Wie aus Heilbronner Lebensgeschichten Theater wird

»Man braucht gar nicht vor ein Publikum zu treten, wenn man nicht bereit ist, etwas von seiner Lebenserfahrung, seinen Gefühlen, seinen Meinungen und seiner Fantasie Preis zu geben.« Ivan

Eine Szene aus den Proben.

Im Generationenclub treffen Welten aufeinander, jung, alt, Ost, West, verwurzelt, zugezogen, Nord, Süd, nah und fern. Alle Spieler bringen ihre Lebensgeschichten und -erfahrungen mit, aus denen ein eigenes Stück entsteht.

In diesem Jahr ist die Stückentwicklung »Das Gewebe der Gegenwart braucht rote Fäden« entstanden. Orientiert am Spielzeitmotto SINNSUCHER_NoLimits haben sich die Spieler auf die Suche gemacht nach dem, was dem Leben einen Sinn gibt. Geschichten, Erfahrungen, Lebensfäden werden immer wieder verknüpft, beschreibt Andrea die Entstehung des Stückes.

Ob es Geschichten aus ihrer Kindheit in einer anderen fernen Heimat sind, Geschichten vom Ankommen, Geschichten vom Altsein, vom Jungsein. Manche Geschichten erzählen über Krieg, der sich vor über siebzig in das Leben der Menschen einschrieb, als die Erzählenden noch Kinder waren. Jetzt wird er mit den Erfahrungen junger Menschen von heute in Verbindung gebracht. Parallelen zu den Erzählungen Geflüchteter, die heute in Deutschland Schutz suchen, werden offenbar. So laufen hier jeden Mittwoch Geschichten aus vielen Ländern und Kulturen, unterschiedlicher Generationen zusammen und werden im Spiel verwoben. 

Aus den Proben.

Egal ob die Spieler seit der ersten Stunde des Generationenclubs vor sechs Jahren wie Ivan, Bruni, Beate,  Edi, Andrea und Barbara dabei oder erst in den letzten Monaten hinzugekommen sind wie Stefan, Sebastian, Alara und Sam, sie alle finden im wöchentlichen Training zueinander. In der Arbeit – mit Clubleiterin Evelyn Döbler – am eigenen Stück lernen sie alle viel über sich und die anderen und erfahren, wie aus einer willkürlichen Gruppe eine Gemeinschaft wachsen kann. Dank des Clubs, sagt Andrea, habe sie gelernt, zu sehen welches Potential in ihr selbst und auch den anderen schlummert.

Es ist die Freude, die Gemeinschaft, das gemeinsame Nachdenken, das Spielen, das Lachen, die Verbindung mit den anderen, das voneinander Lernen, was die Clubber antreibt, sich jeden Mittwoch zu treffen. Es ist das Zuhören, das Gehörtwerden, das ihnen Kraft, Hoffnung, Stärke gibt einen Platz zu finden, im Club, in der Gruppe, aber auch den eigenen Platz in der Gesellschaft besser auszuloten.  Das alles übertragen sie in ihre Stücke.

Wie Achtsam bin ich gegenüber anderen? Wie gehen wir miteinander um? Wo ist mein Platz in dieser Gesellschaft? Was können wir voneinander lernen? Was verbindet uns? Was trennt uns? Was gibt uns Halt? Wonach suchen wir im Leben? Das sind die Fragen denen sie sich gestellt haben. Jede Woche treten sie miteinander neu in Kontakt. Begegnen sich freundschaftlich mit Vertrauen, Verständnis und ihren Texten, die sie im Spiel zusammenbringen. Beharrlich und mit großem Einfühlungsvermögen für jeden einzelnen treibt Clubleiterin Evelyn Döbler die Gruppe voran. Mit Disziplin, Kraft und Kreativität suchen sie nach dem Verbindenden im Club und in der Gesellschaft. So wird der Club für sie zu einem Ort des Ankommens, der Erdung, der Einbettung im Hier und Jetzt, in Heilbronn. Ihr Stück ist der Wunsch, etwas davon hinauszutragen, von diesem Gefühl der Gemeinschaft und den Geschichten, die in ihr entstehen können.

»Das Gewebe der Gegenwart hat rote Fäden« seht Ihr am 12. Oktober um 18.00 Uhr und am 13. Oktober um 15.00 Uhr in der BOXX.

Der Generationenclub

Jeden Mittwoch trifft sich in der Theaterwerkstatt der Generationenclub. Eine bunte Mischung verschiedenster Menschen, von Jung bis Alt, mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Erfahrungen. Im Generationenclub suchen sie den Austausch im Zusammenspiel. Gemeinsam über ein Jahr hinweg erschaffen sie eine Geschichte. Dabei werden sie von Evelyn Döbler angeleitet. Sie unterstützt, fördert und fordert ihre Clubber. Das Motto der jeweiligen Spielzeit setzt den Rahmen für das Stück, mit dem die Spieler jedes Jahr im Oktober auf die Bühne gehen. In diesem Jahr ist es »#SINNSUCHER_NoLimits«, das den Clubbern als Inspiration dient.

Der Generationenclub folgt dem Roten Faden.

Andrea, Edi, Ivan, Beate, Heide, Barbara und Bruni bilden den beständigen Kern der Gruppe, sie sind schon seit der Gründung des Generationenclubs vor sieben Jahren dabei. Alara, Alicia, Amelie, Stefan und Sebastian sind vor ein paar Jahren dazugekommen. Sam ist erst seit einem halben Jahr dabei. Keiner von ihnen ist Schauspieler oder Autor. Das was sie erzählen, sind Bruchstücke des Lebens, ihres Lebens. In den Proben werden sie mit den Texten der anderen zu einem gemeinsamen Stück verwoben.
Meist beginnen die Proben mit einem kurzen Austausch und dem gemeinsamen Lesen von Texten. Wenn Neue in den Theaterclub hinzugekommen sind, steht das Kennenlernen und Zuhören im Fokus. Jeder aus der Gruppe bringt seine Biografie mit – die eine kürzer, die andere länger, manche wechselvoller. Sie alle haben etwas zu erzählen, doch nicht alle in der gleichen Sprache, denn sie kommen aus Tschechien, Rumänien, Russland und dem Iran.

Wie schafft man ein Verstehen, das Erzählen einer gemeinsamen Geschichte, wenn die Sprache nicht vereint, manchmal unverständlich bleibt? Die Clubber begeben sich auf die Suche nach dem Sinn, dem roten Faden, der alle verbindet. Dabei spielen für die Clubber alle unsere Sinne eine Rolle. Alicia, bringt es auf den Punkt, als sie während der Proben feststellt, dass es nicht immer viele Worte braucht, um etwas zu erzählen.

In den Proben.

So machen sich die Clubber auf die Suche nach den roten Fäden die sie, die uns miteinander verbinden. Was sind die Elemente und Punkte, die Verbindungen schaffen? Gemeinsam knüpfen sie ein Netz aus ihren Geschichten. Suchen im Rhythmus des anderen nach dem eigenen, in der Begegnung nach dem einander Erkennen, in der Berührung nach dem sich Kennenlernen. So rückt im Zusammentreffen von Jung und Alt die Zeit in den Mittelpunkt der Geschichte. Vom Tick, Tack des Verstreichens der Zeit das Alara, die Jüngste der Gruppe, in die Geschichte einbringt, blickt die nächste Spielerin zurück in ihre Jugend, die in einer anderen Zeit, einer anderen Welt stattfand. In einer Zeit in der Krieg, Flucht und Vertreibung Europa bestimmten. Erfahrungen, die Menschen heute wieder machen, die Hilfe und Sicherheit in Europa suchen. Sind das nicht auch Erlebnisse, die Menschen verbinden? Die auch eine Gesellschaft mit einander verbindet? Können die Menschenrechte der rote Faden Europas sein? Das sind die Fragen, die während der Proben im Raum stehen. Ob sie von der Gruppe beantwortet werden, bleibt offen.

Wie sie in das Stück »Das Gewebe der Gegenwart braucht rote Fäden« eingeflochten werden, seht Ihr am 12. Oktober um 18.00 Uhr in der BOXX.

CRASH BOOM BOXX

Das 8. Theaterfestival der Heilbronner Kooperationsschulen

Vom 8. -11. Juli 2019 stand das Komödienhaus vier Tage lang im Zeichen der Theater-AGs und  Theater- und Literaturkurse der Kooperationsschulen, denn es hieß zu 8. Mal: Vorhang auf für die CRASH BOOM BOXX – das Theaterfestival der Kooperationsschulen! Das letzte Schuljahr haben die Schülerinnen und Schüler ausgewählter Kurse und AGs eigene Stücke, Szenen und Figuren entwickelt, inspiriert von dem Spielzeitmotto »#SINNSUCHER_NoLimits«. Mit ihren Lehrerinnen und Lehrern sind sie über Monate hinweg auf Sinnsuche gegangen, haben gemeinsam an den Stoffen getüftelt, sich dem Thema über verschiedene Übungen genähert, Ideen verfolgt, improvisiert, Texte verfasst, verworfen und überarbeitet, bis am Schluss die Theaterstücke entstanden sind, die während des Festivals in Ausschnitten im Komödienhaus zu sehen waren. 

Im Foyer des Komödienhauses.

Die große Präsentation des eigenen Theaterstücks auf der Bühne des Komödienhauses mit professioneller Theatertechnik, Licht, Ton und natürlich auch vor einem vollen Theatersaal war das Highlight für alle Gruppen. Schon ein paar Wochen vor dem Festival waren die Theaterpädagoginnen Lisa Spintig, die das Festival leitete, und Natascha Mundt in den Kursen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Sie unterstützten die Kurse bei der Stückarbeit und gaben ihnen hilfreiche Tipps für die Aufführung.

In den Proben in der Christiane-Herzog-Schule.

Für die technische Einrichtung der Bühne, das passende Licht und den richtigen Ton, mussten die Gruppen die technischen Anforderungen für ihr Stück zusammenstellen und einreichen. Dafür mussten sich die Gruppen überlegen, wie welche Lichtstimmung wird und wann sie gefahren werden soll, welche Requisiten  benötigt werden oder ob sie diese  mitbringen, als auch ob es Toneinspielungen geben soll. Alle technischen Details mussten erarbeitet und bei der Festivalleitung eingereicht  werden. Dazu waren einzelne Vertreterinnen und Vertreter im Juni 2019 im Komödienhaus, um die Bühne und Technik kennenzulernen.

Die technische Einrichtung auf der Bühne läuft.

In den ersten beiden Festivaltagen hieß es dann für alle auftretenden Gruppen „technische Einrichtung“ im Theater. Das bedeutet, dass mit den Mitarbeitern von Bühne, Licht und Ton und der Inspizientin Natascha Mundt die Stücke der Schülerinnen und Schüler für die Bühne eingerichtet wurden. Licht und Toneinstellungen wurden getestet und abgespeichert, Stichworte festgelegt und ein kompletter Ablauf des Stückes geprobt, damit zur Aufführung alles sitzt. Gerade diese Erfahrungen machen zu können, wie viel Arbeit im Vorfeld hinter einer professionellen Aufführung steckt, haben die Schülerinnen und Schüler der Christiane-Herzog-Schule sehr beeindruckt, wie sie in einem Gespräch zum Abschluss des Festivals sagten. Sie betonten neue Einblicke gewonnen zu haben und nun anders auf Inszenierungen zu blicken. Neben einem Eindruck welche technische Arbeit dahinter steckt, haben sie auch ein anderes Gefühl für Timing, Bewegung, Gestik und Mimik bekommen, sagten die Schülerinnen und Schüler resümierend über das Festival. Natürlich waren für alle Schülerinnen und Schüler auch Lampenfieber, Aufregung, Vorfreude und große Spiellust dabei.

In den Kennenlern-Workshops gibt es keine Berührungsängste.

In Kennenlern-Workshops trafen die Spielerinnen und Spieler der vier Gruppen aufeinander und konnten sich mit verschiedenen Methoden des Theaterspiels und der Improvisation im gemeinsamen Spiel kennenlernen und ausprobieren, bevor es am Nachmittag auf die große Bühne ging. Auf der Bühne kamen vier verschieden Stücke, die sich mit dem Spielzeitmotto »#SINNSUCHER_NoLimits« auseinandersetzten, zur Premiere. Den Anfang machte die Theater-AG des Justinus-Kerner-Gymnasiums Heilbronn mit dem Stück »36.000 Sekunden« in dem sie der Frage: Was würdest Du tun, wenn in 10 Stunden die Welt unterginge?, nachgingen. Anschließend zeigte der Kurs Literatur und Theater des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums mit »Alles anders« eine Szenen-Collage zu der Frage was wäre, wenn eine einzige Sekunde dein ganzes Leben verändert?
Die Schülerinnen und Schüler des Kurses Literatur und Theater der Gustav-von-Schmoller-Schule schufen mit ihrem Stück »Mensch ist Mensch« eine Geschichte, die sich mit den kulturellen und religiösen Unterschieden in unserer Gesellschaft befasst und wie diese überwunden werden könnten. Den Abschluss der Aufführungen bildete der Auszug des Stücks »Grenzenlos sinnlos« des Kurses Literatur und Theater der Christiane-Herzog-Schule, in dem sich ein junger Mensch, der den Sinn in seinem Leben verloren hat, auf die Suche macht, diesen wiederzufinden.

On Stage: Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium.

Ein Nachmittag mit vier beeindruckenden Stücken, in denen die Schülerinnen und Schüler gemeinsam auf eine Sinnsuche gegangen sind. Der krönende Abschluss monatelanger Arbeit wurde vom Publikum mit großem Applaus belohnt.

Aus dem Auftritt der Gustav-von-Schmoller-Schule.

Nach diesem Highlight standen am letzten Festivaltag die Themenworkshops inklusive einer Abschlusspräsentation an, die das Festivalprogramm abrundeten. In fünf verschiedenen Workshops konnten die Schülerinnen und Schüler, unterrichtet von Profis, neue Techniken kennenlernen und erproben.

Hannes Rittig führt die Teilnehmenden des Workshops in die Techniken des Bühnenkampf ein.

Viel Körpereinsatz war im Tanzworkshop von Tänzerin Anja Bräutigam und im Bühnenkampfworkshop von Schauspieler Hannes Rittig gefragt. Bühnenpräsenz, Körperbeherrschung, konkrete und präzise Bewegungen, die das darstellende Spiel unterstützen, standen hier im Fokus. In den beiden Workshops wurden gemeinsame Choreografien erarbeitet, die in der Abschlusspräsentation am Nachmittag auf der Bühne des Komödienhauses aufgeführt wurden. Auch in den Workshops der Theaterpädagogik erlernten die Schülerinnen und Schüler neue Methoden aus der Theaterarbeit und der Improvisation, um mit theatralen Mitteln eine kleine Szenencollagen zu erarbeiten. In Form eines kurzen Märchens oder eines konfliktbeladenen Stücks kamen auch diese am Nachmittag zur Aufführung. Die Teilnehmer des fünften Workshops schufen mit einfachen Mitteln ein selbstgebautes  Kostüm, inspiriert von der Zeit des Bauhauses, und so entstand eine Hommage an die Moderne Kunst.

In vier Tagen haben sich die Schülerinnen und Schüler und auch die Lehrerinnen der Gruppen neue Techniken angeeignet und gemeinsam etwas Neues geschaffen. Stolz und mit jeder Menge an neuen Erfahrungen und Wissen haben sie die Bühne des Komödienhauses verlassen. Wir wünschen allen das Beste für ihre Lebenswege und wer weiß, ob nicht doch die eine oder der anderen wieder ins Theater zurückkommen wird.

Ein beeindruckendes Festival geht zu Ende.

Zum ersten Mal auf der großen Bühne

Die Statistinnen von »Hexenjagd« erzählen über ihre Erfahrungen.

Die Statistinnen mit Stella Goritzki und Stefan Eichberg. Foto: Jochen Quast

Anfang Januar 2019 sind 27 junge Mädchen und Frauen im Alter von 13 bis 24 Jahren dem Aufruf des Theaters gefolgt, um an dem Statistinnen-Casting für die Inszenierung von Arthur Millers »Hexenjagd« teilzunehmen. Regisseurin Uta Koschel und Dramaturgin Sophie Püschel suchten für die Inszenierung eine Gruppe junger Mädchen, die die Schauspielerinnen Stella Goritzki und Ipek Özgen bei verschiedenen Szenen als »Mädchen aus Salem« unterstützen.

Wir haben einige der Statistinnen über ihre Motivation, sich für das Casting zu bewerben, befragt:

Anna Lena Knecht: »Theaterspielen macht mir extrem viel Spaß. Ein paar aus dem Kolpingtheater und mein Vater haben mich auf einen Artikel der Heilbronner Stimme aufmerksam gemacht, in dem stand, dass Statistinnen gesucht werden. Daraufhin habe ich mich für das Casting angemeldet.«

Lilly Eichberg: »Ich war wahnsinnig interessiert, wie die Entwicklung von der ersten Probe, bis hin zum komplett fertigen Stück abläuft. Ich wollte wissen, wie es ist ein Teil des Ganzen zu sein.«

Anna Laukhuf: »Ich liebe Theater und mich reizte die Vorstellung, eine andere Perspektive und Rolle einzunehmen und mich aktiv am Schauspielgeschehen zu beteiligen, anstatt die Position der Zuschauerin zu bekleiden. Außerdem fand ich es verlockend, so Einblicke in die Prozesse hinter der Bühne zu bekommen und ein Stück von der Idee bis hin zur fertigen Inszenierung zu begleiten.«

Die Mädchen aus Salem spielen in »Hexenjagd« eine entscheidende Rolle, denn ihr Vergehen: nachts im Wald zu tanzen, setzt die Ereignisse in dem kleinen Ort in Gang. In der streng puritanischen Gemeinde Salem sind solch weltliche Vergnügen wie Tanzen oder das Lesen von Büchern strengstens verboten. Als die Mädchen beim Tanzen entdeckt werden, brechen einige von ihnen ohnmächtig zusammen, aus Angst vor der ihnen drohenden Strafe. Unter ihnen ist auch die Tochter des Pfarrers Parris, als sie nicht mehr aus ihrer Ohnmacht erwachen will, keimt schnell das Gerücht von Hexerei auf. Auf der Suche nach Schuldigen werden die Mädchen ins Verhör genommen und unter Druck gesetzt, zu gestehen bzw. der Hexerei Schuldige zu benennen. Von nun an greifen Denunziationen und Misstrauen um sich. Die Bezichtigung, ein Werkzeug des Teufels zu sein, eignet sich bestens, um unliebsame Gegner aus dem Weg zu räumen. So wird Salem im Zuge der Hexenprozesse in eine Art Massenhysterie aus Lügen, Angst und Machtmissbrauch versetzt.

Szenenfoto aus »Hexenjagd« Foto: Jochen Quast.

Aus dem Casting sind zwei Gruppen von je fünf Statistinnen hervorgegangen. Die meisten brachten bereits erste Erfahrungen aus Theater-AGs und -clubs oder früheren Statistinnenrollen mit.

Doch der professionelle Theaterbetrieb hielt für sie neue Eindrücke und einige Überraschungen bereit.

Anna Laukhuf: »Vor allem ist mir aufgefallen, wie leidenschaftlich die Schauspieler oder auch andere Mitarbeiter ihre Arbeit ausüben. Man spürt eine Atmosphäre, die davon geprägt ist, dass jeder seine Arbeit als Berufung und nicht bloß als Job ansieht.«

Christiane Staudacher berichtete: »Überrascht haben mich die vielen und unterschiedlichen Abteilungen, die ein so großes Haus besitzt und den für eine Produktion notwendig sind. Angefangen bei den Kostümen, die alle selbst genäht werden, hin zum Bühnenbild, das exklusiv für jede einzelne Produktion angefertigt wird, bis zur Gesamtorganisation einer solch großen Produktion, vor und hinter der Bühne.«

Einen neuen Blick, was eine Inszenierung alles umfasst, gewann auch Leonie Decker:
»Überrascht hat mich, wieviel Wert auf jedes Detail in Make-up, Bühnenbild und Text gelegt wurde. Unsere Kostüme wurden alle maßgeschneidert und es galt zu unserem Leid striktes BH-Verbot, nur um auch wirklich den Eindruck der Zeit einzufangen, welcher von der Regisseurin gewünscht wurde. Als Zuschauer hatte ich nie bemerkt, wie viele Ideen von verschiedenen Seiten in ein einzelnes Stück fließen, um dieses komplett werden zu lassen. Darauf werde ich zukünftig, wenn ich ins Theater gehe, mehr achten.«

Im März begann für die Schauspielerinnen und Schauspieler die sechswöchige Probenzeit und natürlich auch für die Statistinnen. Für die Mädchen war es eine bereichernde und zusammenschweißende Zeit.

Szenenfoto »Hexenjagd«; Foto: Steffen Nödl

Matilda Martinez über die Proben: »Es gab so viele kleine Momente, Momente mit den anderen Statistinnen, den Schauspielern: Es waren alle so offen und nett, die Atmosphäre war einfach jedes Mal so unbeschreiblich.«

Leonie Decker verriet uns: »Wir als Statistinnengruppe untereinander hatten Backstage wahnsinnig viel Spaß und ich habe jede einzelne meiner Mitstatistinnen als Freundin lieb gewonnen. Zudem wurde durch die Regisseurin und die anderen Darsteller auf der Bühne eine Atmosphäre kreiert, welche mich motiviert hat auf der Bühne mein Bestes zu geben. Im Kopf geblieben ist mir, als wir das erste Mal unsere „Vogelszene“ probten, welche sehr intensiv war. Es hat uns einiges an Mimik und Stimme abverlangt, aberda alle hochmotiviert mitmachten, in mir auch ein Hochgefühl ausgelöst. Somit würde ich das als „schönsten Probenmoment“ bezeichnen.«

Hinter den Kulissen. Foto: Steffen Nödl

Am 4. Mai 2019 ging es dann für das Ensemble und die erste Gruppe der Mädchen aus Salem auf die Bühne des Großen Hauses. Seitdem spielen abwechselnd die beiden Gruppen in den Vorstellungen.

Szenenfoto »Hexenjagd«; Foto: Jochen Quast

Für Anna Laukhuf war gerade der Abend der Premiere ganz besonders: »Mein schönster Moment waren die letzten gemeinsamen Erlebnisse hinter der Bühne vor der Premiere. Fast jeder hat dem anderen ein kleines Glücks-Präsent überreicht, was mich sehr gerührt hat. Alle Geschenke enthielten auch – direkt oder indirekt – eine Botschaft, die mit dem Stück zu tun hatte. Mich hat begeistert, wie viel Gedanken sich alle darüber gemacht haben und wie viel Wertschätzung auch uns als Statistinnen entgegengebracht wurde.«

Wie viel Arbeit und Disziplin hinter den Proben und den Vorstellungen steckt, hat Lilly Eichberg beeindruckt: »Auf den Proben oder in den Pausen während Vorstellungen wird manchmal rumgealbert. Trotzdem müssen dann alle zum richtigen Zeitpunkt wieder konzentriert sein und ihre Arbeit machen, wenn es weiter geht. Das war eine gute Erkenntnis.«

Ob sich die Erwartungen, mit denen sich die Mädchen beim Casting beworben haben, in Erfüllung gingen wollten wir natürlich auch von ihnen wissen.

Hinter den Kulissen. Foto: Steffen Nödl

Anna Lena Knecht: »Ich hatte keine konkreten Erwartungen, sondern viel mehr die Hoffnung, dass auch wir Statistinnen gut in die Schauspielgruppe integriert werden. Dies hat sich definitiv erfüllt.«

Leonie Decker: »Ich hatte die Erwartungshaltung als Statisten wäre man »nur« eine Hintergrundfigur und würde auch dementsprechend behandelt. Jedoch die freundliche und auch unterstützende Art, welche die anderen Darsteller und Mitarbeiter gegenüber uns Statistinnen hatten, hat dafür gesorgt, dass ich mich sofort wertgeschätzt gefühlt habe.« 

Matilda Martinez: »Um ehrlich zu sein, wusste ich gar nicht, was auf mich zukommen würde und ich habe viel mehr daran gedacht, das Casting aus Spaß zu machen. Mittlerweile bin ich mehr als froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte.

Und wie fühlt es sich an, auf der Bühne im Großen Haus zu stehen?

Szenenfoto »Hexenjagd«, Foto Steffen Nödl

Matilda Martinez: »Es ist unbeschreiblich, auf der großen Bühne stehen zu dürfen. Mit den »Großen« zu spielen, zu sehen, wie sie die Charaktere verkörpern, von ihnen zu lernen … . Man kann dieses Gefühl nicht beschreiben, es ist einfach ein pures Glücksgefühl, das so viele verschiedene Emotionen freisetzt.«

Lilly Eichberg: »Es macht total viel Spaß! Während der Vorstellung ist man auf der Bühne meistens sehr konzentriert. Man vergisst fast, dass man auf der Bühne im Großen Haus steht und einem so viele  Leute zusehen. Ich realisiere das meist erst, wenn ich wieder von der Bühne runter bin.«

Christiane Staudacher: »Auf einer Bühne zu stehen, ist für mich ein unbeschreibliches Erlebnis. Ich fühle mich dort einfach wohl. Ein Traum ist für mich in Erfüllung gegangen.«

Für alle war es eine aufregende und besondere Zeit. Auf die Frage ob sie es noch mal machen würden, haben alle sofort mit JA! geantwortet.

Szenenfoto »Hexenjagd«, Foto: Jochen Quast

Leonie Kurz: »Auf jeden Fall würde ich es nochmal machen! Es macht einfach unglaublich viel Spaß, und kein Abend ist wie der andere!«

Christiane Staudacher: »Meine Erfahrungen am Theater Heilbronn möchte ich auf keinen Fall missen, und wer weiß, was die Zukunft für mich vorhat?«

Lilly Eichberg: »Auf jeden Fall! Es hat sehr viel Spaß gemacht, und ich habe viele neue Erfahrungen gesammelt.«

Matilda Martinez: »Ich würde es jederzeit wieder tun. Das Casting, die Proben, die Vorstellungen würde ich nicht mehr missen wollen.«

Leonie Decker: » Die Erfahrung am Theater hat mich viele Dinge gelehrt und in meinem Leben weitergebracht, des Weiteren hat es Spaß gemacht und mich mit neuen Menschen zusammengeführt.  Meine Antwort lautet: 100% Ja!«

Wir danken allen Statistinnen von »Hexenjagd« für ihre Unterstützung und Spielfreude. Wer sie noch mal auf der Bühne erleben möchte hat noch am 6., 12. & 14. Juli die Gelegenheit.

Kleidungsstück für Intellektuelle

Der Schwarze Rollkragenpullover lenkt den Blick auf das Wesentliche – den Kopf

Schwarzer Rollkragenpullover, schwarze Hose, so sind Harry Haller, sein Alter Ego Hermine und die Unsterblichen, in »Der Steppenwolf« in der Inszenierung zu sehen.
Harry Haller ist ein familienloser, heimatloser, hochsensibler Intellektueller von annähernd 50 Jahren, dem alles Bürgerliche zuwider ist. In seinem Erscheinungsbild erkennen wir den Intellektuellen, den Künstler sofort, unterstrichen durch die Kleidung, die er trägt.

»Der Steppenwolf« – Stefan Eichberg, Foto: Candy Welz

Was steckt dahinter, woher kommt dieses Bild, das wir der Figur Harry Haller zuschreiben?

Mit dem Leiter unserer Kostümabteilung blicken wir auf die Tradition, die dahinter steht, wenn wir uns entscheiden, Schwarz zu tragen.

Wer sich für Schwarz entscheidet, tut das heute oft aus ganz praktischen Gründen, sagt Manuel-Roy Schweikart. Denn Fragen wie: welche Farben kombiniere ich heute miteinander, ist die Farbe meiner Kleidung dem Anlass angemessen, stellen sich nicht. Schwarz passt immer. Schwarz war in der Bekleidung lange eine Farbe des Wohlstands. Sie wurde nur zu besonderen Anlässen getragen, erläutert Manuel-Roy Schweikart. Die Herstellung schwarzer Kleidung war ein teurer, aufwendiger Prozess. Ein tiefes Schwarz konnte nur durch mehrere Färbeprozesse erzeugt werden, nur Purpurstoffe waren teurer.

Die Verbindung der schwarzen Kleidung mit dem vergeistigten Menschen, hat ihren Ursprung in der spanischen Hofmode des 16. Jahrhunderts. In den schwarzen Roben mit ihren stark stilisierenden Formen verschwindet alles Körperliche und der Kopf des Trägers wird zum Zentrum, erklärt Manuel-Roy Schweikart. Dagegen kommt die anschließende Renaissancemode fast freizügig daher. Die tellerförmige Halskrause rückte nicht nur den Kopf als Sitz des Geistigen in den Fokus. Die sonst ausschließlich Schwarze Kleidung nivellierte das Körperliche bis zur Unsichtbarkeit. Bis heute stehen die Roben von Geistlichen und Juristen in dieser Tradition.

Zum Glück entwickelte sich auch das Tragen schwarzer Kleidung weiter. Der berühmte Sonntagsanzug, das Sonntagskleid blieben lange hochwertig, hochgeschlossen und zeitlos, denn oft waren dies die besten Kleidungsstücke, die zu jedem Anlass tragbar sein sollten. Oft wurden sie in den Familien weitergegeben oder vererbt.  
In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts jedoch wird der schwarze Rollkragenpullover zu einem Statement der Intellektuellen und Künstler, um sich vom Establishment abzugrenzen. Denn Hemd und Krawatte gehörten zum offiziellen Dresscode. Mit dem Rollkragenpullover lenken sie den Blick wieder auf den Kopf.

Dies alles schwingt in dem Bild des Harry Hallers mit, wenn wir ihn auf der Bühne sehen und vor allem seinen Kopf wahrnehmen. Der hochgeschlossene schwarze Pullover und die schwarze Hose lassen die Figur vor dem schwarzen Hintergrund der Bühne zurücktreten. Der Intellektuelle wird für uns in diesem Kostüm deutlich erkennbar. Dass dahinter jedoch ein antiquiertes Modephänomen des 16. Jahrhunderts steht, dem das Streben nach Züchtigkeit und Unschuld zu Grunde liegt, dürfte dem »Steppenwolf« ebenso zuwider sein wie die bürgerliche Gesellschaft. 

Frank Lienert-Mondanelli, Sven-Marcel Voss, Gabriel Kemmether, Stefan Eichberg, Sabine Unger, Malin Kemper, Foto: Candy Welz


Die Chose mit der Hose

Die Kostüme der »Affäre Rue de Lourcine« forderten den Einfallsreichtum unseres Herrenschneidermeisters Tilo Voss heraus. Denn die Kleidung der beiden ehemaligen Internatsabsolventen Lenglumé und Mistingue sollte nicht nur die glorreichen Zeiten des Slapsticks aus der Stummfilmzeit erinnern, sondern muss auch auf der Theaterbühne für Einiges herhalten.

»Die Affäre Rue de Lourcine« (v.l.n.r. Marek Egert, Nils Brück und Hannes Rittig)

Die Schnittmuster für die historischen Hosen im Buster-Keaton- / Charlie-Chaplin-Stil waren schnell entwickelt, doch wie sollten die Zusatzfunktionen in der Hose des Lenglumé untergebracht werden, ohne dass die Hose völlig aus der Form geriet?

In dieser Hose verschwinden nicht nur jede Menge Requisiten, sondern auch der Hausherr selbst. Das stellte den Schneidermeister vor die Herausforderung eine überproportionale Hose zu entwerfen, die jedoch zunächst möglichst normal aussieht. Bereits die historischen Hosen der Stummfilmhelden, die als Vorbild dienten, sind zu groß für ihre Träger. Die Proportionen weichen vom klassischen Hosenschnitt ab.

Wie lässt sich das noch steigern, so dass der Schauspieler Nils Brück nahezu komplett verschwinden kann?

Nils Brück bei der Anprobe

In mehreren Schritten haben Schneidermeister und Schauspieler sich an die endgültige Ausgestaltung der Hose herangetastet, bis alles saß. Vom tieferen Schnitt über die Einarbeitung eines Stretchkeils aus dehnbarem Stoff, eingelegte Falten in die Seitennäthe und die Verlängerung der Hose am Bund wurde sie immer wieder überarbeitet. Die Stoffmengen mussten so gut eingearbeitet werden, dass sie den Proportionen der Hose des zweiten Hauptdarstellers Hannes Rittig ähnlich blieben. Die Zusatzfunktionen wie die sieben Taschen, in denen ganze Wasserflaschen verschwinden, sollen natürlich nicht vorab erkennbar sein.  Die Bewährung fand die Hose dabei im Praxistest während der Proben: Ob jetzt einer oder mehrere Druckknöpfe oder Magneten die zusätzlichen Stoffe verschwinden lassen, testet Nils Brück immer wieder im Spiel, bis es optimal passte.

So wurde der Prototyp dieser ungewöhnlichen Hose in enger Zusammenarbeit von Schneiderei und Schauspieler weiterentwickelt, bis daraus das fertige Kostüm der Inszenierung entstand.  

Das Ergebnis könnt Ihr noch zwei Mal in der »Affäre Rue de Lourcine« bewundern. Und achtet genau drauf, was alles in der Hose verschwindet oder aus ihr heraus zum Vorschein kommt, um die Erinnerungslücken der durchzechten Nacht der beiden Zechbrüder zu füllen.

»Die Affäre Rue de Lourcine« läuft nur noch am 25. und 26. April 2019 im Komödienhaus des Theaters Heilbronn.

Meine musikalischen Gedanken

Ein Beitrag von Claire Winkelhöfer

»Musik ist die Sprache der Leidenschaft«. Dies pflegte Richard Wagner zu sagen und ich als leidenschaftliche Musikerin, schließe mich dieser Aussage voll und ganz an. Ich bin Claire Winkelhöfer und gehe in die zehnte Klasse des Landesgymnasiums für Musik in Wernigerode. Während meiner Zeit als Praktikantin in der Theaterpädagogik des Theaters Heilbronn wurde mir die Aufgabe zuteil, eine eigene musikalische Interpretation, inspiriert von der Erzählung »Der goldne Topf« von E.T.A. Hoffmann, zu erarbeiten.

Claire Winkelhöfer auf der Probebühne

Während des Lesens von »Der goldne Topf«, entstand in meinem Kopf, wie das häufig bei Musikern der Fall ist, bereits die ein oder andere Idee für eine musikalische Umsetzung. Ich habe die Eigenschaft, gleich sehr groß und meist in einem Orchestersatz zu denken. Zudem bin ich, als begeisterte Wagnerianerin, ein großer Fan der Leitmotivtechnik. Ein Leitmotiv ist ein häufig wiederkehrendes, in dem Fall musikalisches Motiv, welches bestimmten Personen, Gegenständen, Ereignissen, Stimmungen usw. zugeordnet ist und diese charakterisiert. Mein Faible für diese Technik wirkt sich demzufolge auch auf mein künstlerisches Schaffen aus. Besonders faszinierend daran finde ich diesen bestimmten Wiedererkennungswert innerhalb eines Werkes. Ich empfinde es als sehr spannend, wenn ich durch das Erklingen eines Leitmotivs bereits eine Vorahnung bekomme, welche Person wohl gleich wieder auftauchen wird, womöglich sogar schon da und nur nicht zu sehen ist, oder genau weiß, von welchem Gegenstand oder Ereignis die Rede ist, ohne dass explizit davon gesprochen wurde. Ich dachte mir, die beiden unterschiedlichen Welten, die es in »Der goldne Topf« gibt, müssten durch verschiedene Leitmotive geprägt und zum Ausdruck gebracht werden. Für die mystische Welt stellte ich mir Instrumente vor, die gemeinsam sphärische Klänge produzieren können. Im Allgemeinen dachte ich an Flöten, eine Harfe und hohe Streicher. Allerdings fände ich Hörner als Melodieinstrumente sehr ansprechend. Wenn man kein ganzes großes Orchester zur Hand hat, dann reicht auch ein Klavier in hoher Lage mit viel rechtem Pedal, um die verschiedenen Melodieteile ein bisschen ineinander verschwimmen zu lassen. Eventuell wäre noch eine Geige denkbar. Als Leitmotiv stellte ich mir eine relativ ruhige Melodie vor, die mit höheren, kleineren Melodien unterlegt ist. Es sollte im Piano bis Pianissimo, also leise bis sehr leise, aber maximal im Mezzoforte, halblaut, gespielt werden. Im Kontrast hierzu dachte ich bei der normalen Welt an eher plumpe Klänge, die durchaus auch einen bedrohlichen Charakter haben dürfen. In einem Orchester würden an dieser Stelle die Blechbläser die Arbeit bekommen, sowie die tieferen Streicher, die einen tiefen Klangteppich erzeugen könnten. Wenn kein Orchester zur Verfügung steht, so kann man wieder ein Klavier in Betracht ziehen, diesmal jedoch in tiefer Lage. Hier könnte man noch zusätzlich das linke Pedal benutzen, um einen dumpfen Klang zu erzeugen. Als Grundbild für ein Leitmotiv dachte ich an ein mittleres Tempo. Es sollte zwar nicht allzu langsam sein, doch darf es auf keinen Fall hektisch wirken. Auch sollte es nicht zu leise werden, um einen Gegensatz zum anderen Motiv zu schaffen.

Im Verlauf meines Praktikums hatte ich das Vergnügen, die Inszenierung von »Der goldne Topf« von Maik Priebe zu sehen und somit auch die musikalische Umsetzung von Stefan Leibold zu hören. Diese war zwar völlig konträr zu meinen Gedanken, jedoch höchst interessant. Die musikalische Gestaltung war nicht auf die Leitmotivik ausgelegt, sondern eher darauf, mit einfachsten Mitteln einen beeindruckenden Klangteppich zu erzeugen. Wobei »einfach« in diesem Fall nicht als »leicht« zu verstehen ist, sondern bedeutet, dass mit einfachen Gegenständen gearbeitet wurde, die nicht schwer zu bedienen sind. Der geschaffene Klangteppich wurde nicht mit herkömmlichen Instrumenten gestaltet, sondern durch alltägliche Gegenstände oder den Menschen selbst. Durch das Übereinanderlegen dieser unterschiedlichen Klänge konnten Stimmungen erzeugt werden, die sonst eher selten zu finden sind, aber wie geschaffen dafür sind, eine mystische Atmosphäre zu erzeugen.

Obwohl ein großer Kontrast zwischen diesen beiden musikalischen Gedanken liegt, gibt es durchaus auch gemeinsame Überlegungen. Beispielsweise das Erschaffen einer mystischen Welt durch das Zusammenwirken verschiedenster Stimmungen und Klänge. In meinem Fall arbeite ich lieber mit Leitmotiven als mit Klangteppichen.

Zum Abschluss möchte ich sagen, dass ich es toll fand mir die Inszenierung mit Musik ansehen und anhören durfte und mich anschließend selbst an einer musikalischen Interpretation dazu ausprobieren durfte. Meine fertige Arbeit kann unter hier angehört werden.

Eine Krone für den König

Die Krone Englands ist sein Ziel. In seinem Machtstreben um König von England zu werden, kennt Richard III. keine Skrupel. Dafür geht er über zahlreiche Leichen.

Oliver Firit (Richard III.) & Lucas Janson (Catesby)

Die Requisite, die unsere Theaterstücke mit den für die Aufführungen nötigen Gegenständen ausstattet, musste für die englische Krone weder morden noch in den Krieg ziehen. Stattdessen war bei Carmen Riehl, Leiterin der Requisitenabteilung, für die Herstellung der Kronreifen für »Richard III.« jede Menge handwerkliches Geschick gefragt. Mit Hammer, Amboss und Dremel geht sie zu Werke, um aus zwei Blechstreifen zwei antike Kronreifen zu schaffen. Dank ihrer jahrelangen Erfahrungen mit der Schmuckherstellung in der Kostümabteilung der Bayerischen Staatsoper und in der Rüstkammer des Bayerischen Staatsschauspiels war die Umsetzung der Kronreife nach den Entwürfen des Regieteams (Axel Vornam und Tom Musch) kein Problem. Die Umsetzung erforderte zunächst eine grobe Bearbeitung der Blechstreifen, die mit einem Hammer in Form gehauen werden. Die dadurch eingehauenen Vertiefungen und Schrammen geben den Streifen ihre antike Struktur, als wären sie schon auf zahlreichen Königshäuptern durch die Wirren der Zeiten getragen worden.
Noch ist gut zu erkennen, dass es sich um zwei moderne Blechstreifen handelt. Mit einem zähen Kunstharz und schwarzer Farbe erhalten sie Patina. Bearbeitet mit dem Dremel entsteht daraus eine lebendige Oberfläche deren »Gebrauchsspuren« von früheren Abenteuern »berichten«. Nachdem sie auf die Köpfe der Schauspieler angepasst wurden, werden Schlossschraubenköpfe als Dekoration aufgeklebt und mit Lederbändern die Abschlusskanten am oberen und unteren Rand der Kronreifen geschaffen. Auch hier kommt wieder jede Menge Patina zum Einsatz, so dass die Kronen für Richard, Eward und später Richmond aussehen, als würden sie aus einer alten Schatzkammer stammen.

Am 25. Februar sind sie noch ein letztes Mal in Aktion auf den Häuptern Edwards, Richard III. und Richmonds zu sehen.
https://www.theater-heilbronn.de/spielplan/detail/inszenierung/richard-iii.html  

Aus Eisen erwächst ein Baum

Harper Regan ist das Psychogramm einer Frau, die ausbricht um zurückzukehren, so beschreibt Claudia Ihlefeld von der Heilbronner Stimme das Drama von Simon Stephens. Es ist die Geschichte einer durchschnittlichen Frau, Anfang 40, die als Hauptverdienerin ihre Familie ernährt. Harper hat gelernt, zu funktionieren und allen Anforderungen in Job und Familie gerecht zu werden. Dabei hat sie ihre eigenen Bedürfnisse aus dem Blick verloren. Aus dieser Welt entflieht Harper für zwei Tage.

Auch das Bühnenbild der Inszenierung spiegelt die Tristesse von Harper Regans Leben wider. Bis zur Schlussszene wird die Bühne von einem grauen Betonkubus bestimmt, vor den sich die Stationen dieser zwei Tage schieben: die Küche der Regans, der Flur des Krankenhauses, in dem Harpers Vater starb oder das Hotelzimmer, in dem sie einen ihr völlig Fremden datet. Die Bühne erschafft ein Abbild von Harpers Einsamkeit und den Verkrustungen ihrer Seele.

Die Küche der Regans.


Erst als Harper von ihrer »Flucht« heimkehrt, ändert sich dieses Bild. Der Kubus öffnet sich für die Schlussszene. In seinem Inneren kommt ein unwirklich wirkendes Vorort-Paradies zum Vorschein. Es ist ein kitschiges Gartenidyll, das von einem riesigen, hyperrealistisch erscheinenden Apfelbaum dominiert wird, unter ihm der gedeckte Frühstückstisch der Regans, die Vögel zwitschern, das Sonnenlicht bricht durch die Blätter. Die Idylle, in die Harper heimkehrt, ist zu perfekt.

Die Vorstadtidylle trügt.

Für Ausstatter Tom Musch und Regisseurin Uta Koschel war früh klar, dass es kein beliebiger Garten sein konnte, ein großes Bild musste her. Bei den Überlegungen wie dieser Garten aussehen könnte, kamen bald das Bild des Paradiesgartens auf, und von diesem Punkt an war der Apfelbaum für die Schlussszene gesetzt, wie Tom Musch berichtet.

Doch woher bekommt man einen solchen Baum?

Nun standen die Theaterwerkstätten vor der Aufgabe, einen Apfelbaum zu erschaffen. Schlosserei und Malersaal unterstützt von der Dekorationsabteilung und Schreinerei arbeiteten gemeinsam über Wochen an der Entstehung des Baumes. Es entstanden erste Skizzen im Malersaal wie der Baum aufgebaut sein kann. Die Größe von 6 x 6 Metern wurde festgelegt. Fragen zum Umfang und zur Üppigkeit der Baumkrone, sogar wie viele Äpfel darin hängen sollen, wurden geklärt. Die wichtigsten Punkte der Vorüberlegungen waren: wie bekommt der Baum seine Stabilität und wie lässt er sich im Boden verankern? Mit großem Ehrgeiz arbeiteten die Werkstätten sehr eng zusammen an der Umsetzung der Vorgaben, berichtet Tom Musch begeistert. Aus den Skizzen des Malersaals entstanden in der Schlosserei Ideen und Entwürfe für Konstruktion des Baumes. Ein Stahlskelett bildete das Grundgerüst, den Baumstamm. Verstärkt wurde er durch ein Stahlrohr im Podest, das ihm Stabilität gibt. Aus diesem Stamm erwuchsen über ca. vier Wochen die Äste aus Eisen, die für die weitere Bearbeitung abnehmbar blieben. Von Woche zu Woche wurden die Schweißarbeiten immer filigraner, bis hin zu 4 mm dünnen Drähten an denen später die Blätter befestigt werden solletn. Ein echter Ast auf der Werkbank diente dem Schlosser als Vorbild.

Danach ging es für den Stahlbaum in den Malersaal. Hier wurden die Rinde und Blätter angebracht, dass der Baum ein natürliches Aussehen erhielt. Auf das Stahlgerüst des Baumstamms und die starken Äste wurde zuvor in der Schreinerei Holz aufgebracht, um den Drahtrupfen – ein grober Netzstoff, der sich dank des darin verarbeiteten Drahtes in jede Form bringen lässt – befestigen zu können. Darüber legten die Plastiker eine Stoffkaschur aus Nesselstoff, auf die weitere Kaschiermasse aufgetragen wurde, um dem Baum eine realistische Rindenoberfläche zu geben. Nachdem alle Äste kaschiert waren, wurden sie mit Farbe in eine echt erscheinende Borke verwandelt. Dann fehlten nur noch die Blätter und Äpfel. Diese wurden alle einzeln mit einem Drahtringtacker an den kleinen Ästen befestigt. Am Ende stand ein paradiesisch schöner Apfelbaum, der seinen Weg auf die Bühne fand.

Dort lässt er jetzt im Schlussbild der Inszenierung die Hoffnung aufscheinen, dass sich die Welt der Familie Regan verändern könnte. Er gibt der Entwicklung des großen Traums von Seth Regan wie eine mögliche Zukunft aussehen könnte, ein Bild, das dem Nullpunkt an dem sich die Figuren in dieser Szene befinden, gegenüber steht.

Dieser enorme, vor Grün und Äpfeln strotzende Baum überspitzt die Vorstadtidylle. Er offenbart die Irrealität des erträumten Happy Ends. Harpers Reise endet wo sie begann, in ihrem Leben vor diesen zwei Tagen, in dem alles gleich scheint und doch nichts mehr ist wie es war. Ob Harpers Ausbruch Veränderung bringt, bleibt offen.

Der Weg zu Macht ist ein dreckiger.

Das spiegelt sich auch in dem Bühnenbild der Inszenierung »Richard III.« wider. Über zweieinhalb Stunden kämpfen sich die Schauspieler durch einen Sumpf aus Dreck im wahrsten Sinne des Wortes.

Auf der Bühne ist ein Schlachtfeld entstanden, statt des klassischen Bühnenbodens haben unsere Bühnentechniker dort einen morastigen Erdboden erschaffen, der keinen sicheren Halt gewährt.

Ob er die Schlachtfelder der Rosenkriege zwischen den Herrscherhäusern Lancaster und York, den Sumpf und Morast der Familie York, inder jeder Dreck am Stecken hat, symbolisiert – dieser schlammige Bühnenboden bietet jede Menge Raum als Spiel- und Projektionsfläche. Über vier Monate wird er für jede Vorstellung im großen Haus neu auf die Bühne gebracht.  Unsere Bühnentechniker haben ein ausgeklügeltes System entwickelt, dass der Torf frisch bleibt, zu jederAufführung die gleiche Konsistenz besitzt.

Es ist nicht das erste Mal, dass mit Schlamm auf der Bühne gearbeitet wird, erklärt Bühnenmeister Lutz Schmieder. Aus der Inszenierung »Dantons Tod« lagen bereits jede Menge Erfahrungswerte vor, so dass die Produktionsleitung sofort wusste, was zu bestellen war, um einen morastigen Sumpfboden entstehen zu lassen. Acht Kubikmeter Schwarztorf wurden bestellt und auf Paletten angeliefert. In einer eigens für die Bühne des großen Hauses gefertigten Schlammwanne wurde der noch trockene Torf aufgeschüttet und so lange gewässert bis er die gewünschte Konsistenz hatte. In kleinen Schritten haben sich Bühnentechniker und Regisseur Axel Vornam an das Endergebnis herangetastet, vorsichtig wurde immer wieder Wasser hinzugegeben, bis der Schlamm die richtige Feuchtigkeit erreicht hatte.
Die Schlammwanne ist ein 6 x 12 Meter großes Untergestell aus Holz, die in Zusammenarbeit mit den Werkstätten gebaut wurde. Mehrere Schichten Teichfolie dichten die Wanne ab, so dass der eigentliche Bühnenboden stets geschützt bleibt.

Doch was passiert mit dem Schlamm, wenn die Tiere des Dschungels über die Bühne tanzen oder sich die illustre Gesellschaft durch die Pension Schöller durch die Nächte feiert?

Nach jeder Vorstellung wird die Schlammwanne von den Bühnentechnikern mit Schaufeln, Schneeschiebern und Besen geleert. Der Torf wird in Handarbeit in große Behälter gefüllt, die bis zur nächsten Vorstellung aufder Hinterbühne lagern. Auch die Schlammwanne wird bis zur nächsten Vorstellung abgebaut. Bevor es wieder auf die Bühne geht, wird der Torf erneut aufbereitet. Ist er durch das Lagern zu trocken geworden, wird er erneut gewässert. Wenn erdurch zu viel Wasser übersättigt ist, wird er von den Bühnentechnikern ausgetauscht, bevor er zu schimmeln anfängt. Dann wird neuer trockener Torf – zur Sicherheit lagert genug »frischer« Torf hinter der Bühne, denn er wird nur zu bestimmten Jahreszeiten ausgeliefert – mit Schaufeln untergehoben und immer wieder umgeschichtet und erneut gewässert, bis der Schlamm wieder den Anforderungen der Inszenierung entspricht. Dann wird er erneut in die Schlammwanne geschaufelt verteilt, und das Spektakel auf dem Shakespearischen Schlachtfeld kann erneut seinen Lauf nehmen.