Familienforschung oder wie hundemüde Kinder zu aktiven Schauspielern werden

Ab dem 6. November, 15 Uhr,  steht eines der beliebtesten Kinderstücke der vergangenen Spielzeit wieder auf dem Spielplan der BOXX: „Wir alle für immer zusammen“ von Guus Kuijer. Darin geht es um die 11jährige Polleke, in deren Leben es gerade drunter und drüber geht. Ihre Mutter ist in den Lehrer verliebt, ihr Freund will nicht mehr mit ihr zusammen sein und auf den Vater ist sowieso kein Verlass. Ganz schön viel für eine 11-Jährige! Aber Polleke ist ein großartiges Mädchen, das mit Witz und Geradlinigkeit alle Probleme meistert. Parallel zu den Wiederaufnahmeproben der Schauspieler beschäftigten sich Kinder in den Herbstferien mit dem Stück und entwickelten ein eigenes Theaterspiel zum Thema Familie Praktikantin Alina Joy war beim  Familienforschungsprojekt in den Herbstferien dabei und schildert ihre ersten Eindrücke: Mittwochmorgen, ich werde an der Pforte des Theaters abgeholt und Lea Kaiser, eine der Theaterpädagoginnen des Theaters, führt mich durch ein Gänge-Labyrinth in Richtung BOXX.  Vorbei an vielen Türen, die wieder in spezielle Räume oder weitere Gänge führen. Ich helfe der Theaterpädagogin bei diesem Herbstferienprojekt, das sich mit dem Thema Familie befasst.  Das Ziel unserer Woche ist ein kleines Stück mit den Kindern, aber auch zu lernen wie man miteinander etwas erarbeitet. Die Kinder kommen und wollen gleich mit dem Theaterspielen anfangen. Doch genau wie „richtige“ Schauspieler bereiten sie sich erst einmal auf ihr Thema  und auf das schauspielerische Handwerk vor.  Zunächst werden verschiedene Aufwärm-Spiele gespielt um die Kinder „aufzuwecken“, denn da sie Ferien haben, sind sie alle noch etwas müde. Anschließend erklärt ihnen Lea, dass sie „Familienforscher“ sind und sich Fragen überlegen sollen die sie schon immer an Familien interessiert haben. Einige Fragen haben mich berührt, andere zum Schmunzeln gebracht: „Wieso streiten Eltern so oft?“ oder „ Warum sind Mama und Papa immer strenger als Oma und Opa?“ Am nächsten Tag dürfen wir bei den Proben von „Wir Alle für immer zusammen“ zugucken. Es ist total interessant die Schauspieler bei der Arbeit und auch von ihrer persönlichen Seite zu sehen. Anschließend sind die Kinder wieder dran. Singend und tanzend wärmen sie sich auf und dann heißt es endlich: „ Jetzt dürft ihr euch Szenen überlegen“. Nun können sie Theater spielen und gehen richtig auf in ihren Rollen auf. Natürlich gibt es auch Uneinigkeiten und kleine Auseinandersetzungen. Aber das gehört zur Theaterarbeit dazu. Je tiefer wir alle in das Stück einsteigen, umso mehr Spaß macht es, das kleine Schauspiel auf die Beine zu stellen. Am Ende der Probe sind die Kinder fast schon etwas traurig, dass die Zeit schon vorbei ist und sie nicht weiter das Stück entwickeln können. Die Ergebnisse des Familienforschungsprojektes werden am Freitag, 4. November, um 15 Uhr in der BOXX vorgestellt. Neues Familienformat: story|Boxx startet am 12. November Junge Theaterbesucher werden selbst zu Dichtern Übrigens sollten sich alle jungen Theaterfreunde den 12. November vormerken. Da steht noch einmal Polleke, die Hauptfigur des Stückes, im Mittelpunkt. Sie ist Dichterin. Aus diesem Grund startet am 12. November im Anschluss an die Vorstellung um 15 Uhr ein neues Familienformat für junge Theaterbesucher und ihre Eltern in der BOXX, in dem die Kinder selbst zu Dichtern werden können – die story|Boxx. Wie die Hauptheldin aus dem Stück können die Kinder in spielerischen Aktionen selbst Geschichten erfinden oder kleine dichterische Kunstwerke erschaffen. Außerdem wird mit Ausschnitten aus seinen anderen Büchern die Neugier auf weitere Polleke-Romane von Guus Kuijer geweckt. Anmeldung für die Vorstellungsbesuche und die story|Boxx unter 07131/563001 oder 563050

Lieblingsstück ist immer das aktuelle

Uta Koschel ist die neue Chefregisseurin

Foto: Thomas Braun
Foto: Thomas Braun

Eigentlich verbietet sich das Attribut neu im Zusammenhang mit Uta Koschels Tätigkeit am Theater Heilbronn. Denn seit Beginn von Axel Vornams Intendanz 2008 ist die Regisseurin fast jedes Jahr mit einer oder mehreren Inszenierungen am Berliner Platz vertreten und prägt somit auch schon seit langem das künstlerische Profil des Hauses mit. Mit Inszenierungen wie zuletzt »Ziemlich beste Freunde«, »Das Fest«, »Der nackte Wahnsinn« oder »Die Katze auf dem heißen Blechdach« hat sie bereits wichtige Akzente gesetzt. Neu ist jetzt ihre Position am Theater. Ab dieser Spielzeit übernimmt sie als Chefregisseurin die Nachfolge von Alejandro Quintana. Sie wird nicht nur verschiedene Inszenierungen verantworten, sondern auch den Spielplan mitgestalten und ein wichtiger Ansprechpartner für das Schauspielensemble sein.
Die Theaterleidenschaft hat sie mit in die Wiege gelegt bekommen. Ihre Mutter war Schauspielerin, der Vater Dramaturg. Nach dem Abitur studierte Uta Koschel an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« in Berlin Schauspiel und ging nach dem Studium 1989 mit einer Gruppe von sieben jungen Absolventen ans Theater Rudolstadt, wo der seinerzeit jüngste Oberspielleiter des Landes, Axel Vornam, ein aufregendes und neues Konzept ausprobieren durfte. Zweite Hausregisseurin war damals Konstanze Lauterbach, und die jungen Schauspieler wurden durch diese zwei sehr unterschiedlichen Regisseure sehr gefordert. Nächtelang diskutierten alle gemeinsam über künstlerische Konzepte und Figurenzeichnungen. Eine gute Schule, prägend bis heute. Das Theater Rudolstadt machte sich damals weit über die Grenzen Thüringens hinaus einen Namen. Als Uta Koschel während eines Probenzyklus mal nicht besetzt war, übernahm sie die Regieassistenz für eine Inszenierung. »Daher rührt mein großer Respekt für alle Regieassistenten«, sagt sie. Offenbar kniete sie sich so hinein, dass Axel Vornam sie fragte, ob sie es nicht mal selbst versuchen möchte, Regie zu führen. Der ersten Inszenierung, einer Ufa-Schlagerrevue »Wir machen Musik«, folgten bald weitere Regiearbeiten. Der Perspektivwechsel vom Schauspieler, der sich gedanklich und emotional mit seiner Rolle auseinandersetzt, hin zum analytischen Gestalter, der die Figuren miteinander in Beziehung bringt und mit den unterschiedlichsten Mitteln einen Text mit Leben erfüllt, gefiel ihr zunehmend gut. Ihr nächstes Engagement in Greifswald/Stralsund von 1996  bis 2003 unterschrieb sie dann schon als Schauspielerin mit Regieverpflichtung. Bis sie eines Tages beschloss, ausschließlich als Regisseurin zu arbeiten. Zunächst war sie freischaffend tätig unter anderem in Leipzig, am Maxim-Gorki-Theater Berlin, in Schleswig, Magdeburg und weiterhin in Greifswald/Stralsund. Dann kehrte sie als Oberspielleiterin nach Rudolstadt zurück, wo Axel Vornam inzwischen Intendant war. Dort inszenierte sie unter anderem »Yvonne, die Burgunderprinzessin«, den »Sommernachtstraum« und »Romeo und Julia« von Shakespeare, »Die Ratten« von Gerhart Hauptmann oder die deutsche Erstaufführung von »Hafen der Sehnsucht« von Armin Petras. Sehr viel Spaß macht ihr auch die Arbeit mit Schauspielstudenten. So erarbeitete sie mit Studierenden der Schauspielschulen in Leipzig, Rostock und der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin ihre jeweiligen Abschlussinszenierungen.

Nach nunmehr acht erfolgreichen Jahren der Freiberuflichkeit, in denen Berlin ihr Lebensmittelpunkt war und sie an vielen Theatern in ganz Deutschland gearbeitet hat, hat sie nun wieder Sehnsucht nach einem festen Haus. Heilbronn schätzt sie nicht nur wegen des sehr feinen Ensembles, wie sie sagt. Kürzlich hat sie in einer Woche so unterschiedliche Inszenierungen wie »Der nackte Wahnsinn«, »Der Auftrag« und »The Rocky Horror Show« gesehen und dabei zum Teil die gleichen Schauspieler völlig unterschiedlich erlebt. »Für diese Vielfalt liebe ich Theater.« Aber auch die Werkstätten seien großartig, das ganze Haus außergewöhnlich gut organisiert und von einem hohen Arbeitsethos geprägt. Die Stadt ist, wenn auch nicht hübsch, so doch quirlig und dynamisch, das Publikum überaus wach und dem Theater sehr zugetan. Einen Wermutstropfen hat ihr Engagement im Südwesten: Mit ihrem Lebensgefährten Jon-Kaare Koppe, Schauspieler in Potsdam, wird sie weiter eine Fernbeziehung führen. Schon seit der Schauspielschule sind die beiden ein Paar.
Die Schauspielerin merkt man ihr auch noch deutlich an. Wenn sie Dinge beschreibt, tut sie dies mit intensiver Mimik und sehr gestenreich. »Die vier Jahre Studium und die vielen Jahre auf der Bühne haben mich natürlich geprägt, und sie sind für meine Arbeitsweise sehr wichtig«, sagt sie. Eine bestimmte, sofort erkennbare Ästhetik als Markenzeichen habe sie nicht. Sie entwickelt die Inszenierung immer aus dem jeweiligen Stoff heraus gemeinsam mit ihrem Team. Dass sie beide Seiten sehr gut kennt: Die Einsamkeit des Regisseurs, von dem alle die richtige Entscheidung erwarten, und die Ängste des Schauspielers, eine Rolle eventuell nicht zu bewältigen, macht sie nicht nur zur Autoritäts- sondern auch zur Vertrauensperson.
Welches ist ihr Lieblingsstück? »Im besten Fall immer das, an dem ich gerade arbeite«, sagt sie. Freuen wir uns also auf Uta Koschels aktuelles Traumstück »Der Besuch der alten Dame«, mit dem die Theatersaison 2016/17 eröffnet wird.

Von Null auf Hundert – die erste Probe für „Free fall“

Am Sonntagnachmittag treffen sich die 20 Freiwilligen, die im Stück „Free fall“ mittanzen werden, zum ersten Mal. Vor ihnen liegt ein viertägiger Workshop als Vorbereitung für den Auftritt zur Eröffnung von Tanz! Heilbronn. Die Altersspanne erstreckt sich von 15 bis 60plus, Frauen und Männer, manche mit viel Tanzerfahrung, andere mit wenig. In kürzester Zeit werden sie miteinander in engen Kontakt treten. Tänzerin Maite Larrañeta von der Companie Sharon Fridman leitet den Workshop. Nach einer Begrüßung und einer Vorstellungsrunde erläutert sie Rolle und Funktion der Freiwilligen im Stück: eine Landschaft, ein Schwarm von Seesternen, die Gesellschaft, Mittler zum Publikum … Danach geht es gleich mit einer Paarübung los. Eine/r liegt entspannt auf dem Boden und wird vom anderen massiert, bewegt, hin und her gerollt, zur Skulptur geformt. Menschen, die sich gerade erst kennen gelernt haben, begegnen einander über den Körperkontakt anstatt durch Worte. Es folgen Einzelübungen auf dem Boden. Die Tänzerinnen und Tänzer probieren, im Liegen flüssig den Raum zu durchqueren, Hände, Füße und das Körperzentrum dabei geschickt einzusetzen. Maite lobt, gibt Anregungen, demonstriert andere Bewegungen, und ist mit ihrer Aufmerksamkeit überall. Es wird zwischendurch gelacht, auch mal gestöhnt, aber alle sind ganz und gar dabei. Allmählich werden die Aufgaben anspruchsvoller. Für die „Baumübung“ steht eine/r standfest wie ein Baum, die/der andere gleitet, sich festhaltend, an dem stehenden Körper zu Boden. Aus einem Baum wird ein kleines Wäldchen, zu sechst in der Gruppe muss man schon gut aufeinander reagieren. Nach einer Pause wird schließlich die erste Stückszene geprobt, zuerst nur eine bestimmte Bewegung in kleinen Gruppen, dann ruft Maite alle zusammen zum Kreis, arrangiert die Formation, erläutert den Ablauf. Bewegung für Bewegung wird erklärt, ausprobiert, besprochen. Dabei geht es nicht darum, dass alle genau synchron dasselbe ausführen. Die Tänzer/innen sollen statt dessen lernen, einem Bewegungsimpuls von außen zu folgen, ihn aufzunehmen, aufeinander zu reagieren wie bei einer Kettenreaktion, dabei führt jede/r die Bewegung individuell aus.  Zwischendurch kommt Theaterfotograf Thomas Braun. Auf der Suche nach der besten Perspektive wirft auch er sich schließlich zu Boden, robbt mit den Tänzern, die Kamera klickt im Zehntelsekundentakt. Als dann die Musik des Stücks dazukommt, sieht es schon wie eine richtige Szene aus. Maite lobt und strahlt. Am Ende haben alle mit nur einer kurzen Pause fünf Stunden durchgeprobt, konzentriert, freundlich, und mit viel Mut, Dinge zum ersten Mal zu tun.
Autorin: Karin Kirchhoff

Birth. Future. Borders.

Ayleens Clubspionage: Club 4, eine multikulturelle Theatergruppe auf Zukunftssuche

Freitagmorgen, halb 11. Hinter dem Falafel Beirut in der Heilbronner Paulinenstraße, befindet sich eine der Probebühnen des Theaters. Aus der unscheinbaren Halle schallt ein tosender Applaus nach draußen. Es folgen Jubel und Gelächter. Vorsichtig luge ich durch den Türspalt. In der alten Lagerhalle erwartet mich eine kunterbunte, junge Theatergruppe. Dreizehn junge Menschen zwischen 13 und 30 Jahren aus Syrien, Deutschland, Kurdistan, der Türkei, Sri Lanka und Russland begrüßen mich herzlich. Sie laden mich direkt zum Mitmachen ein. Los geht’s mit einem Aufwärmspiel. Nachdem einer der Teilnehmer die Übung auf Arabisch übersetzt hat, laufen wir alle kreuz und quer durch den Raum. Doch sobald einer stoppt, stoppen alle. Sobald sich einer hinlegt, werfen sich alle schnell möglichst auf den Boden. Auf dem Boden liegend schaue ich mich in der Halle um. Stühle und Tische sind an den Rand geschoben worden, dahinter hängen schwarze Theaterstoffe. Zwischen den Stühlen liegen Jacken und Taschen der Teilnehmer. Seit November letzten Jahres trifft sich der Theaterclub 4 wöchentlich. Unterstützt und angeleitet von den beiden Theaterpädagoginnen Ruth Hengel und Natascha Mundt, probt die Gruppe für ihr selbst entwickeltes Stück „Birth. Future. Borders“. Premiere ist am 23.04.16 um 18.00 Uhr in der BOXX. Das Besondere an der Gruppe ist ihre Zusammensetzung. Durch eine Initiative von Ensemblemitgliedern wurden Flüchtlinge auf das Theaterprojekt angesprochen. Auch über andere Organisationen, wie ARGE, Stabstelle Partizipation und Integration, aim, ökumenische Einrichtungen und das Patenschaftsprojekt des Jugendgemeinderates wurden Flüchtlinge mit Lust aufs Theaterspielen gesucht. Aktuell besteht die Gruppe aus Flüchtlingen aus den verschiedensten Regionen und einheimischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Eine bunte Gruppe, aus plus minus 22 Teilnehmern, da ein paar der Flüchtlinge während der Intensivprobenwoche arbeiten oder den Deutschkurs besuchen. Anfangs haben die Teilnehmer bei den Clubtreffen reichlich Zeit damit verbracht sich kennenzulernen. Sie haben sich viel voneinander erzählt. Schließlich soll dieser Teil auch den Kern des Stückes bilden: Eine Dokumentation ihres Lebens und ihrer Suche nach Perspektive. Im Stück berichten sie darstellerisch und musikalisch von Freuden und Schwierigkeiten, die sie erlebt haben. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach ihrer Zukunft und was einmal mit ihnen und der Welt werden wird. Längst haben sich aus den regelmäßigen Proben auch Freundschaften entwickelt. Gemeinsam besucht die Gruppe das Theater oder kocht für einander. Ganz nebenbei lernen die Flüchtlinge so auch Deutsch. Mohammad, der so gut wie kein Deutsch kann, übernimmt das „Auf die Plätze fertig los!“ vor jeder Probe. Viele Requisiten brauchen die Teilnehmer für ihre Geschichte nicht. Das wichtigste Utensil fällt mir in einer Ecke des Raumes ins Auge. Hier stapeln sich schwarze Koffer. Beim genaueren Hinsehen fällt mir auf, dass sie mit Kreide bemalt sind. Auf einem befindet sich eine Dusche, auf dem nächsten sind Blumen. Mit den Koffern werden Orte im Stück fest gemacht. Die aufgemalten Blumen, werden beispielsweise einen Garten darstellen. Die Koffer symbolisieren jedoch noch viel mehr, sie stehen auch für äußere wie innere Reisen der Menschen. Sie verkörpern nationale und soziale Grenzen und Hürden, die die Teilnehmer teils schon überwunden haben oder für ihre Zukunftssuche noch überwinden müssen. Aus der Ecke werden die Koffer jetzt in die Mitte des Raumes geholt. Jeder der Teilnehmer schnappt sich zwei. Die Gruppe versucht schnellst möglich ein Tor aus den schwarzen Behältnissen für eine Szene des Stückes aufzubauen. Schon beginnt ein wildes Kofferstapeln auf der Bühne. Die Gruppe baut zwei hohe schwarze Koffertürme auf. Sie bilden ein Tor. Ganz oben finden ein rosa und ein blauer Regenschirm Platz, Aboud aus Syrien hat sie dort hingebastelt. „Nur schwarz ist zu langweilig“, meint er. Schließlich handelt die Szene von etwas sehr Spannendem: Der Geburt. Jeder Teilnehmer wird darin sein „Auf die Welt kommen“ darstellen, in dem er durch das Tor schreitet. Im Hintergrund ertönt John Kanders Lied „Willkommen, Bienvenue, Welcome“ aus dem Musical „Cabaret“. Im Text, der von Fred Ebb stammt, heißt die erste Zeile „Willkommen, bienvenue, welcome, Fremde, étranger, stranger!“. Wie das ist, als Fremder in eine neue Welt zu kommen und dort willkommen geheißen zu werden, stellen die Teilnehmer ganz individuell dar. Zunächst ragen ein Paar Füße aus dem schwarzen Koffertor heraus. Langsam tasten sie sich ins Bild. Den Füßen folgen Beine und schließlich ein Mädchen. Neugierig klettert sie durch das Tor, hinaus in die Welt. Der nächste Teilnehmer boxt sich durch eine vermeintlich verschlossene Türe durch das Koffertor. Nach und nach folgen alle anderen aus der Gruppe auf die unterschiedlichste Art und Weise. Sie stellen ihre Geburt sehr kreativ dar und manchmal auch so lustig, dass ich mir ein Lachen nicht verkneifen kann. Ob vorsichtig, mutig oder entschlossen, alle kommen durch das Tor auf die andere Seite. Doch was erwartet die Gruppe dort? „Wenn ihr draußen seid, ist es das erste Mal, dass ihr die Welt seht. Es ist auch das erste Mal, dass ihr euch selber seht!“, erklärt Ruth den Teilnehmern. Mit unserer Geburt fängt auch unsere Zukunft an. Obwohl wir viel selbst über unser Leben entscheiden können, hängt die Zukunft sehr davon ab, in welchem Land und in welcher Familie wir geboren werden. Manche der Teilnehmer, ob aus Syrien oder aus den umkämpften kurdischen Gebieten der verschiedenen Staaten, können in ihren Regionen nicht mehr leben und mussten fliehen. Ihre Heimat gibt ihnen im Moment keine Perspektive. Und wie wird es jetzt hier werden? Im Projekt treffen sie auf andere junge Leute, die auch auf der Suche nach ihrem Lebensweg sind. Gemeinsam erträumen sie sich im Projekt ihre Zukunft. Ob diese Träume wahr werden? Eleanor Roosevelts Lebensweisheit macht Mut: „Die Zukunft gehört denen, die an die Wahrhaftigkeit der Träume glauben.“
Auch Ayleen Kern hofft, dass sich ihre Zukunftsträume einmal erfüllen. Davor will die 21-jährige ihr Studium der Rhetorik und Medienwissenschaften in Tübingen abschließen. Für vier Wochen ist sie Praktikantin der Presse und Öffentlichkeitsarbeit am Theater Heilbronn.   

Bild im Kopf – Über Tricks in der Theaterfotografie

Kooperation mit Schule für Gestaltung des Kolping-Bildungszentrums Heilbronn

_MG_6335 Leise schleicht er durch die ersten beiden Reihen des Zuschauerraums. Von rechts nach links und wieder von links nach rechts. Ab und zu verweilt er kurz, wartet auf den richtigen Moment und klick. Er ist unauffällig angezogen. Am liebsten wäre er jedoch unsichtbar, um das Geschehen auf der Bühne nicht zu stören. Und wieder Klick, das Foto ist im Kasten. Wer er ist? So beschreibt Thomas Braun, der als freier Fotograf mittlerweile die zweite Spielzeit am Theater digital festhält, seinen Beruf als Theaterfotograf. Mit seinem Arbeitsfeld beschäftigen sich Schüler der Schule für Gestaltung des Kolping-Bildungszentrums Heilbronn bei einer Besprechung eigener Theateraufnahmen mit Thomas und Silke Zschäckel, der Pressereferentin des Theaters. Seit vielen Jahren kooperiert das Theater Heilbronn mit der Schule. Während der Fotoprobe eines ausgewählten Stückes können sich die Schüler der Klasse für Foto- und Medientechnik in Theaterfotografie ausprobieren. Dieses Jahr besuchten und fotografierten sie ein besonders anspruchsvolles und bildgewaltiges Stück im großen Haus: „Der Auftrag“ von Heiner Müller. Als die Fotos mit einem Beamer an die weiße Wand des Klassenraumes projiziert werden, ernten die Schüler Lob von Silke und Thomas. Sie kommentieren die Werke aus unterschiedlichen Blinkwinkeln. Für die Pressereferentin ist es bei der Auswahl der Pressefotos wichtig, dass alle Hauptdarsteller auf dem Bild sind und dass auf dem Bild die Situation, die sich gerade auf der Bühne abspielt, deutlich wird. Es soll keine statische Aufnahme sein, sondern dynamisch und auch mit „Action“. Schließlich soll sie nicht nur ansprechen, sondern auch neugierig auf die Vorstellung machen. „Die Fotos auf unseren Theaterbannern und in den Medien entscheiden mit darüber, ob die Leute nachher ins Theater gehen oder nicht“, meint Silke. Bei der Beurteilung der Schülerfotos zählen jedoch andere Aspekte: Der besondere Blick, den die Schüler haben. Manche der Bilder der Schüler haben eine besonders schöne Aufteilung oder fangen die Darsteller in einer für das Stück wichtigen Szene ein. Schwierig an der Theaterfotografie ist, dass eine Szene nicht noch einmal wieder kommt. Um wichtige Momente nicht zu verpassen, gibt Thomas den Schülern Tipps: „Versucht das Bild, das ihr machen wollt, vorher im Kopf zu haben. Folgt der Handlung um Höhepunkte mitzubekommen.“ Auch für die schwierigen Lichtverhältnisse im Theater hat er einen Kniff auf Lager: „Mit dem Licht was auf der Bühne ist, müsst ihr auskommen. Seid variabel mit eurem Standort, dadurch könnt ihr andere Lichtverhältnisse reinbekommen.“ Generell empfiehlt er, vor der Fotoprobe mit Dramaturg, Regie und Technik zu sprechen. So weiß man über besondere Lichteinstellung, Bühnenaufgänge und -abgänge und Höhepunkte des Stückes Bescheid. Die Theaterfotografie ist keine rein dokumentarische Arbeit. Sie erfordert viel Sensibilität, Aufmerksamkeit und Geduld, um das Besondere aus einer Inszenierung herauszukitzeln und deren Ton zu treffen. „Wichtig ist, dass jeder bei sich selbst bleibt und sich nicht neu erfindet“, fasst Thomas zusammen. Das ist auch das Spannende an der Kooperation mit den Schülern. Mit ihren Bildern werfen sie einen ganz besonderen Blick auf die Inszenierung. Im Theater sind alle schon gespannt auf deren Fotografien.
Gerne würde Ayleen Kern ihre Texte vor dem Schreiben auch im Kopf haben. Die 21-jährige studiert Medienwissenschaften und Rhetorik in Tübingen. Für vier Wochen ist sie Praktikantin der Presse und Öffentlichkeitsarbeit am Theater Heilbronn.
Fotos: Diana Gilgenberg, Elena Gighashvili, Kim Falkner, Julia Winkler, Lorena Köhler, Anastasia Wirth

Abformung eines menschlichen Körpers – oder wie ein künstlicher Toter hergestellt wird

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Ja, auf der Bühne wird auch gestorben. Nicht in Wirklichkeit – zum Glück, sondern nur zum Schein für die Kunst. Und manchmal müssen die „toten“ Körper nach ihrem Bühnensterben noch so allerhand ertragen, was ein quicklebendiger Schauspieler selbst mit größter Körperspannung nicht aushalten würde – stundenlang kopfunter hängen zum Beispiel. An dieser Stelle kommen unsere Meister der perfekten Täuschung ins Spiel – die Kolleginnen und Kollegen aus dem Malersaal. Diese verwandeln nicht nur schnödes Holz in Gold oder Styropor in Marmor, um nur mal zwei Beispiele zu nennen. Sie können auch täuschend echte Leichen herstellen. „Abformung eines menschlichen Körpers“ nennt sich ihr Verfahren. Für Heiner Müllers Schauspiel „Der Auftrag“ war dieser Tage ihr ganzes Können gefordert. Das hat zwar erst im Januar Premiere, aber die Werkstätten sind immer die ersten, die alle Zuarbeiten für eine Inszenierung geleistet haben.  Aus dem Malersaal kommen also diesmal unter anderem die „Leichen“.

Zunächst galt es, zwei Freiwillige zu finden, die sich als Schablone für diesen zugegeben etwas makaberen Job zur Verfügung stellen. Unsere zwei Schreinergesellen Luke Pantke und Lucas Steinhoff ließen sich nicht lange bitten. Wann wird schon mal der eigene Körper für die Kunst verewigt? Ob sie während des Procederes der Abformung glücklich waren, dass sie sofort zugesagt haben? Das hatte es nämlich ganz schön in sich und kostete sie Nerven, Geduld und so manches kleine Körperhärchen.

Die Konturen des Körpers werden zunächst mit Gips abgeformt. Am ersten Tag die Vorderseite. Dafür legten sich die beiden in der Stellung, die der „tote“ Körper später einnehmen soll, auf den Rücken. Sie mussten sich bis auf die Unterhose ausziehen, die Hose wurde mit Klarsichtfolie umwickelt, damit man keine Abdrücke sieht. Dann wurden Luke und Lucas von Kopf bis Fuß dick mit Vaseline eingecremt. Röhrchen zum Atmen kamen in Mund und Nase. Und alle, die im Malersaal eine freie Hand hatten, deckten die Körper mit Gipsbinden zu. Man kennt diese Binden vom Arzt, wenn man sich einen Arm oder ein Bein gebrochen hat. Sie werden in Wasser getaucht, in noch weichem Zustand auf den Köper gedrückt und härten dann aus. Wer schon mal einen Gips hatte, weiß, wie unangenehm das sein kann. Doch hier wurde eine Hälfte des kompletten Körpers von Kopf bis Fuß eingegipst. Rund 20 Minuten durften sich die beiden nicht bewegen. Ganz klar, dass gerade in so einem Moment die Nase juckt und dass es Krämpfe in den Beinen gibt. Aber der Gipspanzer verhinderte auch das kleinste Zucken. Dann die Erlösung: Das Team um Malersaal-Vorstand Herbert Kübler und Karlheinz Kirchler hob vorsichtig die Gipshülle ab. Die Form wurde dann mit PU-Schaum und Gips stabilisiert. Denn schon am nächsten Tag mussten sich die beiden da rein legen, um die Hinterseite abformen zu lassen – wieder das unerträgliche Jucken, die Krämpfe, das regungslose Liegen – 20 unendlich lange Minuten. Dann war die Schablone fertig.

Wie Sandkastenförmchen werden diese Formen in einem nächsten Schritt komplett ausgefüllt – mit einer speziellen Gummimilch, die, wenn sie aushärtet, wie Fleisch aussieht. Stabilisiert wird das Ganze mit einem „Skelett“ aus Holzwirbeln, Knochen und Scharnieren (pardon Gelenken) – ganz nach dem Vorbild eines echten Menschen. Dies wird von den Abteilungen Schlosserei und Schreinerei beigesteuert. Anschließend sind wieder die Maler und zusätzlich die Abteilung Maske dran, die dem Gebilde aus „Muskeln“ und „Knochen“ noch Haut und Haare verpassen. Und dann dürfen die „Toten“ auf die Bühne.

Ich denke wieder einmal: was ist das Theater nur für ein verrückter, wunderbarer Ort, nicht nur auf der Bühne, sondern jeden Tag aufs Neue auch hinter den Kulissen.
Silke Zschäckel

Sommererinnerungen: Vorschaubuch auf Reisen

Wenn die Tage kälter, dunkler und regnerisch werden, dann lohnt es umso mehr zurückzudenken an die Erlebnisse im Sommerurlaub. Auch in diesem Jahr haben wir unsere Zuschauer aufgefordert uns Bilder zu schicken, die zeigen, wohin sie unser Vorschaubuch begleitet hat. Im September haben wir bereits die Gewinner der Aktion ausgelost und informiert. Nun zeigen wir einige der Bilder.

Oliver Firit macht Stop-Motion-Filme mit Star-Sprechern

FiritWenn jemand wie Darth Vader sich ändern kann, dann schafft es jeder. Das ist die Moral von der Geschicht‘ in Oliver Firits Version von Charles Dickens‘ Christmas Carol. Hier steht der dunkle Lord im Mittelpunkt und wird durch die Begegnungen mit den Geistern der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft von einem ignoranten, ja bösartigen Wesen zu einem liebevollen Vater, einem guten Lehrer und einem großen Vorbild. 57 Minuten dauert diese Stop-Motion-Produktion von »firi-film«. »A Sithmas Carol« ist sein bisher dritter Film, zwei davon abendfüllend, und Höhepunkt seiner Heuballen-Trilogie (weil in jeder Folge ein Heuballen auftaucht). Die ersten beiden Animationsstreifen heißen »Abenteuer auf Tatooine« (23 Minuten) und »The Omega Game« (72 Minuten). In diesen Action-Film-Persiflagen stolpern munter alle Haupthelden aus dem Star-Wars-Universum, aus »Herr der Ringe« und kämpferische Ninja Turtles durcheinander und werden zu Darstellern ganz neuer Geschichten, die Oliver Firit erfindet und mit vielen Effekten, Soundtracks und mit Profi-Sprechern umsetzt. Fast das ganze männliche Schauspielensemble und auch einige Schauspielerinnen des Heilbronner Theaters sind involviert und voller Begeisterung dabei – denn hier dürfen sie noch mal Kind sein. Und mit dabei ist auch ein echter Filmstar: Christian Friedel, der Darsteller des Elser aus »Elser – er hätte die Welt verändert«. Ein Freund von Oliver Firit seit Kindertagen. Beide sind zusammen in Magdeburg eingeschult worden, waren gemeinsam im Theaterjugendclub und haben dann beide Schauspiel studiert. Neben professionellen Sprechern haben die Animationsstreifen auch sonst alles, was zu großen Kino-Filmen gehört: Trailer, Plakate und ein lustiges Making Off.

Seit Anfang 2014 pflegt Oliver Firit sein, wie er zugibt, zeitraubendes Hobby. Alles begann damit, dass er für seinen ältesten, heute fünfjährigen Sohn Bastian eine Kiste mit alten Superheldenfiguren aus dem Keller holte und diese im Spiel zum Leben erweckte. »Und da erinnerte ich mich daran, dass ich eigentlich schon immer mal einen Puppentrickfilm machen wollte«, sagt er. Das Computerprogramm Movie-Maker machte es möglich: Mit einem Fotoapparat fotografierte er Veränderung für Veränderung – Arme und Beine, die sich heben und senken, Figuren, die in Flugobjekten durch den Raum fliegen. Bild für Bild wird bearbeitet, die Hände etwa, die Raketen durch den Raum fliegen lassen, werden rausretuschiert, stattdessen  blinkende Laserschwerter, sich bewegende Münder oder Lichteffekte hineinmontiert. Für Flugszenen am Himmel hat er ein ganzes Arsenal an schönen Wolken fotografiert, die je nach Bedarf zusammengefügt werden. Auch seine ganze Wohnung dient als Film-Kulisse. Das Bett mit einer dicken grauen Decke wird zu einer morbiden Gesteinslandschaft, bemalte Latexreste aus der Maske des Theaters werden zu Lavaströmen, die weißen Fliesen des häuslichen Bades zum hermetisch abgeriegelten Reich des Darth Vader auf dem Todesstern, sogar das Töpfchen von Benjamin, dem kleinsten Sprössling von Oliver Firit, dient in seiner spacigen Form als Kulisse. Ansonsten entstehen aus den Baukästen von Lego und Co, aus Pappe und Papier die wunderbarsten Hintergründe.

10 Bilder braucht er, um eine einzige Sekunde Film zu produzieren. Man kann sich vorstellen, wie lange er an einem Streifen sitzt. Angefangen von den gestellten Szenen, über die eingesprochenen Texte bis hin zum Schneiden und zur Postproduktion, wenn Sprache, Musik, Licht- und Toneffekte eins werden – alles wird mit Liebe und einem großen Augenzwinkern gemacht. Seine Frau Sabine ist nur manchmal ein bisschen sauer, wenn tatsächlich in der ganzen Wohnung Kulissen aufgebaut sind und sie kaum ein Bein vors andere setzen kann. Sie freut sich aber auch, wenn die Kinder Bastian, Lina und sicher irgendwann auch der Kleinste Benny, schon mitspielen und den Kinderfiguren ihre Stimmen leihen. Bastian und Lina haben sogar schon selbst angefangen, unter Anleitung vom Papa, kleine Animationsfilme mit ihren Spielsachen herzustellen. Hat er Lust, der Schauspielerei mal ganz den Rücken zu kehren und sich ausschließlich auf Animationsfilme zu konzentrieren? »Nein!«, sagt Oliver Firit. Erstens habe er als Schauspieler einen sehr spannenden Beruf – den er übrigens nicht nur als Sprecher, sondern auch manchmal als leibhaftiger gigantischer Actionheld, der im Film auf die Größe seiner Spielfiguren schrumpft, in seine Filme mit einbringt. Und zweitens würden ihm die Geduld und der Perfektionismus fehlen, welche die Macher von Filmen wie »Shaun das Schaf« und »Wallace und Gromit« an den Tag legen. Und er gesteht: »Das Sandmännchen«, auch eine animierte Figur, sehe er jetzt mit ganz anderen Augen. Voller Hochachtung für die Arbeit, die dahinter steckt.

Von Silke Zschäckel

Einmal Ruhestörer sein am 11. Juli!

Es liegt was Gelbes in der Luft …

… und damit meinen wir nicht den hartnäckigen Pollenstaub! In Vorbereitung auf ein großes Ereignis, sehen wir am Theater Heilbronn schon jetzt ziemlich viel gelb. Heute in genau 4 Wochen beginnt um Punkt 13.00 Uhr mit einem lauten Knall unser Tag der offenen Tür.
Getreu dem Motto der nächste Spielzeit „Querdenker und Störenfriede“ steht dieser Tag ganz im Zeichen von Stören und Stören lassen. Lassen Sie sich bei einer Gruselführung durch die Katakomben des Theaters nicht von schauerlichen Gestalten stören oder „stören“ Sie selbst beim „Rundgang für Selbststörer“ mit ihren Fragen die Mitarbeiter aus Maske, Schneiderei, Requisite, Malersaal und Tischlerei. Störfreien ist die Probebühne im Theater Heilbronn. Hier erlernen Sie mit Darstellern unseres Ensembles Grundlagen des Synchronsprechens und Schauspielens. Auch das Junge Theater rund um die Spielstätte BOXX hat an diesem Tag einige Störungen zu vermelden. Neben Kinderschminken, einer Theaterrallye und Graffiti-Kunst erlernen die kleinen „Ruhestörer“ das Kugellaufen und entwickeln mit Schauspielern des Ensembles eine tierische Laut-Performance. Genießen Sie ganz ungestört im Stör-Café musikalische Highlights dieser Spielzeit bei Kaffee und Kuchen, bevor die Bühnenshow im Großen Haus Einblicke in technische Tricks und Raffinessen der Theatermaschinerie bietet. Traditionell findet um 17.00 Uhr die Kostüm- und Requisitenversteigerung mit Auktionator und Intendant Axel Vornam und seinem störmisch-charmanten Assistenten statt. Aufmerksam machen wollen wir Sie auf unser buntes Programm mit der Farbe, die laut Farbenlehre die stimulierendste und kommunikativste Couleur ist, die es gibt: gelb. Dazu ein sattes schwarz kombiniert und fertig ist der Hingucker! Seitdem wir uns für dieses Outfit für unseren Tag der offenen Tür entschieden haben, sehen viele Mitarbeiter nur noch gelb. Gelbe Blumen, gelbe Autos, gelbes zerknülltes Papier … Die Fotos zeigen den ganzen gelben Wahnsinn. Vielleicht sind sie jetzt auch schon auf den gelben Geschmack gekommen? Wenn nicht, garantieren wir Ihnen, dass Sie spätesten am 11. Juli auch gelb sehen werden, wenn es Punkt 13.00 Uhr am Theater Heilbronn heißt: „Bitte stören Sie!“

Wie ein Spielplan entsteht …

v.l. Alejandro Quintana, Andreas Frane, Axel Vornam, Stefanie Symmank, Stefan Schletter

»Nach dem Spielplan ist vor dem Spielplan«: Wenn Mitte April auf der alljährlichen Pressekonferenz Intendant Axel Vornam, Hausregisseur Alejandro Quintana und die Dramaturgen die 25 Premieren der kommenden Spielzeit der Öffentlichkeit vorstellen, dann haben die Vorüberlegungen für die übernächste Saison bereits begonnen. Schon sind Kontakte zu anderen Theatern geknüpft, um Musiktheater- und Tanzgastspiele für die Zukunft anzudenken. Und das permanente Lesen aktueller Stücke, über die die Theaterverlage in regelmäßigen Abständen per E-Mail oder über ihre Broschüren informieren, hört sowieso nie auf.
Das Spielplan-Machen ist ein ständiger, durchaus langwieriger Prozess, für die Dramaturginnen und Dramaturgen der deutschen Theaterlandschaft ist es die Kür zur Pflicht des Tagesgeschäfts. Denn das ist ihr großes Spielfeld: Das Lesen und Auswählen, das Suchen und Finden, das Diskutieren und Abwägen. Andreas Frane und Stefanie Symmank schlagen die Stücke für Großes Haus und Komödienhaus, Stefan Schletter für die BOXX vor, die Entscheidungshoheit hat dabei Intendant Axel Vornam, der die thematische Diskussion anstößt und sich mit eigenen Vorschlägen, manchmal durchaus streitbar, in die Stück- und Stoffsuche einbringt.
Wie zu jedem Spiel, gehören allerdings auch zu diesem Regeln: Die Anzahl und Verteilung der Stücke auf die Spielstätten ist gesetzt, dazu kommen Gastspiele aus Oper, Operette, Ballett, Tanztheater und Boulevard, gerne auch mal auf Schwäbisch. Und dabei macht’s die intelligente Balance: Ein gutes Verhältnis aus Klassischem und Neuem, Unterhaltung und Anspruch, für alle Altersgruppen. Sternchenthemen und Schullektüren wollen dabei ebenso beachtet sein wie entscheidende Fragen wie »Was wird dieses Jahr das Weihnachtsmärchen?« oder »Was spielen wir an den Feiertagen und an Silvester?«. Dazu kommt noch: »Haben bzw. finden wir dafür die richtigen Regisseure?« und »Können wir alles mit unserem Ensemble besetzen?« Und natürlich sollten die Stücke möglichst in den letzten zehn Jahren nicht bereits gelaufen sein, denn nicht nur wir, sondern auch unsere Abonnenten lieben die Abwechslung.
Das klingt kompliziert, fast unlösbar und irgendwie »strategisch«? Keine Sorge, das sind nur die Rahmenbedingungen, denn innerhalb dieses Rahmens wird es spannend: Auf den sogenannten Spielplankonferenzen, zu denen sich Dramaturgie und Intendant im stillen Kämmerlein regelmäßig treffen, sind der Fantasie, dem Findungsreichtum und der Diskussionslust erst einmal keine Grenzen gesetzt. Welches Profil wollen wir dem Haus und den einzelnen Spielstätten geben? Welche Themen bewegen uns und unser Publikum gerade? Wie positioniert sich das Theater zu den gesellschaftspolitischen Fragen und Problemen unserer Zeit? Manchmal gerinnt aus diesen Diskussionen in Verbindung mit Stoffen und Texten bereits ein übergreifendes Thema, manchmal verständigt man sich erst über ein mögliches »Motto« der Spielzeit und macht sich dann auf die Suche nach Stücken dazu.
Doch wie hält sich die Aktualität und Relevanz eines Spielplans? Theater ist im Vergleich zu den modernen Massenmedien ein eher langsames Medium, das heißt, der Weg von der Spielplanplanung bis zur Premiere dauert mindestens ein halbes Jahr. Und was beim Planen auf den Nägeln brennt, könnte sich später als Strohfeuer erwiesen haben. Unsere Stärke allerdings liegt in der Kontinuität, der Vertiefung, der Zuspitzung und der »Nachhaltigkeit«, mit der wir uns mit Fragen und Themen beschäftigen. Und in der Konzentration, die das dem Publikum abverlangt. Wo sonst kommen noch so viele Menschen an einem Ort zusammen, um sich für zwei Stunden oder länger mit einer Inszenierung auseinander zu setzen? Ist der Spielplan komplett, wird es für uns ernst: Werden wir mit unseren Themen, Titeln und Inszenierungen das Publikum treffen – ins Hirn, ins Herz, manchmal auch ins Zwerchfell? Das entscheiden am Ende Sie!