Hoch lebe der Dialekt

Schauspieler Hannes Rittig trainiert das Sprechen in vielen Mundarten

Hannes Rittig (Foto: M24 Heilbronn)

Einer sammelt Briefmarken, der nächste Autogramme oder Schallplatten. Wer es sich leisten kann, legt sich Kollektionen von Uhren, Antiquitäten oder Oldtimern zu. Der Wert des Schatzes von Hannes Rittig ist in Geld nicht zu messen.  Aber wie andere Sammler auch investiert er viele Stunden in die Pflege seines Hobbies. Der Schauspieler am Heilbronner Theater sammelt Dialekte und versucht diese so gut zu lernen, dass er sie zur „Bühnenreife“ bringt, ohne dass Muttersprachler im jeweiligen Gebiet die Nase rümpfen – obwohl es ein Reinheitsgebot in Sachen Dialekt eigentlich kaum mehr gibt.
„Für mich als Schauspieler ist das wie ein Materialbaukasten, aus dem ich nach Belieben schöpfen kann“, sagt Hannes Rittig. Die Besucher der letzten Weihnachtsmatinee am Theater dürften sich gern an die szenische Lesung der Geschichte „Die Bescherung verzögert sich um voraussichtlich zehn Minuten“ von Sebastian Schnoy erinnern. Hier hat Rittig in sekundenschnellen Wechseln den mitspielenden Bahnreisenden aus allen Ecken Deutschlands in einem verspäteten ICE am Weihnachtstag sowie dem handelnden Zugpersonal den dialektalen Zungenschlag verpasst. Bayerisch, Rheinländisch, Österreichisch, Norddeutsch, Schwäbisch – oft nur in schnellen Halbsätzen und wild durcheinander. Atemberaubend! Und äußerst amüsant.

Mit genau solchen Lesungen hat es angefangen, genauer gesagt mit Texten von Hans Fallada wie „Jeder stirbt für sich allein“ und „Der eiserne Gustav“, die Hannes Rittig in Greifswald, der Geburtsstadt des Schriftstellers, vorgetragen hat. Lesungen von rund anderthalb Stunden Länge werden nur lebendig, wenn man die Figuren mit ihren Eigenheiten ausstattet, beschreibt der Schauspieler. Dazu gehört neben Stimmfärbung und Sprechweise eben auch der Dialekt. Die ersten Steine für seine Sprachsammlung hat er quasi nebenbei eingesammelt: Mit dem Berlinerischen und dem Anhaltinischen ist er aufgewachsen, im Studium kam das Leipziger Sächsisch dazu, aber vor allem auch das Bühnenhochdeutsch, das für ihn als Schauspieler natürlich die Norm ist. Während seines ersten Engagements in Chemnitz lernte er, zwischen dem Leipziger  und dem Chemnitzer Sächsisch zu nuancieren. Außerdem erwarb  er von Freunden aus anderen Regionen Deutschlands eher unterbewusst weitere Dialekte – so zum Beispiel das Fränkische von seinem damaligen Kommilitonen und Schauspielkollegen Tobias D. Weber, der aus Erlangen stammt. Sein nächstes Engagement führt ihn nach Greifswald, wo er den Pommerschen Dialekt in sein Repertoire aufnahm. „Für mich ist es wichtig, dass ich Leute habe, die ich sehr mag und mit denen ich Zeit verbringe. Ich beobachte deren Sprechweise, die Haltung und präge mir bestimmte Ausdrücke ein“, beschreibt Hannes Rittig seine Learning-by-doing-Methode. Diese Vorbildmenschen ruft er sich vor sein inneres Auge, wenn er einen Dialekt imitieren will. Aus Greifswald ist es beispielsweise der Fußballtrainer seiner Söhne. Er erhebt dabei keinen Anspruch auf Perfektion. „Es ist fast wie beim Spielen von Tieren“, beschreibt er. Einige signifikante Eigenschaften reichen aus, um einen Tiger als Tiger, einen Elefanten als Elefanten und einen Affen als Affen darzustellen – so wie er es gerade in unzähligen Vorstellungen von Kiplings „Dschungelbuch“ praktiziert hat. Genauso ist es mit den Dialekten – einige prägnante Ausdrücke, Wörter und vor allem die Sprachmelodie genügen, um eine bestimmte Mundart zu markieren.

Beim Schwäbischen versagt die Learning-by-Doing-Methode

Einzig bei einem Dialekt versagt die bisher mit so großer Leichtigkeit praktizierte Methode, beim Schwäbischen – dem nächsten Regiolekt, den Hannes Rittig sich als Neubürger Heilbronns unbedingt aneignen will. Hier hat er sich seine Nachbarn als Coaches gesucht, mit denen sich seine Familie angefreundet hat. „Die Frau kommt von der Schwäbischen Alb, der Mann  aus Heilbronn und die beiden machen mit mir Unterricht“, erzählt der Schauspieler.  Das Schwäbische ist sehr gemütlich und verspielt mit den vielen Verniedlichungsformen und es hat einen feinen Sing-Sang. Ihn wundere es gar nicht, dass aus dieser Region, wo die Sprache so kleinteilig und erfindungsreich ist, so viele Tüftler kommen, die mit der feinen Selbstironie „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“  an ihrem Image arbeiten, sagt Hannes Rittig. Natürlich muss er in seinem Beruf in erster Linie das Hochdeutsche pflegen. Aber sonst ist er der Meinung: Hoch lebe der Dialekt! „Der steht für Heimat, Geborgenheit und Wohlfühlen.“

Unsere Neuen: Malin Kemper

Wir stellen euch unsere neuen Schauspielerinnen und Schauspieler im Ensemble vor. Heute: Malin Kemper, die ihre ersten Rollen am Theater Heilbronn in „Harper Regan“ und „Pension Schöller“ spielt.

Malin Kemper Foto: Fotostudio M 42

Malin Kemper ist trotz ihrer 24 Jahre ziemlich old school. Ihr Smartphone hat sie nach anderthalb Jahren abgeschafft und sich stattdessen wieder ein gutes, altes Tastenhandy zugelegt. »Statt in 60 Whats-App-Gruppen und im Internet gleichzeitig unterwegs zu sein und davon meine Zeit auffressen zu lassen, lese ich lieber«, sagt sie. Weniger Stress, mehr Gewinn. Zurzeit vertieft sie sich in die Tagebücher von Astrid Lindgren aus den Jahren 1939-45, die unter dem Titel »Die Menschheit hat den Verstand verloren«, erschienen sind. Das ist nicht nur ein hervorragendes Zeitzeugnis, findet Malin Kemper. Es trifft auch sehr die Situation unserer Tage: Was tun, wenn Fremdenfeindlichkeit und Rassismus das Denken und Handeln der Menschen bestimmen? Wie kann jeder Einzelne von uns Stellung beziehen? Das sind die Fragen, über die Astrid Lindgren philosophiert und die auch Malin Kemper nicht loslassen. Überhaupt ist die junge Schauspielerin, die nach ihrem Schauspielstudium an der Kunstuniversität Graz in Heilbronn ihr erstes Engagement angetreten hat, sehr politisch interessiert. Aktuelle Debatten wie #Me too hat sie in ihre selbst entwickelte Diplominszenierung mit aufgenommen. Unter dem Titel »Ungehalten« erarbeitete sie hier »Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen« – bekannter Frauen aus den unterschiedlichsten Zeiten, die aber nur über ihre Männer berühmt geworden sind, mit dabei sind Eva Hitler und Christiane Goethe. »Möglicherweise wäre deren Leben und vielleicht auch die Geschichte anders verlaufen, wenn sie an der richtigen Stelle ihren Mund aufgemacht und ihrem Ungehaltensein über ihre Männer Ausdruck verliehen hätten«, meint Malin Kemper.  Die Sensibilisierung für feministische und politische Themen verdankt sie ihrer langen Beschäftigung mit Theater – seit der ersten Klasse steht sie auf der Bühne. Ihre erste Rolle war die des Schmetterlings in »Die kleine Raupe Nimmersatt« an der Grundschule in Aachen. Nach dem Umzug nach Düsseldorf schloss sie sich dem dortigen Jugendclub an, der von Schauspielern des Ensembles geleitet wurde. Das wollte sie auch machen – auf der Bühne stehen und nächtelang über die Stücke diskutieren. Nach der Schule ging sie für ein Jahr nach Berlin und wurde dort Mitglied des Jugendclubs »Die Aktionist*innen« im Gorki-Theater. Mit ihrer Stückentwicklung  »Kritische Masse  – 12 junge Frauen stellen Fragen an ihren Körper und die Gesellschaft« in der Regie von Suna Gürler war die Gruppe zum deutschen Theatertreffen der Jugendclubs eingeladen.
Dann ging es ins wunderschöne Graz zur Schauspielausbildung, wo sie auch begriff, mit welch harter Arbeit, Disziplin und mit wie vielen Zweifeln der Beruf verbunden ist, wo sie aber auch das Handwerkszeug erlernte, das ihr auf der Bühne die nötige Sicherheit geben wird. Als sie sich zum Ende des Studiums an Theatern bewarb, war das Theater Heilbronn ihr schon lange ein Begriff. Eine ihrer Freundinnen und Mitstreiterinnen aus dem Gorki-Theater ist Josephine Weber, die Tochter des langjährigen Heilbronner Schauspielers Nils Brück, die viel über die Arbeit ihres Vaters erzählt hat. »Lustigerweise spiele ich in der ›Pension Schöller‹ seine Tochter«, sagt sie. Ihren Einstand gab sie als Sarah Regan, die Tochter der Titelfigur Harper Regan,  eine junge Frau, die ihre Ängste und Zweifel hinter einer Fassade aus Coolness  und den Statussymbolen jugendlicher Subkultur verbirgt.  Nach ihren Wünschen für ihr Engagement in Heilbronn befragt antwortet sie: »Ich lass alles auf mich zukommen und versuche das Beste herauszuholen«.

Szenenfoto aus „Pension Schöller“ Foto: Thomas Braun

Szenenfoto aus „Harper Regan“ Foto: Thomas Braun

Unsere Neuen: Lucas Janson

Wir stellen unsere neuen Schauspielerinnen und Schauspieler im Ensemble vor. Heute: Lucas Janson, der seinen Einstand in Heilbronn in »Richard III.« und im »Dschungelbuch« gab.

Lucas Janson. Foto: Fotostudio M 42

In »Endstation Sehnsucht« stand Lucas Janson zum ersten Mal auf der Bühne des English Theatre in Frankfurt am Main. Da war er erst 15 Jahre alt und bemühte sich neben den ganzen Native Speakers mit seinem Schul-Englisch nicht ganz so verloren zu wirken. Und doch hat ihn dieses Erlebnis nachhaltig geprägt. »Sechs Wochen intensiv zusammen zu proben und dann gemeinsam einen Abend auf die Bühne zu bringen, das ist ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl«, sagt der junge Schauspieler. »Ich war auf der Suche nach diesem Gefühl – auch in meinem Beruf.« Seit September gehört er zum Ensemble des Theaters Heilbronn.  Im Sommer hat er die renommierte Folkwang-Schauspielschule in Essen abgeschlossen.

Beeinflusst hat ihn auch die Arbeit seines Vaters, des Film- und Fernsehregisseurs Uwe Janson, an dessen Sets er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Als Jugendlicher stand Lucas auch mehrmals  vor der Kamera z.B. in »Vulkan« an der Seite von Armin Rohde oder in der Märchenverfilmung von »Aschenputtel«. Aber das Dreh-Erlebnis war kein Vergleich zur Intensität der Theaterarbeit, beschreibt er.
Lucas Janson wollte sich durchbeißen, das Schauspielerhandwerk von der Pike auf lernen und bewarb sich an verschiedenen Schauspielschulen. Zunächst völlig naiv – ohne vorbereitete Rollen – hoppla, hier bin ich. Ganz klar, dass das erstmal nichts werden konnte. Aber die Absage von der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« in Berlin hatte eine kathartische Wirkung, so dass er sich von da an mit großer Ernsthaftigkeit auf den Weg machte.  Er ging zunächst zum Studium der Theater- und Medienwissenschaften nach Bayreuth, um sich theoretisches Rüstzeug zu holen. Anschließend begann er sich akribisch auf Vorsprechen vorzubereiten. »2013 habe ich an zehn Schauspielschulen vorgesprochen, war in mehreren Endrunden und hatte am Ende zwei Zusagen in der Tasche.« Unter anderem von der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin. Die Entscheidung für die Folkwang-Schule war eine echte Herzensangelegenheit, »weil die Dozenten dort wahrhaftig in 5 Runden testen,  was man kann und an dem Menschen interessiert sind«. Außerdem hat er eine  Vorliebe für den Ruhrpott und für Borussia Dortmund. Für Fußball interessiert er sich mit der gleichen Besessenheit wie für Theater. Wann immer es ging, hat er die Spiele seiner Lieblingsmannschaft im Stadion verfolgt und die unglaubliche Stimmung auf der Südtribüne genossen.

Nach vier Jahren Studium drängt es ihn auf die Bühne. »In den nächsten Jahren will ich mich zu 100 Prozent dem Theater verschreiben, lernen, mein Handwerk verbessern.« Seinen Einstand gab er in »Richard III.«, mit dem »Dschungelbuch« geht es weiter. Den erfahrenen Kollegen im Ensemble begegnet er mit viel Respekt und findet es großartig, dass Leute wie Nils Brück und Stefan Eichberg so uneitel von ihrem Wissen und Können an ihn als Anfänger weitergeben. »Man fühlt sich gut aufgehoben in diesem Ensemble«, sagt er. Und er ist froh, dass er auch schon eine alternative Szene in Heilbronn ausfindig gemacht hat – gar nicht weit weg vom Theater im Data.

Lucas Janson (rechts) in »Richard III.« neben Oliver Firit. Foto: Thomas Braun

Lucas Janson (rechts) als Wolf Akela in »Das Dschungelbuch« neben Stella Goritzki. Foto: Thomas Braun

Unsere Neuen: Anja Bothe

Wir stellen unsere neuen Schauspielerinnen und Schauspieler im Ensemble vor. Heute: Anja Bothe aus dem Jungen Theater, die ihre ersten Rollen in »Netboy«, »Farm der Tiere«, »Emil und die Detektive«, »Klopf Klopf« und »Der goldne Topf« spielt.

Anja Bothe. Foto: Fotostudio M 42

Feine Gesichtszüge, eine zierliche Gestalt, rotbraune Haare und braune Augen, das Lächeln eher zurückhaltend. Anja Bothe wirkt auf den ersten Blick sehr mädchenhaft und weich. Das Zitat auf der Startseite ihrer Homepage spricht dagegen eine ganz andere Sprache. Es strotzt nur so vor Power und Lebensgier: »Auslöffeln, Aussaufen, Auslecken, Auskosten, Ausquetschen will ich dieses herrliche heiße sinnliche tolle unverständliche Leben.« Dieses Motto hat sie vom Dramatiker Wolfgang Borchardt (»Draußen vor der Tür«) übernommen.
»So wünsche ich mir meine Arbeit«, sagt die Schauspielerin, die jetzt ihr erstes Engagement am Jungen Theater Heilbronn angetreten hat. Auf der Bühne will sie Grenzen überschreiten und Konflikte durchleben. Im wirklichen Leben ist sie eher harmonieliebend und ausgeglichen. Wahrscheinlich ist diese Chance, die man als Schauspielerin bekommt, auch der Grund, warum sie diesen Beruf ergriffen hat: Jemand anders sein können, das Leben mit allen Höhen und Tiefen ausreizen, sein Ich vollkommen in den Dienst einer Rolle stellen.

Geboren wurde sie in Gräfelfing, einem Stadtteil von München. Aufgewachsen ist sie in Niederbayern, eine Stunde entfernt vom nächsten Theater. Trotzdem schloss sie sich mit 13 Jahren dem Jugendclub des Theaters Passau an und nahm dafür eine Stunde Fahrzeit in Kauf. »Zuvor hatte ich eine Jugendclubinszenierung von Shakespeares »Ein Sommernachtstraum« gesehen und dachte: Das will ich auch.« Von da an ließ sie das Theater nicht mehr los. Ihr Abitur machte sie an einer Schule für Gestaltung und überlegte, ob sie eventuell Kommunikationsdesign studieren sollte. »Aber den ganzen Tag am Computer zu arbeiten, das wäre nichts für mich gewesen«, sagt sie. Schauspiel studierte sie dann am Europäischen Theaterinstitut in Berlin. Nach dem Studium sammelte sie ihre ersten Spielerfahrungen beim Drehen von Independentfilmen. In »Different« etwa spielt sie eine Frau, die aus unerwiderter Liebe zu bösartigen, drastischen Maßnahmen greift. »Keine Ahnung, warum ich gern in bösen Rollen besetzt werde«, sagt sie und lacht. Denn auch in »Netboy«, ihrem ersten Stück am Jungen Theater, spielt sie eine sehr zwielichtige Person. Das zweite Standbein unmittelbar nach dem Studium waren Gastengagements an Theatern und bei großen Projekten. Die verrückteste Erfahrung war dabei, Teil der sechsstündigen Performance-Installation  »Das Heuvolk« vom renommierten Künstlerkollektiv SIGNA anlässlich der Schillertage 2017 in Mannheim zu sein. Diese Endzeit-Performance in einer früheren US-Militärkaserne war ein inszenierter Alptraum, ein apokalyptisches Sekten-Szenario, bei dem die Grenzen zwischen Darstellern und Zuschauern sich auflösten. »Eine spannende und tolle Erfahrung«, sagt Anja Bothe.

Aber jetzt möchte sie endlich kontinuierlich an einem Theater arbeiten, den Wechsel von Proben und Vorstellungen erleben, heute diese Rolle spielen und morgen die nächste, viele verschiedene Regiehandschriften kennenlernen und dabei trotzdem die Geborgenheit eines festen Ensembles erfahren. Und sie möchte lernen, ihr Handwerk festigen, sich die Standhaftigkeit und Disziplin aneignen, die der Beruf verlangt. Zugegeben, nach sechs Jahren in Berlin fiel ihr die Umgewöhnung auf Heilbronn nicht leicht, sagt sie. Aber den Neckar hat sie schon für sich entdeckt, als Jogging-Strecke und zum Entspannen.

Szenenfoto »Netboy« Foto: Thomas Braun

Szenenfoto »Emil und die Detektive«, Anja Bothe (vorne links) Foto: Thomas Braun

Szenenfoto »Die Farm der Tiere« Foto: Thomas Braun

Unsere Neuen: Marek Egert

Wir stellen unsere neuen Schauspielerinnen und Schauspieler im Ensemble vor. Heute: Marek Egert, der seinen Einstand in „Richard III.“ und im „Dschungelbuch“ gab.

Marek Egert. Foto: Fotostudio M 42

Marek Egert ist ein echtes Nordlicht: Aufgewachsen in Oldenburg, Studium in Hamburg, Erstengagement in Hildesheim.  Jetzt verlegt er seinen Lebensmittelpunkt erstmals in den Süden Deutschlands nach Heilbronn. Dabei war ihm die Himmelsrichtung völlig egal. „Ich wollte einfach etwas Neues – neue Kollegen, andere Regisseure kennenlernen, mich weiterentwickeln …“, sagt er. Vom Theater Heilbronn wusste er, dass es ein gut laufendes, beim Publikum beliebtes Haus ist, das auch Berufsanfängern eine gute Gage zahlt. „Die Liebe der Heilbronner zum Theater wurde mir bewusst, als ich eine Annonce aufgab: Schauspieler sucht Wohnung. Da kamen die Angebote, WEIL ich Schauspieler am Theater bin. Das ist nicht selbstverständlich“, meint er.

In Hildesheim hatte Marek Egert vieles erreicht. Wurde in den letzten zwei Jahren in vielen großen Rollen besetzt – ob als Romeo in „Romeo und Julia“, als O’Brien in Orwells „1984“ oder als autistischer Held in „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“. So hätte es sicher weitergehen können. Aber der großgewachsene junge Mann mit dem dunkelblonden Lockenkopf will sich seinen Platz in einem neuen Haus mit einem starken Ensemble, von dem man viel lernen kann, neu erobern. „Stillstand ist in meinem Alter tödlich.“
Zum Theater kam er eher durch Zufall, oder besser gesagt durch die Liebe. Seine damalige Freundin war an der Schauspielschule Frese in Hamburg, und er bewarb sich aus Spaß auch einfach mal. Eigentlich hatte er nach einem kurzen Intermezzo im Jugendclub, das ihm damals gar nicht gefiel,  nicht daran gedacht Schauspieler werden zu wollen. „Mit einer dementsprechenden Naivität ging ich an die Sache heran“, sagt er heute schmunzelnd. Dass die Ausbildung eine harte Arbeit an Köper und Stimme bedeutete, hat er dafür umso mehr zu schätzen gelernt. Er hätte sich durchaus viele Berufe vorstellen können. Koch wäre er zum Beispiel gern geworden. „Aber das mache ich jetzt als Hobby“, sagt Marek Egert. Die perfekten Spätzle konnte er schon zubereiten, bevor er überhaupt ahnte, dass er mal im Schwäbischen landen würde. Auch der soziale Sektor wäre ein interessanter Berufszweig für ihn gewesen. Er besuchte eine Berufsfachschule für Sozialpflege und anschließend eine Fachoberschule für Sozialpädagogik. In dieser Zeit arbeitete er in einem Wohnheim für geistig behinderte Menschen und im ambulanten Hospizdienst.  „Da war ich mit vielen existentiellen Situationen konfrontiert.“

Um existentielle Dinge, quasi um Leben und Tod, geht es auf der Bühne auch permanent. Seine Vorliebe gilt den menschlichen Schattenseiten, den schwarzen Momenten, den Figuren mit Abgründen. Diese spielt er am liebsten. Seinen Einstand in Heilbronn gab er als  Henry Tudor, Earl of Richmond, der spätere Heinrich VII. von England und Widersacher von  „Richard III.“ Außerdem ist er im „Dschungelbuch“ als gemütlicher Bär Baloo zu sehen – ein krasser Bruch. Aber so ist es eben, das Schauspielerleben.

Szenenfoto „Das Dschungelbuch“ mit Marek Egert als Baloo, der Bär, Giulia Weis als Mowgli und Anjo Czernich als Panther Bagheera. Foto: Thomas Braun

Szenenfoto aus „Richard III.“ mit Marek Egert (links) und Sonja Isemer. Foto: Thomas Braun

Unsere Neuen: Romy Klötzel

Wir stellen unsere neuen Schauspielerinnen und Schauspieler im Ensemble vor. Heute: Romy Klötzel aus dem Jungen Theater, die das Publikum bereits aus »Netboy«, »Die Farm der Tiere« und »Emil und die Detektive« kennt.

Romy Klötzel. Foto: Fotostudio M 42.

Romy, mit langem O, wie sie betont, reibt sich immer noch ungläubig die Augen. Noch vor kurzem hatte sie keine Ahnung, dass sie ihr Erstengagement am Theater Heilbronn antreten würde. Erst im September kam sie mit vielen anderen jungen Schauspielerinnen zum Vorsprechen in die BOXX, das kurzfristig einberufen werden musste, weil eine Kollegin des Jungen Ensembles ein Baby erwartet. Romy Klötzel hatte einen Monolog der Amalia aus »Die Räuber« von Schiller vorbereitet und eine Szene aus einem ihrer Lieblingsstücke »4.48 Psychose« von Sarah Kane: » … weil du mein Leben so aus mir rausbluten lässt, meine Liebe …«, wiederholt sie versonnen eine Textpassage. Bereits einen Tag später erhielt sie den Anruf vom Theater, dass sie die Stelle bekäme.
»Ich habe gar nicht gezögert, sondern alles in die Wege geleitet, dass ich sofort anfangen kann«, sagt die zierliche junge Frau mit den dunklen Haaren und den blauen Augen. Vier Tage später war sie da mit Sack und Pack und der ersten gelernten Rolle. »Ich liebe solche Herausforderungen«, sagt sie und strahlt.
Ihr Start im Jungen Ensemble verlief alles andere als gewöhnlich. Sie sprang mitten in Proben des Auftaktstücks »Netboy« hinein, an dem die anderen Mitstreiter schon mehrere Wochen gearbeitet hatten, und erntete für ihre Professionalität und ihren Einsatzwillen den großen Respekt ihrer neuen Kollegen. Romy Klötzel  spielt hier die Hauptrolle, Marie, ein Mädchen, das Opfer von Cybermobbing wird. Kann sie sich mit der Rolle identifizieren? »Auf jeden Fall«, nickt Romy Klötzel. »Marie ist auch ein Mädchen, das sehr selbstbewusst ist und nach vorn prescht – eigentlich alles andere als ein Opfer, eher eine Kämpfernatur.« Aber durch Neid und Missgunst von anderen und durch falsches Vertrauen zu einer Person im Netz, die sie noch nicht mal kennt, gerät sie in einen gefährlichen Sog. Cybermobbing kann jeden treffen. Auch unmittelbar nach der Premiere hatte sie keine Zeit durchzuatmen, denn dann standen die Umbesetzungsproben für die Stücke an, die aus der vergangenen Spielzeit wieder aufgenommen wurden: »Emil und die Detektive«, später folgt »Die Farm der Tiere«.

Alles kein Problem. Je mehr Arbeit, desto besser. »Hauptsache ich kann endlich in meinem Traumberuf arbeiten«, sagt sie. Schon im Kindergarten ihrer Heimatstadt Baden Baden hat sie Theater gespielt. In der Schule ging es nahtlos weiter. »Im Jugendclub des Theaters Baden-Baden hab ich dann erstmal richtige Theaterluft geschnuppert. Für mich gab es nie eine Alternative zum Schauspielerberuf.« Studiert hat sie schließlich an der Schauspielschule Frese in Hamburg und dort ein gutes Rüstzeug für die Arbeit auf der Bühne mitbekommen. Jetzt will sie einfach nur spielen, spielen, spielen.
Am Jungen Theater Heilbronn gefallen ihr zunächst mal die Kollegen, die sie alle sehr nett aufgenommen haben. Zum anderen auch der Spielplan, auf dem viele Stück stehen, in denen sich  junge Leute wiederfinden können. »Und ich bin dankbar dafür, dass ich das machen kann, was ich mir wirklich am meisten gewünscht habe. Irgendwie hab ich grad n‘ Lauf«. Sagt sie, lacht und freut sich schon wieder auf die nächste Probe.

Szenenfoto »Netboy«. Foto: Thomas Braun

Szenenfoto »Emil und die Detektive«; Romy Klötzel als Pony Hütchen, 3.v.l. Foto: Thomas Braun

 

Szenenfoto »Farm der Tiere«. Foto; Thomas Braun.

Sonja Isemer – Ein königlicher Gast

Von Andreas Frane

In »Richard III.« gibt es einen Moment, der Sonja Isemer besonders herausgefordert hat. Es ist die berühmte Szene im vierten Akt, in der Richard, der beide Söhne der Königin Elisabeth hat ermorden lassen, sie dahin zu manipulieren versucht, ihm als Krönung noch ihre Tochter zur Frau zu geben.

Sonja Isemer als Königin Elisabeth und Oliver Firit als Richard III.

»Wie schnell Elisabeth sich in dieser Situation wieder im Griff hat, wie sie dem Mörder ihrer Kinder klug, schnell und pointiert antwortet«, erklärt Isemer, »das hat mich sehr gereizt.« Die lebhafte, dabei stets konzentrierte Schauspielerin, die nach Engagements am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin und am neuen theater in Halle seit dieser Spielzeit frei arbeitet, kommt für Axel Vornams Inszenierung von »Richard III.« als Gast ans Theater Heilbronn und hat bereits in den ersten Vorstellungen das Publikum für sich erobert. Ihre Ausbildung hat sie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München absolviert, ihre Rollen in Inszenierungen des Regisseurs Herbert Fritsch in Schwerin (Leontine in »Der Biberpelz« und Beatrice in »Der Diener zweier Herren«) haben ihr Auszeichnungen und eine Einladung zum Berliner Theatertreffen eingebracht. Mit der Königin Elisabeth, die – so Isemer – »sich, ihre Gefühle und ihre Familie durch die Flucht nach vorne schützt«, fügt sie den großen, starken Frauen in ihrer Arbeitsbiografie eine weitere hinzu. Nach Antigone, Minna von Barnhelm und der Lady Milford. Gibt es bei Shakespeare noch andere Figuren, die sie reizen würden? »Königin Margret«, kommt die schnelle Antwort. »Und natürlich Hamlet. Am liebsten aber, glaub ich, Lady Macbeth.«

Herzrasen vor dem großen Auftritt

Wie geht es Schauspielern am Tag der Premiere? Die Schauspieler Judith Lilly Raab und Oliver Firit berichten über ihr Lampenfieber, Ablenkungsrituale und Glücksgefühle.


Es ist der klassische Albtraum eines Schauspielers: Man kommt auf die Bühne, hunderte Augenpaare schauen erwartungsvoll. Und dann – Text vergessen. Im Kopf ist ein schwarzes Loch. Wo bin ich, was mache ich hier, welches Stück, welche Szene? Zum Glück ist das Schreckgespenst mit dem Weckerklingeln vertrieben. „Solche Träume kennt jeder von uns“, sagt Schauspieler Oliver Firit, und seine Kollegin Judith Lilly Raab kann es nur bestätigen. Auch die langjährige Bühnenerfahrung schützt nicht davor. Die Angst vorm Versagen ist vor jeder Vorstellung ihr Begleiter. Aber am schlimmsten ist das Lampenfieber an Premierentagen. Denn dann kommt zur Panik vor Stimmversagen und Texthängern noch die Unsicherheit dazu: Wie wird das Publikum das Stück annehmen? „Man spürt  sofort die Energie aus dem Saal – hört die Huster oder das knisternde Bonbonpapier, sieht wie sich mancher mit dem Programmheft Luft zuwedelt“, sagt Judith Lilly Raab. Wenn die Zuschauer gebannt und konzentriert zuhören oder in Komödien nicht mit Lachern geizen, dann spielt man viel befreiter. „Und außerdem wissen wir ja eigentlich, dass wir es drauf haben. Am Vortag in der Generalprobe haben wir es ja gerade unter Beweis gestellt“, sagt Oliver Firit. „In den Endproben entwickele ich für jedes Stück einen eigenen Ablauf, den ich während aller Vorstellungen versuche, beizubehalten“, schildert Judith Lilly Raab. „Das gibt Halt und Sicherheit.“

Der Begriff Lampenfieber, der heute allgemein als Synonym für die Angst vor öffentlichen Auftritten gilt, kommt aus dem Theater, wo alle Scheinwerfer auf den Schauspieler gerichtet sind. „Der Mund wird trocken und ich muss sehr häufig die Toilette besuchen“, charakterisiert Oliver Firit seine Symptome. „Ich bin immer sehr nervös, das Herz rast und ich kann kaum Menschen um mich herum ertragen“, beschreibt Judith Lilly Raab ihr Befinden. Früher, so erzählt Oliver Firit, setzte das Lampenfieber gleich morgens nach dem Aufwachen am Premierentag ein. Jetzt hat der Vater dreier kleiner Kinder keine Chance dazu, weil die Kleinen ihn auch an solchen Tagen in Beschlag nehmen. „Am Tag der Premiere von ,Ein Volksfeind‘ habe ich bis 17.30 Uhr mit ihnen eine Ritterburg aufgebaut und alles falsch gemacht“, erinnert er sich. Auch vor Premieren geht er mit den Kindern auf den Spielplatz und lauscht deren fröhlichem Geplapper. „Mittlerweile wünschen sie mir zwar viel Erfolg und TOI TOI TOI, aber dass eine bevorstehende Premiere auch bedeutet, dass Papa Ruhe braucht, wissen sie noch nicht.“ Spätestens, wenn er dann das Theater betritt, hat ihn das Lampenfieber fest im Griff. Er blättert den Text noch einmal durch, verwandelt sich mit dem Anlegen von Maske und Kostüm in die Figur und wartet mit Herzklopfen auf den Auftritt.
Auch Judith Lilly Raab beschäftigt sich vor der Premiere, eigentlich vor jeder Vorstellung noch mal intensiv mit dem Text und geht ihn Wort für Wort durch. Sie hat vor einiger Zeit ihr Premierentagritual geändert. Früher hat sie lange geschlafen, ist dann ins Theater gegangen, hat überall ihre kleinen Toi Toi Toi-Geschenke für die Kollegen hingelegt und die leere Bühne abgeschritten – ganz allein. Seit ungefähr einem Jahr beginnt sie den Tag, wenn es geht, aktiv mit Sport. Dann isst sie zu Mittag und versucht noch mal zu schlafen. Hinterher sucht sie ihr Kleid für die Premierenparty heraus, das kann schon mal ˈne halbe Stunde dauern, sagt sie augenzwinkernd: „Spätestens  ab 16.30 Uhr bin ich im Premierenmodus und möchte von niemandem mehr gestört werden.“
Ist das Lampenfieber schon bei „normalen“ Premieren groß, wird es sich bei beiden in ihren nächsten Stücken fast ins Unerträgliche steigern. Denn beide spielen Riesenrollen, Traumrollen geradezu, und ihre Figuren stehen im Zentrum der Inszenierungen: Judith Lilly Raab spielt Harper Regan, eine faszinierende und sehr facettenreiche Frau in dem gleichnamigen Stück von Simon Stephens, einem der besten zeitgenössischen Dramatiker Großbritanniens. Und Oliver Firit spielt einen der diabolischsten Charaktere der Theatergeschichte: Richard III. von William Shakespeare. Etwas verblüffend für Außenstehende ist vielleicht ein Phänomen, das beide beschreiben. Wenn man in diesen großen Rollen kaum von der Bühne kommt, legt sich die mit körperlichen Symptomen verbundene Riesenaufregung sogar im Laufe der Vorstellung und weicht einem Dauerkribbeln mit erhöhter Anspannung. Bei mehreren kleinen Rollen hingegen fängt das Herzrasen mit jedem Auftritt von vorn an.

Beide wissen, bei Lampenfieber hilft nur kämpfen – also raus auf die Bühne ins Scheinwerferlicht, auch wenn es noch so sehr im Magen grummelt. Denn eigentlich ist es genau diese Aufregung und der damit verbundenen Adrenalinkick, der sie zu Höchstleistungen treibt und der diesen Beruf so besonders macht. Denn seit Menschengedenken sorgt Angst dafür, dass der Homo sapiens in Gefahrensituationen seine höchste Konzentration und Muskelkraft mobilisieren kann.  Nur so konnte man in der frühen Menschheitsgeschichte gegenüber lebensbedrohlichen wilden Tieren bestehen. Heute lauert sozusagen imaginär ein mächtiges Tier auf der Bühne,  die Furcht vor Blamage vor aller Augen.

Aber unbezahlbar und mit das Schönste an der Schauspielerei im Theater ist das unglaubliche Glücksgefühlt, das sich einstellt, wenn alles gut lief, der letzte Satz gesprochen ist und der erlösende Applaus aufbrandet.

 

 

 

Mit Literatur die Welt verstehen

Eva Bormann ist Dramaturgin und Autorin

Eva_Bormann_02Wenn man, wie Eva Bormann, in Weimar geboren wird, ist die Nähe zu Literatur und Theater fast in die Wiege gelegt. Die kleine Stadt in Thüringen steht als Synonym für Kultur und der Geist von Goethe und Schiller, aber auch von Liszt und Nietzsche ist allerorten spürbar. Eva Bormann hat als Schülerin im Abenddienst des Nationaltheaters gearbeitet und auch unzählige Inszenierungen im Schauspiel und Musiktheater angeschaut. Am Theater zu arbeiten, kam für sie aber erst einmal nicht in Frage: „Ich hatte einen viel zu großen Respekt vor dem dort versammelten Wissen“, sagt sie. Sie studierte dann zwar Theater- und Literaturwissenschaft und Soziologie in Leipzig, aber ihr Schwerpunkt lag bei der Literatur. Sie sah sich zukünftig als Wissenschaftlerin Bücher wälzen, allein mit sich und den bedeutenden Werken dieser Welt. Doch dann wollte es der Zufall, dass sie während des Studiums die Betreuung eines Stückes als Regieassistentin am Theater der Stadt Aalen angeboten bekam. Und wieder einmal bestätigt sich, dass, wer einmal so richtig Theaterluft geschnuppert hat, nicht wieder davon loskommt. Es folgte gleich die zweite Assistenz in Aalen und eine Lesung mit eigenen Texten – davon gleich mehr-, die sie selbst gestalten durfte. Nach einem dreijährigen Ausflug in die Wissenschaft ans Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig von 2007 bis 2009 ging es dann doch wieder ans Theater, in die Dramaturgie. Zunächst für ein halbes Jahr nach Wiesbaden und dann von 2010 bis 2015 ans Theater Marburg. Seit Sommer 2015 ist sie Dramaturgin am Theater Heilbronn, wo sie vorrangig für das Junge Theater, aber auch für Stücke im Abendspielplan verantwortlich ist. Ihre erste Dramaturgie hier am Haus hatte sie für „Leben des Galilei“.

Bereits in den Anfangsjahren ihres Studiums begann sie eigene Texte zu verfassen. Schreiben ist ihr Medium, um die Welt zu begreifen, um die Beziehungen zwischen den Menschen zu analysieren und auf den ersten Blick Unverständliches zu ordnen. Zunächst waren es Gedichte, die sie zusammen mit einer befreundeten Schauspielerin in musikalischen Lesungen dem Publikum vorstellte. Vor zwei Jahren hat sie mit Prosatexten begonnen und jetzt sind auch dramatische Texte im Entstehen. Ein Thema, das sie als Autorin immer wieder umtreibt, sind die Geschlechterklischees. „Wo lassen sich Rollenbilder auflösen oder wo müssen sie manifest sein?“ Einige ihrer Gedichte sind bereits in Anthologien erschienen. Im Frühjahr 2014 war sie als Autorin Artist-In-Residence der »maumau art residency« in Istanbul und 2015 Stipendiatin beim 19. Literaturkurs der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Sie arbeitet immer an mehreren Texten gleichzeitig – vor allem nachts, wenn die Theaterarbeit ruht: „Die Texte melden sich bei mir, wenn sie weitergeschrieben werden wollen“, beschreibt sie. Dabei geht sie sehr sorgfältig vor, bemüht sich, mit Worten genau die Bilder entstehen zu lassen, die sie im Kopf hat. Wann sie zum Schlafen kommt, ist ein Rätsel. Aber mit dem Schreiben erholt sie sich von ihrer dramaturgischen Arbeit und umgekehrt, erzählt sie. Dabei sind beide Tätigkeiten eng miteinander verwandt.

Denn das genaue Beobachten und präzise Beschreiben ist auch für sie Dramaturgin essentiell. Intensiv begleitet sie die Proben, saugt wie ein Schwamm alle Eindrücke auf und vermittelt diese ihren künstlerischen Partnern. „Ich mag die Fragen, die Schauspieler stellen, auf die würde ich niemals kommen. Denn es ist ein Unterschied, ob man als Regisseur gemeinsam mit der Dramaturgie eine Konzeption entwirft oder man als Figur darin agiert.“ Auffällig an Eva Bormann ist, dass sie in diesen Gesprächen immer genau und geduldig zuhört und ihre Antworten sehr überlegt formuliert. „Ich glaube, wenn der Dialog innerhalb einer Inszenierung gut ist, überträgt sich dieses Klima auch aufs Publikum“, sagt sie. Sie mag auch die Phasen ihrer Recherchearbeit, um mit Material aus Literatur, Philosophie oder bildender Kunst die Inszenierung zu bereichern. Dabei hört sie übrigens immer Musik. Ihre Top drei aus der jüngsten Zeit: Johann Sebastian Bachs Chaconne in d-Moll BWV 1004, für Klavier bearbeitet von Ferrruccio Busoni und interpretiert von Hélène Grimaud, Mozarts Klavierkonzert d- Moll von Matha Argerich und der Jazzpianist Chilly Gonzales mit „Unrequited love“. „Voll das Dramaturgenklischee“, sagt sie lachend. Aber wenn es nun mal so ist, dann ist es so. Klischee hin oder her.

Der Österreicher mit der russischen Seele

Foto: Thomas Braun
Foto: Thomas Braun

Eigentlich war er schon auf dem besten Wege in ein Kloster, aber zölibatär zu leben, das konnte sich Johannes Bahr als 22-Jähriger beim besten Willen nicht vorstellen. So brach er sein Theologiestudium in Wien ab, ging zurück in seine Heimatstadt Graz, studierte kurz Philosophie und Psychologie, um sich dann endlich für die Schauspielerei zu entscheiden. Gelockt hatte ihn das Theater schon lange. Gegen das Verbot seiner sehr frommen und strengen Mutter, die ihn bei Wind und Wetter morgens um 6 Uhr als Ministrant zur Frühmesse schickte, ging Johannes Bahr heimlich zur sozialistischen Jugend, den »Roten Falken«, wo auch Theater gespielt wurde. Später als Novize im Augsburger Dominikanerkloster blickte er aus seinem Fenster direkt auf den Parkplatz des Theaters. Er sah die Schauspieler zu den Proben gehen und erlebte auf der Bühne einen Mann, der ihn bis heute fasziniert, den Pantomimen Marcel Marceau. Der Franzose und Charlie Chaplin sind seine Vorbilder.
40 Jahre steht Johannes Bahr jetzt auf der Bühne, 33 davon in Heilbronn. Derzeit probt er seine letzte Rolle im Festengagement. Mit Ingrid Richter-Wendel als Großmutter an seiner Seite spielt er den Großvater in dem Ensemble-Stück »Das Fest« von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov. »Meine Gesundheit war nie die stabilste. Jetzt weist sie mich in die Schranken«, sagt der Schauspieler. Deshalb geht er ab Mai in den (Un)Ruhestand. Im »Fest« geht es um ein dunkles Familiengeheimnis. Auch die Kindheit von Johannes Bahr wurde von einer Geschichte geprägt, die die Familie damals lieber für sich behielt. Seine Mutter stammt aus der Ukraine, die damals zur Sowjetunion gehörte. Während des Zweiten Weltkrieges hat die studierte Germanistin als Übersetzerin für deutsche Sprache gearbeitet und sich in den Feind verliebt, einen österreichischen Soldaten – Johannes‘ Vater. Das war Kollaboration und seine Mutter musste mit ihrem Geliebten nach Graz fliehen, fühlte sich aber dort sehr fremd. »Sie war schwermütig, und ich habe früh angefangen, mich in die Welt der Fantasie und der Bücher zurückzuziehen«, sagt Johannes Bahr. Ein Erbteil seiner Mutter ist das, was man die russische Seele nennt – tiefgründig und äußerst emotional. »Wenn ich auf der Bühne einen Menschen spiele, dem es schlecht geht, kann ich mich so intensiv in die Figur hineinfühlen, dass ich mit ihr weinen muss«, gesteht der Schauspieler. In seiner ersten Rolle als Romeo in Innsbruck habe er so intensiv gelitten, dass besonders die Frauen im Publikum in Tränen aufgelöst waren. »Ich war nie der strahlende Held, sondern habe eher ein Faible für gebrochene Figuren, die allen Grund haben, am Leben zu verzweifeln und trotzdem immer wieder ihr Glück suchen.« So einen Typen zu spielen wie derzeit Mr. Mushnik im Musical »Der kleine Horrorladen« macht ihm großen Spaß. Aber auch skurrile Charaktere liegen ihm – sehr gern erinnert er sich an seine Rollen als »Gespenst von Canterville« und als Kaiser im »Weißen Rößl«, als überbesorgter Königs-Vater in »König Drosselbart« und jetzt als Sandmann in »Peterchens Mondfahrt«.
Seit Bestehen des Theaters am Berliner Platz gehört Johannes Bahr zum Heilbronner Ensemble. Dabei war der Start für ihn nicht leicht. Seine erste Rolle sollte der Mephisto im »Faust« sein. Aber er legte sich ständig mit dem regieführenden Intendanten Klaus Wagner an und wollte alles besser wissen. Irgendwann wurde es dem Intendanten zu bunt und er schickte den jungen Hitzkopf nach Hause. Was für eine Niederlage. Aber Johannes Bahr hat daraus gelernt: »Theater ist Teamarbeit und der Schauspielerberuf verlangt ein Höchstmaß an Disziplin«. Klaus Wagner glaubte trotzdem an ihn und gab ihm viele schöne Chancen. Sein größtes Glück, das er hier gefunden hat, ist jedoch seine Familie. »Eines Tages stand auf dem Bahnhof in Stuttgart ein schönes Mädchen mit Hut und schaute mich freundlich an«, erinnert er sich. Johannes Bahr setzte sich im Zug neben sie und sprach sie an: »Ich glaube, wir müssen uns kennenlernen.« Dieses schöne Mädchen ist heute noch seine Frau, mit der er zwei – inzwischen erwachsene – Kinder hat und auf dem Familienweingut in Eberstadt lebt. »Da fühle ich mich richtig wohl«, erzählt er und freut sich darauf, künftig mehr Zeit für den Garten und seine kleine Schreinerei zu haben. Außerdem hängt Johannes Bahr auch die Schauspielerei nicht ganz an den Nagel. Er synchronisiert Filme und veranstaltet Lesungen – am liebsten mit österreichischer Literatur. Und falls im Theater wieder mal ein Großvater gebraucht wird, sagt er nicht nein.