Drehtürenballett bei »Tartuffe«

Bam. Stella Goritzki bekommt beim Abgang von der Bühne die Drehtür ins Gesicht und lässt einen Heuler los. Aber vom Regiepult in der achten Reihe des Großen Hauses hört man Lacher. Nein, das ist kein Unfall. Das ist die »Drehtürballett«-Probe am Donnerstagabend, zehn Tage vor der Premiere.

Für die Inszenierung von Molières »Tartuffe« haben sich Regisseur Klaus Kusenberg und Bühnenbildner Peter Scior einen rechtwinklig zulaufenden, getäfelten Raum bauen lassen, der es in sich hat: Jeweils zwei der Wände rechts und links bestehen aus Drehtüren, die Spitze hinten ist ein Drehkreuz. Das ist in einem Stück, in dem permanent »Durchgangsverkehr« herrscht und potentielle Lauscher an der Wand auch mal überraschend in den Raum purzeln, ein ideales Mittel, um Tempo bei den Auf- und Abritten und slapstickartige Komik zu ermöglichen.

Aber damit die Türen aus Birkenholz (darunter ist ein Eisenrahmen!) im Gesicht wirklich nur inszeniert sind und keine Finger gequetscht werden, heißt es: üben, üben, üben. Deshalb eine ganze Bühnenprobe, nur um genau – und mit Beteiligung der Arbeitssicherheit – abzuklären, wie sich die Geschwister Mariane (Stella Goritzki) und Damis (Sven-Marcel Voss) die Wände auf die Nasen hauen, die stets lauschende Dorine (Sabine Unger) unverhofft ins Zimmer stürzt oder der Gerichtsvollzieher Monsieur Loyal (Frank-Lienert Mondanelli) ganz am Schluss seinen gewichtigen Auftritt hat. Nicht zu vergessen, wer wann die Türen und das Drehkreuz wieder schließt. Regieassistentin Nina Steinert und Inspizientin Kim Dinah Burkhard notieren alle Positionen und Abläufe akribisch mit, um zu garantieren, dass auch bei der Wiederaufnahme im Herbst dem »Tartuffe« das Timing nicht abhanden kommt.

Noch einmal bekommt Stella Goritzki – das ist jetzt der fünfte Versuch – die Drehtür von ihrem »Bruder« Sven-Marcel Voss ins Gesicht. Und rächt sich ihrerseits mit einem Türschlag. Bam bam. »Sehr charmant«, lacht Klaus Kusenberg von seinem Platz am Regiepult. »Das halten wir genau so fest. Und jetzt noch mal.«

Premiere am 23. Juni 2018, 19.30 Uhr
Weitere Informationen zum Stück: https://www.theater-heilbronn.de/spielplan/detail/inszenierung/tartuffe.html

Drei große Stützen des Theaters verabschieden sich aus dem aktiven Dienst – Wir sagen DANKE

Was sie eint, ist ihr Hang zum Perfektionismus, ihre absolute Identifikation mit ihrer Arbeit, ihr hohes Verantwortungsbewusstsein und ihre Liebe zum Theater. Eigentlich kann man sich das Heilbronner Theater ohne diese drei Kollegen kaum vorstellen. Denn Kostümchefin Roswitha Egger, Malersaalvorstand Herbert Kübler und Inspizient Detlev Hahne sind die am längsten am Theater Heilbronn beschäftigten Mitarbeiter und seit Bestehen des Hauses am Berliner Platz dabei. Sie werden Spuren hinterlassen, denn sie haben das Heilbronner Theater, jeder auf seine Weise geprägt und dazu beigetragen, dass das Haus so einen guten Ruf genießt und als außergewöhnlich gut aufgestelltes Theater gilt. „Jetzt müssen mal die Jungen ran“, meint Herbert Kübler lapidar. Im Sommer verabschieden sich die drei aus ihrem aktiven Dienst – wie so oft in einer solchen Situation mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

Gewandmeisterin Roswitha Egger, diese auch privat immer schicke und perfekt gekleidete Frau, hinterlässt dem Theater einen Kostümfundus, der seinesgleichen sucht: Tausende Kleider und Kostüme in allen erdenklichen Stilrichtungen und historischen Prägungen, die sie selbst entworfen und geschneidert hat. Unzähligen Kostümbildnern war sie eine Partnerin bei der Verwirklichung ihrer  kühnsten Entwürfe und Generationen von Schauspielern eine enge Vertraute. Denn Kostümanproben verlangen nicht nur handwerkliches, sondern auch psychologisches Geschick. Mit Strenge und Liebe zum Detail führte sie ihre Abteilung, die nicht nur für das Herstellen der Kostüme verantwortlich ist, sondern auch für das Ankleiden und die Umzüge der Schauspieler während der Vorstellungen und für die Pflege der Kostüme – das Waschen und Reinigen nach jeder Aufführung.  Kreativ sein wird sie auch weiterhin, denn sie saniert zusammen mit ihrem Mann ein altes Haus in der Toskana. Schon seit Jahren lernen die beiden italienisch. Ihre Nähmaschine nimmt Roswitha Egger selbstverständlich mit.

Angst vor Langeweile hat auch Malersaalvorstand Herbert Kübler nicht, wenn er nach genau 40 Jahren Dienst für das Theater Heilbronn nicht mehr täglich in den Malersaal geht. Seine Malerkluft wird er nicht ablegen, denn er will in seinem heimischen Atelier malen, plastisch arbeiten und mit seinen Enkeln töpfern. Neben den vielen eindrucksvollen Bühnenbildern, die er zusammen mit seinen Kollegen, den Meistern des schönen Scheins, gestaltet hat, ist er besonders stolz auf die über 80 Auszubildenden, die von ihm gelernt haben und von denen die allermeisten an guten Theatern oder in Kreativabteilungen arbeiten. „Das Theater Heilbronn gilt als hervorragende Kaderschmiede in Sachen Theatermalerei und –plastik.“  Zwei von den Azubis der Anfangszeit übernehmen jetzt von ihm den Staffelstab: Karlheinz Kirchler als Vorstand und Kirstin Köppel als stellvertretender Vorstand. Genau wie ihr Chef sehen die beiden die Arbeit als Berufung und sie rasten ebenso wie Herbert Kübler nicht eher, als bis sie für jede noch so große Herausforderung eine Lösung gefunden haben.

Detlev Hahne verfügt wahrscheinlich über den reichsten Schatz an Theateranekdoten über das Heilbronner Theater. Denn was man bei Tausenden und Abertausenden an Vorstellungen als Inspizient hinter den Kulissen erleben kann, lässt sich für den Außenstehenden nur erahnen. Er hat  alle Fäden in der Hand, gibt die Zeichen für jeden Auftritt, jede Bühnenveränderung, jeden Licht- und Toneinsatz – dirigiert mit äußerster Präzision und Konzentration den Abend. Alle hören auf sein Kommando – in rund 250 Vorstellungen im Jahr und in ungezählten Proben. Schon jetzt weiß er, dass es ihm schwerfallen wird, nicht mehr Abend für Abend sein Inspizientenmikrophon anzuschalten und mit einem: „Guten Abend, meine Damen und Herren. Das erste Zeichen. In einer halben Stunde beginnt die Vorstellung“, die Kollegen einzustimmen.
Aber vielleicht hat  Hahne, der privat ein Opernjunkie ist, und für eine Inszenierung seiner Lieblingsoper „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold durch die halbe Welt jettet, dann wieder mehr Zeit für seine Leidenschaft. Außerdem ist er ein phantastischer Koch, der solche Feinheiten beherrscht, wie etwa eine klare Ochsenschwanzsuppe zu zaubern. Möglicherweise schreibt er auch ein Kochbuch? Kommt Zeit, kommt Rat.
Uns bleibt nur, allen dreien von Herzen Danke zu sagen!

Wir fliegen mit Alexander Gerst ins All

Aktion „Slices of Life“ des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt

Im Mai 2018 beginnt für das Theater Heilbronn eine Reise durch Raum und Zeit. Alexander Gerst wird wieder ins All fliegen und wir fliegen mit. Möglich wird dies durch eine kleine silberne Kugel im Gepäck des deutschen ESA-Astronauten. Diese wird einen speziellen Datenträger mit gesammelten „Slices of Life“ unterhalten. Unter anderem auch ausgewählte Fotos von uns. Doch es wird noch abgehobener: Die Zeitkapsel wird im All verschlossen und erst im Jahre 2068 wieder geöffnet. Bis dahin bewahrt sie das Haus der Geschichte in Bonn auf.

Melanie Jung studiert Public Management (B.A.) in Ludwigsburg und absolviert derzeit ein studienbegleitendes Praktikum in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit.

Bianca Sue Hennes zweite Oper hat am Theater Nordhausen Premiere

„Bonnie und Clyde“ kommt als Roadoper auf die Bühne

Musik von Christian Diemer
Libretto von Bianca Sue Henne

Bianca Sue Henne, Leiterin des Jungen Theaters Heilbronn und Libretistin
Bianca Sue Henne, Leiterin des Jungen Theaters Heilbronn

Dass unserer Leiterin des Jungen Theaters Bianca Sue Henne aufregende Tage bevorstehen, haben wir Heilbronner Kollegen eher nebenbei erfahren. Denn dass am 5. Mai ihre Oper „Bonnie & Clyde“ für die sie das Libretto geschrieben hat, an ihrer früheren Wirkungsstätte, dem Theater Nordhausen, uraufgeführt wird, darum hat sie keinen Wirbel gemacht. Wahrscheinlich, weil sie selbst viel zu aufgeregt und gespannt ist, auf das, was sie erwartet. Wie wird die Musik, die der junge Komponist Christian Diemer komponiert hat? Wie hat der Regisseur Prof. Elmar Fulda, der Leiter der Opernschule an der Weimarer Hochschule für Musik Franz Liszt, mit seinen Studierenden die Oper auf die Bühne gebracht? Von all dem wird sie sich überraschen lassen, wenn sie am Premierenabend im Publikum sitzt.

„Bonnie & Clyde“ ist schon ihre zweite Oper für junges Publikum. Die erste „Kannst du pfeifen, Johanna?“, lief zwei Jahre lang sehr erfolgreich in Nordhausen und wurde auch im Theater Augsburg inszeniert. Bianca Sue Henne brennt für die Theaterarbeit für junge Leute. Und während es im Schauspiel in den letzten Jahren einen großen Zuwachs an guten neuen Stücken für Heranwachsende gibt, vollzieht sich diese Entwicklung im Musiktheater sehr langsam. Sie habe damals für das Theater Nordhausen, ein reines Musiktheater, immer nach Opern für junge Leute gesucht, erzählt Bianca Sue Henne. Und weil die Auswahlmöglichkeiten so begrenzt waren, hat sie sich entschlossen selbst mit Komponisten an Musiktheaterstoffen für junges Publikum zu arbeiten. Sie beschreibt: „Wie ich auf Bonnie & Clyde gestoßen bin, weiß ich nicht mehr, aber der Stoff schien mir einfach perfekt für junges Publikum. Junge Protagonisten – die beiden sind Anfang 20 – eine rasante Roadstory, Liebe und Tod. Gutes Material.“ 

Bonnie Elizabeth Parker und Clyde Chestnut Barrow waren militärisch bewaffnete Schwerverbrecher und skrupellose Mörder. Und dennoch brachten sie es, seit sie im Mai 1934 in einem Hinterhalt erschossen wurden, zu weltweiter Achtung als Gangsterpärchen Bonnie & Clyde. Noch heute fasziniert, dass sie einfach nur zwei junge Leute waren, die nach endlich überstandener ärmlicher Kindheit einen Teil vom Kuchen des Lebens abhaben wollten. Sie suchten die Freiheit und nahmen ihre Zukunft selbst in die Hand, um ihren Traum vom Leben Wirklichkeit werden zu lassen. Bonnie schrieb Gedichte und sang, wollte ein Star werden, Clyde konnte Gitarre und Saxophon spielen. Doch erste kleine Konflikte mit Recht und Ordnung setzten eine Spirale von Gewalt, Strafe und Rache in Gang, die nur in der Katastrophe enden konnte. Den Tod haben Bonnie und Clyde immer in Kauf genommen. Sie wussten nur nicht, wann ihr Treiben sie das Leben kosten würde. Übrigens: Bonnie und Clyde schafften es ganz ohne das Fernsehen, die ersten Reality-Stars zu werden. In den sozialen Netzwerken wird ihre Liebe heute zum Teil höher bewertet als die von Romeo und Julia.

„Ich habe viel gelesen und recherchiert über die beiden. Ich brauchte ein solides inhaltliches Fundament. Dann gab es viele Treffen mit dem Komponisten Christian Diemer und dem Regisseur Elmar Fulda. Die beiden haben dann assoziativ beigetragen, was sie persönlich am meisten am Stoff interessiert. Wir haben darüber viel diskutiert und waren nicht immer einig. Aber der Weg ist auch sehr spannend und führt dazu, dass jeder seine Position immer wieder überdenken muss. Und deshalb kann am Ende etwas entstehen, das größer ist als die eigene Phantasie“, sagt Bianca Sue Henne.

Wir drücken ihr die Daumen für diesen spannenden Moment, wenn „ihre“ Figuren auf der Bühne lebendig werden und ihre Gedanken und Gefühle über die Musik, die Bianca Sue Henne bisher „nur“ vom Notenblatt kennt, transportieren. Und wir schicken ein kräftiges TOI TOI TOI nach Nordhausen.

Kulturbetrieb? Kultur-Betriebsamkeit!

Exkursion des Studiengangs Kulturmanagement aus Ludwigsburg ins Theater Heilbronn

Exkursion Ludwigsburg, Foto: Christiane Dätsch

Eine Gruppe von etwa 40 Studierenden und Dozenten des Masterstudiengangs „Kulturwissenschaft & Kulturmanagement“ der PH Ludwigsburg war am Mittwoch den 8. Februar auf Exkursion im Theater. Ziel war es, den „Apparat Theater“ – ein Gebilde aus verschiedensten Tätigkeiten und Arbeitsfeldern, die wie Zahnräder ineinandergreifen – erlebbar zu machen. Das Heilbronner Theater gilt als Theater der kurzen Wege, das bedeutet aber nicht, dass das Gewirr aus Verbindungsgängen und Treppenhäusern eine leichte Orientierung bietet. Erstaunen machte also die Runde, als man sich plötzlich hinter der Bühne des Komödienhauses im K3 wiederfand.

Der Rundgang führte vor allem durch die Werkstätten: Schreinerei, Dekoabteilung und der Malersaal wurden begutachtet, die einzelnen Arbeitsgebiete erläutert und laufende Projekte gezeigt. Wer trifft welche Entscheidungen? Welche Materialien werden verwendet? Wie „zaubert“ man aus möglichst leichten Holzzuschnitten ein edles dunkles Parkett? Und wie stellt man eine täuschend echte Schweinehälfte her, um die diversen Vegetarier im Publikum zu erschrecken?

Anschließend stellten sich Chefdramaturg Andreas Frane, Silke Zschäckel (Presse) und Johannes Pfeffer (Werbung/Öffentlichkeitsarbeit) vor und erläuterten ihren jeweiligen beruflichen Weg, der sie – ob unabsichtlich oder geplant – ans Theater brachte. In einer lockeren Diskussions- und Fragerunde ging es vor allem um die Rahmenbedingungen des Theaterbetriebs in Bezug auf Spielplangestaltung, Zusammenstellung des Schauspielensembles und die Beschaffung von Fördermitteln für soziale Projekte. Mit diesem neu gewonnenen „Insiderwissen“ wurde abends die Komödie Der Vorname besucht, hoffentlich nicht ausschließlich aus einem „kulturmanagerialen“ Blickwinkel.

Patricia Heiss

SWR zeigt Beitrag über Musical ‚Big Fish‘ in der Landesschau aktuell

SWR_BigFish

In einer turbulenten Zeit voller Premieren und Uraufführungen kann es schon einmal vorkommen, dass sich das SWR-Fernsehen gleich zwei Wochen in Folge anmeldet, um über das Theater Heilbronn zu berichten. Nach dem Beitrag über „Ein Lied von Liebe und Tod (Gloomy Sunday)“ in der Sendung Kunscht! vom 19. Januar wurde nun auch hinter und vor den Kulissen von „Big Fish“ gedreht. Das Musical – eine magische Geschichte über eine Vater-Sohn-Beziehung und das Kind im Manne – wird für fünf Abende in Folge ab dem 25. Januar im Großen Haus zu sehen sein. Zum ersten Mal findet eine Zusammenarbeit mit der renommierten Theaterakademie August Everding aus München statt.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb am 13. November 2016 über die Europäische Erstaufführung im Münchener Prinzregententheater: „So Ideenreich, so liebevoll, so frisch hat selbst das Deutsche Theater lange kein Musical mehr hinbekommen.“ Vielleicht liegt das Geheimnis dieser „frischen“, spritzigen Produktion auch an dem jungen Ensemble. So filmt das SWR-Kamerateam nicht nur Ausschnitte aus der Komplettprobe, sondern zeigt auch den Trubel hinter der Bühne: da werden die letzten Kostüme zurechtgelegt, der Soundcheck (noch im Bademantel) durchgeführt, es wird gescherzt und die Choreografie in Erinnerung gerufen. Diese heitere Stimmung wandelt sich sofort mit Beginn der Probe auf der Bühne in konzentriertes, professionelles Arbeiten – ohne, dass der Spaß und die gute Laune verloren gehen.

Wer es heute nicht zur Premiere schafft, kann um 19.30 Uhr in der Landesschau aktuell im SWR Fernsehen schon mal einen Eindruck gewinnen. Es lohnt sich, einzuschalten – und es lohnt sich natürlich doppelt, noch eine der letzten Karten für die nachfolgenden Vorstellungen, die bis zum 29. Januar in Heilbronn zu sehen sind, zu ergattern!

Praktikantin Patricia Heiss hat dem Kamerateam und dem Team von Big Fish zugeschaut.

Das Fernsehen im Theater – das Theater im Fernsehen

SWR-Magazin „Kunscht!“ zeigt wenige Tage vor der Premiere von „Ein Lied von Liebe und Tod (Gloomy Sunday)“ erste Einblicke und Hintergründe

SWr Kunschd im Theater HeilbronnInterviews, Szenenausschnitte und der Alltag hinter den Kulissen – das Kamerateam des SWR begleitet an dem Montagnachmittag vor der Premiere die Abläufe um die erste Komplettprobe zu „Ein Lied von Liebe und Tod (Gloomy Sunday)“, das am 21. Januar um 19.30 Uhr im Großen Haus Uraufführung feiern wird.
Dabei legt das fünfköpfige Fernsehteam den Fokus vor allem auf die musikalische Quintessenz des Schauspiels von John von Düffel; das berühmt-berüchtigte Lied vom traurigen Sonntag, welchem eine besondere melancholische Anziehungskraft zugeschrieben wird und um welches sich die Legende der „Hymne der Selbstmörder“ rankt. Was empfinden die Schauspieler, wenn sie die weltbekannte, und doch so simple Melodie hören? Worin besteht für Regisseurin Uta Koschel die Besonderheit des traurig-schönen Liedes? Wie wird in der Inszenierung die Verbindung zwischen Dialogen, Bühnenbild und Musik hergestellt? Das sind nur ein paar der Fragen, die das Team um Redakteurin Ursula Böhm stellen.
Zusätzlich begleitet das Kamerateam das geschäftige Treiben abseits vom Scheinwerferlicht: Impressionen vom Probenalltag der Mitarbeiter, die für Ton, Maske, Licht oder Kostüm zuständig sind, vor der wichtigen Probe final Hand anlegen und letzte Veränderungen vornehmen. So wird gefilmt, wie kurz vor der „Vorstellung“ die Frisuren zurecht gemacht werden, im Gang zur Bühne schnell die Hosenträger befestigt werden und die Schauspieler Bettina Burchard, Nils Brück und Paul-Louis-Schopf allmählich durch die optische Veränderung in ihre Rollen schlüpfen. Eine Theaterinszenierung, die über das Medium Fernsehen zugänglich gemacht wird? Funktioniert wunderbar, vor allem weil so interessante neue Perspektiven geschaffen werden, der zoom-in eine unmittelbare Nähe zu den Darstellern schafft. Und die filmischen Momentaufnahmen zeigen, dass im Theater das reibungslose Zusammenspiel von allen Komponenten vor, neben, unter, über und auf der Bühne Voraussetzung für ein gelungenes Ergebnis ist. Egal, ob Probe oder Premiere.
Ausgestrahlt wird der Beitrag am 19. Januar um 22.45 Uhr im SWR, zudem ist die Sendung „Kunscht!“ natürlich in der SWR-Mediathek rückblickend abrufbar.

Patricia Heiss ist als Praktikantin für sechs Wochen am Theater Heilbronn und sammelt dort Erfahrungen im Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Sie studiert an der Universität Mannheim im fünften Semester Kultur & Wirtschaft

Warten auf den großen Auftritt

Eine Palme und ihre Geschichte

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Es war einmal eine majestätische Palme, die zwischen Plüschkissen, Nähmaschinen und großen Holzkisten in der Dekowerkstatt des Theaters auf den Auftritt ihres Lebens wartete. Sie war zwar noch sehr jung, führte aber  ein sehr unbekümmertes Leben. Allerdings fehlte ihr manchmal das Gefühl von gleißendem Licht auf ihren großen Palmenblättern. Und natürlich wünschte sie sich die Gesellschaft einer weiteren Palme, denn Palmen sind sehr ungern allein. Doch zum Glück sollte sie bald eine Palmengefährtin bekommen. Wenige Meter entfernt lagen die einzelnen Palmenteile aus flexiblem Tanzboden auf einem langen Tisch und Schöpferin Angelika Wagner hatte schon mit dem Verkleiden des Stamms begonnen. Allerdings hatten die Chefin der Abteilung und ihre Kollegen immer wieder etwas anderes zu tun, beispielsweise die Fertigstellung der Kulissen im Komödienhaus, und so wurde die Freundin der Palme einfach nicht fertig.

Ihrer Einzigartigkeit war sich die einsame Palme bewusst, war sie doch in mühevoller Kleinstarbeit und nach mehreren Skizzen, Schablonen und Modellen hergestellt worden um ab März eine ganz besondere Rolle in dem Kinderstück König und König zu spielen.  Passend für diesen königlichen Anlass war sie nicht in erdigem Grün gekleidet, sondern ihr Stamm erstrahlte in leuchtendem Rot. Dadurch würde sie sich später auf der Bühne von den anderen Farnen und Gesträuchen abheben. Ihre noch graue Blätterkrone hatte die Besonderheit, durch geschicktes Anstrahlen alle Farben des Regenbogens anzunehmen. Hinter den überlappenden Schichten des Stammes verbarg sich zudem eine bemerkenswerte Raffinesse – ein Stahlrohr, welches problemlos eine Hängematte mit zwei jungen Königen tragen konnte und tropischen Stürmen und tosendem Beifall trotzen würde, ohne sich zu verbiegen. Leider konnte sich die Palme deswegen auch nicht wie die anderen Schauspieler vor dem Publikum verbeugen, sondern blieb starr in ihrer Position. Doch so weit dachte sie noch gar nicht und da sie keinen Text auswendig zu lernen hatte würden die ersten Proben mit Palme wohl erst kurz vor der Premiere am 12. März stattfinden.

Und wenn die Palme bis dahin nicht vom Bühnenbildner gegen einen Apfelbaum eingetauscht wird, dann lebt sie Vorstellung für Vorstellung im Dschungel der Bühne. Und wer weiß, vielleicht wird sie sich in der Fantasie der Zuschauer doch im Wind wiegen können…

Autorin: Patricia Heiss

Von der Schönheit eines halbgefüllten Glases

Steffen Nödl fängt mit seiner Kamera besondere Momente hinter den Kulissen ein

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Einmal war es nur der Schatten des Kronleuchters an der Wand, der seinen Blick fesselte. Dann wieder ein paar halbgefüllte Gläser mit (unechtem) Sekt, die am Bühnenrand auf ihren Einsatz warteten. Ein anderes Mal die glücklichen Gesichter der Schauspieler im Applaus nach der Vorstellung.
Steffen Nödl sucht nach den besonderen Momenten, nach den Kleinigkeiten im Theateralltag, die manch anderer überhaupt nicht wahrnimmt. Und er hält sie mit seiner Kamera fest. Die Nikon D 300s ist sein ständiger Begleiter bei der Arbeit, damit sie im rechten Moment einsatzbereit ist. Als Bühnentechniker kommt der 44-Jährige ganz nah ans Geschehen auf den weltbedeutenden Brettern heran, ist quasi selbst ein Teil davon. »Ich habe nur sehr selten mal ein Stück von vorn gesehen«, sagt er. Immer von der Seite oder von hinten. Vielleicht interessiert ihn die Zuschauerperspektive deshalb nicht so sehr. Er entdeckt das Besondere in der Normalität des Theateralltags, das kaum ein Zuschauer je zu Gesicht bekommt. Das Gespräch zwischen Schauspielern und Regisseur in der Probe, die Verwandlung der Kollegen in der Maske, die Pausenzigarette zwischen den Auftritten, die akkurat zurechtgelegten Requisiten vor der Vorstellung, die Kontrolle der Bühne durch die Inspizientin vor Beginn des Theaterabends, die für die schnellen Umzüge ausgebreiteten Kostüme, die konzentrierten Mienen der Schauspieler kurz bevor sie auf die Bühne müssen. Während des Fotografierens versucht er sich im Hintergrund zu halten und sich unsichtbar zu machen. Die Nähe stellt Steffen Nödl über die Brennweiten seiner Objektive her. Da Blitzlicht im Theater ein absolutes Tabu ist, hat er den Blitz nicht nur ausgeschaltet, sondern auch abgeklebt. Eine doppelte Absicherung, denn jedes unabgesprochene Lichtzeichen kann auf der Bühne zu Irritationen führen. Besonders gern fotografiert er das Spiel der Darsteller von der Seitenbühne oder von hinten. Fängt Situationen ein, wenn sie einsam auf der großen Bühne ganz vorn an der Rampe stehen – das Bild flößt Ehrfurcht und Respekt vor diesem Beruf ein.
Obwohl Steffen Nödl als Kind nur einmal in einer Theatervorstellung war – »das war in Ali Baba und die 40 Räuber, daran kann ich mich noch ganz genau erinnern« – ist das Theater schon immer ein Teil seines Lebens. Er ist ganz in der Nähe, in der Lammgasse, aufgewachsen und hat den Bau des Hauses am Berliner Platz beobachtet. Als in der Heilbronner Stimme ein Ausbildungsplatz für einen Schlosser im Theater ausgeschrieben war, bewarb er sich. »Die Bewerbung habe ich persönlich vorbei gebracht, damit nichts schief geht.« Nach den dreieinhalb Jahren Ausbildung wurde er in der Theaterschlosserei fest eingestellt und wechselte nach einiger Zeit in die Bühnentechnik – also in den Bereich, der die Kulissen auf- und abbaut und die Umbauten und Verwandlungen während der Vorstellungen realisiert. Mit einem Mal war er ganz dicht dran an der Kunst, ließ sich fesseln und inspirieren. Er entdeckte so manches Motiv, denn schon immer hat er seine Umgebung mit den Augen eines Fotografen beobachtet. Seit Kindertagen war die Fotografie sein Hobby. Und endlich traute er sich zu fragen, ob er hinter den Kulissen Aufnahmen machen dürfe, zunächst analog jetzt meistens digital. Aber bei manchen Inszenierungen lässt er sich auf das Abenteuer der analogen Schwarz-Weiß-Fotografie ein. Er mag daran das Ungewisse, den viel bewussteren Umgang mit dem Material. Wenn er zu Hause im heimischen Fotolabor die Filme entwickelt und die Fotos vergrößert, ist das immer ein großer Moment. In erster Linie fotografiert er für sich selbst. Aber auch die Schauspieler und viele andere Kollegen im Haus mögen seinen besonderen Blick und behalten Steffen Nödls Bilder als unvergessliche Erinnerungen an die Inszenierungen, die ja immer nur eine endliche Zeit im Spielplan sind.

Matthias Hornung interpretiert für die Theatergastronomie alte Rezepte neu

Der Mann, der von der Oma lernte

Matthias Hornung im Theaterrestaurant Gaumenspiel
Matthias Hornung im Theaterrestaurant Gaumenspiel

 

Schon als dreijähriger Knirps saß er bei seiner Oma auf dem Küchentisch, hat in Schüsseln und Töpfen herumgerührt und alles Mögliche gekostet. Das Interesse fürs Kochen hat bei Matthias Hornung auch nie nachgelassen, so dass der Wunsch, dieses frühe Hobby zum Beruf zu machen, fast zwangsläufig war. »Ich habe mit meinen Eltern über viele Alternativen gesprochen, aber sie kamen nicht wirklich in Frage«, sagt er. Aber nur so, mit Leidenschaft, kann man diesen Beruf ausüben, denn er ist mehr als ein Job. Über einige Zwischenstationen, unter anderem in Sternerestaurants in München oder Frankreich, kam er wieder zurück in seine Heimatregion und betreibt jetzt das Eventcatering-Unternehmen »Rote Brigade« (Unterzeile: Die Revolution am Herd) und seit kurzem die Theatergastronomie »Gaumenspiel«.

Warum »die Revolution am Herd«?

Er wollte anders sein und sich dem Trend entziehen, alles zu jeder Zeit anzubieten. »Erdbeeren und Spargel im Winter gibt es bei mir nicht«, erklärt er rigoros. »Auch keine Salatvariationen in einer Jahreszeit, in der kein Salat wächst.« Das macht er nicht mit. Sein Motto lautet konsequent »brutal-regional«. »Sicher«, ergänzt er, »der Pfeffer kommt aus Madagaskar. Aber Fleisch, Gemüse, Brot, Milchprodukte beziehe ich aus der Region und zwar immer das, was die Jahreszeit hergibt.« Auch bei den Weinen sieht er nicht ein, warum er in die Ferne schweifen soll, wenn es in Deutschland und speziell in dieser Region so gute Tropfen gibt.
Beim Kochen setzt er auf Gerichte, wie es sie schon zu Omas Zeiten gab. Aber er nimmt ihnen durch seine Art der Zubereitung die Schwere und interpretiert sie neu. Bei ihm gibt’s Fisch mit Sauerkraut, Himmel und Erde, geschmorte Ochsenbäckchen oder Lammstelze, die 24 Stunden bei niedriger Temperatur gegart wurde. Das kommt gut an bei den Theaterbesuchern, die schon vor den Vorstellungen und erst recht danach das Theaterrestaurant »Gaumenspiel« besuchen. Auch für Freunde der ganz leichten Küche finden sich genügend Angebote, vom Kürbissüppchen mit Mango und Kokosschaum bis hin zu feiner Geflügelleber.

Zusammen mit seiner Frau Verena hat Matthias Hornung sich entschieden, die Theatergastronomie mit Restaurant, Mitarbeiter-Kantine und Pausenbewirtung zu übernehmen. »Ich finde die Leute spannend, die hier arbeiten, und freue mich, wenn ich deren Konzept der perfekten Vorstellung über das eigentliche Theatererlebnis hinaus fortsetzen kann. Entweder wir setzen in der Gastro die ersten Akzente oder den krönenden Abschluss«, sagt er mit Augenzwinkern. Dabei hält er einen engen Kontakt zu seinen Gästen, möchte das Restaurant mit ihnen gemeinsam und entsprechend ihren Bedürfnissen weiterentwickeln – in kleinen Schritten.

Seine Oma, der Matthias Hornung so viel zu verdanken hat, ist übrigens auch auf der Speisekarte präsent – mit dem Lieblingsnachtisch der Gäste, dem »Kirschmichl nach Art meiner Oma«. Besonders freut sich der begeisterte Koch, dass er die Freude am Zubereiten von Lebensmitteln schon an seine kleine Tochter weitergibt. Celine, drei Jahre alt, sitzt zu Hause auf dem Küchentisch und hilft ihrem Vater – derzeit beim Backen von Plätzchen.