Ausbruch aus dem Schulalltag

… mit dem »Process«

Von Julia Campanella, Kl. 13f und Lydia Kastner, Kl. 13g, Theodor Heuss Gymnasium

Jemand musste den Deutschkurs  verleumdet haben, denn ohne dass die Abiturienten etwas Böses getan hätten, wurden diese eines Morgens zu einer Theater-Werkstatt verschleppt. Der Unterricht, der jeden Freitag gegen 11 Uhr stattfindet, kam diesmal nicht.

Der Process

Denn uns stand etwas viel Größeres bevor – ein Theater-Workshop passend zum Sternchenthema »Der Proceß«. Doch was sollte uns erwarten? Wir schwelgten in Unsicherheit. In der Schule sind wir vorbereitet, dort könnte uns etwas Derartiges unmöglich geschehen, wir haben dort einen geregelten Stundenplan, eine eigene Lehrerin, und die Schreibutensilien liegen auf unseren Tischen. Doch unsere unsichere Lage schwand mit der lebensfrohen Präsenz Katrin Singers, Theaterpädagogin am Theater Heilbronn, die sofort unser Interesse für die Übungen weckte. Ausgestattet mit verschiedenen Rollenkärtchen versuchte ein jeder von uns, sich in die Lage der jeweiligen Charaktere zu versetzen. Vielerlei Emotionen – Wut, Freude, Angst, Neid – kamen sowohl stimmlich als auch durch die Körperhaltung zu Tage. Wie der Nachweis von K.s Schuld, so war auch unser Schauspieltalent schwer zu ergreifen. Doch an Resignation war nicht zu denken.

Der Process

Ähnlich wie die Schauspieler, die an der Inszenierung beteiligt waren, durften wir die uns zugeteilten Charaktere mithilfe diverser Gangarten ausprobieren: die trippelnde Gerichtssekretärin, den mechanisch- bürokratischen Untersuchungsrichter,  den kriechenden, untertänigen Kaufmann Block. Neugierig darauf, wie das Stück mit seinen vielseitigen Charakteren auf der Bühne zum Ausdruck kommen würde, ging der Workshop zu Ende. In freudiger Erwartung  besuchten wir die Vorstellung, die einen bleibenden Eindruck hinterließ. Wir konnten dabei die Rollen, die am Morgen dargestellt wurden, wiederentdecken. Beeindruckend war die Umsetzung der kalten, bürokratischen und einengenden Welt im Bühnenbild mithilfe von vielen Grautönen und einer absenkbaren Dachschräge, die K. im Laufe des Prozesses Stück für Stück den Freiraum und die Möglichkeit zur Flucht nahm. Den bürokratischen und grauen Strukturen standen die undurchschaubare Komplexität des Gerichtswesens und vor allem die Frauenrollen, die innerhalb unseres Kurses durch ihr extremes Auftreten für gespaltene Meinungen sorgten, gegenüber.

Der Process

Besonders gelungen war die schauspielerische Leistung des Josef K. Durch die gekonnte Umsetzung der Emotionen, die sich in Kafkas Werk nur indirekt abzeichnen, wurde der Wandel seiner Einstellung zum Prozess verdeutlicht. Dementsprechend trug auch die hinzugefügte Traumszene eine große Bedeutung für die Gesamtinszenierung.

Anhand der szenischen Umsetzung von »Der Process« konnte sich jeder von uns näher mit der Intention des Werkes auseinandersetzen und neue Sichtweisen für die Interpretation gewinnen.

Während der reflektierenden Verarbeitung der gesammelten Eindrücke schien es uns, als ob durch die Vorfälle des Tages eine große Unordnung verursacht worden sei. War aber einmal diese Ordnung wieder hergestellt, war jede Spur dieser Vorfälle ausgelöscht und alles nahm seinen gewöhnlichen Lauf des Schulalltags auf

Einer der rechtschaffensten und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit…

Einer der rechtschaffensten und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit…
»Kohlhaas« – Schauspiel nach der Novelle von Heinrich von Kleist  in den Kammerspielen

»An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des 16. Jahrhunderts, ein Rosshändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.« Mit diesem Satz beginnt Heinrich von Kleists Novelle »Michael Kohlhaas«, in der ein fleißiger und gewissenhafter Pferdehändler zum Mörder und Brandstifter wird, weil ihm Unrecht widerfährt. Kleists Novelle ist bis heute einer der stärksten und aktuellsten Texte, wenn es um den Widerspruch zwischen Recht haben und Recht bekommen und um den Kampf des Einzelnen gegen Willkürherrschaft geht. Nun kommt das Schauspiel »Kohlhaas« auf die Bühne der Kammerspiele. Premiere der Inszenierung von Constanze Kreusch mit Tobias D. Weber als Michael Kohlhaas ist am 23. Februar um 20 Uhr. Regisseurin Constanze Kreusch und Dramaturgin Stefanie Symmank haben aus Kleists Novelle eine Bühnenfassung für einen Schauspieler geschrieben. Das Schauspiel bleibt sehr dicht an Kleists Novelle – sowohl in der Handlung als auch in der Sprache. Die Ausstattung von Petra Wilke zitiert in den Kostümen die Entstehungszeit der Novelle und macht im Bühnenbild Kohlhaas’ Weg von einem geordneten bäuerlichen Leben zu einem verzweifelten Kampf  um sein Recht sinnlich erfahrbar.
Das Stück beginnt am Abend vor der Urteilsverkündung. Kohlhaas, einsam und auf sich geworfen, erzählt seine Geschichte, die ihn bis zu diesem Punkt geführt hat:

Probenfoto

Eines Tages ist Kohlhaas mit prachtvollen Tieren auf dem Weg zum Markt nach Dresden. An der Tronkenburg, die einen neuen Junker hat, wird plötzlich ein Passierschein von ihm verlangt, was bisher nie der Fall war. Da er den nicht vorweisen kann, soll er zwei schöne Rappen als Pfand zurücklassen und einen Knecht, der die Tiere so lange versorgt. In Dresden erfährt er, dass das Verlangen des Passierscheins ein reiner Willkürakt des Junkers Wenzel von Tronka war. Vom Markt zurückgekehrt, findet er seine Pferde halb verhungert vor. Sie wurden, ohne ausreichend Futter zu bekommen, zu schwerer Feldarbeit eingesetzt. Der Knecht wurde aus der Burg geprügelt. Kohlhaas zeigt den Vorfall bei Gericht an und wartet geduldig auf die Aufnahme des Verfahrens. Nach einem Jahr erfährt er, dass die Klage dank einflussreicher Verwandter des Junkers abgewiesen wurde.  Michael Kohlhaas wendet sich an den Kurfürsten von Brandenburg, der die Bittschrift an den Kurfürsten von Sachsen weiterleitet. Dieser weist Kohlhaas als »unnützen Querulanten« ab. Daraufhin versucht Kohlhaas’  Frau Lisbeth dem Kurfürsten von Brandenburg persönlich eine Bittschrift zu überbringen. Bei der Übergabe wird sie tödlich verletzt. Von nun an nimmt der Pferdehändler das Recht in die eigenen Hand. Mit einer kleinen Schar von Knechten brennt er die Tronkenburg nieder. Der Junker flieht, Kohlhaas verfolgt ihn mit seiner ständig wachsenden Anhängerschaft, die ihn als Würgeengel gegen ihre Unterdrücker sehen, und legt Feuer in den Orten, in denen er den Junker vermutet. Ein Einschreiten Martin Luthers lässt ihn innehalten. Luther handelt für ihn freies Geleit und die Annahme seiner Klage vor Gericht aus. Kohlhaas ist sofort bereit, die Waffen ruhen zu lassen, wenn der Junker seine Pferde wieder gesund füttert und ihm zurückgibt. Wie aber soll das Gericht mit der grausamen Selbstjustiz des Kohlhaas umgehen? Und was hat es mit dem geheimnisvollen Zettel auf sich, von dem eine Zigeunerin behauptet, er werde Kohlhaas dereinst das Leben retten?

1810 schrieb Kleist diese Novelle nach einem authentischen Fall. Das Top-Thema, das in der Zeit, in der Napoleon Europa überrollte, heftig diskutiert wurde, war das Recht auf Widerstand gegen Herrscher- Willkür. Das historische Vorbild von Kleists Titelfigur trug den Namen Hans Kohlhase, wurde um 1500 geboren und 1540 hingerichtet.
Noch heute ist dieser Stoff Grundlage für Diskussionen: Welcher Zweck heiligt die Mittel? Wie weit darf man für sein Recht gehen? Welche Chance hat der Einzelne, sich gegen Willkür und Vetternwirtschaft durchzusetzen?

Silke Zschäckel, Pressereferentin

Audienz beim König …

… Schauspieler zum Anfassen
Nach der letzten Vorstellung vom »Gestiefelten Kater« durften die Kinder mit den Darstellern weiterspielen

Teetrinken mit der Prinzessin, Suppenhuhnzielwurf mit Gustav, Mäusefangen mit dem Kater und Hans oder eine Audienz beim König. Die rund 400 Kinder, die mit ihren Eltern oder Großeltern am Sonntag  in die letzte Vorstellung vom „Gestiefelten Kater“ gekommen waren, genossen nicht nur das turbulente Spiel auf der Bühne sondern hinterher auch das  Treffen mit den Schauspielern. Mit den Helden, die sie gerade eben noch auf der Bühne beklatscht hatten, nun zu reden und zu spielen, das hatten die Kinder noch nicht erlebt. Die meisten der kleinen Besucher waren selbst verkleidet und wollten auch mal das Katerkostüm anfassen oder wissen, wie sich die Perücke der Prinzessin anfühlt. Auch wichtige Fragen, etwa wie man Schauspieler wird oder wie man die Schminkmaske wieder abbekommt, konnten an diesem Nachmittag geklärt werden. Vor allem bei der Teezeremonie mit der Prinzessin hatten die Kinder reichlich Gelegenheit, ihre vor allem begeisterten Kommentare zu dem Stück loszuwerden, was wiederum für die Schauspieler interessant war. Wann kommt man schon mal so eng in Kontakt mit seinem Publikum?  Nach 48 Vorstellungen heißt es jetzt Abschied zu nehmen vom  Kater in den Roten Stiefeln (Peter Volksdorf), vom verliebten Müllerburschen Hans (Philipp Lind), von der wilden Prinzessin (Julia Apfelthaler), dem ewig hungrigen König (Rolf-Rudolf Lütgens) und seinem lustigen  Diener Gustav (Ivan Gallardo). Aber schon im November gibt es wieder ein großes Märchen im Heilbronner Theater. (Silke Z.)

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Jede Menge los im Theater!

Das Theater lebt!
Vergangene Wochen haben die Proben für gleich vier neue Produktionen begonnen: „La Cage aux folles“ (Premiere am 10.03.2012), „Der dressierte Mann“ (Premiere am 02.03.2012), „Kohlhaas“ (Premiere am 23.02.2012) und „Tito, mein Vater und ich“ (Premiere am 08.03.2012).

Das bedeutet eine hohe Regisseur-Dichte in der Dramaturgie, eine hohe Schauspieler- und Gästedichte in der Kantine und geschäftiges Schneiden, Sägen, Schweißen und Schneidern in sämtlichen Werkstätten. Welch ein Gewusel herrscht auch auf den Probebühnen! Auf der einen singt Nils Brück gerade „Ich bin was ich bin“ während ein paar Türen weiter mit professionellen Musicaldarsteller das Opening zu „La Cages aux folles“ geprobt bzw. choreographiert wird. Dazu finden parallel die szenischen Proben mit den Schauspielern auf einer weiteren Probebühne statt.

Auf unseren Probebühnen in der Paulinenstraße zieht die Winterreise (Premiere am 17.02.2012) ihre musikalischen Kreise und wird ein Mann auf höchst amüsante Art und Weise dressiert.

Sogar in der TheaterWerkStatt wird fleißig unser Klassenzimmerstück geprobt. Und weil damit auch schon alle Probebühnen belegt sind, probt unser Michael Kohlhaas in einem extra für ihn angemieteten Probenraum, nämlich im Deutschhofkeller der Volkshochschule. Ein Ort, wie geschaffen für die Kleist-Novelle um den rechtschaffenen Familienvater, der durch Willkür und Vetternwirtschaft nicht zu seinem Recht kommt und deshalb das Recht in die eigene Hand nimmt und zum Räuber und Mörder wird. Erste verheißungsvolle und exklusive Eindrücke könnt Ihr hier sehen. (Stefanie S.)
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Recht so!?

»Kohlhaas« in den Kammerspielen

Nicht immer heißt Recht haben auch Recht bekommen. Da geht es den Leuten wie den Menschen. Michael Kohlhaas gibt ein gutes Beispiel, wie aus einem unbescholtenen Familienvater und Bürger ein Räuber und Mörder wird, weil Klüngel und politisches Kalkül den Einzelnen nicht zu seinem Recht kommen lassen. Michael Kohlhaas begehrt auf und stürzt ein ganzes Land in eine Krise.

Dabei fing alles ganz harmlos an. Der Rosshändler Kohlhaas ist auf dem Weg von Kohlhaasenbrück in Brandenburg in die sächsische Haupt- und Residenzstadt Dresden, als er vom Junker Wenzel von Tronka nach einem Passierschein zur Durchreise durch fremdes Gebiet gefragt wird. Kohlhaas verneint den Besitz, verspricht aber, sich in Dresden eine Erlaubnis ausstellen zu lassen. Als Pfand lässt er zwei seiner Rappen und seinen Knecht Herse beim Junker. Verwundert über das Märchen vom Passierschein will Kohlhaas Wochen später seine Rappen wieder abholen und muss feststellen, dass diese zur Feldarbeit missbraucht, völlig abgemagert und somit unverkäuflich geworden sind. Sein Knecht wurde verprügelt und vertrieben. Kohlhaas will den Junker bei Gericht in Dresden auf Wiedergutmachung für Mensch und Tier verklagen, gerät jedoch in die schmierigen Fäden der Vetternwirtschaft bei Hofe und wird als Querulant abgestempelt. Als bei der Übergabe einer neuen Petition an den Kurfürsten von Brandenburg seine Frau Lisbeth tödlich verletzt wird und sein Fall erneut kein Gehör findet, verkauft Kohlhaas seine Besitztümer und beschließt, sein Recht auf eigene Faust zu erstreiten. Mit einer wachsenden Anhängerschaft überfällt er die Tronkenburg und steckt mehrmals die Stadt Wittenberg in Brand, da Kohlhaas den Junker dort vermutet. Als er auch in Leipzig Feuer legt, schaltet sich Martin Luther ein und versucht mit einer Amnestie für Kohlhaas, den Weg für Recht und Ordnung zu ebnen. Doch Missgunst, Rachegelüste und politisches Kalkül lassen alles anders kommen, und der selbsternannte Retter des Rechts kann sich nur noch mithilfe eines prophetischen Zettels einer geheimnisvollen Frau vor dem Todesurteil retten.

Heinrich von Kleist begann seine Novelle »Michael Kohlhaas« im Jahre 1805 zu schreiben. Er bezog sich mit seiner Geschichte auf ein historisches Vorbild. Hans Kohlhase musste bereits im 16. Jahrhundert ähnliche Erfahrungen mit Recht und Gerechtigkeit machen. Kleist bediente sich dieser Chronik, um seine rechtlich-politischen Forderungen zum Ausdruck zu bringen, ohne gleich der politischen Agitation verdächtigt zu werden. Um 1800 sorgten in Preußen sowohl die außenpolitischen Misserfolge wie die Niederlage im Krieg gegen Napoleon als auch das unterschiedliche Verhalten deutscher Fürsten gegenüber Napoleon bei Kleist, einem ausgesprochenen Gegner Napoleons, für Unzufriedenheit.
Erste Fragmente von »Michael Kohlhaas« erscheinen 1808 in der von Kleist herausgegebenen Literaturzeitschrift »Phöbus«. 1810, ein Jahr vor dem Selbstmord Kleists, erscheint die vollständige Novelle im ersten Band der Erzählungen.

Wutbürger oder Prinzipienreiter, Märtyrer oder Staatsfeind Nr. 1, Terrorist oder Rechtsfanatiker – die Figur Michael Kohlhaas muss und musste im Kleist-Jahr 2011 als Synonym und Beispielfigur für so einige Vorgänge im tagesaktuellen Zeitgeschehen herhalten. Doch kann man sich am Vorgehen des Michael Kohlhaas wirklich ein Beispiel nehmen?

Wie weit würden Sie für Ihr Recht gehen?

Stefanie Symmank, Dramaturgin

Weil ihm Unrecht widerfährt, wird der rechtschaffene Kohlhaas zum Brandstifter.

Premiere am 23. Februar 2012

Regie
Constanze Kreusch
Ausstattung
Petra Wilke
Dramaturgie
Stefanie Symmank
Mit
Tobias D. Weber

Von fliegenden Zähnen und Parallelwelten

Roland Schimmelpfennig schrieb mit »Der Goldene Drache« das »Stück des Jahres 2010«

Der Zahn tut weh. Höllisch weh. Aber weil der kleine Chinese (oder ist es ein Vietnamese oder Thailänder?), der mit vier anderen in der winzigen Küche des Schnellrestaurants »Der Goldene Drache« arbeitet, kein Geld und keine Papiere hat, kann er nicht zum Zahnarzt gehen. Außerdem lenken die lauten Schmerzensschreie vielleicht unerwünschte Aufmerksamkeit auf ihn und seine ebenfalls illegalen Kollegen. Und dann kommt jemand auf die Idee mit der Rohrzange …

Das ist eine von vielen Geschichten, die der Dramatiker Roland Schimmelpfennig in seinem Erfolgsstück »Der Goldene Drache« erzählt bzw. erzählen lässt. Mit fantastischer Fabulierlust führt er uns in und durch die Parallelwelten eines Hauses in einer Großstadt, vom Schnellrestaurant »Der goldene Drache« im Erdgeschoss bis zur Wohnung des jungen Paares unter dem Dach. Tür an Tür, Stock über Stock, Wand an Wand finden sich in 48 kurzen Szenen die Figuren und Handlungsfäden, die sich allein für die Zuschauer zu einem fast schicksalhaften Netz an Beziehungen aufspannen. Da will eine junge Frau ihrem Großvater von ihrer Schwangerschaft erzählen, ein Mann im gestreiften Hemd wird von seiner Frau verlassen, und ein Lebensmittelhändler verbirgt im Hinterzimmer ein böses Geheimnis. Die Verknüpfungen zwischen den Geschichten bilden die Bestellungen der Gerichte im »Goldenen Drachen« und der löcherige Zahn, der überraschend zum Fliegen kommt.

Roland Schimmelpfennig, aktuell der meist gespielte Gegenwartsdramatiker im deutschsprachigen Raum, nimmt sich ein Format, das man von »Lindenstraße« & Co. kennt, und spinnt es lustvoll zu einem manchmal grotesken, manchmal tragischen Theaterstück mit vielen doppelten Böden weiter. Dabei stellt er Schauspieler und Regisseure vor fast artistische Aufgaben: Die zahlreichen Rollen seines Stücks werden von nur fünf Darstellern übernommen, die spielen, kommentieren und (nach-)erzählen, was das Zeug hält und dafür sorgen, dass in der kleinen alltäglichen Welt der Figuren die globalisierte große aufscheint.

Bei der Kritikerumfrage der Theaterzeitschrift »Theater heute« wurde »Der Goldene Drache« zum Stück des Jahres 2010 gewählt, im selben Jahr hat Schimmelpfennig dafür auch den Mülheimer Dramatikerpreis erhalten. In Heilbronn wird das rasant zwischen den Ebenen, Spielweisen und Geschichten springende Stück von Johanna Schall auf die Bühne des Großen Hauses gebracht, die als Enkelin von Bertolt Brecht aus einer großen Theaterdynastie stammt. Willkommen im »Goldenen Drachen«! (Andreas F.)

Premiere am 14.01.12, 19.30 Uhr, Großes Haus

Regie
Johanna Schall
Bühne
Horst Vogelgesang
Kostüme
Jenny Schall
Dramaturgie
Andreas Frane
Mit
Stefan Eichberg
Susan Ihlenfeld
Till Schmidt
Sabine Unger
Sebastian Weiss

Fünf im Zahn: Im Schauspiel »Der Goldene Drache« schafft ein löcheriger Zahn verblüffende Verbindungen zwischen den Bewohnern eines Hauses.

Frauchen und Hund

Es wurde „Stück des Jahres“  2010: „Der Goldene Drache“ von Roland Schimmelpfennig. Jetzt hat es in der Inszenierung von  Johanna Schall am 14. Januar 2012 Premiere am Theater Heilbronn. Zum ersten Theaterfrühstück des Jahres 2012 genossen die vielen Besucherinnen und Besucher nicht nur frische Brötchen und duftenden Kaffee, sondern sie ließen sich auch Appetit auf die Inszenierung machen. Sie erfuhren, dass der „Goldene Drache“ ein asiatisches Schnellrestaurant im Erdgeschoss eines großen Hauses und Dreh- und Angelpunkt der zwischenmenschlichen Geschichten ist, die in diesem Haus stattfinden.

Spannend an dem Stück sind nicht nur die vielen Geschichten, die wie in einer Soap miteinander verwoben werden. Aufregend für Schauspieler und Regie ist die ganz spezielle Spielweise, die dieses Stück verlangt. Fünf Darsteller schlüpfen in rund 20 Rollen, Frauen spielen Männer, Junge spielen Alte und umgekehrt. Die Verwandlungen passieren mit Ansage vor den Augen des Publikums. Das macht sehr viel Spaß, beschreibt Schauspielerin Sabine Unger, ist aber auch nicht einfach. Regisseurin Johanna Schall erinnert dies an die Ursprünge des szenischen Spielens, wie Kinder es ganz zwanglos in ihrem Alltag betreiben. Ihre kleine Nichte beispielsweise spiele momentan am liebsten mit ihr „Frauchen und Hund“, wobei die Kleine ganz klar die Rolle des Hundes übernimmt und ihre Tante mit „Regieanweisungen“ wie „jetzt musst du mir etwas zu fressen geben“ oder „du musst mit mir zum Tierarzt“ auf Trab hält.

Oma-Schreck oder Herzrasen im »Process«

Wie es sich anfühlt, Statistin am Theater zu sein

Von unserer Praktikantin
Rebecca Göttert

Dass ich mal stark geschminkt und laut kichernd auf einer Bühne vor 700 Zuschauern stehen würde, hätte ich nicht gedacht, als ich ein Praktikum am Theater Heilbronn begonnen habe. Doch ist man erst mal am Theater, kommen jeden Tag neue Herausforderungen auf einen zu. Für mich bedeutet das, Statistin in Kafkas »Der Process« zu sein.
Zusammen mit fünf anderen Mädchen und Susan Ihlenfeld, die Schauspielerin im Heilbronner Ensemble ist, spielen wir in der »Titorelli-Szene«. Wir sind die Straßenmädchen, die immer um den Maler Titorelli herumlungern. Auf der Bühne scharwenzele ich auffällig Kaugummi kauend um Stefan Eichberg, der den Maler Titorelli spielt, herum. Aber das Kaugummikauen für die Bühne will gelernt sein.

Das üben wir in Extra-Proben für uns Statisten, die auf der Probebühne und ohne Schauspieler stattfinden. Außerdem wird geklärt, auf welches Stichwort wir wie reagieren müssen. Unser Signal ist ein Pfeifen von Titorelli. Dann heißt es, Sebastian Weiss, der die Hauptrolle des Josef K. spielt, nicht aus den Augen zu lassen, möglichst auffällig Kaugummi zu kauen und Blasen zu machen – Dinge, für die man sonst kritisiert wird.

Diesem Verhalten wurde auch unser Kostüm angepasst: Negligees aus Omas Schrank kombiniert mit rutschenden Overknee-Wollsocken und abgewetzten Schuhen. Das i-Tüpfelchen gibt uns die Maske: die Haare werden in ein voluminöses Nest verwandelt und das Gesicht mit den Fingern stark übertrieben geschminkt. Passt natürlich zur Inszenierung, die den »Process« als Mischung aus Albtraum und Realität zeigt, ist aber definitiv ein Schreck für die eigene Oma. Zum Glück sieht sie einen nicht aus der Nähe. Die Schminkmasken sehen aus Zuschauersicht nicht mehr ganz so gruselig aus.

In der Woche vor der Premiere gibt es die sogenannten Hauptproben. Da sind die Abläufe schon so wie in den Vorstellungen. Die Maskenzeiten werden getimt, die richtigen Requisiten werden benutzt und ganz wichtig: die Applausordnung wird festgelegt. Dass die für uns Statisten manchmal komplizierter ist als der Auftritt selbst, können Sie ab und zu am Ende einer Vorstellung sehen.

Meine Maskenzeit liegt erst eine Stunde nach Vorstellungsbeginn. Wenn ich am Theater ankomme, ist die Tiefgarage sehr voll. Wenn ich mir vorstelle,  dass das alles Zuschauer sind, steigt die Aufregung. Beim Aufgang auf die Bühne kann ich ganz kurz die vielen Köpfe im Zuschauerraum sehen. Da macht das Herz einen kleinen Sprung. Zeit um weiter darüber nachzudenken bleibt mir allerdings nicht. Schnell den Kaugummi in den Mund und schön schmatzen. Im Rampenlicht angelangt, verfliegt die ganze Aufregung. Das Scheinwerferlicht blendet so sehr, dass ich die Zuschauer nur erahnen kann.

 

Banu, Bianca, Franziska, Rebecca (Die Verfasserin dieser Zeilen) und Tatjana sind Statistinnen im »Process«.

Mission Freundschaft

Kinderstück »Agent im Spiel« hat am 12. Januar  in den Kammerspielen Premiere

Ein preisgekröntes Theaterstück für Menschen zwischen 8 und 12 Jahren steht ab Januar in den Kammerspielen auf dem Programm: »Agent im Spiel« von David S. Craig. Ein Stück, das, wie der Titel schon verrät, Spannung und Spiellust vereint und das mit seinen drei Hauptfiguren mitten in die Lebenswirklichkeit von Kindern springt.
Der zehnjährige Daniel zieht mit seiner Mutter Luise zum achten Mal in zwei Jahren um, weil das Geld für die Miete nicht reicht. Das muss man sich mal vorstellen: Achtmal ein neues Zuhause finden, achtmal in eine neue Schule gehen, achtmal Bekanntschaft mit neuen Menschen schließen. Wie hält ein Kind das aus? Daniel, der sich selbst den »Umzugskönig« nennt, hat sich ein Spiel ausgedacht, mit dessen Hilfe er am neuen Ort schnell Kontakt findet: »Für einen Freund brauche ich einen Vormittag, und für einen richtig guten einen einzigen Tag«, sagt er. Und recht hat er, denn ehe es die anderen Kinder merken, werden sie in ein fantastisches Spiel hineingezogen und sind gefesselt davon. Daniel selbst ist Delco, ein Geheimagent. Luise ist nicht wirklich seine Mutter, sondern tarnt sich als solche – zumindest erzählt er das dem supercoolen Nachbarsjungen Mehmet, der eigentlich nur Fußball im Kopf hat. Auch Mehmet könnte beim Agentenspiel dabei sein, lockt Daniel, aber nur, wenn er sich als »bester Freund« tarnt. Sogar die verwöhnte Melanie, die zwei Handys hat, deren Frisur 150 Euro kostet und die mit dem Taxi zum Ballettunterricht fährt, kann Daniel mit seinen verrückten Ideen gewinnen. Schnell bemerkt Daniel, dass die beiden neuen Freunde auch ihre Probleme haben. Mehmet möchte unbedingt im Fußball ein Tor schießen, trifft aber nie, aus Angst vor seinem Vater. Und Melanie hat zwar viel mehr »Besitz« als ein Kind sich wünschen kann, aber ihre Eltern lassen sich scheiden und tragen ihren Streit über die Tochter aus. Und Daniel? Der hat Sehnsucht nach seinem Vater, den er nicht kennt. Außerdem muss er dafür sorgen, dass seine Mutter das Geld, das sie in ihrem neuen Job verdient, nicht mit beiden Händen wieder ausgibt. Und eins ist ihm besonders unangenehm: Wenn er in der Schule einen Text vorlesen soll, hat er einen Knoten im Kopf und nichts geht mehr.

»Agent im Spiel« ist ein Stück über drei Kinder aus unterschiedlichen sozialen Welten, die aber bei aller Verschiedenheit die Sehnsucht nach einem glücklichen Familienleben und nach Anerkennung verbindet. Schließlich machen sie die Entdeckung, dass man mit Hilfe von Freunden, gegenseitiger Unterstützung und gemeinsamem Spaß besser durchs Leben kommt. (Silke Z.)

Begründung der Jury zur Nominierung für den Deutschen Kindertheaterpreis 2004:
»Daniel geht als Geheimagent durch seinen Alltag, den er durch dieses Spiel besser erträgt. Damit hat er aber auch eine interessante und zugleich unkonventionelle Methode erfunden, in einer fremden Umgebung schnell neue Freunde zu finden. Dieses Well-Made-Play zeigt Kinder als Persönlichkeiten, die ihr durch soziale Kälte und zunehmende Differenzierung in Arm und Reich geprägtes Leben zu bewältigen haben, was ihnen nur durch die ihnen eigene Kindersolidarität in fast schon Kästnerschem Gestus gelingt. So ist das Stück auch ein Sozialmärchen, das aber soziales Außenseitertum nicht verklärt, sondern zeigt, dass Armut
und soziale Kälte wehtun.«

Regie
Gerald Gluth-Goldmann
Ausstattung
Martin Fischer
Mit
Julia Apfelthaler
Sylvia Bretschneider
Philipp Lind
Peter Volksdorf

Die ersten Fotos aus einer Probe gibt es hier  zu sehen:

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Albtraum oder Wirklichkeit

»Der Process« nach Franz Kafka hat Premiere im Großen Haus
(Premiere 26.11.2011 – nur noch RESTKARTEN für die ersten 4 Vorstellungen!)

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Welche Schuld der dreißigjährige Bankangestellte Josef K. auf sich geladen haben soll, erfährt er nicht. Er muss auch nicht ins Gefängnis, darf weiter seiner Arbeit nachgehen und soll auch sonst an seinem Leben nichts ändern. Doch zunehmend ergreift die unklare Bedrohung »Process« immer mehr die Herrschaft über K.s Gedanken und Handlungen.

Peggy Mädler, die gerade mit ihrem Romandebüt »Legende vom Glück des Menschen« Erfolge feiert und für das Theater Heilbronn bereits maßgeblich an der Textfassung der Schauspielcollage »Exit Europa« beteiligt war, hat Kafkas Roman für das Theater Heilbronn dramatisiert.

Wie stehst du zu diesem Roman:
Peggy Mädler: Ich bin – salopp gesagt – ein großer Fan von Kafka und besonders auch von diesem Roman. Ich mag die Mischung aus bedrückenden, sehr klug gebauten und gleichzeitig auch humorvollen Szenen. Es macht mir großen Spaß, bei Kafka dieses Augenzwinkern zu entdecken, mich von ihm zum Schmunzeln bringen lassen. Der Advokat, den K. aufsucht, liegt die ganze Zeit in einem riesigen Federbett – was für eine skurrile Situation, wenn man genauer darüber nachdenkt!

Unter welchem Aspekt seziert man einen Roman, wenn er auf der Theaterbühne spielbar sein soll?
Peggy Mädler: Im Vordergrund steht natürlich zunächst der Interpretationsansatz des Regisseurs. Dann kommen ganz praktische Erwägungen hinzu: Wie viele SchauspielerInnen stehen zur Verfügung? Wie sieht die Bühne aus? Welche Figuren gehen ab, welche bleiben auf der Bühne? Im Roman beispielsweise verlässt K. immer die Szene oder die jeweilige Situation. Bei uns kommt er während des ganzen Abends nicht von der Bühne. Ansonsten habe ich versucht, den Text hauptsächlich über Kürzungen und die Auswahl der Szenen zu modernisieren. K.s Leben in der Pension tritt in der Bühnenfassung in den Hintergrund, weil es aus einer heutigen Perspektive eher historisch wirkt. Dafür wird die Arbeitswelt von K., die Bank, viel stärker betont.

Welchen Interpretationsansatz verfolgt das Team mit der Inszenierung?
Peggy Mädler: Das Ganze ist wie ein Albtraum aufgebaut, bei dem man nicht genau weiß, was passiert hier eigentlich nur im Kopf von K. und was ist davon Realität. K. ist gleichzeitig Protagonist und Erzähler der Geschichte, das Geschehen entwickelt sich ja nicht unabhängig von seinem Erleben, sondern ist eng damit verknüpft, K. schätzt Situationen ein, bewertet sie und trifft Entscheidungen. Und letztendlich muss der Zuschauer auch immer wieder entscheiden, ob er K.s Wahrnehmung traut oder nicht.

Ist der Text der Bühnenfassung 100 Prozent Kafka?
Peggy Mädler: Ich würde sagen, der Text ist auf der Sprachebene 99 Prozent Kafka. Ich habe den Originaltext verwendet, ihn aber in Teilen anders strukturiert und verknappt und darüber hinaus Teile aus den Fragmenten und den »Traum« hinzugefügt, eine Erzählung, die im Umfeld des »Process« entstanden ist und in Kafkas Erzählband »Der Landarzt« veröffentlicht wurde. Josef K. geht in diesem Traum auf einem Friedhof spazieren, er fühlt sich nahezu magisch von den frischen Gräbern angezogen und entdeckt schließlich einen Künstler, der den Namenszug von K. in den Grabstein ritzt …

Wie ist deine Arbeitsweise beim Dramatisieren?
Peggy Mädler: Sie mutet wahrscheinlich sehr altmodisch an. Bevor ich mich an den Computer setze und losschreibe, arbeite ich mit Schere, Kleber, Papier und einer großen Wand in meiner Wohnung, die nur diesem Zweck dient – Strukturen bzw. Gliederungen zu erarbeiten. Genauso mache ich es auch beim Schreiben von Prosatexten, wie meinem Roman. Ich sortiere, ordne an dieser Wand, klebe Textpassagen zusammen oder verwerfe sie, bis das Grundgerüst fertig ist. Das hilft mir dann später am Computer bei der Orientierung.

(Die Fragen stellte Silke Zschäckel)