meister des schönen Scheins«, sagt Kirstin Köppel, stellvertretender Vorstand im Malersaal. »Die Blender und Täuscher«, fügt sie verschmitzt hinzu. Dass sie und ihre Kollegen falsche Tatsachen vortäuschen, ist kein Verbrechen, sondern eine hohe Kunst, die mit einfachen Mitteln die schönsten Welten auf der Bühne entstehen lässt.

Karlheinz Kirchler, Herbert KÜbler und Kirstin Koeppel – das starke Team des Malersaals.

Seit 1993 arbeitet Kirstin Köppel als Malerin und Plastikerin im Theater Heilbronn, ihr Kollege Karlheinz Kirchler ist seit 1998 mit dabei. Gelernt haben sie ihre Kunst beim dienstältesten Mitarbeiter des Heilbronner Theaters, bei Herbert Kübler, der als Vorstand die Abteilung  leitet, seit 1977 seinem Haus die Treue hält und Jahr für Jahr talentierte junge Leute in seinem Beruf ausbildet. Stefan Dittrich hat im vergangenen Jahr seine Ausbildung abgeschlossen. Derzeit baut er einen 2,90 Meter großen Männerakt aus Marmor für das Musical »Ein Käfig voller Narren«. Natürlich ist die Figur nicht wirklich aus Marmor, sondern aus Styropor. Das wird mit einer Kaschiermasse aus Kreide und Leim bestrichen und anschließend poliert. Und siehe da, die Statue glänzt wie feinster Marmor. Nicht nur aus der Ferne wirkt sie sagenhaft schwer und wertvoll. Um diese Figur zu bauen, bekam Stefan Dittrich lediglich ein Foto als Vorlage. Wie nur bekommt man den Kerl dreidimensional? Um sich die Rückfront des Herrn vorstellen zu können, ahmt Stefan Dittrich die Bewegung auf dem Bild nach und fotografiert sich von hinten. So hat er eine Ahnung, wie die Muskeln auf dem Rücken verlaufen könnten und wie die Beine stehen müssen. Dann fertigt er Zeichnungen von allen Seiten und schließlich geht’s ran an das Styropor. Zunächst mit einer großen Drahtsäge, der man auf keinen Fall zu nahe kommen sollte. Dann mit Messern und Raspeln. Die Arbeitsweise unterscheidet sich keinen Deut von der eines Bildhauers.

Stefan Dittrich baut den 2,90-Meter-Mann.

Ähnlich ist es in der Theatermalerei. Alle Kollegen im Malersaal sind hervorragende Maler und Zeichner und gehen seit frühester Kindheit diesem Hobby nach. Beruflich schaffen sie Auftragswerke in riesigen Formaten. Auftraggeber sind in diesem Fall die Bühnenbildner, die mit Modellen und Fotos der Bühne kommen und sagen, was sie sich wünschen. »Wie wir das umsetzen, das ist unserer Kreativität überlassen. Es muss nicht nur schön, sondern immer auch kostengünstig und den Erfordernissen des Theateralltags gewachsen sein«, erklärt Karlheinz Kirchler.  Eine Aufgabe für den »Käfig voller Narren« war es zum Beispiel eine 10 Meter breite und 6,50 Meter hohe Stadt-Silhouette von St. Tropez in Abenddämmerung auf Leinwand zu malen. Die Vorlage war ein Foto. Hier bedienen sich die Künstler im Malersaal, in diesem Fall Sarah Michel und Benedikt Finteis aus dem zweiten Lehrjahr, der Rastertechnik. Über das Foto wird ein Liniengitter gezeichnet, welches das Bild in kleine Kästchen teilt. Diese Kästchen werden dann maßstabsgetreu mit Schnüren auf der riesigen grundierten Leinwand auf dem Boden übertragen. Dann werden die Umrisse aus den kleinen Kästchen in die großen gezeichnet. Anschließend werden ohne Schnurnetz die Farben aufgetragen. Für Formate von bis zu 19×19 Metern ist im Heilbronner Malersaal Platz. Die Maler arbeiten im Stehen mit Pinseln an ca. ein  Meter langen Stielen. Von den wertvollen Langschaftpinseln hat jeder Theatermaler sein eigenes Sortiment, das er wie seinen Augapfel hütet.

Die Farben werden nicht etwa fertig gekauft, sondern selbst mit Wasser, Kaltleim und Farbpigmenten angerührt. Das ist für Malersaalvorstand Herbert Kübler wichtig wegen der Brillanz und deshalb eine Frage der Ehre. Die Farbküche ist mit ihren bunten Kisten, in denen die Pigmente in allen Abstufungen der Regenbogenfarben lagern, eine Wohltat für Auge und Seele – gerade in der grauen Jahreszeit.  Vielleicht sind deshalb die Kollegen im Malersaal immer gut gelaunt, auch wenn es noch so dicke kommt. Wie alle Abteilungen im Haus auch haben sie ein enges Terminraster. Ein Rädchen greift ins andere, wenn die  Arbeitsschritte mit den anderen Abteilungen wie der Schreinerei, der Schlosserei und der Dekowerkstatt koordiniert werden, die alle gemeinsam am Bühnenbild für eine Inszenierung arbeiten. Und jeder Auszubildende lernt vom ersten Tag an, sich die Zeit perfekt einzuteilen und muss gleich richtig mithelfen. Elisabeth Eis und Charlotte von Davier dürfen sich bereits  im ersten Lehrjahr an Picasso-Imitationen heranwagen – in riesigen Formaten, denn anders würden sie den Ansprüchen der Bühne einfach nicht genügen.

Silke Zschäckel, Pressereferentin

Die Herren der Unterwelt

Wohl jeder Mitarbeiter des Theaters wurde in seinem Berufsleben schon einmal gefragt: »Und was machen Sie vormittags?« Viele Menschen haben im Kopf, dass an den Abenden die Vorstellungen im Theater laufen, und können sich nicht vorstellen, dass dort fast rund um die Uhr und natürlich auch vormittags gearbeitet wird. Zum Beispiel in der Haustechnik.

Fotos: Fotostudio M42

»Haustechnik bitte zur Bühne. Haustechnik bitte dringend zur Bühne!« Schallt dieser Ruf aus der Durchrufanlage des Theaters, steigt bei jedem, der ihn hört, die Herzfrequenz. Besonders wenn gerade eine Vorstellung läuft und dieser Ruf zwar flüsternd, aber mit großem Nachdruck verbreitet wird. »Dann wissen wir, es brennt«, sagt Markus Rack, der leitende Haus- und Betriebstechniker des Theaters Heilbronn. Natürlich brennt es nicht wirklich, aber es ist, zumindest für diejenigen, die auf der Bühne stehen, fast genauso schlimm. Denn ein technisches Detail in der gigantischen Bühnenmaschinerie funktioniert nicht, was den ganzen Apparat außer Betrieb setzen kann. Dann heißt es für den diensthabenden Kollegen der Haustechnik: Ruhe bewahren, Taschenlampe, Laptop und Werkzeugkoffer packen und schnell, aber ohne Hast zur Bühne zu gehen. Unterwegs kreisen die Gedanken: Wo ist der Fehler?

Das Theater Heilbronn gehört mit seiner Bühnentechnik zu den gut ausgestatteten Häusern in Deutschland: Podien, die sich heben und senken, mit denen Schauspieler und Kulissen hochgefahren werden und wieder verschwinden, eine Drehbühne, Seilzüge, an denen von oben Scheinwerfer oder Schauspieler einschweben. Alles ist computergesteuert, und die vielen Möglichkeiten werden von den Inszenierungsteams mit Lust ausgereizt. Aber manchmal kann eben ein kleiner Betriebsfehler die Vorstellung in Gefahr bringen. »Es ist unser Ehrgeiz, dass keine Vorstellung ausfällt oder wegen eines technischen Problems abgebrochen werden muss« sagt Markus Rack. Da ist er sich mit seinen drei Kollegen Jürgen Klein, Martin Bauer und Michael Ohibsky einig. Einer der vier Haus- und Betriebstechniker ist zwischen 7.30 Uhr und 23.30 Uhr immer da

Im Notfall bahnt sich der Diensthabende seinen Weg durch die aufgeregte Kollegenschar und versucht durch geschickte Fragen die Fehlerquelle einzukreisen. Blitzschnell muss entschieden werden: Ist das Problem sofort zu beheben oder muss eine vorübergehende Lösung gefunden werden? »Wir haben es gelernt, uns in dieser Stresssituation, wenn alle auf einen einreden und Hilfe wie von Zauberhand erwarten, zu konzentrieren. Die Technik haben wir im Griff«, sagt Jürgen Klein schmunzelnd: »Die Nervosität der Kollegen nicht immer.«

Es kann passieren, dass sie während der Vorstellung in den Schnürboden im Bühnenturm hinauf müssen oder in die Untermaschinerie unter der Bühne. Ganz leise und unsichtbar fürs Publikum, deshalb spendet bei der Fehlersuche nur eine Taschenlampe Licht. Wenn sie für die Vorstellung eine Notlösung gefunden haben, schlagen sie sich hinterher die Nacht mit der Reparatur um die Ohren. Denn schon am nächsten Morgen wird auf der Bühne wieder gespielt oder geprobt. »Das Schöne ist, dass keine Routine einzieht, eine gewisse Sicherheit schon, aber nie Gleichförmigkeit« sagt Markus Rack.

Das Theater kennen die Vier wie ihre Westentasche. Sie sind besonders in den »unsichtbaren Räumen« unterwegs, den labyrinthartigen Katakomben unter der Bühne. Da befinden sich technische Anlagen, die anmuten wie das Rechenzentrum der NASA. Von dort werden die Wärmeversorgung und die Belüftung der Bühnen, der Foyers und der Zuschauerräume computertechnisch geregelt. Dort sind ein Notstromdieselmotor und riesige Wassertanks mit 120 000 Litern Wasser, die im Brandfall durch die Sprinkleranlage fließen würden. All diese Anlagen müssen täglich kontrolliert werden. Funktioniert eine von ihnen nicht, darf keine Vorstellung stattfinden. Da unten ist auch das »Gehirn« der Bühnenmaschinerie. In riesigen Stahlschränken blinken unzählige Lämpchen und ein für den Laien undurchschaubares Gewirr an Kabeln sorgt dafür, dass schwere Bühnenteile per Knopfdruck bewegt werden können. Manchmal sind es aber auch ganz simple Dinge, bei denen die vier Retter in der Not ihren Kollegen am Theater behilflich sind: Ein Bügeleisen in der Schneiderei ist kaputt oder ein Wasserhahn tropft. Dann tauchen die »Herren der Unterwelt« kurz aus ihrem hochtechnisierten Reich auf.

Silke Zschäckel, Pressereferentin

 

Die Zauberinnen von der Requisite

Wohl jeder Mitarbeiter des Theaters wurde in seinem Berufsleben schon einmal gefragt: »Und was machen Sie vormittags?«. Viele Menschen haben im Kopf, dass an den Abenden die Vorstellungen im Theater laufen und können sich nicht vorstellen, dass dort fast rund um die Uhr und natürlich auch vormittags gearbeitet wird. Zum Beispiel in der Requisite:

Das Team der Requisite
Foto: Fotostudio M42


Wenn im Musical »The Black Rider« der Teufel die Hand öffnet und aus dieser eine Flamme emporschießt, dann staunt das Publikum. Oft gibt es dafür Szenenbeifall. Den haben sich in erster Linie die Damen von der Requisite verdient. Denn sie sind es, die sich eine praktikable Lösung einfallen lassen müssen, wenn es in der Regieanweisung heißt: Eine Flamme schlägt aus der hohlen Hand!
Solche Aufgaben lieben Bettina Pinkert, Silke Bertsch, Claudia Specht und Carolin Volz. Denn hier sind Querdenken und handwerkliches Geschick gefragt, die Seiten ihres Berufes, welche die Vier besonders mögen. Manchmal ist es wie Zaubern. Um für solche Probleme die Lösungen zu finden, nutzen sie vor allem die Vormittagsstunden in ihrer kleinen Werkstatt direkt neben der großen Bühne. Der Arbeitstag beginnt um 9 Uhr. Da legen sie alle Probenrequisiten bereit. Pünktlich um 10 Uhr muss alles fertig sein. Danach beginnt der handwerklich-kreative Teil.  Oft sind es Nahrungsmittel, die täuschend echt aussehen müssen, die sie mit Styropor, verschiedenen Gummi- und Schaumstoffsorten herstellen und anmalen. Oder eine kostbare Ochsenpeitsche in Rot muss beschafft werden – da hilft das Internet weiter. Schnaps- und Weinflaschen etikettieren und mit einer echt aussehenden Flüssigkeit füllen, die Popelsammlung von Pöbelmän basteln oder Benzin beschaffen, das keins ist, aber so riecht. Jedes Stück bringt neue Herausforderungen. »Man geht nicht einfach nach Hause und hakt die Arbeit ab. Ununterbrochen wird im Kopf weiter an der Umsetzung der Ideen gearbeitet. Man läuft mit sehr offenen Augen durchs Leben und schaut sich ganz viel sehr intensiv an – ob eine Salamischeibe, die man nachbauen muss oder Blumen«, sagt Silke Bertsch. Wahrscheinlich macht sich kein Zuschauer darüber Gedanken, wenn ein Schauspieler sich auf einen Koffer setzt. Der Schauspieler sitzt dann einfach. Dass der Koffer präpariert und von innen verstärkt werden muss, ahnt niemand. »Muss auch nicht«, meint Bettina Pinkert. »Denn es ist unsere Aufgabe, für einen reibungslosen Ablauf der Vorstellungen zu sorgen. Die Schauspieler müssen sich hundertprozentig auf uns verlassen können.« Abends zu den Vorstellungen stehen die Requisiteurinnen unsichtbar für das Publikum, aber unverzichtbar für die Schauspieler am Bühnenrand. Sie reichen aufs Stichwort Utensilien zu oder nehmen welche ab. Bereits vor der Vorstellung haben sie die Bühne mit allem eingerichtet, was an Ort und Stelle benötigt wird. Jeder noch so kleine Gegenstand muss an seinem verabredeten Platz liegen, sonst kann ein Chaos ausbrechen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler müssen die Gegenstände ganz selbstverständlich vorfinden und nicht darüber nachdenken. Ist dann der letzte Beifall verrauscht und der wirklich letzte Zuschauer aus dem Saal gegangen, beginnt der abschließende Teil des Abends: Das Aufräumen. Alle Gegenstände müssen eingesammelt, manchmal gesäubert und repariert und sorgfältig weggeräumt werden. Denn zur nächsten Vorstellung werden sie wieder genauso gebraucht. Und so endet der Arbeits-Tag nicht selten erst um 23 Uhr. Trotz der »unfreundlichen Arbeitszeiten« haben die Vier ihre Berufswahl nie bereut. Sie alle sind über Umwege dahin gekommen, haben Gärtnerin, Malerin und Lackiererin oder Schreinerin gelernt. Die Lehrberufe sind eine gute Basis, für das was sie heute tun. Nur dass jetzt von ihnen viel mehr selbständiges Denken und Kreativität verlangt wird. Aber das ist ja gerade das Schöne daran.

Silke Zschäckel, Pressereferentin

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Da bekommt man Appetit, aber an diesen Leckereien würde man sich die Zähne ausbeißen, denn sie bestehen aus Plastik, Schaumstoff und Farbe und werden in der Requisite des Theaters Heilbronn hergestellt.

Ins rechte Licht gesetzt

Wohl jeder Mitarbeiter des Theaters wurde in seinem Berufsleben schon einmal gefragt: »Und was machen Sie vormittags?« Viele Menschen haben im Kopf, dass an den Abenden die Vorstellungen im Theater laufen, und können sich nicht vorstellen, dass dort fast rund um die Uhr und natürlich auch vormittags gearbeitet wird. Zum Beispiel in der Beleuchtung

Er sieht während seiner Arbeit kaum das Tageslicht, kann es aber im dunklen Raum nahezu perfekt herstellen. Gewitterhimmel, Sonnenuntergänge, gruselige Nebelschwaden, ja sogar Feuersbrünste kann er auf Wunsch zaubern − alles nur mit dem perfekten Zusammenspiel von Scheinwerfern. Carsten George ist Leiter der Beleuchtungsabteilung und für die Lichtregie der Inszenierungen verantwortlich. Hinter ihm steht ein Team von 12 Mitarbeitern, ohne die selbst die schönsten Ideen nicht umsetzbar wären. Welche Wirkung das »rechte Licht« haben kann, wird deutlich, wenn man sich die eigene Lichtfühligkeit in Erinnerung ruft. Kaltes Neonlicht lässt einen frösteln, warmes Glühlampenlicht erzeugt Wohlfühlatmosphäre. Welche Wirkung da 400 Scheinwerfer haben, die allein im Großen Haus im Einsatz sind, ist in den Vorstellungen zu sehen. Dafür muss der Beleuchtungsmeister ganz genau wissen, welchen »Lichthebel« er ansetzt. Eine Person, die im gleichen Kostüm an der gleichen Stelle auf der Bühne steht, kann komplett unterschiedlich aussehen: Wird sie von unten angeleuchtet, erscheint sie gespenstisch. Licht von oben streckt die Figur optisch. Im Gegenlicht wirkt sie geheimnisvoll. Licht von der Seite lässt die Züge des Gesichts deutlich hervortreten. Frontal auftreffendes Licht macht den Schauspieler nahezu zweidimensional. Entscheidend sind auch die Farben der Lichtfilter oder die Reihenfolge, in der sich die Scheinwerfer auf der Bühne einschalten. Während der Proben, in denen das Licht eingerichtet wird, spricht Carsten George verschiedene Nummern in ein Mikrofon: »Gib mal die 20 in die 161, die 416 in die 201 und die 466 in die 128.« Wie von Geisterhand wird die Bühne in ein kaltes, grünes Licht getaucht. Denn die Zahlen empfängt ein Kollege in der Beleuchtungsloge, der die Nummerncodes der Scheinwerfer anwählt. Automatisch werden die Lichtfilter ausgetauscht, die Richtung der Strahler geändert, Scheinwerfer ein- oder ausgeschaltet. Faszinierend! Ist sich das Inszenierungsteam einig, dass die Situation richtig getroffen ist, wird das erarbeitete Licht als »Stimmung« abgespeichert. Jede Inszenierung hat ihre eigene Speicherfolge. »Maria Stuart«, eine Inszenierung, in der es um eine feine Figurencharakterisierung mit Unterstützung des Lichtes geht, hat 90 Stimmungen. »Das Ballhaus«, wo Zeitenwechsel oder auch Showelemente mit Hilfe des Lichtes ausgedrückt werden, hat sogar 140 Stimmungen.
Licht als Element der Bühnenkunst gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Öllampen, Kerzen und Fackeln sorgten auf der Bühne und im Zuschauerraum für Helligkeit. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Gasbeleuchtung eingeführt, die eine Abdunklung des Zuschauerraumes möglich machte. Heute sind die technischen Möglichkeiten nahezu unbegrenzt und die Computertechnik ermöglicht es, auch das komplizierteste Zusammenspiel von Scheinwerfern immer wieder zu rekonstruieren.
Trotzdem müssen die Scheinwerfer bei jedem Umbau von einer Vorstellung auf die nächste neu eingerichtet werden – das macht einen guten Teil der täglichen Arbeit von Carsten George und seinen Kollegen aus. An den Vormittagen verbringt der Chef der Abteilung viel Zeit in den Proben. Er will möglichst früh den Rhythmus der Inszenierung, die Atmosphäre erspüren. Parallel dazu entwirft er ein Lichtkonzept, das er in Zusammenarbeit mit Regisseur und Bühnenbildner weiter entwickelt. Das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird, ist so groß, dass er eigenständig und kreativ arbeiten kann, sagt George. Diese Tatsache und der »Geist des Hauses«, das große Gemeinschaftsgefühl, sorgen dafür, dass er sich in Heilbronn sehr wohl fühlt. Zu Beginn der 90er Jahre hat er hier schon mal gearbeitet. Dann war er viele Jahre auf Tour in den größten Theatern der Welt: Stockholm, Münchner Staatsoper, Festspielhaus Bayreuth, verschiedene Häuser in Japan und China, New Yorker Metropolitan Opera … Er war Lichtdesigner bei John Neumeier und Giorgio Armani und ist 2007 wieder zurückgekehrt. »Für mich ist es nicht entscheidend, ob ich in New York oder Heilbronn bin. Wichtiger sind die spannenden Herausforderungen.«

Silke Zschäckel, Pressereferentin

Psychologin mit Nadel und Faden

Was machen Sie eigentlich vormittags?
Kostümwerkstatt

Wohl jeder Mitarbeiter des Theaters wurde in seinem Berufsleben schon einmal gefragt: „Und was machen Sie vormittags?“. Viele Menschen haben im Kopf, dass an den Abenden die Vorstellungen im Theater laufen und können sich nicht vorstellen, dass dort fast rund um die Uhr und natürlich auch vormittags gearbeitet wird. Zum Beispiel in der Kostümwerkstatt:
Mit sicherer Hand setzt Roswitha Egger die große Schere an und schneidet den schönen roten mit Pailletten besetzten Jerseystoff für ein Ballkleid zu. Es ist für den großen Showauftritt in der ersten Inszenierung der Spielzeit: “Das Ballhaus“ bestimmt. Sylvia Bretschneider, die in diesem Schauspiel ohne Worte den Typ „große Liebende“ verkörpert, wird es anhaben. Doch dieses Kleid soll nicht einfach nur gut aussehen und der Schauspielerin schmeicheln. Es muss noch einiges mehr können. Obwohl es eng anliegend ist, soll es viel Bewegungsfreiheit bieten und Sylvia Bretschneider muss für das Publikum unsichtbar darunter noch ein zweites Kleid tragen. „Das Ballhaus“ ist eine große Zeitreise durch das vergangene Jahrhundert. Es beginnt im Heute und führt dann zurück in die Zwanziger Jahre. Die erste Verwandlung der Schauspielerinnen und Schauspieler geschieht auf offener Bühne. Sie pellen sich aus dem Jetzt, indem sie das Kostüm abstreifen und dann in den Originalkostümen der 20er Jahre auf der Bühne stehen. Alle Zeitenwechsel werden vor allem über die Veränderungen in den Kostümen erzählt. Für 19 Schauspielerinnen und Schauspieler werden rund 160 Kostüme gebraucht. „Früher hätte ich da Panik bekommen“, sagt Roswitha Egger, die seit 28 (?) Jahren die Kostümwerkstatt am Theater Heilbronn leitet. Aber im Laufe der Jahre hat sie mit den Kolleginnen und Kollegen einen der best sortierten Fundi in Deutschland aufgebaut – so sagen es zumindest die Gast-Kostümbildner, die landauf, landab an den unterschiedlichsten Theatern arbeiten. Tausende Kostüme hängen dort sorgfältig sortiert an meterlangen Kleiderstangen – die allermeisten sind selbst genäht, einige historische Kostbarkeiten auch erworben oder als Schenkung ans Heilbronner Theater gegangen. Rund die Hälfte der benötigten Garderobe hat Kostümbildner Mathias Werner da gefunden.
Die andere Hälfte wird nach seinen Zeichnungen angefertigt.Der schwierigste Part liegt dabei bei den Gewandmeistern Roswitha Egger und Andreas Hihn. Die beiden müssen nämlich nach den Entwürfen, den sogenannten Figurinen, die einen Eindruck davon vermitteln, wie das Kostüm mal aussehen soll, die Schnitte anfertigen – historisch korrekt, nach Schauspielermaß und bühnentauglich. Roswitha Egger kümmert sich um die Damenkostüme – obwohl sie ursprünglich zur Herrenschneiderin ausgebildet wurde: „Es schadet nichts, wenn ich als Leiterin der Abteilung auch von den Herren etwas verstehe“, sagt sie. Ihr Stellvertreter Andreas Hihn schneidet die Maßanzüge aller Couleur für die Männer zu. „Es ist ein sehr kreativer Prozess“, schwärmt Roswitha Egger. Deshalb kann man auch nicht einfach so drauf losarbeiten. Sie versetzt sich bei einem neuen Stück immer erst in Stimmung, in dem sie sich ein paar ganz besonders schöne Kleider vornimmt, auf die sie richtig Lust hat. Beim Ballhaus, diesem Riesenstück, waren es die Kleider von Ingrid Richter Wendel, die nicht nur am Theater die Grand Dame ist, sondern diese in dem Stück auch spielen darf. Außerdem ist sie mit ihrer langen Theatererfahrung ein Vollprofi bei den Anproben und macht es der Kostümchefin leicht. In dieser heiklen Phase ist Vertrauen die absolute Voraussetzung. Längst ist Roswitha Egger zur engen Beraterin für viele Schauspielerinnen geworden. „Schließlich sind wir dafür verantwortlich, ob die Damen optisch zwei Kilo mehr haben oder nicht.“ Manchmal fühle sie fast wie eine Psychologin.

Bevor Roswitha Egger nach Heilbronn kam, absolvierte sie ihre Meisterausbildung in München und arbeitete acht Jahre lang am Staatstheater Stuttgart. Dort war sie vor allem für das Ballett zuständig, hat es gelernt, hoch strapazierfähige Kostüme von großer Schönheit zu zaubern. Und hier entwickelte sie jenen Zug, für den sie heute bekannt ist: Sie ist eine extreme Perfektionistin. „Nur wenn man bei der Arbeit mehr als 100 Prozent gibt, sehen die Kostüme von der Bühne herunter zu 100 Prozent schön aus“, sagt sie. Sind die Kostüme fertig, ist die Arbeit nicht beendet. In der Verantwortung der Kostümchefin liegt auch die Organisation der Umzüge hinter den Kulissen, die eine generalstabsmäßige Planung verlangen. Außerdem müssen die Kostüme nach den Proben und Vorstellungen gereinigt und gewaschen werden.

Manche ihrer früheren Kolleginnen, die heute in der Industrie und für große Modelabels arbeiten, schauen etwas mitleidig, wenn sie Roswitha Egger treffen: Am Theater muss man ständig abends arbeiten – manchmal auch nachts, wenn zwischen den letzten Proben vor der Premiere Kostüme von einem Tag auf den anderen geändert werden müssen . „Ich musste mich entscheiden, entweder Haute Couture oder Theater.“ Dass die Entscheidung aufs Theater fiel, hat sie nie bereut. Kein Tag ist wie der andere. Die Herausforderungen höre nie auf. Und modische Akzente setzt sie eben ganz privat, mit wunderschönen Kleidern, die sie für sich selbst entwirft und die ihrer Seele gut tun.

Silke Zschäckel, Pressereferentin

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