Vom Papier auf die Bühne

Wer sich hinter den Kulissen des Theaters nicht auskennt, kann es sich kaum vorstellen: Am Bühnenbild für das Weihnachtsmärchen wird immer schon  mitten im heißen Sommer gearbeitet.  Noch vor der Sommerpause des Theaters entstanden im Malersaal riesige gemalte Dschungellandschaften, die seit November die Bühne des großen Hauses in den indischen Dschungel verwandeln.

Auch die berühmte Affenstadt aus dem Dschungelbuch wurde hier gefertigt. Eine alte Tempelanlage, erbaut von Menschen, die King Louie und seiner Affenbande als Heim dient. Die hölzernen und steinernen Statuten sind von Wind, Wetter und den wilden Affen gezeichnet. Und langsam erobert sich der Urwald die Relikte kultischer Rituale der Menschen zurück. Diese Zeugen längst vergangener Zeiten sehen verdammt echt aus – sogar aus der Nähe. Aber statt Holz und Stein ist ihr Hauptbestandteil Styropor, das in vielen Arbeitsschritten in kultische Stein und Holzfiguren verwandelt wird.

Michelle Zimmermann, die zum Sommer ihre 3-jährige Ausbildung als Plastikerin im Malersaal abgeschlossen hat, hat für uns die Entstehung der Statuen dokumentiert.

Am Beginn stehen die Skizzen des Bühnenbildners und ein riesiger Block Styropor. Nachdem Michelle Zimmermann die Skizzen angepasst und eine Lochpause erstellt hat, überträgt sie die Skizze auf den Styroporblock. Dann kommen Ketten- und Konturexsäge zum Einsatz, um der Figur ihre groben Konturen zu verleihen. Noch lässt sich nur erahnen, was das Endprodukt wird. Nach den ersten Schnitzarbeiten lässt sich schon erkennen, was später auf der Bühne stehen wird. Doch um der Figur auch den nötigen Halt zu verleihen, bekommt unsere Plastikerin Hilfe aus der Schlosserei und Schreinerei, die eine Stahlarmierung in jede Figur einfügen und ihr einen stabilen Sockel verleihen. Mit Montageschaum wird die Schnittstelle für die Stahlarmierung im Innern wieder unsichtbar gemacht.
Im nächsten Schritt geht es in die Feinarbeit. Mit klassischen Küchenmessern schnitzt Michelle Zimmermann immer mehr Details in das Styropor. Arme, Augen, Nase, Kleidung werden herausgearbeitet bis ihnen mit Schleifpapier der letzte Schliff verpasst werden kann.

Doch wie wird aus dem weißen Styropor eine antike Holz- oder Steinfigur?

Mit Nesselstoff, Leim und Farbe! Mit Stoff und Leim wird die Figur kaschiert, das gibt dem Styropor nicht nur Schutz und Festigkeit sondern auch die gewünschte Oberfläche, um die Figur anschließend mit Farbe in eine antike Holz- oder Steinfigur zu verwandeln.

In unserem kleinen Video, könnt Ihr verfolgen. Wie sich aus den Skizzen die verschiedenen Stauten entwickeln.

Kleidung sagt aus, wie Du gesehen werden willst.

Aus meinem ersten Gespräch mit dem Leiter unserer Kostümabteilung, Manuel-Roy Schweikart, ist bei mir dieser Satz hängen geblieben: »Kleidung sagt, aus wie Du gesehen werden willst.« Jetzt haben wir diesen Faden wieder aufgegriffen. Dabei rausgekommen ist ein spannender Einblick, was Kleidung alles über uns erzählt.

Mit dem Griff in den Kleiderschrank entscheiden wir unterbewusst, wie wir dem Tag begegnen wollen, sagt Manuel-Roy Schweikart, dabei treffen wir jeden Tag eine Aussage über uns selbst. Das kann damit zu tun haben, wie wir uns fühlen oder was von uns erwartet wird. Dahinter stehen jedoch verschiedene Codes, wie Kleidung gelesen wird. Diese Codes sind von der Historie unseres Bekleidungsverständnisses abhängig und kulturell verschieden. So hat Kleidung und Mode in Italien und Frankreich einen deutlich höheren Stellenwert, die Entscheidung, was ich mit meiner Kleidung ausdrücken möchte, wird dort viel bewusster gefällt. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass diese Länder auch heute noch Bedeutung als Produktionsstandort haben. Während in Deutschland die hochwertige Bekleidungsfertigung ins Ausland verlegt wurde und in weiten Teilen das Modebild eher als praktisch und preiswert bezeichnet werden kann. Die Wertigkeit der Mode wird bei uns oft hintangestellt.
In der Art wie wir uns kleiden und Schuhe, Tasche, Gürtel und weitere Accessoires auswählen, greifen wir gelernte Codes auf und drücken Zugehörigkeiten aus. Trägt Mann zum Beispiel Sneakers zu seinem Anzug, was noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen wäre, bricht er die strenge Seriosität des Anzugs auf, dabei strahlt er mit diesem modischen Statement Agilität, Flexibilität und Modernität auf sein Gegenüber aus. Das weibliche Pendent dazu ist der Plisseerock. Während in den 50er/60er Jahren die Highheels zum Faltenrock Pflicht waren, ist er heute sportlich und unkonventionelle mit Sneakern oder Cowboystiefeln kombinierbar. Der ehemals spießig-konservativen Look wird neu interpretiert zum trendigen Fashion-Statement.

Bei der Entwicklung eines Theaterkostüms stehen diese Codes sehr bewusst im Fokus der Planungen von Kostümbildner und Schneiderei. Gerade über die Kleidung der Figuren lässt sich der Charakter der dargestellten Personen unterstreichen, erklärt Manuel-Roy Schweikart. Welche Stoffe gewählt werden, welche Accessoires, ist entscheidend dafür, wie die Figur gesehen wird. So ist beispielsweise Harper Regan, die Hauptfigur des gleichnamigen Stückes, eine arbeitende Frau der englischen Mittelklasse, die als Hauptverdienerin ihre Familie ernährt und zusammen hält. Ihre eigenen Bedürfnisse hat sie aus dem Blick verloren. Harper als stylische Fashonista darzustellen, wäre in diesem Kontext deplatziert. Die Figur versucht allen Anforderungen in Job und Familie gerecht zu werden, das spiegelt sich auch in ihrem Kostüm wider. Harpers Kleidung lässt sich am besten als ordentlich und zweckmäßig beschreiben. Die weiße Bluse, die blaue Stoffhose, der schlichte Gürtel, die praktische Handtasche setzen keine Statements, entsprechen aber Codes die Beruf und Alltag an sie stellen.

Judith Lillly Raab als »Harper Regan« Theater Heilbronn

Während wir unsere morgendlichen Entscheidung, was ich heute anziehe, oft unbewusst treffen, stehen vor den Entscheidungen für das Kostüm einer Figur oft viele Gespräche zwischen Regie, Ausstattung und der Kostümabteilung, was mit der Kleidung einer Figur über sie erzählt werden soll.

Judith Lillly Raab als »Harper Regan« Theater Heilbronn

 

Simon Stephens – Vom Barkeeper zum Erfolgsdramatiker

Von Sophie Püschel

Simon Stephens, der Autor des Stückes Harper Regan, kam erst auf Umwegen zur Dramatik.

Szene aus »Harper Regan« (v.l. Malin Kemper (Sarah); Judith Lilly Raab (Harper Regan); Tobias D. Weber (Seth))

Der 1971 in Stockport geborene Stephens wollte eigentlich Musiker und Songwriter werden. Zwölf Jahre war er Bassist der schottischen Punk-Band »Country Teasers«. Während seines Geschichtsstudiums stellte er nach eigenen Angaben fest, dass die attraktivsten Frauen im Studententheater spielten, weshalb auch er sich für das Theater zu interessieren begann und nachhaltig Feuer fing. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst mehrere Jahre als Barkeeper, DJ und Lehrer, bis ihm der Absprung zum Berufsdramatiker gelang. 1998 wurde sein erstes Stück »Bluebird« uraufgeführt und bereits zwei Jahre später wurde er »resident dramatist« am Royal Court Theatre London und im selben Jahr Hausautor am Royal Exchange Theatre Manchester. Mittlerweile wurde er in Kritikerumfrage der Fachzeitschrift »Theater heute« fünfmal zum besten ausländischen Dramatiker des Jahres gewählt und gilt als der meistgespielte britische Gegenwartsdramatiker im deutschspracheigen Raum.

Prägend für sein Werk ist seine Heimatstadt Stockport, ein industriell geprägter Vorort von Manchester. Diese Stadt bildet – wie er selbst sagt – die dramatische Landschaft seiner Stücke und ist Herkunftsort vieler seiner Protagonisten, so auch der von Harper Regan. Wie in einem filmischen Close-Up-Verfahren zoomt Stephens ganz nah an seine Figuren heran, um einen Blick hinter deren Fassade des Schweigens und des uneigentlichen Sprechens zu werfen. »Das Leben, wie es die Stücke von Simon Stephens zeigen, geht über den Einzelnen hinweg, und manchmal, nur selten geht der Einzelne in ihm auf: Von dieser Hoffnung, über die man am besten gar nicht spricht, erzählt Simon Stephens … Er sammelt dafür die scheinbar banalsten, zufälligsten und undramatischen Momente des Lebens ein, seltsame Situationen, in denen kein Blut fließt, sich niemand anschreit oder das Haus anzündet, und in denen trotzdem die ganze Tragödie des Lebens unabweisbar zutage tritt.« (Thomas Oberender)

Im Dschungel des Lebens

Jens Kerbel inszeniert Rudyard Kiplings »Dschungelbuch« als spannendes Coming of Age-Abenteuer für Groß und Klein

Von Mirjam Meuser

Wer kennt sie nicht, Walt Disneys berühmte Zeichentrick-Verfilmung von Rudyard Kiplings »Dschungelbuch«? 1967 kommt sie in die Kinos – und ist in Deutschland bis heute der erfolgreichste Film aller Zeiten. Die wundersame Geschichte von Mowglis Aufwachsen unter den Wölfen im indischen Dschungel, seinen Abenteuern mit Baloo, dem gemütlichen, etwas plumpen, honigversessenen Bären, und Bagheera, dem majestätischen Panther, mit deren Hilfe er schließlich auch seinen Feind, den ebenso selbstgefälligen wie gefährlichen Tiger Shere Khan, besiegt, ist ein Klassiker der Filmgeschichte, der Jung und Alt begeistert. Aber auch Kiplings Erzählungen im Original wiederzuentdecken, lohnt sich – und das nicht nur, weil sie ein wesentlich vielschichtigeres Bild von Mowglis Heranwachsen im Dschungel und seinem Kampf gegen den menschenfressenden Tiger zeichnen. Ihre Poesie und ihre Tief-, streckenweise auch Abgründigkeit machen sie zu einem aufregenden, ja berauschenden Lese- und Vorlesevergnügen für Groß und Klein.

Rudyard Kipling wird am 30. Dezember 1865 als Sohn britischer Eltern im Indien der Kolonialzeit geboren und wächst die ersten Jahre in seiner Geburtsstadt Bombay auf. Umsorgt von einem portugiesischen Kindermädchen und einem Hindi Meeta, hört er von ihnen unzählige Geschichten und Lieder in ihrer Venakularsprache, in der er auch zu denken und zu träumen lernt. Das Englische, das er mit seinen Eltern bei Tisch sprechen musste, ist für ihn als Kind ein fremdes Idiom. Aber nicht nur die Legenden und Mythen, auch die Musikalität und Farbigkeit der mündlichen indischen Folklore sind es, die seine Kindheit prägen. Sie legen nicht zuletzt das Fundament für den Fabel-Ton der Geschichten aus dem »Dschungelbuch«. »Es war notwendig, dass jedes Wort erzählen, tragen, Gewicht haben, schmecken und, wenn nötig, riechen sollte«, so formuliert Kipling seinen Anspruch an die Sprache in der posthum veröffentlichten Autobiographie »Something of myself«.

Fünf Jahre ist Rudyard alt, als ihn die Eltern gemeinsam mit seiner Schwester Trix nach England zur Schule schicken und in einer Pflegefamilie in Southsea unterbringen. Dort leidet er derart unter der Einsamkeit und dem Regiment seiner Pflegemutter, dass er sich in Bücher und Träume flüchtet und sich sprechende Tiere als Spielgefährten und Gesprächspartner herbeiphantasiert. Erst nach sechs Jahren wird er von seiner Mutter aus der Tortur befreit.

Jahre später formen sich aus diesen Kindheitserfahrungen die Geschichten der beiden »Dschungelbücher«. Kipling schreibt sie für seine erste Tochter Josephine, die 1892 in Vermont (USA) geboren wird – und vermacht ihr damit eine allegorische Erinnerung an die Abenteuer der eigenen Kindheit. Meisterhaft verschränkt er unmittelbare Erlebnisse, Wirkliches und Imaginiertes zu einer atemberaubenden Erzählung vom Sich-Zurechtfinden eines verlassenen, schutzlosen Menschenkindes in einer gefahrvollen, verwirrenden, unberechenbaren Umwelt.

Kiplings anarchische Fabulierlust hat es auch dem Regisseur Jens Kerbel angetan – ihrer Faszination und Verführungskraft will er mit seiner Inszenierung im Großen Haus nachspüren. Dafür hat er sich die Bühnenfassung von Frank Pinkus ausgesucht, die sich besonders stark an den ursprünglichen Erzählungen des »Dschungelbuchs« orientiert. Sie räumt den geheimnisvollen, poetischen, manchmal auch unheimlichen Seiten der Texte viel Platz ein – ohne den Humor zu kurz kommen zu lassen. Baloo, der Bär, erzählt hier die Geschichte von Mowglis Erwachsenwerden im Dschungel als ein spannendes Coming of Age-Abenteuer, an dessen Ende der Menschenjunge natürlich den Tiger besiegt, sich aber auch seiner Fremdheit unter den Tieren bewusst wird und seinen eigenen Weg und Platz in der Welt finden muss.

Das Team um Jens Kerbel arbeitet daran enthusiastisch mit. Der Musiker Stephan Ohm komponiert für die Aufführung am Theater Heilbronn ganz neue Ohrwürmer – nicht zuletzt der genussfreudige Baloo bekommt einen neuen Hit. Den verwunschenen indischen Dschungel und seine sagenumwobenen Bewohner wiederum zaubert der Bühnen- und Kostümbildner Toto auf die Bühne. In seinen phantasievollen Kostümen changieren Mowgli und seine Freunde so effektvoll zwischen Mensch und Tier, dass sich der kiplingsche Dschungel spielerisch als das entpuppt, was er eigentlich ist: der gefahrvolle, unberechenbare, aber auch unfassbar schöne und spannende »Dschungel des Lebens«.

Er ist der Meister der Stoffe

Mit Nadel und Faden und einem engagierten Team schneidert unser neuer Leiter der Kostümabteilung, Manuel-Roy Schweikart, den Schauspielerinnen und Schauspielern die Kostüme auf den Leib.

Manuel-Roy Schweikart

Als Modedesigner verbrachte Manuel-Roy Schweikart viele Jahre in renommierten Designateliers und auf Prêt-à-porter-Modenschauen. Jetzt kehrt er wieder zurück in die Theaterschneiderei. Begonnen hat seine Karriere am Theater Augsburg, mit einer Ausbildung, die er als Bundessieger der Azubis im Damenschneider-Handwerk beendete. Es folgte die Kostümschneiderei der Staatsoper „Unter den Linden“ in Berlin. Mit dem Studium an der Deutschen Meisterschule in München wechselte er in die Welt des Modedesigns, die ihn kurze Zeit später in die Designabteilung von Wolfgang Joops »Wunderkind« führte. Als Manuel Roy Schweikart sich eine Auszeit vom hektischen Haute- Couture- Betrieb nahm, Als Manuel Roy Schweikart sich eine Auszeit vom hektischen Haute-Couture-Betrieb nahm, hat er sich zum Life- und Businesscoach, nach der Urheberphilosophie, ausbilden lassen.

Doch was führt ihn in die Kostümwerkstätten des Theaters Heilbronn?

Die Liebe zum Handwerk und auch die ganz private, holten ihn wieder ans Theater und in den Süden Deutschlands. Das familiäre Umfeld in der Theaterschneiderei reizte ihn besonders. Gemeinsam mit seinem Team setzt er die Entwürfe der Kostümbildner um. Zwischen dem Rattern der Nähmaschinen und Zischen des Dampfbügeleisens entstehen erst die Schnittkonstruktionen und anschließend die Kostüme für die Inszenierungen. Hier bestimmen nicht die Trends der Mode das Ergebnis, denn auch die Erstellung historischer Kostüme gehört zu den Fertigkeiten der Schneidermeister. Die Kreativität wird in den Kostümwerkstätten auf eine ganz andere Art herausgefordert als in der Modewelt. Während in der Modewelt das Design und die exklusiven Stoffe im Vordergrund stehen, sagt Manuel-Roy Schweikart, fordert ein Theaterkostüm eine lange Haltbarkeit, oft unter extremen Bedingungen. So müssen die Materialien der fast täglichen Reinigung standhalten. Die saubere Verarbeitung der Stoffe steht dabei an erster Stelle für den Schneidermeister. Mit seinem Team möchte Manuel-Roy Schweikart gemeinsam kreativ sein, die unterschiedlichsten Kostüme produzieren und zusammen an den immer wieder neuen Aufgaben wachsen. Lasst euch überraschen was in diesem Jahr entstehen wird. Die Ergebnisse der Arbeit unserer Schneiderei seht ihr in den Stücken und vielleicht ist auch ein Hauch Haute Couture dabei.

Sonja Isemer – Ein königlicher Gast

Von Andreas Frane

In »Richard III.« gibt es einen Moment, der Sonja Isemer besonders herausgefordert hat. Es ist die berühmte Szene im vierten Akt, in der Richard, der beide Söhne der Königin Elisabeth hat ermorden lassen, sie dahin zu manipulieren versucht, ihm als Krönung noch ihre Tochter zur Frau zu geben.

Sonja Isemer als Königin Elisabeth und Oliver Firit als Richard III.

»Wie schnell Elisabeth sich in dieser Situation wieder im Griff hat, wie sie dem Mörder ihrer Kinder klug, schnell und pointiert antwortet«, erklärt Isemer, »das hat mich sehr gereizt.« Die lebhafte, dabei stets konzentrierte Schauspielerin, die nach Engagements am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin und am neuen theater in Halle seit dieser Spielzeit frei arbeitet, kommt für Axel Vornams Inszenierung von »Richard III.« als Gast ans Theater Heilbronn und hat bereits in den ersten Vorstellungen das Publikum für sich erobert. Ihre Ausbildung hat sie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München absolviert, ihre Rollen in Inszenierungen des Regisseurs Herbert Fritsch in Schwerin (Leontine in »Der Biberpelz« und Beatrice in »Der Diener zweier Herren«) haben ihr Auszeichnungen und eine Einladung zum Berliner Theatertreffen eingebracht. Mit der Königin Elisabeth, die – so Isemer – »sich, ihre Gefühle und ihre Familie durch die Flucht nach vorne schützt«, fügt sie den großen, starken Frauen in ihrer Arbeitsbiografie eine weitere hinzu. Nach Antigone, Minna von Barnhelm und der Lady Milford. Gibt es bei Shakespeare noch andere Figuren, die sie reizen würden? »Königin Margret«, kommt die schnelle Antwort. »Und natürlich Hamlet. Am liebsten aber, glaub ich, Lady Macbeth.«

Was ist grün und steckt voller Fantasie? Unsere Greenbox!

Von Lisa Spintig

Die BUGA-Entdecker sind wieder auf Mission. Bei diesem Treffen dreht sich alles um die Fantasie, denn »GreenBox!« lautet der Titel des Tages. Eine GreenBox? Was ist denn das? Eine »Blackbox« ist etwas ganz Geheimnisvolles! Man weiß nie, was aus der Box rauskommt. Aber eine Blackbox würde ja nicht auf die BUGA passen, deshalb haben wir eine GreenBox. Das Geheimnis der GreenBox lässt sich am besten mit viel Fantasie lösen. Das wollen wir dieses Mal tun: unsere Fantasie nutzen, trainieren und einsetzen.

Wir machen uns erst mal ordentlich warm. Mit grünen Mützen hechten die Entdecker durch den Raum und versuchen, sie sich gegenseitig vom Kopf zu schnappen. Mit roten Gesichtern und etwas außer Atem werden gemeinsam Märchen erfunden. Es handelt sich um ganz spezielle Märchen, die in der Zukunft spielen. In den Märchen haben Monster Bienen in der Nase, die sie ausnießen, ein Dieb stiehlt eine Geburtstagstorte und die Gruppe sammelt, was in naher Zukunft am 17.05.2019 in Heilbronn passieren könnte: Viel Regen, die Wetterpolizei im Einsatz, Staubsauger, Roboter, wassertrinkende Menschen und Angela Merkel spielen bei dieser Zukunftsvision eine Rolle. Nach so vielen fabelhaften Ideen muss erst mal eine Stärkung her. Was gibt es Besseres, als ein Picknick zu veranstalten? Die grüne Decke wird ausgerollt und was gibt es in der grünen Kühltasche? Natürlich nur grüne Lebensmittel. Unter staunenden und leuchtenden Augen zaubert Stefan Buck einiges aus der Kühltasche: grüne Gummischlangen, Obstriegel, Gurken, Wassermelone, Chips mit Kräutern und grüne Trinkerle! Satt und fröhlich werden dann verschiedene Gegenständen aus der GreenBox gezogen und die Fantasie der Kids verwandelt einen einfachen Apfel in einen Zauber-Apfel, der Wünsche erfüllen kann, ein Stift kann Monster auf T-Shirts malen, eine kleine Decke, die einen wärmt und ein Schaumstoff-Ei, was zu einem explosiven Ei wird. Diese Gegenstände werden von den Entdeckern beworben und die Zuschauer stellen begeistert Rückfragen: Was ist das Mindesthaltbarkeitsdatum? Wie viel kostet der Spaß?
Auf die Frage, wo der Zauberapfel wächst, kommt der Einwand aus dem Publikum: »Nicht verraten, sonst wird der Zauberapfel gepflückt und ihr könnt ihn nicht mehr verkaufen.«

Beim nächsten Treffen im Juni kommen die BUGA-Entdecker wieder auf dem BUGA-Gelände zusammen und beschäftigen sich mit dem Thema »Lautsprecher«.

Die Choreonautinnen – Der erste Kontakt

Tanzkuratorin Karin Kirchhoff berichtet über das erste Zusammentreffen zweier außergewöhnlicher Choreografinnen, deren gemeinsame Arbeit zum 10. TANZ! Heilbronn Festival uraufgeführt wird.

Die erste Begegnung von Nadia Beugré und Renate Graziadei, den Choreografinnen des deutsch-afrikanischen Austauschprojektes „Die Choreonauten“ findet auf dem Fußboden in einem Seitenfoyer der Berliner Volksbühne statt. Was war passiert?

Die Bremer Kompanie steptext hatte bereits 2017 dieses Austauschprojekt initiiert und Tanz! Heilbronn war als Koproduktionspartner eingestiegen. Gemeinsam mit dem Leitungsteam von Steptext, Helge Letonja und Anke Euler, waren insgesamt sechs Choreograf*innen dazu eingeladen worden, drei aus Deutschland und drei aus verschiedenen afrikanischen Ländern, die jeweils in einem bi-nationalen Tandem zusammen arbeiten sollten. Eines dieser Tandems soll im Rahmen von Tanz! Heilbronn präsentiert werden. Doch kurz vor Weihnachten sagte die vorgesehene deutsche Tandem –Partnerin von Nadia Beugré ihre Teilnahme ab. Anke, Helge und ich entwickelten eine fieberhafte Aktivität: wer konnte einspringen, welche/r Choreograf*in konnte relativ kurzfristig für mehrere Wochen nach Abidjan reisen und hatte das künstlerische Standing, auch unter diesen nicht gerade einfachen Umständen ein gutes Stück mit ihm vorher unbekannten Tänzer*innen zu entwickeln? Renate Graziadei aus Berlin sagte zu! Und das, obwohl sie kaum Französisch und Nadia Beugré nur wenig Englisch spricht, die Verständigung also mit Übersetzern und Händen und Füßen würde erfolgen müssen.

Kurz darauf bietet sich die Gelegenheit für ein erstes Treffen: Anfang Februar 2018 tritt Nadia Beugré als Tänzerin in einem Stück von Boris Charmatz in der Volksbühne in Berlin auf. Anke Euler kommt aus Bremen angereist und nach der Vorstellung wollen wir uns treffen.
Im Hauptfoyer läuft das Publikumsgespräch, da wollen wir nicht stören, und so landen wir schließlich in einem Seitenfoyer ohne jede Sitzgelegenheit im Kreis auf dem Fußboden. Nadias Stimme ist noch ganz heiser, weil die Tänzer*innen in Boris’ Stück aus Leibeskräften schreien, aber davon lässt sie sich nicht aufhalten, und beginnt, vom Thema ihres Choreonauten-Stücks zu sprechen: die Bildungsmisere in ihrem Heimatland Elfenbeinküste, der unzureichende Zustand der staatlichen Schulen, die teuren aber besseren Privatschulen, die sich nur die Wohlhabenden leisten können. Proteste der Jugendlichen für ein besseres Bildungssystem werden regelmäßig unterdrückt, Aggression und Perspektivlosigkeit sind die Folgen.
Man merkt, das Thema brennt ihr auf den Nägeln. Sie hat selber einen Teenager-Sohn, aber es geht ihr hier um mehr, um das Versagen des Bildungsministeriums, um eine bessere Zukunft für ihr Land. Anke übersetzt, Renate fragt nach, sie kommen ins Gespräch.
Etwas später sitzen wir in einem Lokal, Nadia schmiert ihre immer noch lädierten Stimmbänder mit einem heißen Kakao und erzählt von ihrem Plan, ein Studio, einen Produktionsort in Abidjan zu errichten. Es soll ein Freiraum sein für Kreativität, für Tanz, der sich mit Inhalten befasst, der Einfluss nimmt auf das, was in der Welt passiert. Renate nickt. Ich erinnere mich, wie Renate Graziadei vor vielen Jahren zusammen mit ihrem Partner Arthur Stäldi ihr Tanzstudio begonnen hat, quasi aus dem Nichts, in einer Berliner Hinterhofremise, wo die beiden eigenhändig den Tanzboden gezimmert haben. Und wie jetzt die ständig steigenden Mieten in der Stadt diesen von vielen Tanzschaffenden genutzten Ort bedrohen. Und plötzlich scheint mir die Distanz zwischen Abidjan und Berlin gar nicht mehr so groß.

Die beiden verständigen sich noch über den Umgang mit der Musik und die Besorgung der Kostüme. Am Ende des Abends  schauen sie sich in die Augen und sagen: „Das wird eine gute Zusammenarbeit.“ Hurra!