Richard O’Brien’s „gesündeste Verrückte“

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Das Publikum ist nach jeder Vorstellung begeistert. Die Menschen, die den Saal später säubern müssen, sind es wahrscheinlich eher nicht.

Kenner wissen, um welche Show es sich hier handelt. Selbstverständlich um die Rocky Horror Show von Richard O`Brien. Viele kennen bestimmt die großartige Verfilmung unter dem Titel „The Rocky Horror Picture Show“. Der einzigartige Kult um die Horror-Show begann während einer dieser Filmvorführungen im September 1976. Der Lehrer Louis Farese jr. verspürte den unbezwingbaren Drang, mitten im Film aufzuspringen und ihn zu kommentieren. Andere Zuschauer machten es ihm daraufhin nach und so entwickelten sich mit der Zeit die ganz eigenen Zuschauerrituale, bei denen vom Werfen mit Konfetti und markanten Zwischenrufen alles gegeben ist.

Was soll das denn? Eine einschläfernde Eingangsrede des Erzählers? Das quittieren wir mit einem lauten „Langweilig!“, um zu zeigen, dass es so nicht geht.

Gerade schien doch noch die Sonne und jetzt regnet es aus allen Wolken? Das einzige, mit dem wir uns schützen können, sind Zeitungen, also auspacken und schnell über den Kopf!

Janet und Brad sind auf dem Weg zu ihrem ehemaligen Lehrer Dr. Scott. Sein Name verspricht nichts Gutes. Jedes Mal wenn er fällt, sagen wir laut „Ugh!“.

Bei einem Bewohner des Schlosses, dem mysteriösen Eddie, verfahren wir genauso, nur dass wir mit „Shht!“ reagieren, wenn sein Name fällt. Frank’n’Furter, der Schlossherr, ist eine sehr eigene Person. Er legt gerne genüssliche Kunstpausen ein, so auch beim Wort „anticipation“. Wir wollen, dass er endlich mit der Sprache rausrückt und schreien „Los, sag es!“.

Es steht die Geburt von Rocky, der größten „Schöpfung“ Frank’n’Furters an. In dieser Szene ist die Zeit für unsere Rasseln und Gummihandschuhe gekommen. Rocky wird wie eine Mumie aus Mullbinden ausgewickelt, wir unterstützen die Szenerie in dem wir mit Toilettenpapier werfen. Den Gang ins Hochzeitslager von Rocky und Frank’n’Furter begleiten wir mit einem ordentlichen Konfettiregen.

Aber schon bald naht das unfreiwillige Ende der Lebenszeit von Frank’n’Furter. Wir begleiten ihn auf seinen letzten Metern mit einem Spielkartenregen. Weshalb Spielkarten? Er singt „cards for sorrow, cards for pain“. Nun ja, manchmal hat man einfach nur Pech im Leben und das Schicksal schlägt unerbittlich zu.

Damit ihr auch Teil der großartigen „Rocky Horror Show“ werden könnt, gibt es vor der Vorstellung die Fanbags für jeweils sieben Euro zu erwerben. Bitte bringt keine eigenen „Requisiten“ von zu Hause mit. Denn wir wollen ja nicht, dass in diesem ganzen Spaß jemand zu Schaden kommt, auch mit Rücksicht auf unser Reinigungspersonal.

Max Ehrenfeld hat auch noch unbedingt vor, sich die „Rocky Horror Show“ anzusehen. Der 21-Jährige ist für drei Monate am Theater Heilbronn Praktikant in der Presse und Öffentlichkeitsarbeit.

 

Über Stimme, Sprache und Selbstbewusstsein

Die Auszubildenden der Kreissparkasse Heilbronn auf Exkursion in der Theaterwerkstatt

Workshop Sparkasse

„Hey! Heeey! You. You! Hey!“, schallt es laut durch die Theaterwerkstatt im Wollhaus, während von draußen der Regen an die Scheiben klopft. Mal klingt ein Ausruf ganz hoch, mal lässig und entspannt oder sehr fordernd, fast angriffslustig. Dreizehn Auszubildende der Sparkasse Heilbronn, die beiden Theaterpädagogen Katrin Singer und Ramona Klumbach und ich stehen im Kreis. Wir rufen uns „hey“ oder „you“ in einer bestimmten Reihenfolge zu. Dabei richten wir unseren Ausruf gezielt auf den oder die Nächsten. Blick und Arm fokussieren den Ansprechpartner und dann wird laut und deutlich „hey“ gerufen, solange bis der andere sich angesprochen fühlt und das „hey“ an einen anderen weiterschickt.

Es ist eine Aufwärmübung für den zweistündigen Workshop über Stimme, Sprechen und auch über sicheres Auftreten für die Auszubildenden der Kreissparkasse Heilbronn. Ein derartiger Workshop ist besonders, normalerweise dienen die Workshops der Theaterpädagogik der Kunstvermittlung. Sie sind an ein Kunstwerk gebunden. Anders der Workshop für die Azubis, dieser fördert die Persönlichkeitsbildung. Katrin und Ramona bieten ihn speziell für die Sparkasse Heilbronn an, da diese seit seiner Gründung der BOXX Sponsor des Jungen Theaters Heilbronn ist. Auch in Zukunft sind weitere Kooperationsprojekte angedacht.

„Hey“ und „you“ werden von „Wachsmaske, Whiskeymixer und Messwechsel“ abgelöst. Schon beim Hören stolpern meine Gedanken über die Worte. Bei der Aussprache wird es nicht einfacher, alle konzentrieren sich sehr. Je mehr man aber darauf achtet, desto mehr verhaspelt man sich. Es fallen sehr lustige Versprecher. „Seid mutig! Sagt was ihr meint und behauptet es auch!“ wirft Ramona in die Runde. Mit den schwierigen Worten üben wir deutliche Aussprache. Noch komplizierter wird es, als Zungenbrecher ins Spiel kommen. Jeder Teilnehmer bekommt seinen eigenen auf einem kleinen Zettel. Seine Aufgabe ist es, durch den Raum marschierend den Zungenbrecher traurig, fröhlich, mit imaginärem Kaugummi oder heißer Kirsche im Mund aufzusagen. Es ist gar nicht so einfach, und hier und da bricht schallendes Gelächter aus. Spannend wird es, als die Sprüche von verschiedenen Positionen im Raum aus vorgetragen werden sollen, die für unterschiedliche Typen in einem Unternehmen stehen: Von einem Chef, einer fröhlichen Person oder einer, die alles falsch machen darf. Mutig schlüpfen die Teilnehmer in unterschiedliche Rollen und ernten viel Lob von den Theaterpädagoginnen. „Veränderst du deine Haltung, dann veränderst du deinen Ausdruck“, erläutert Katrin. Ein großes offenes Auftreten bewirkt sofort auch eine selbstbewusstere Ausstrahlung einer Person.

Wie ganz nebenbei lernen die Azubis von Katrin und Ramona einiges übers Sprechen: Dass Sprechen nicht nur von Stimmbändern, Zunge oder Zwerchfell erzeugt wird, sondern dass der ganze Körper dabei eine Rolle spielt. „Wenn man jemanden laut ruft, muss das Rufen vom ganzen Körper ausgesendet werden“, erklärt Katrin. Es ist auch wichtig, seine „Sprechmuskeln“ zu trainieren. Am besten geht das mit Zungen-Sit-ups, Wangenboxen oder Atemübungen. Die Pädagoginnen geben den Teilnehmern ein breites Repertoire an verschiedenen Übungen mit. Auch Tipps für das direkte Kundengespräch oder wie man sich, wenn man nervös ist, wieder entspannen kann. Es hilft beispielsweise zu gähnen und sich zu strecken, das lockert.

In einer Abschlussfeedbackrunde sind alle vom Workshop begeistert. Die Azubis haben viel über sich und ihre Stimme gelernt. Durch die letzte Aufgabe, sagen einige von sich, haben sie mehr Selbstvertrauen im Auftreten gewinnen können. Mit einem Partner haben sie verschiedene Texte kreativ dargestellt. Dabei haben sie mit pfiffigen Ideen die Erwartungen der Teilnehmer und auch der Theaterpädagoginnen übertroffen. Über sich selbst hinauszuwachsen, ist nicht einfach mal ebenso erledigt. Und vor allem im Kundengespräch, in welchem es die Azubis mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun haben, hilft ein sicheres und selbstbewusstes Auftreten. Am Ende betont Katrin noch das Wichtigste: „Es ist trotzdem immer gut du selbst zu sein und nicht vorzugeben, jemand anderes zu sein.“

Der Workshop erinnert Ayleen Kern an ihr eigenes Studium der Rhetorik und Medienwissenschaften in Tübingen. Die 21-jährige ist für vier Wochen Praktikantin in der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Theater Heilbronn.

Birth. Future. Borders.

Ayleens Clubspionage: Club 4, eine multikulturelle Theatergruppe auf Zukunftssuche

Freitagmorgen, halb 11. Hinter dem Falafel Beirut in der Heilbronner Paulinenstraße, befindet sich eine der Probebühnen des Theaters. Aus der unscheinbaren Halle schallt ein tosender Applaus nach draußen. Es folgen Jubel und Gelächter. Vorsichtig luge ich durch den Türspalt. In der alten Lagerhalle erwartet mich eine kunterbunte, junge Theatergruppe. Dreizehn junge Menschen zwischen 13 und 30 Jahren aus Syrien, Deutschland, Kurdistan, der Türkei, Sri Lanka und Russland begrüßen mich herzlich. Sie laden mich direkt zum Mitmachen ein. Los geht’s mit einem Aufwärmspiel. Nachdem einer der Teilnehmer die Übung auf Arabisch übersetzt hat, laufen wir alle kreuz und quer durch den Raum. Doch sobald einer stoppt, stoppen alle. Sobald sich einer hinlegt, werfen sich alle schnell möglichst auf den Boden. Auf dem Boden liegend schaue ich mich in der Halle um. Stühle und Tische sind an den Rand geschoben worden, dahinter hängen schwarze Theaterstoffe. Zwischen den Stühlen liegen Jacken und Taschen der Teilnehmer. Seit November letzten Jahres trifft sich der Theaterclub 4 wöchentlich. Unterstützt und angeleitet von den beiden Theaterpädagoginnen Ruth Hengel und Natascha Mundt, probt die Gruppe für ihr selbst entwickeltes Stück „Birth. Future. Borders“. Premiere ist am 23.04.16 um 18.00 Uhr in der BOXX. Das Besondere an der Gruppe ist ihre Zusammensetzung. Durch eine Initiative von Ensemblemitgliedern wurden Flüchtlinge auf das Theaterprojekt angesprochen. Auch über andere Organisationen, wie ARGE, Stabstelle Partizipation und Integration, aim, ökumenische Einrichtungen und das Patenschaftsprojekt des Jugendgemeinderates wurden Flüchtlinge mit Lust aufs Theaterspielen gesucht. Aktuell besteht die Gruppe aus Flüchtlingen aus den verschiedensten Regionen und einheimischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Eine bunte Gruppe, aus plus minus 22 Teilnehmern, da ein paar der Flüchtlinge während der Intensivprobenwoche arbeiten oder den Deutschkurs besuchen. Anfangs haben die Teilnehmer bei den Clubtreffen reichlich Zeit damit verbracht sich kennenzulernen. Sie haben sich viel voneinander erzählt. Schließlich soll dieser Teil auch den Kern des Stückes bilden: Eine Dokumentation ihres Lebens und ihrer Suche nach Perspektive. Im Stück berichten sie darstellerisch und musikalisch von Freuden und Schwierigkeiten, die sie erlebt haben. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach ihrer Zukunft und was einmal mit ihnen und der Welt werden wird. Längst haben sich aus den regelmäßigen Proben auch Freundschaften entwickelt. Gemeinsam besucht die Gruppe das Theater oder kocht für einander. Ganz nebenbei lernen die Flüchtlinge so auch Deutsch. Mohammad, der so gut wie kein Deutsch kann, übernimmt das „Auf die Plätze fertig los!“ vor jeder Probe. Viele Requisiten brauchen die Teilnehmer für ihre Geschichte nicht. Das wichtigste Utensil fällt mir in einer Ecke des Raumes ins Auge. Hier stapeln sich schwarze Koffer. Beim genaueren Hinsehen fällt mir auf, dass sie mit Kreide bemalt sind. Auf einem befindet sich eine Dusche, auf dem nächsten sind Blumen. Mit den Koffern werden Orte im Stück fest gemacht. Die aufgemalten Blumen, werden beispielsweise einen Garten darstellen. Die Koffer symbolisieren jedoch noch viel mehr, sie stehen auch für äußere wie innere Reisen der Menschen. Sie verkörpern nationale und soziale Grenzen und Hürden, die die Teilnehmer teils schon überwunden haben oder für ihre Zukunftssuche noch überwinden müssen. Aus der Ecke werden die Koffer jetzt in die Mitte des Raumes geholt. Jeder der Teilnehmer schnappt sich zwei. Die Gruppe versucht schnellst möglich ein Tor aus den schwarzen Behältnissen für eine Szene des Stückes aufzubauen. Schon beginnt ein wildes Kofferstapeln auf der Bühne. Die Gruppe baut zwei hohe schwarze Koffertürme auf. Sie bilden ein Tor. Ganz oben finden ein rosa und ein blauer Regenschirm Platz, Aboud aus Syrien hat sie dort hingebastelt. „Nur schwarz ist zu langweilig“, meint er. Schließlich handelt die Szene von etwas sehr Spannendem: Der Geburt. Jeder Teilnehmer wird darin sein „Auf die Welt kommen“ darstellen, in dem er durch das Tor schreitet. Im Hintergrund ertönt John Kanders Lied „Willkommen, Bienvenue, Welcome“ aus dem Musical „Cabaret“. Im Text, der von Fred Ebb stammt, heißt die erste Zeile „Willkommen, bienvenue, welcome, Fremde, étranger, stranger!“. Wie das ist, als Fremder in eine neue Welt zu kommen und dort willkommen geheißen zu werden, stellen die Teilnehmer ganz individuell dar. Zunächst ragen ein Paar Füße aus dem schwarzen Koffertor heraus. Langsam tasten sie sich ins Bild. Den Füßen folgen Beine und schließlich ein Mädchen. Neugierig klettert sie durch das Tor, hinaus in die Welt. Der nächste Teilnehmer boxt sich durch eine vermeintlich verschlossene Türe durch das Koffertor. Nach und nach folgen alle anderen aus der Gruppe auf die unterschiedlichste Art und Weise. Sie stellen ihre Geburt sehr kreativ dar und manchmal auch so lustig, dass ich mir ein Lachen nicht verkneifen kann. Ob vorsichtig, mutig oder entschlossen, alle kommen durch das Tor auf die andere Seite. Doch was erwartet die Gruppe dort? „Wenn ihr draußen seid, ist es das erste Mal, dass ihr die Welt seht. Es ist auch das erste Mal, dass ihr euch selber seht!“, erklärt Ruth den Teilnehmern. Mit unserer Geburt fängt auch unsere Zukunft an. Obwohl wir viel selbst über unser Leben entscheiden können, hängt die Zukunft sehr davon ab, in welchem Land und in welcher Familie wir geboren werden. Manche der Teilnehmer, ob aus Syrien oder aus den umkämpften kurdischen Gebieten der verschiedenen Staaten, können in ihren Regionen nicht mehr leben und mussten fliehen. Ihre Heimat gibt ihnen im Moment keine Perspektive. Und wie wird es jetzt hier werden? Im Projekt treffen sie auf andere junge Leute, die auch auf der Suche nach ihrem Lebensweg sind. Gemeinsam erträumen sie sich im Projekt ihre Zukunft. Ob diese Träume wahr werden? Eleanor Roosevelts Lebensweisheit macht Mut: „Die Zukunft gehört denen, die an die Wahrhaftigkeit der Träume glauben.“
Auch Ayleen Kern hofft, dass sich ihre Zukunftsträume einmal erfüllen. Davor will die 21-jährige ihr Studium der Rhetorik und Medienwissenschaften in Tübingen abschließen. Für vier Wochen ist sie Praktikantin der Presse und Öffentlichkeitsarbeit am Theater Heilbronn.   

Auf der Spur der Frisur

oder wie aus einer Yogamatte ein wilde Haarpracht wurde

„Lockenhölzer, Bartkrepp, Resthaar, Leinen und Hanfschnüre“ steht in einem kleinen weißen Rechteck auf einem großen hölzernen Schrank. Sieben weitere Schränke schließen sich in einer Reihe an, voll mit den unterschiedlichsten und ungewöhnlichsten Materialen. Ich befinde mich in der Maskenwerkstatt des Theaters. Dort will ich etwas über Herstellung der eindrucksvollen Perücken des Stückes „Die Werkstatt der Schmetterlinge“ herausfinden. Sie sehen wirklich faszinierend aus. Ich kenne niemand, der solch eine Frisur trägt. Die Haare wirken künstlich, alles sitzt perfekt. Kein Lufthauch könnte auch nur ein Haar aus der scheinbar unzerstörbaren Frisur lösen. Es sind keine echten Haare. Als ich sie zum ersten Mal sehe, frage ich mich, um ehrlich zu sein, aus welchem Universum die wohl stammen? Da außerirdisches Leben noch nicht entdeckt wurde, treffe ich Caroline Steinhage, Chefmaskenbildnerin des Theaters. Sie wird mir erklären, aus welchem Material die Perücken angefertigt sind. Bevor eine Perücke in der Maske gestaltet wird, fertigt die Kostümbildnerin eine sogenannte Figurine an. Dabei handelt es sich um einen gezeichneten Entwurf einer Figur des Stückes, wie beispielsweise der Feodora. „Eine unserer künstlerischen Eigenleistungen ist es, ein Material für die Perücke auszusuchen, dass sie denselben Eindruck wie die Figurine vermittelt“, erklärt Caroline. Feodoras Perücke besteht beispielsweise aus einem auseinander geschnittenen Fugendichtungsprofil, einem ganz normalen Baumaterial also. Dieses hat die Maskenbildnerin Ketrin Lopez Moreno auf einen festen Unterbau aus Schaumstoff geklebt und mit Airbrush-Farben bemalt. Anders Rodolfos Perücke, welche aus einer zusammengerollten Schaumstoffmatte besteht. Etwas schwieriger zu bewerkstelligen war die Perücke der Weisen Alten. Angelehnt ist die Frisur an die historische „Wagenradfrisur“, die Ende des 19. Jahrhunderts zeitgemäß war. Gegenüber den modernen, fast futuristischen Frisuren der jungen Hauptcharaktere Rodolfo, Paganini und Feodora wirkt sie beinahe antik. Schließlich spiegeln sich in der Frisurenwahl die Positionen der Charaktere im Stück wider, während die jungen „Gestalter aller Dinge“ von neuen, fantastischen Wesen träumen, bremst sie die Weise Alte mit ihren altbewährten, festgefahrenen Regeln zunächst aus. Die Kostümbildnerin legte grün als Farbe der Frisur der Weisen Alten fest. Leider gibt es jedoch keinen grünen Schaumstoff. Caroline Steinhage kaufte daraufhin eine grüne Yogamatte. Vom Profil her und der Farbe passt diese perfekt. In der Maske wurde sie auseinandergeschnitten und um Lockenwickler gerollt und zu einer Frisur zusammengeklebt. Das hätte sich die Yogamatte wohl im Leben nicht gedacht, dass sie einmal auf dem Kopf eines Schauspielers landen würde! Circa zwei Wochen nahmen die Anfertigung der Perücken in Anspruch, unter anderem wegen Trocknungsphasen. Auf der Bühne erkennen die Zuschauer das eigentliche Material nicht mehr. Eigentlich alltägliches Material wird zu neuem Leben erweckt. Ziel der Maske ist es schließlich auch, dass die Perücke als „echte“ Frisur der Rolle anerkannt wird. Caroline meint dazu: „Am Ende sitzt da keine Bastelarbeit auf dem Kopf. Es ist eine künstlerische Arbeit: Die Verfremdung der Yogamatte zum Kunstobjekt.“
Auf eine Frisur aus einer Yogamatte wäre Ayleen Kern nie gekommen. Die 21-jährige studiert Medienwissenschaften und Rhetorik in Tübingen. Für vier Wochen ist sie Praktikantin der Presse und Öffentlichkeitsarbeit am Theater Heilbronn.

Bild im Kopf – Über Tricks in der Theaterfotografie

Kooperation mit Schule für Gestaltung des Kolping-Bildungszentrums Heilbronn

_MG_6335 Leise schleicht er durch die ersten beiden Reihen des Zuschauerraums. Von rechts nach links und wieder von links nach rechts. Ab und zu verweilt er kurz, wartet auf den richtigen Moment und klick. Er ist unauffällig angezogen. Am liebsten wäre er jedoch unsichtbar, um das Geschehen auf der Bühne nicht zu stören. Und wieder Klick, das Foto ist im Kasten. Wer er ist? So beschreibt Thomas Braun, der als freier Fotograf mittlerweile die zweite Spielzeit am Theater digital festhält, seinen Beruf als Theaterfotograf. Mit seinem Arbeitsfeld beschäftigen sich Schüler der Schule für Gestaltung des Kolping-Bildungszentrums Heilbronn bei einer Besprechung eigener Theateraufnahmen mit Thomas und Silke Zschäckel, der Pressereferentin des Theaters. Seit vielen Jahren kooperiert das Theater Heilbronn mit der Schule. Während der Fotoprobe eines ausgewählten Stückes können sich die Schüler der Klasse für Foto- und Medientechnik in Theaterfotografie ausprobieren. Dieses Jahr besuchten und fotografierten sie ein besonders anspruchsvolles und bildgewaltiges Stück im großen Haus: „Der Auftrag“ von Heiner Müller. Als die Fotos mit einem Beamer an die weiße Wand des Klassenraumes projiziert werden, ernten die Schüler Lob von Silke und Thomas. Sie kommentieren die Werke aus unterschiedlichen Blinkwinkeln. Für die Pressereferentin ist es bei der Auswahl der Pressefotos wichtig, dass alle Hauptdarsteller auf dem Bild sind und dass auf dem Bild die Situation, die sich gerade auf der Bühne abspielt, deutlich wird. Es soll keine statische Aufnahme sein, sondern dynamisch und auch mit „Action“. Schließlich soll sie nicht nur ansprechen, sondern auch neugierig auf die Vorstellung machen. „Die Fotos auf unseren Theaterbannern und in den Medien entscheiden mit darüber, ob die Leute nachher ins Theater gehen oder nicht“, meint Silke. Bei der Beurteilung der Schülerfotos zählen jedoch andere Aspekte: Der besondere Blick, den die Schüler haben. Manche der Bilder der Schüler haben eine besonders schöne Aufteilung oder fangen die Darsteller in einer für das Stück wichtigen Szene ein. Schwierig an der Theaterfotografie ist, dass eine Szene nicht noch einmal wieder kommt. Um wichtige Momente nicht zu verpassen, gibt Thomas den Schülern Tipps: „Versucht das Bild, das ihr machen wollt, vorher im Kopf zu haben. Folgt der Handlung um Höhepunkte mitzubekommen.“ Auch für die schwierigen Lichtverhältnisse im Theater hat er einen Kniff auf Lager: „Mit dem Licht was auf der Bühne ist, müsst ihr auskommen. Seid variabel mit eurem Standort, dadurch könnt ihr andere Lichtverhältnisse reinbekommen.“ Generell empfiehlt er, vor der Fotoprobe mit Dramaturg, Regie und Technik zu sprechen. So weiß man über besondere Lichteinstellung, Bühnenaufgänge und -abgänge und Höhepunkte des Stückes Bescheid. Die Theaterfotografie ist keine rein dokumentarische Arbeit. Sie erfordert viel Sensibilität, Aufmerksamkeit und Geduld, um das Besondere aus einer Inszenierung herauszukitzeln und deren Ton zu treffen. „Wichtig ist, dass jeder bei sich selbst bleibt und sich nicht neu erfindet“, fasst Thomas zusammen. Das ist auch das Spannende an der Kooperation mit den Schülern. Mit ihren Bildern werfen sie einen ganz besonderen Blick auf die Inszenierung. Im Theater sind alle schon gespannt auf deren Fotografien.
Gerne würde Ayleen Kern ihre Texte vor dem Schreiben auch im Kopf haben. Die 21-jährige studiert Medienwissenschaften und Rhetorik in Tübingen. Für vier Wochen ist sie Praktikantin der Presse und Öffentlichkeitsarbeit am Theater Heilbronn.
Fotos: Diana Gilgenberg, Elena Gighashvili, Kim Falkner, Julia Winkler, Lorena Köhler, Anastasia Wirth

„Eines vereint sie alle. Sie haben Blauwalherzen.“

In der Theaterwerkstatt rascheln die Vespertüten. Noch sitzen alle gemütlich, teils frühstückend, auf den komfortablen Couches. Gemütlich ist gut, denn die 15 Jugendlichen haben ganz schön Muskelkater von den ersten zwei Tagen Intensivprobe. Ramona Klumbach, Leiterin des Theaterclubs 2, wischt den schwarzen Tanzboden blank. Herzlich gibt sie mir die Hand und begrüßt mich zur Probe. Noch fehlen ein paar Teilnehmer, aber gleich wird es los gehen. Schon trippeln die Jugendlichen barfuß oder in bunten Socken auf die schwarze, rechteckige Tanzfläche. Mit Ramona und den beiden renommierten Choreografen, Felix Bürkle und Paolo Fossa, stellen wir uns im Kreis auf. Wir beginnen mit einem Aufwärmspiel: PENG. Im Spiel versucht man sich auf Kommando schnellstmöglich mit Fingerpistolen abzuschießen. Wer langsamer ist, scheidet aus. Schnell merke ich, mit Entspannung ist es jetzt definitiv vorbei. Nach zwei Runden Anspannung in PENG geht es gleich richtig zur Sache. Paolo legt einen schnellen Beat auf, vom Wilden Westen im Aufwärmspiel geht’s jetzt ins elektronische Zeitalter. Alle stehen am Ende des Raumes, ihre Blicke sind gebannt auf Paolo gerichtet. Er dreht und wendet sich um die eigene Achse, streicht dabei mit der Hand durch die Luft wie ein Maler mit dem Pinsel auf eine Leinwand. Dann schnellt sein Bein mit einem schnellen Kick nach vorne. Der Beat gibt den Takt an. Bass Kick Bass Kick. Alle reihen sich hinter Paolo ein und tanzen in kraftvollen Bewegungen über die schwarze Fläche. Es ist toll anzuschauen. Die Gruppe ist mit Eifer dabei. Wir sind in der Intensivprobenwoche für das Projekt „Blauwalherzen“, mit dem die 15 Teilnehmer ihre Faschingsferien verbringen. Als Ramona und Nicole Widera das Projekt planten, war ihre Idee, dass die Teilnehmer zwischen 12 und 17 Jahren im Tanz durch ihren Körper sprechen. In reinen Theaterprojekten geht es darum durch Text zu sprechen. Bei diesem Projekt ist das anders: Nicht die Sprache sondern der Körper steht im Fokus. In der Jugend verändert sich der Körper und wird fremd. Man drückt sich über Sprache und Stimme aus, wird laut oder leise. Der Körper rückt in den Hintergrund, stört manchmal sogar. Durch das Tanzen bekommen die Teilnehmer hier eine Chance, ihn kennenzulernen, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Gemeinsam wollen sie aus der Starre ausbrechen. Um sich diesem Ziel zu nähern haben Ramona und Nicole mit der Gruppe schon verschiedene Tanzmethoden ausprobiert. „Es ist toll, wie alle mitmachen“, lobt Ramona die starke Gruppe. Ob zu Ballettübungen oder Improvisationen, seit Oktober trifft sich der Theaterclub einmal wöchentlich. Welche Themen die Jugendlichen am Ende auf die Bühne bringen wollen, haben sie selbst entschieden. Es geht um ihre Lebenswirklichkeiten: Um Schulalltag, Kindheitserinnerungen und Rebellion. Aber auch um Einsamkeit und darum, sich selbst in dieser Welt zu finden und zu behaupten. „Blauwalherzen“ soll das Stück heißen. Denn egal wie schwierig es manchmal ist Gefühle zu zeigen, haben trotzdem alle in der Gruppe ein großes Herz. Premiere ist am 23. April 2016 um 18.00 Uhr in der BOXX. Die beiden Leiterinnen entwickeln mit der Gruppe die Dramaturgie und Choreografie. Seit Beginn der Planung, war aber klar, dass es sich lohnt professionelle Unterstützung anzufordern. In der Clubszene des Theaters ist das neu. Felix Bürkle und Paolo Fossa sind ein echter Gewinn für den Club. Paolos Übungen erinnern mich ein wenig an Kampfsporttraining, was nicht weiter verwunderlich ist. Schließlich hat er neben Tanz auch Ausbildungen in Capoeira, Kalaripalayattu, Judo und der Feldenkraismethode. Der in Turin ausgebildete Tänzer, war schon in vielen Staatstheatern in Deutschland als Choreograf und Darsteller tätig. Er arbeitete in ganz Europa, im Theater am Gärtnerplatz München, Staatstheater Bremen, im Tanzhaus NRW und vielen anderen. Die Musik in der Theaterwerkstatt wird schneller, Paolo zieht das Tempo an. Die Tanzübungen werden zügiger und nach und nach wird die Anstrengung auf den jungen Gesichtern sichtbar. Alle sind konzentriert dabei, trotz Muskelkater und blauer Flecken von gestern. Die Bewegungen werden rhythmisch, jeder Schritt ist getaktet. Ein Schritt ein Atemzug. Vom Rand der Matte geben Paolo und Felix Tipps. „Beide Choreografen ergänzen sich perfekt“, meint Ramona Klumbach, „während Paolo das etwas härtere Training morgens übernimmt, leitet Felix Gruppen- und Partnerübungen“. Neben eigenen Soloprojekten hat Felix Bürkle viel Erfahrung mit Gruppenchoreografien und Tanzprojekten. Mit seiner Produktion „beckett, beer and cigarettes“ wurde er von Pina Bausch zum internationalen Tanzfestival NRW 2008 eingeladen. Über die Jahre sammelte er vielerlei Erfahrung mit verschiedenen Gruppenprojekten in Europa und darüber hinaus. Im Raum liegt Anstrengung in der Luft. So langsam kann ich verstehen, woher der Muskelkater kommt, der auch mich am nächsten Tag nicht verschont. Plötzlich springt Paolo auf und schreit „Böse! Das ist böse!“ Überraschte Blicke. Er macht vor, was er meint. Mit jedem Kick und jeder Armbewegung scheint er eine Energie wegzudrücken, die Luft mit Wut zu durchschlagen. „Ich selbst bin tausend Sachen. Hungrig, lustig, müde. Entwickeln wir jetzt tausend Sachen. Jeder von uns wird wütend, fröhlich, traurig!“, spornt Paolo die Gruppe an. Mutig setzen es die 15 Teilnehmer um. Die gute Atmosphäre ist deutlich zu spüren. Alle sind voll dabei. Wenn ich von meiner Matte gebannt zuschaue, ist es als würde ich plötzlich mitfühlen. „Ihr kommuniziert durch euren Körper“, sagt Felix, „was ist die Information die ihr übertragen wollt?“ Mit ganz verschiedenen Übungen nähert sich der Club dem Ziel „auszubrechen“ – sich seinen wahren Gefühlen zu stellen. Eine davon ist „Bodysurfen“. Das klingt nicht nur nach Spaß, es macht auch viel Spaß. Bei der Übung ist der Raum voll von Gelächter. Felix und Paolo machen es vor. Felix legt sich flach auf den Bauch, Paolo liegt quer über ihm. Sie bilden ein Kreuz. Durch eigenes Rollen bringt Felix Paolo zum über ihn hinweg surfen. Paolo gleitet über ihn drüber. Viel Körperkontakt ist ungewohnt in der heutigen Gesellschaft, sogar Provokation, meint Paolo. Kinder umarmen sich, klettern auf den Schoß der Eltern. Das ist ganz normal. Aber wenn man älter wird, sagt einem die Gesellschaft, das darf man nicht. Gefallen lassen, will sich die Gruppe das nicht, das spürt man deutlich. Ausbrechen heißt, das wiederzufinden, was einem die Gesellschaft wegnimmt. Gefühle zu zeigen, Grenzen zu überschreiten, zu provozieren. Paolo fasst den Morgen zusammen: „Auszubrechen heißt nicht cool sondern wild zu sein!“ Oder was denkst du?
Auch ohne eigenes Rhythmusgefühl war Ayleen Kern vom Tanzprojekt begeistert. Die 21-Jährige studiert Rhetorik und Medienwissenschaften in Tübingen. Am Theater Heilbronn ist sie für 4 Wochen Praktikantin der Presse und Öffentlichkeitsarbeit.

Spielender Umgang mit „Dantons Tod“ und „Homo faber“

„Wenn du an Danton denkst, denkst du an die Guillotine. Wenn ich an Danton denke, denke ich ans Abitur.“
„Wenn du an Danton denkst, denkst du ans Abitur. Wenn ich ans Abitur denke…“
„Nein, stopp mal. Wenn du an Danton denkst.“

Der Gedanke hat aber zwei Nasallaute. Auch sonst sind da eine Menge Ecken, an denen die Zunge falsch abbiegen kann.
„Wenn du an Danton denkst, denkst du ans Abitur. Wenn ich an Danton denke, denke ich an Wikipedia.“

Verhaltenes Kichern. Die Nasallaute könnten nämlich Thema im Abi-Aufsatz werden. Eine Schulklasse denkt an Danton, ihr Deutsch-Lehrer macht mit und die Theaterpädagogin Ruth Hengel. Ich denke auch an Danton. Das gehört zu meinem Praktikum. „AbiTour“ heißt die Projektwoche. In der BOXX werden kompakte Fassungen von „Dantons Tod“ und „Homo Faber“ gezeigt, beide sind Abi-Stoff. Davor Workshops und Einführungen der Dramaturgie, hinterher Nachgespräche mit dem Ensemble.

Wir stehen gerade in einem der Workshops. Im Moment im Kreis. Wir sind aber auch noch bei der Einstiegsübung. Was soll das eigentlich werden? Gedacht ist es so: Die Schülerinnen und Schüler begehen das Drama, kauen auf seinen Texten herum. Sie erkunden seine Themen und positionieren sich. Sie spielen damit.

Bei „Dantons Tod“ beschäftigen wir uns mit gesellschaftlichem Status und damit, was er mit einem menschlichen Körper macht. Es geht um revolutionäre Reden und die Stimmen, die sie formen. Wir bewegen uns in der Literatur, aber gleichzeitig geht es um etwas sehr Gegenwärtiges. Gewalt und Moral, Demokratie und Terror und wie sie zueinander stehen, das alles wird Thema. Außerdem: Ist es an der Spitze einer Revolution eigentlich genauso peinlich wie auf der Bühne vor der eigenen Klasse?
Im Workshop zu „Homo Faber“ dagegen legt Theaterpädagogin Katrin Singer den Schwerpunkt auf die Charaktere des Romans und der Stückfassung, auf ihre Beziehungen untereinander und zu Orten. Hanna Piper liebt den Louvre, das ist offensichtlich. Ihre Position zum Dschungel ist da schon weniger eindeutig, das Lebendige, das Wilde scheinen zu passen, andererseits: Die Kunsthistorikerin im Regenwald? Und auch hier ist das Ziel eben nicht, über die Figuren zu sprechen, sondern ihre Rolle anzunehmen, als sie zu sprechen und sich zu begegnen. Schließlich ist es ja die theatrale Herangehensweise an den Text.

Die Klassen, die während der Projektwoche für einen Tag ans Theater kommen, stehen ein Jahr oder auch nur wenige Wochen vor den Abi-Prüfungen. Das theaterpädagogische Begleitprogramm soll sie dabei unterstützen, aus den Inszenierungen etwas mitzunehmen, was der Text allein noch nicht hergibt, das Unmittelbare. Pardon, das soll Theaterpädagogik eigentlich immer. Aus dem Verwertungszusammenhang kommen wir hier ja sowieso nicht raus, Kunst wird plötzlich ganz handfest sinnvoll, wenn sie bei der Prüfungsvorbereitung hilft.

„Wenn du an Danton denkst, denkst du an deinen Deutschlehrer. Wenn ich an Danton denke…“ Ich überlege. Georg Büchners Tragödie habe ich nie gelesen, das habe ich mit einigen Schülern gemeinsam.

Dafür fühle ich mich aber verdächtig textsicher.

Malte Lutz hätte sich als Schüler nie getraut, die Pflichtlektüre zu ignorieren. Inzwischen studiert der 22-Jährige aber Theaterpädagogik an der Hochschule Osnabrück. Am Theater Heilbronn ist er für sechs Wochen im Praktikum.

Immer im Kontakt mit dem Publikum

Leiter Besucherservice und Vertrieb: David Eberhard

David_Eberhard_01Seit September 2015 leitet David Eberhard den Besucherservice und Vertrieb des Theaters Heilbronn, ist Chef aller Bereiche, die in direktem Kontakt zum Publikum stehen, wie die Theaterkasse, das Abonnentenbüro, der Einlass- und Garderobendienst. Trotz seiner Jugend hat er sich sehr schnell die Wertschätzung seiner Kolleginnen und Kollegen erarbeitet. Denn David Eberhard gilt nicht nur als freundlich und zuvorkommend, mit großen Kenntnissen im Theater- und Kulturbereich. Er setzt sich auch selbst an die Kasse und übernimmt persönlich Einlass- und Garderobendienste. „Ich kann nur dann ein guter Leiter sein, wenn ich selbst weiß, wie alles funktioniert“, sagt er. Außerdem mag er den direkten Kontakt mit dem Publikum und findet die Liebe der Heilbronner zu ihrem Theater schon außergewöhnlich. Das äußere sich nicht nur in den unwahrscheinlich hohen Abonnentenzahlen, die in Deutschland spitze sind, sondern auch in der „Feedback-Kultur“ der Zuschauer. Wenn beispielsweise jemand extra in den Besucherservice kommt, nur um Bescheid zu sagen, dass ihm eine Inszenierung gefallen habe, sei das sehr schön. Und wenn Kritik geübt werde, dann habe er das bisher größtenteils nicht als Gemecker, sondern als konstruktive Einlassung erlebt.

David Eberhard stammt aus Dresden und hat bis zum Sommer 2015 als Mitarbeiter des Künstlerischen Betriebsbüros am Staatsschauspiel Dresden gearbeitet. Ursprünglich gehörte seine Liebe der Musik, seit seinem 9. Lebensjahr war er Mitglied des Philharmonischen Kinderchores in Dresden, eines der namhaftesten Chöre in Deutschland, der mit vielen bedeutenden Dirigenten zusammenarbeitet. Als er sich nach dem Abitur für das Studium „Kultur und Management“ in Görlitz und der Musikwissenschaften in Rom entschied, sah er sich zukünftig als Manager eines Chores oder eines Orchesters. Doch der Zufall brachte ihn zum Sprechtheater.

„Es gibt keinen Ort, den Theaterbetrieb besser kennenzulernen, als in einem Künstlerischen Betriebsbüro. Das ist die Schnittstelle, wo alle Fäden zusammenlaufen“, sagt er. Sein Verantwortungsbereich waren neben den tagesaktuellen Planungen vor allem die Organisation von Festivals und Gastspielen – eine spannende Zeit. Da in Dresden ein Intendantenwechsel ins Haus stand, suchte er nach neuen Herausforderungen und kam als Leiter des Besucherservice und Vertrieb eben nach Heilbronn. Er ist selbst begeistert wie vielfältig die neuen Aufgaben sind. Er kümmert sich um die Vermietung der Theaterspielstätten und Foyers an externe Nutzer oder um Besuchergruppen und die Vermittlung ihrer gastronomischen Wünsche. Er betreut Künstler, die ein Gastspiel am Theater Heilbronn haben. Und er versucht die Spezifik verschiedener Publikumsschichten zu ergründen und gemeinsam mit seinem Kollegen Johannes Pfeffer vom Marketing neue Strategien der Zuschauerbindung zu entwickeln. Um die wachsende Studentenschar dieser Stadt für das Theater zu interessieren, sind Gespräche mit den Studentenvertretungen der Hochschulen geplant. Neue Angebote für unterschiedliche Zielgruppen werden geschnürt, die Abo-Strukturen werden weiterentwickelt. Es gibt viel zu tun, um die hohe Zahl an Zuschauern zu halten und neue Kreise zu gewinnen. Aber David Eberhard ist mit seinen Ideen noch längst nicht am Ende.

Flüchtlinge verarbeiten ihre Erfahrung in Bildern

Bewegende Eröffnung der Ausstellung ArtistSafety in der BOXX 

  
Die Sprache des Bildes ist deutlich und sagt mehr als tausend Worte: Ein junger Mann kniet vor einem vergitterten Fenster, sein Rücken ist voller Striemen. Ein anderes Bild zeigt bei genauem Hinschauen Körper, die in ihre überall verstreut liegenden Einzelteile zerlegt sind. Wieder ein anderes erklärt die politische Weltlage anhand von Fahnen: der Irak zerrieben zwischen den Interessen der großen Weltmächte. Manche Bilder sind voller Sehnsucht. Eines zeigt das Antlitz einer wunderschönen Frau, ein anderes einen bunten Garten. 

Diese Bilder haben Bewohner des Flüchtlingslagers Neuenstadt gemalt, die seit ein paar Wochen oder Monaten in Deutschland sind, geflüchtet vor Terror, Krieg und bitterer Armut in ihren Heimatländern. Es sind ausschließlich junge Männer, die sich auf den Weg voller Ungewissheit gemacht haben. Auch die Sorge um die in der Heimat Zurückgelassenen spricht aus so manchem Bild. Markus Rack, der leitende Hausinspektor des Theaters Heilbronn, ist selbst Künstler und hat vor ein paar Jahren in einer persönlich schwierigen Zeit mit dem Malen angefangen. Im Sommer hatte er seine erste, viel beachtete Einzelausstellung im Schloss Neudenau. Markus Rack weiß, dass man mit Farbe und Pinsel viel leichter sagen kann, was einem vielleicht nicht über die Lippen kommt. Deshalb geht er jeden Donnerstagabend mit Elisabeth Eis, einer Kollegin aus dem Malersaal des Theaters, in das Flüchtlingslager und bietet Malkurse an. Farben und Papier hat er zum größten Teil auf eigene Kosten gekauft. Ein Teil des Erlöses aus dem Verkauf seiner eigenen Bilder fließt in dieses Herzensprojekt. An manchen Abenden versammeln sich bis zu 60 junge Männer und malen, was sie bewegt. Da die Flüchtlinge nur für bestimmte Zeit in dem Lager verweilen, bevor sie weiterziehen, ändert sich die Zusammensetzung des Refugee-Art-Projektes ständig.

Nun ist daraus ein Ausstellungsprojekt in der BOXX entstanden, das am 11. Januar mit einer bewegenden Vernissage eröffnet wurde. Das BOXX-Foyer platzte fast aus allen Nähten. Neben den Künstlern waren Mitglieder vom Arbeitskreis Pro Asyl aus Neuenstadt, Mitarbeiter des Flüchtlingscamps, wie die Initiatorin des Kunstprojektes Karin Herold, und viele Bürger der Stadt Heilbronn anwesend. Schauspielerin Katharina Leonore Goebel las einen Text aus Wolfram Lotz‘ Stück „Die lächerliche Finsternis“, der ziemlich genau die Situation beschreibt, in der sich die Menschen in ihrer Heimat befinden, bevor sie sich genötigt sehen, ihr Land zu verlassen. Frau Mücksch vom Arbeitskreis Pro Asyl und Karin Herold aus dem Camp sprachen über ihre Arbeit. Schauspielerin Anastasija Bräuniger las einen selbstverfassten Text in Englisch über die Selbstverständlichkeiten unseres Alltags wie langes Duschen, üppiges Frühstück, Arbeit die Spaß macht, Treffen mit Freunden, lesen, was man mag, im Fernsehen schauen, wonach einem der Sinn steht. Dinge, die man wegen ihrer Alltäglichkeit kaum mehr zu schätzen weiß und die für die allermeisten Flüchtlinge in ihren Heimatländern unerreichbar waren und es auch jetzt, am vorläufigen Ziel ihrer Flucht, größtenteils noch sind. Ein junger Pakistani griff spontan zur Gitarre. Und als Aboud aus Syrien, der schon seit drei Jahren in Deutschland lebt, und im Theaterjugendclub mitspielt, auf Arabisch von seiner unerträglichen Sehnsucht nach seiner Heimat sprach, hatten viele der Flüchtlinge und auch etliche der einheimischen Zuhörer, die die Übersetzung des Textes in den Händen hielten, Tränen in den Augen. Denn diese Sehnsucht nach den Düften und Farben der Heimat, die wird nie vergehen.

Stefan Schletter, der Leiter des jungen Theaters, sagte in SWR4 zu der Ausstellung: „Es sind diese Geschichten, die oft in einer großen Einfachheit und Ehrlichkeit ihren Ausdruck finden. Es entspinnt sich da eine ganze Lebensgeschichte, die man da in einem kurzen Moment auf Papier gebannt sieht. Das ist schon sehr beeindruckend. Es ist einfach die Begegnung, die Integration erst möglich macht. Darum geht es auch hier, dass man erst einmal die Begegnung mit der Kunst sucht in der Ausstellung und eben auch die Begegnung mit dem Menschen findet.“

  

Jeden Tag Neue Denkanstöße

Neu in der Dramaturgie: Kristin Päckert

Kristin_Päckert_06„Ich bin die Querdenkerin in unserer Familie“, sagt Kristin Päckert, die seit September als Dramaturgin am Theater Heilbronn arbeitet. Aufgewachsen in einem Dorf in Sachsen-Anhalt, in dem die Eltern in soliden Berufen arbeiteten, hatten diese sich eigentlich auch einen „sicheren“ Beruf für die Tochter gewünscht, etwa als Bankangestellte. Ihre Mutter war Floristin in einem Laden in der Nähe ihrer Grundschule. „Oft bin ich nach der Schule zu ihr gegangen und durfte Sträuße binden. Einer wurde sogar gekauft.“, erinnert sich die 29-jährige lächelnd. Ihr Vater ist seit seiner Jugend Musiker. Aufgrund der jungen Familie, die es zu versorgen galt, blieb es aber bei der Musik als Hobby. „Mit Kunst kann man kein Geld verdienen“, so die Ansicht der Eltern. Er kann nahezu alle Instrumente spielen, was sie als Kind schon beeindruckt hat. Außerdem hatte er eine eigene Band, der Kristin als kleines Mädchen immer beim Proben zuhörte. Die bescherten der damals 4-Jährigen die ersten Bühnenerfahrungen. „Bis ich neun Jahre alt wurde, war ich oft mit dabei, dann hat mein Gesangstalent wohl nicht mehr ausgereicht“, sagt sie augenzwinkernd. Trotzdem hatte sie Wochenende für Wochenende Auftritte – als Kunstradfahrerin und als Tänzerin, 12 Jahre lang war das ihr Leben. Das erste Aha-Erlebnis in Sachen Theater hatte sie bei einer Schulvorstellung von Goethes „Faust“ an ihrem Heimattheater, der Landesbühne Sachsen-Anhalt in Eisleben. In der Rolle des Mephisto war eine umwerfende Frau zu erleben – Susanne Bard. „Von da an wollte ich Schauspielerin werden und probierte mich gleich in zwei Jugendclubs aus.“ Nach dem Abitur wusste sie nur eins, sie wollte ans Theater. „An Schauspielschulen habe ich mich dann doch nicht beworben, sah eher hinter den Kulissen und nicht auf der Bühne meinen Platz“, sagt sie. Sie begann dann mit dem Studium der Theater- und Medienwissenschaften in Bayreuth. Dort suchte sie gleich Kontakte in die Praxis an der Studiobühne Bayreuth und begann dort als Regieassistentin. Nach dem Wechsel der Hochschule und dem Umzug nach Nürnberg, ging es dort an unterschiedlichen Theatern und in verschiedenen Positionen weiter. 20 Produktionen begleitete sie innerhalb von drei Jahren.

Einmal kam sie noch zurück zur Studiobühne Bayreuth, wohnte dort während der Probenzeit mangels Wohnung 6 Wochen auf der Probebühne. Nebenan arbeitete Regisseur Georgios Kapoglou an dem „Leben des Galilei“. Abends redeten sie oft und lange. Er bekam das Angebot zur Inszenierung der wohl letzten Uraufführung Wagners „Eine Kapitulation – Lustspiel in antiker Manier“ beim Festival junger Künstler Bayreuth. „Wir haben ganze Nächte über die Konzeption gesprochen, irgendwann sagte er, er nimmt mich als Dramaturgin mit.“ Es wurde ein großer Erfolg, auch von internationaler Fachpresse gewürdigt. „Es hat mir derart viel Spaß gemacht, das Konzept mit zu entwickeln, durch die eigene Bearbeitung ganz eng an der Kunst dran zu sein, dass ich von da an wusste: Das ist es.“ Dennoch war der Weg ans Theater nicht einfach und sie probierte noch einiges aus: So arbeitete sie bei verschiedenen TV-Produktionsfirmen, in der Set-Aufnahmeleitung des ARD Vorabend-Krimis „Heiter bis Tödlich“ und in der Kulturredaktion des ZDF-Hauptstadtstudios in Berlin. Doch die Liebe zur Dramaturgie blieb. „Die redaktionelle Arbeit ist der dramaturgischen ähnlich. Doch das Theater ist direkter, lebendiger, unverfälschter.“ Sie bewarb sie sich auf eine Elternzeitvertretungsstelle in Kiel und, als diese nach zwei Spielzeiten zu Ende ging, in Heilbronn.

„Es ist großartig, dass man für das, was man so gerne macht, bezahlt wird“, sagt sie. Lesen zum Beispiel. Als Dramaturgin ist man ständig auf der Suche nach neuen Stücken. Sie liebt es auch, sich in philosophische, soziologische oder politische Schriften zu vertiefen, die relevant für die jeweiligen Inszenierungen sind. Sie mag es, bei den Proben dabei zu sein, zu sehen wie die geschriebenen Szenen mit Leben erfüllt werden. Sie sieht ihre Aufgabe darin, zwischen den künstlerischen Ansprüchen des Regisseurs und den des Hauses zu vermitteln, den Regisseur bei der Konzeption und Umsetzung seiner Ideen zu unterstützen, diese aber auch zu hinterfragen. Auch sich selbst in Frage zu stellen, gehört dazu, denn in den Diskussionen entwickelt man sich zwangsläufig weiter. Jeden Tag mehr zu lernen, der Austausch mit dem Publikum, in Einführungen oder Theaterfrühstücken, und immer wieder neue Denkanstöße zu bekommen – das bedeutet für sie Erfüllung. „Und was will man mehr von seinem Beruf?“, fragt sie.