Die Chose mit der Hose

Die Kostüme der »Affäre Rue de Lourcine« forderten den Einfallsreichtum unseres Herrenschneidermeisters Tilo Voss heraus. Denn die Kleidung der beiden ehemaligen Internatsabsolventen Lenglumé und Mistingue sollte nicht nur die glorreichen Zeiten des Slapsticks aus der Stummfilmzeit erinnern, sondern muss auch auf der Theaterbühne für Einiges herhalten.

»Die Affäre Rue de Lourcine« (v.l.n.r. Marek Egert, Nils Brück und Hannes Rittig)

Die Schnittmuster für die historischen Hosen im Buster-Keaton- / Charlie-Chaplin-Stil waren schnell entwickelt, doch wie sollten die Zusatzfunktionen in der Hose des Lenglumé untergebracht werden, ohne dass die Hose völlig aus der Form geriet?

In dieser Hose verschwinden nicht nur jede Menge Requisiten, sondern auch der Hausherr selbst. Das stellte den Schneidermeister vor die Herausforderung eine überproportionale Hose zu entwerfen, die jedoch zunächst möglichst normal aussieht. Bereits die historischen Hosen der Stummfilmhelden, die als Vorbild dienten, sind zu groß für ihre Träger. Die Proportionen weichen vom klassischen Hosenschnitt ab.

Wie lässt sich das noch steigern, so dass der Schauspieler Nils Brück nahezu komplett verschwinden kann?

Nils Brück bei der Anprobe

In mehreren Schritten haben Schneidermeister und Schauspieler sich an die endgültige Ausgestaltung der Hose herangetastet, bis alles saß. Vom tieferen Schnitt über die Einarbeitung eines Stretchkeils aus dehnbarem Stoff, eingelegte Falten in die Seitennäthe und die Verlängerung der Hose am Bund wurde sie immer wieder überarbeitet. Die Stoffmengen mussten so gut eingearbeitet werden, dass sie den Proportionen der Hose des zweiten Hauptdarstellers Hannes Rittig ähnlich blieben. Die Zusatzfunktionen wie die sieben Taschen, in denen ganze Wasserflaschen verschwinden, sollen natürlich nicht vorab erkennbar sein.  Die Bewährung fand die Hose dabei im Praxistest während der Proben: Ob jetzt einer oder mehrere Druckknöpfe oder Magneten die zusätzlichen Stoffe verschwinden lassen, testet Nils Brück immer wieder im Spiel, bis es optimal passte.

So wurde der Prototyp dieser ungewöhnlichen Hose in enger Zusammenarbeit von Schneiderei und Schauspieler weiterentwickelt, bis daraus das fertige Kostüm der Inszenierung entstand.  

Das Ergebnis könnt Ihr noch zwei Mal in der »Affäre Rue de Lourcine« bewundern. Und achtet genau drauf, was alles in der Hose verschwindet oder aus ihr heraus zum Vorschein kommt, um die Erinnerungslücken der durchzechten Nacht der beiden Zechbrüder zu füllen.

»Die Affäre Rue de Lourcine« läuft nur noch am 25. und 26. April 2019 im Komödienhaus des Theaters Heilbronn.

»Üben, üben, üben, bis alles sitzt«

In dieser Spielzeit hat er als Tartuffe, als Schöller und als Lenglumé in »Die Affäre Rue de Lourcine« das Publikum zum Schmunzeln, Lachen, sogar zum Japsen gebracht. Nils Brück spricht mit Dramaturg Andreas Frane über die harte Arbeit an der Komödie.

»Die Affäre Rue de Lourcine« Nils Brück, Hannes Rittig; Foto: Thomas Braun

Andreas Frane: Welche Voraussetzungen und Eigenschaften sollte man mitbringen, wenn man Komödie spielen will?

Nils Brück: Mein Wissen stützt sich vor allem auf Erfahrungen aus der Praxis. Komödie braucht aus meiner Sicht viele Zutaten: Zuerst einmal Spielfreude – Verspieltsein, Mut – Übermut, Disziplin – Anarchie, Timing, Rhythmus, Genauigkeit, Instinkt, Publikumsnähe und die Bereitschaft zum Scheitern.

Kann man »komisch sein« lernen?

Ich glaube, es gibt schon Schauspieler, die für dieses Genre besonders begabt sind. Und eine häufige Beschäftigung mit Komödien verschiedenster Herkunft (aus Frankreich, Großbritannien, Irland, Amerika, Deutschland) hilft sicher auch, seine Fähigkeiten auf diesem Gebiet zu entwickeln. Aber nur das und ausschließlich für die Bühne zu erlernen? Das gibt es wahrscheinlich nicht. Anders ist es im Zirkus. Da gibt es ja viele und auch tolle Clownsschulen. Auch die Pantomimen haben eine Spezialausbildung. Beide von mir sehr geschätzte und bewunderte Kunstformen.

Karl Valentin hat einmal gesagt: »Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.« Trifft das besonders auf die Komödie zu?

Absolut. Man durchläuft während der Proben verschiedenste Phasen. Das Entwickeln einer Situation, das Ausreizen des Scheiterns (denn es geht in der Komödie immer um das Scheitern, um die Not von Individuen in Extremsituationen, um die Zuspitzung einer unlösbaren Schwierigkeit) macht gerade zu Beginn einer Arbeit großen Spaß. Dann geht es um Genauigkeit, um das richtige Timing und um eine Wiederholbarkeit des Ganzen. Das ist harte Arbeit. Auch das gesamte Team kann ja nicht zwanzig, dreißig Mal über das Gleiche lachen. Dabei geht oft der Spaß verloren. Und man muss wie ein Jongleur üben, üben, üben, bis alles sitzt. Belohnt wird man dann, sollte alles gelingen, mit dem herzlichen Lachen des Publikums.

Hierzu vielleicht eine kleine Anekdote aus unserer letzten Vorstellung der »Affaire Rue de Lourcine«: Nach einem Satz in meinem Monolog lachte eine Frau ganz laut auf. Als sie merkte, dass sie die Einzige war, sagte sie »Oh Gott« und hielt sich den Mund zu. Ich hatte mich aber über die Reaktion gefreut und habe sie von der Bühne aus angesprochen: »Ach bitte, Sie können ruhig weiter lachen. Wir freuen uns…« Zum Lachen muss man eben nicht in den Keller gehen …

»Die Affäre Rue de Lourcine« Hannes Rittig, Nils Brück ; Foto: Thomas Braun

Wie viele Freiheiten darf / kann man sich denn erlauben?

Tja, das ist eine gute Frage, die auch von uns immer wieder diskutiert wird. Denn wo ist der Grat zwischen dem, was neu hinzukommt und dem Abend gut tut, und dem, was den Abend eher beschädigt? Da trifft man den Punkt nicht immer. Aber trotzdem ist es wichtig, eine Lebendigkeit zu erhalten. Das ist nicht so leicht in unserem Metier.

Es ist viel von Techniken bei Komikern und Komödianten die Rede. Wie verhindert man andererseits, dass Komödie auf der Bühne »technisch« wird und wirkt?

Ich glaube bei allen Stücken, so auch in der Komödie, kommt es darauf an, die Spielsituationen immer wieder neu zu erleben. Jeder Abend sollte ein Unikat sein und somit ein Erlebnis für das Publikum schaffen, dass eben nur an dem speziellen Abend in dieser Form stattfindet. Es ist alles live! Es geht um ein Gemeinschaftserlebnis, mit allen Fehlern, die passieren, mit Zustimmung oder Ablehnung des Publikums. Man muss sich also als Schauspieler trauen, sich im Moment zu bewegen.

Gibt es Gags, Techniken, Witze, die beim Publikum garantiert funktionieren?

Ja, gibt es schon, denke ich. Man muss Sie aber dosiert einsetzen, sonst nutzen sie sich ab. Welche das sind, wird aber nicht verraten …

Nils, ich bedanke mich herzliche für dieses Gespräch.

Den mörderisch komischen Monsieur Lenglumé aus »Die Affäre Rue de Lourcine« spielt Nils Brück nur noch am 20., 25. Und 26. April im Komödienhaus.

»Die Affäre Rue de Lourcine« Sven-Marcel Voss, Nils Brück ; Foto: Thomas Braun

In der »Affäre Rue de Lourcine« geht es nicht mit rechten Dingen zu

Sven-Marcel Voss Zaubereien treiben den Irrwitz auf die Spitze

Sven-Marcel Voss als Diener Justin links
(v.l.n.r. Hannes Rittig, Nils Brück & Sabine Unger, Foto: Thomas Braun)

Leide ich an einer Sinnestäuschung  ̶  oder was ist da gerade passiert? Eben hat Sven-Marcel Voss als Diener Justin seinem Herrin Norine aus einer durchsichtigen Karaffe mit kristallklarer Flüssigkeit eingeschenkt, aber der Drink im Glas ist grasgrün. Eine Sekunde später füllt sich der Becher von Lenglumé aus derselben Karaffe mit einem blauen Getränk, und der Schluck in Mistingues Glas ist rot. Zauberei! Willkommen in der rasanten Komödie »Die Affäre Rue de Lourcine« von Eugene Labiche im Komödienhaus, in der nichts, aber auch gar nichts, so ist, wie es scheint. Nils Brück als Lenglumé und Hannes Rittig als Mistingue tun darin alles, um ein Verbrechen zu verschleiern, von dem sie vermuten, dass sie es im Zustand der völligen Trunkenheit begangen haben. Immer misstrauisch beäugt von Lenglumés Frau Norine (Sabine Unger), die sich über das merkwürdige Treiben der beiden Männer wundert und sich mit ihrem übergriffigen Vetter Potard (Marek Egert) und eben jenem so gar nicht diensteifrigen Angestellten Justin herumärgert. Als wenn das Geschehen nicht schon turbulent genug wäre, sorgt Justin mit seinen irritierenden Aktionen für zusätzliche Verwirrung. Er steckt beim Aufräumen eine Champagnerflasche in eine Papiertüte, um diese dann zusammenzuknüllen. Was doch eigentlich unmöglich ist! Er zieht sich eine meterlange Papierschlange aus dem Hals – wie geht das nur? Er lässt Schachteln aus seiner Hand verschwinden, seinen Kopf plötzlich auf einer Servierplatte auf dem Tisch auftauchen oder einen Spazierstock aus dem Nichts erscheinen. Von seinem Hechtsprung durch ein Gemälde an der Wand ganz zu schweigen.
Großer Bühnenzauber, von dem hier selbstverständlich nicht verraten wird, wie er funktioniert. Und der so leicht und beiläufig wirkt, als würde sich Sven-Marcel Voss als Justin selbst wundern über das, was ihm widerfährt. Dahinter stecken natürlich nicht nur ein großes komödiantisches Talent und schauspielerische Präzision, sondern auch jede Menge Zauberkunst.
»Das haben mir meine Kollegen eingebrockt«, sagt Sven-Marcel Voss augenzwinkernd. Als Regisseur Marc Becker im Ensemble herumfragte, welche besonderen Fähigkeiten jeder hat, erzählten die Schauspieler von Sven-Marcels Zauberkunststücken, mit denen er in launigen Runden gern für Unterhaltung sorgt.
»Allerdings sind das Kartentricks, die für die Bühne nicht geeignet sind«, sagt der junge Schauspieler. Vor rund anderthalb Jahren hat er angefangen Kartentricks zu üben, angeregt durch einen Kommilitonen, der Deutscher Vizemeister unter den Illusionskünstlern ist. Diese Tricks hat er sich selbst beigebracht, sie haben ausschließlich mit Fingerfertigkeit zu tun. Manche hat er sehr schnell drauf, für andere trainiert er lange, an anderen beißt er sich auch nach monatelanger Übung die Zähne aus. Bisher macht er das alles nur für sich und kleine Shows in geselliger Runde. Ein abgegriffenes Kartenspiel hat er dafür immer dabei.

Auf der Bühne zu zaubern verlangt nach mehr Hokuspokus und Magie, auch nach wesentlich mehr Ausstattung  und braucht natürlich auch viel Übung. Bei der Erarbeitung der kleinen Zaubernummern, die die Inszenierung noch charmanter machen, hatte er freie Hand und suchte nach Tricks, die zur jeweiligen Szene passen. Eigentlich lohnt es sich, schon allein wegen der Zaubertricks noch ein zweites Mal in die Vorstellung der »Affäre Rue de Lourcine« zu gehen. Aber auch sonst ist dieser Abend einfach ein Vergnügen. Nicht umsonst nennt Leonore Welzin ihn in ihrer Kritik in den Fränkischen Nachrichten »einen komödiantischen Volltreffer«. 

Bei der »Dreigroschenoper« spielen acht Musiker das Instrumentarium eines ganzen Orchesters

Heiko Lippmann hält sich als musikalischer Leiter an die Praxis der Uraufführung

Heiko Lippmann, Foto:privat

Vorsicht Ohrwurm! Tagelang setzt sich nach dem Besuch der »Dreigroschenoper« die Musik im Kopf fest, schleichen sich Erinnerungen an Melodiefetzen ein, summt man das »Lied von der Seeräuber-Jenny« oder die »Moritat von Mackie Messer« vor sich hin. Schon 1928 nach der Uraufführung am 31. August 1928 waren die Melodien auf den Straßen Berlins allgegenwärtig – ob gesungen oder gepfiffen – die Stadt war im »Dreigroschenfieber«.  Munter hatte sich Komponist Kurt Weill aller möglichen Stilrichtungen bedient – ob bei Oper und Operette, beim Kirchenchoral oder der Tanz- und Jazzmusik der 20er Jahre. Seine Originalpartitur schrieb 23 Instrumente vor, die aber nie gleichzeitig, sondern abwechselnd zum Einsatz kamen. Diese wurden von nur acht Musikern gespielt, die alle verschiedene Instrumente beherrschten. Es war die Lewis Ruth Band, eine damals in Berlin äußerst populäre Jazz-Formation.
An dieser Aufführungspraxis orientiert sich auch Heiko Lippmann, der musikalische Leiter der Heilbronner  Inszenierung der »Dreigroschenoper«. Seine Dreigroschen-Band besteht aus freien Musikern, die für dieses Projekt zusammengestellt wurden, aber zum größten Teil schon bei mehreren musikalischen Produktionen am Theater mit dabei waren. Jeder ist Spezialist auf seinem Instrument oder seiner Instrumentenfamilie. Aber dass Posaunist Tobias Scheibeck nun als Zweitinstrument den Kontrabass spielt, die Gitarristen Johannes Weik und Philipp Tress das Cello streichen oder Schlagzeuger Christoph Sabadinowitsch seit neuestem Trompete bläst, hätten sie sich vor ihrem Engagement für die »DGO«, wie dieser Klassiker von Brecht und Weill theaterintern genannt wird, wohl kaum träumen lassen.
Es gibt zwei Möglichkeiten, den Anforderungen des Verlags zu entsprechen, erklärt Heiko Lippmann, der selbst während der Vorstellungen nicht nur Klavier, Harmonium und Celesta spielt, sondern auch noch dirigiert. Entweder man besetzt jedes Instrument einzeln und hat ein ganzes Orchester im Einsatz, selbst wenn manche Musiker nur wenige Takte zu spielen haben. Oder man entscheidet sich, wie schon Bertolt Brecht und Kurt Weill höchst selbst für die multibegabten Könner. Lippmann hat das mit den Musikern seines Vertrauens und mit der Theaterleitung besprochen. Und schickte dann vor rund einem Jahr, als die Entscheidung für die »Dreigroschenoper« und diese Umsetzung gefallen war, einige Musiker noch mal in die Musikschule. »Alle hatten genug Zeit und sie sind talentiert genug, sich auf diese Herausforderung einzulassen«, lobt Lippmann seine Band.  Natürlich haben sie sich speziell auf die Passagen, die sie auf den neuen Instrumenten zu spielen haben, vorbereitet und beherrschen alles zur Zufriedenheit ihres musikalischen Leiters. »Trotz der schnellen Instrumentenwechsel entsteht kein Chaos im Orchestergraben«, versichert Lippmann augenzwinkernd.
Übrigens versucht er auch in anderen Dingen der Uraufführungspraxis möglichst nahe zu kommen. Die Trommel, die hier zum Einsatz kommt, stammt aus jener Zeit und klingt ganz anders als heutige Instrumente. Die Trompete spielt mit einem System wie die damaligen Jazz- und Bigband-Trompeten. »Eine museale Aufführung möchte ich aber nicht«, sagt Lippmann, sondern eine frische, unverkrampfte Interpretation dieser großartigen, anspruchsvollen Musik, die auf den ersten Blick so unspektakulär daherkommt und einem nie wieder aus dem Kopf geht.

Die Band im Orchestergraben. Foto: Thomas Braun

Und das ist die Band:
Klavier/Harmonium/Celesta: Heiko Lippmann/Marcus Herzer
Altsaxofon/Flöte/Kleine Flöte/Klarinette/Sopransaxofon/Baritonsaxofon: Johannes Reinhuber/Dirk Rumig
Tenorsaxofon/Klarinette/Fagott/Sopransaxofon: Michael Toursel
Trompete 1: Igor Rudytskyy
Posaune/Kontrabass: Tobias Scheibeck
Schlagzeug/Trompete 2: Christoph Sabadinowitsch
Bandoneon: Karin Eckstein/Roland Senft
Gitarren/Cello: Johannes Weik/Philipp Tress

Meine musikalischen Gedanken

Ein Beitrag von Claire Winkelhöfer

»Musik ist die Sprache der Leidenschaft«. Dies pflegte Richard Wagner zu sagen und ich als leidenschaftliche Musikerin, schließe mich dieser Aussage voll und ganz an. Ich bin Claire Winkelhöfer und gehe in die zehnte Klasse des Landesgymnasiums für Musik in Wernigerode. Während meiner Zeit als Praktikantin in der Theaterpädagogik des Theaters Heilbronn wurde mir die Aufgabe zuteil, eine eigene musikalische Interpretation, inspiriert von der Erzählung »Der goldne Topf« von E.T.A. Hoffmann, zu erarbeiten.

Claire Winkelhöfer auf der Probebühne

Während des Lesens von »Der goldne Topf«, entstand in meinem Kopf, wie das häufig bei Musikern der Fall ist, bereits die ein oder andere Idee für eine musikalische Umsetzung. Ich habe die Eigenschaft, gleich sehr groß und meist in einem Orchestersatz zu denken. Zudem bin ich, als begeisterte Wagnerianerin, ein großer Fan der Leitmotivtechnik. Ein Leitmotiv ist ein häufig wiederkehrendes, in dem Fall musikalisches Motiv, welches bestimmten Personen, Gegenständen, Ereignissen, Stimmungen usw. zugeordnet ist und diese charakterisiert. Mein Faible für diese Technik wirkt sich demzufolge auch auf mein künstlerisches Schaffen aus. Besonders faszinierend daran finde ich diesen bestimmten Wiedererkennungswert innerhalb eines Werkes. Ich empfinde es als sehr spannend, wenn ich durch das Erklingen eines Leitmotivs bereits eine Vorahnung bekomme, welche Person wohl gleich wieder auftauchen wird, womöglich sogar schon da und nur nicht zu sehen ist, oder genau weiß, von welchem Gegenstand oder Ereignis die Rede ist, ohne dass explizit davon gesprochen wurde. Ich dachte mir, die beiden unterschiedlichen Welten, die es in »Der goldne Topf« gibt, müssten durch verschiedene Leitmotive geprägt und zum Ausdruck gebracht werden. Für die mystische Welt stellte ich mir Instrumente vor, die gemeinsam sphärische Klänge produzieren können. Im Allgemeinen dachte ich an Flöten, eine Harfe und hohe Streicher. Allerdings fände ich Hörner als Melodieinstrumente sehr ansprechend. Wenn man kein ganzes großes Orchester zur Hand hat, dann reicht auch ein Klavier in hoher Lage mit viel rechtem Pedal, um die verschiedenen Melodieteile ein bisschen ineinander verschwimmen zu lassen. Eventuell wäre noch eine Geige denkbar. Als Leitmotiv stellte ich mir eine relativ ruhige Melodie vor, die mit höheren, kleineren Melodien unterlegt ist. Es sollte im Piano bis Pianissimo, also leise bis sehr leise, aber maximal im Mezzoforte, halblaut, gespielt werden. Im Kontrast hierzu dachte ich bei der normalen Welt an eher plumpe Klänge, die durchaus auch einen bedrohlichen Charakter haben dürfen. In einem Orchester würden an dieser Stelle die Blechbläser die Arbeit bekommen, sowie die tieferen Streicher, die einen tiefen Klangteppich erzeugen könnten. Wenn kein Orchester zur Verfügung steht, so kann man wieder ein Klavier in Betracht ziehen, diesmal jedoch in tiefer Lage. Hier könnte man noch zusätzlich das linke Pedal benutzen, um einen dumpfen Klang zu erzeugen. Als Grundbild für ein Leitmotiv dachte ich an ein mittleres Tempo. Es sollte zwar nicht allzu langsam sein, doch darf es auf keinen Fall hektisch wirken. Auch sollte es nicht zu leise werden, um einen Gegensatz zum anderen Motiv zu schaffen.

Im Verlauf meines Praktikums hatte ich das Vergnügen, die Inszenierung von »Der goldne Topf« von Maik Priebe zu sehen und somit auch die musikalische Umsetzung von Stefan Leibold zu hören. Diese war zwar völlig konträr zu meinen Gedanken, jedoch höchst interessant. Die musikalische Gestaltung war nicht auf die Leitmotivik ausgelegt, sondern eher darauf, mit einfachsten Mitteln einen beeindruckenden Klangteppich zu erzeugen. Wobei »einfach« in diesem Fall nicht als »leicht« zu verstehen ist, sondern bedeutet, dass mit einfachen Gegenständen gearbeitet wurde, die nicht schwer zu bedienen sind. Der geschaffene Klangteppich wurde nicht mit herkömmlichen Instrumenten gestaltet, sondern durch alltägliche Gegenstände oder den Menschen selbst. Durch das Übereinanderlegen dieser unterschiedlichen Klänge konnten Stimmungen erzeugt werden, die sonst eher selten zu finden sind, aber wie geschaffen dafür sind, eine mystische Atmosphäre zu erzeugen.

Obwohl ein großer Kontrast zwischen diesen beiden musikalischen Gedanken liegt, gibt es durchaus auch gemeinsame Überlegungen. Beispielsweise das Erschaffen einer mystischen Welt durch das Zusammenwirken verschiedenster Stimmungen und Klänge. In meinem Fall arbeite ich lieber mit Leitmotiven als mit Klangteppichen.

Zum Abschluss möchte ich sagen, dass ich es toll fand mir die Inszenierung mit Musik ansehen und anhören durfte und mich anschließend selbst an einer musikalischen Interpretation dazu ausprobieren durfte. Meine fertige Arbeit kann unter hier angehört werden.

Hoch lebe der Dialekt

Schauspieler Hannes Rittig trainiert das Sprechen in vielen Mundarten

Hannes Rittig (Foto: M24 Heilbronn)

Einer sammelt Briefmarken, der nächste Autogramme oder Schallplatten. Wer es sich leisten kann, legt sich Kollektionen von Uhren, Antiquitäten oder Oldtimern zu. Der Wert des Schatzes von Hannes Rittig ist in Geld nicht zu messen.  Aber wie andere Sammler auch investiert er viele Stunden in die Pflege seines Hobbies. Der Schauspieler am Heilbronner Theater sammelt Dialekte und versucht diese so gut zu lernen, dass er sie zur „Bühnenreife“ bringt, ohne dass Muttersprachler im jeweiligen Gebiet die Nase rümpfen – obwohl es ein Reinheitsgebot in Sachen Dialekt eigentlich kaum mehr gibt.
„Für mich als Schauspieler ist das wie ein Materialbaukasten, aus dem ich nach Belieben schöpfen kann“, sagt Hannes Rittig. Die Besucher der letzten Weihnachtsmatinee am Theater dürften sich gern an die szenische Lesung der Geschichte „Die Bescherung verzögert sich um voraussichtlich zehn Minuten“ von Sebastian Schnoy erinnern. Hier hat Rittig in sekundenschnellen Wechseln den mitspielenden Bahnreisenden aus allen Ecken Deutschlands in einem verspäteten ICE am Weihnachtstag sowie dem handelnden Zugpersonal den dialektalen Zungenschlag verpasst. Bayerisch, Rheinländisch, Österreichisch, Norddeutsch, Schwäbisch – oft nur in schnellen Halbsätzen und wild durcheinander. Atemberaubend! Und äußerst amüsant.

Mit genau solchen Lesungen hat es angefangen, genauer gesagt mit Texten von Hans Fallada wie „Jeder stirbt für sich allein“ und „Der eiserne Gustav“, die Hannes Rittig in Greifswald, der Geburtsstadt des Schriftstellers, vorgetragen hat. Lesungen von rund anderthalb Stunden Länge werden nur lebendig, wenn man die Figuren mit ihren Eigenheiten ausstattet, beschreibt der Schauspieler. Dazu gehört neben Stimmfärbung und Sprechweise eben auch der Dialekt. Die ersten Steine für seine Sprachsammlung hat er quasi nebenbei eingesammelt: Mit dem Berlinerischen und dem Anhaltinischen ist er aufgewachsen, im Studium kam das Leipziger Sächsisch dazu, aber vor allem auch das Bühnenhochdeutsch, das für ihn als Schauspieler natürlich die Norm ist. Während seines ersten Engagements in Chemnitz lernte er, zwischen dem Leipziger  und dem Chemnitzer Sächsisch zu nuancieren. Außerdem erwarb  er von Freunden aus anderen Regionen Deutschlands eher unterbewusst weitere Dialekte – so zum Beispiel das Fränkische von seinem damaligen Kommilitonen und Schauspielkollegen Tobias D. Weber, der aus Erlangen stammt. Sein nächstes Engagement führt ihn nach Greifswald, wo er den Pommerschen Dialekt in sein Repertoire aufnahm. „Für mich ist es wichtig, dass ich Leute habe, die ich sehr mag und mit denen ich Zeit verbringe. Ich beobachte deren Sprechweise, die Haltung und präge mir bestimmte Ausdrücke ein“, beschreibt Hannes Rittig seine Learning-by-doing-Methode. Diese Vorbildmenschen ruft er sich vor sein inneres Auge, wenn er einen Dialekt imitieren will. Aus Greifswald ist es beispielsweise der Fußballtrainer seiner Söhne. Er erhebt dabei keinen Anspruch auf Perfektion. „Es ist fast wie beim Spielen von Tieren“, beschreibt er. Einige signifikante Eigenschaften reichen aus, um einen Tiger als Tiger, einen Elefanten als Elefanten und einen Affen als Affen darzustellen – so wie er es gerade in unzähligen Vorstellungen von Kiplings „Dschungelbuch“ praktiziert hat. Genauso ist es mit den Dialekten – einige prägnante Ausdrücke, Wörter und vor allem die Sprachmelodie genügen, um eine bestimmte Mundart zu markieren.

Beim Schwäbischen versagt die Learning-by-Doing-Methode

Einzig bei einem Dialekt versagt die bisher mit so großer Leichtigkeit praktizierte Methode, beim Schwäbischen – dem nächsten Regiolekt, den Hannes Rittig sich als Neubürger Heilbronns unbedingt aneignen will. Hier hat er sich seine Nachbarn als Coaches gesucht, mit denen sich seine Familie angefreundet hat. „Die Frau kommt von der Schwäbischen Alb, der Mann  aus Heilbronn und die beiden machen mit mir Unterricht“, erzählt der Schauspieler.  Das Schwäbische ist sehr gemütlich und verspielt mit den vielen Verniedlichungsformen und es hat einen feinen Sing-Sang. Ihn wundere es gar nicht, dass aus dieser Region, wo die Sprache so kleinteilig und erfindungsreich ist, so viele Tüftler kommen, die mit der feinen Selbstironie „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“  an ihrem Image arbeiten, sagt Hannes Rittig. Natürlich muss er in seinem Beruf in erster Linie das Hochdeutsche pflegen. Aber sonst ist er der Meinung: Hoch lebe der Dialekt! „Der steht für Heimat, Geborgenheit und Wohlfühlen.“

Mit dem Theater fit fürs Abitur

Die AbiTour-Tage 2019

Das Abitur steht für viele Schülerinnen und Schüler in der Region vor der Tür. In bewährter Tradition hat das Theater Heilbronn auch in dieser Spielzeit wieder die AbiTour-Tage angeboten, an denen den Schülerinnen und Schülern nochmal ein ganz anderer Blick auf die Sternchenthemen geboten wurde.

Vernissage zur Eröffnung der AbiTour-Tage 2019

Vom 28.01. bis zum 01.02.2019 drehte sich im Großen Haus und in der BOXX alles um den »Steppenwolf« und um den »Goldnen Topf«.
Die Woche wurde mit der Vernissage »ZWISCHEN.WELTEN« eröffnet, für die Schülerinnen und Schüler des Robert-Mayer-Gymnasiums Kostüme passend zum »Goldnen Topf« entworfen und angefertigt hatten. Inspiriert wurden die ausgestellten Kostüme von Anselmus’ Zerrissenheit und dem Changieren zwischen zwei Welten, die in E. T. A. Hoffmanns »Der goldne Topf« thematisiert werden. In einer Performance, angeleitet von den Theaterpädagoginnen Lisa Spintig und Anja Bräutigam, wurden die Arbeiten live dem Publikum präsentiert. Außerdem konnte man sich die Kostüme auf ästhetisch gestalteten Fotografien bei einem Rundgang durch das BOXX-Foyer aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachten. Einen exklusiven Einblick in die Arbeit und Vorgehensweise der Theatermacher erhielten die Besucher am Dienstag, den 29.01.2019 in einem Werkstattgespräch. Theaterpädagogin Natascha Mundt sprach mit den stückbegleitenden Dramaturginnen Sophie Püschel und Mirjam Meuser, die dem interessierten (Schüler-) Publikum rege Auskunft darüber erteilten, wie lange man an so einem Stück arbeitet, wie man eine Bühnentextfassung erarbeitet und was ein Dramaturg denn sonst noch so macht. Zudem erläuterten die beiden die künstlerischen Zugriffe der Regisseure auf die Abitur-Stoffe. Für Fragen aus dem Publikum war auch Zeit.
Die ganze Woche konnten interessierte Klassen in Workshops die Inhalte beider Inszenierungen praktisch erleben und auf sinnliche Weise begreifen. So setzten die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler das gegenseitige Sich-Spiegeln in Szene. Sich gegenüberstehend nehmen Sie die Bewegungen des anderen auf, werden zu dessen Spiegelbild, lassen sich ein auf das gegenüber oder geben dem Spiegelbild Bewegungen, Haltungen vor und nähern sich so der »Steppenwolf«- Inszenierung. In dem Workshop zu »Der goldnen Topf« dagegen laufen und stürmen die Schülerinnen und Schüler durch den Raum, bis sie durch einen äußeren Impuls plötzlich das Tempo wechseln und Bewegungen suchen, die sie in mystische Wesen aus Atlantis verwandeln. Das Stolpern des Anselmus durch die zwei Welten, wie ihn E.T.A. Hoffmann beschreibt, wird für sie körperlich erfahrbar. Was macht es mit mir, wenn ich vom hektischen Spießbürger zu einem Fabelwesen einer verborgenen Welt werde? Für die Schülerinnen und Schüler boten sich in der Abitourwoche  verschiedene neue Ansätze sich mit den Sternchenthemen auseinanderzusetzen.

Jetzt wünschen wir den Abiturientinnen und Abiturienten Toi Toi Toi für die Prüfungen. Für uns gilt nach dem Abi ist vor dem Abi: wir freuen uns schon auf die AbiTour-Tage 2020 mit vielen wissensdurstigen Schülerinnen und Schülern bei uns im Theater Heilbronn!


Wie der Boxenstopp in der Formel Eins

Julia Schmalbrock springt in »Spiel’s nochmal, Sam« in viele Rollen – und Kostüme


»Nancy, Gina, Vanessa, Barbara, zwei ohne Namen und Sharon gibt es zwei Mal«, zählt Julia Schmalbrock, »acht Rollen in einem Stück. Das hatte ich noch nie.« Die gebürtige Münchnerin, die acht Jahre lang am Staatstheater Hannover von Pünktchen in »Pünktchen und Anton« bis »Minna von Barnhelm« große und kleine Rollen gespielt hat, ist für »Spiel’s nochmal, Sam« als Gast nach Heilbronn gekommen. Und in einer schweißtreibenden Inszenierung gelandet: »Es sind, ich glaube, zehn Umzüge, die schnellsten dauern knapp unter einer Minute. Das kann man sich ein wenig vorstellen wie beim Boxenstopp in der Formel Eins«, lacht Julia Schmalbrock. »Sobald ich von der Bühne komme, werde ich von zwei Ankleiderinnen und einer Maskenbildnerin in kürzester Zeit einmal komplett ent- und wieder bekleidet. In den ersten Proben war das ganz schön stressig, aber inzwischen sind wir richtig gut eingespielt.« Auf jeden Fall ist Jens Kerbels turbulente Inszenierung eine Chance, die eigene Vielseitigkeit auf die Probe und zur Schau zu stellen. Denn so viele unterschiedliche Frauentypen hat man als Schauspielerin selten in einer Spielzeit zu zeigen, geschweige denn in einem einzigen Stück.

»Spiel’s nochmal, Sam« ist nur noch bis zum 22. Februar im Komödienhaus zu belachen.
https://www.theater-heilbronn.de/spielplan/detail/inszenierung/spiels-nochmal-sam.html

v.r. Judith Lilly Raab, Oliver Firit & Julia Schmalbrock in »Spiel´s nochmal, Sam«
Julia Schmalbrock & Oliver Firit in »Spiel´s nochmal, Sam«

ZWISCHEN.WELTEN

Es raschelt, ein Bauchtanz-Rock wird an eine schwarze Hose genäht, große Schuppen aus Zeitungspapier an einen Reifen gekleistert, denkende Köpfe, ein Flügel bekommt Stabilität. Wie stellt man eigentlich die Last der bürgerlichen Welt dar und wie sehen überhaupt die Wesen in Atlantis aus? Hoppla, wo sind wir denn jetzt reingestolpert? Wir sind mittendrin in einer Stunde des Grundkurs Kunst am Robert-Mayer-Gymnasium in Heilbronn. Diese Stunde ist Teil des Projektes ZWISCHEN.WELTEN, welches in Kooperation mit dem Theater Heilbronn stattfindet.

Skizze aus dem Projekt

Inspiriert ist das Projekt von der Inszenierung »Der goldne Topf«. In einem ersten Workshop im Theater haben die Schülerinnen und Schüler Anselmus’ Zerrissenheit zwischen den Aussichten auf ein geordnetes bürgerliches Leben und einer Welt voller Bücher, Mythen, Farben und dem Changieren zwischen zwei Welten körperlich für sich erfahren. Gemeinsam haben sie überlegt, wie sich die Bewohner in diesen Welten bewegen könnten. Wie lassen sich die Bewegungen der Figuren der bürgerlichen Welt von der magischen Atlantis-Welt abgrenzen? Wie schnell laufen sie, machen sie »runde« oder »eckige« Bewegungen, wie könnten sie mit anderen Passanten in Kontakt treten?
Den Kopf voller Ideen, setzen die Schülerinnen und Schüler nun die Inspirationen in Skizzen und anschließend in reale Kostüme um, passend zum Kursthema »Verkörperungen«. Hierbei werden unterschiedliche Ansätze verfolgt: Zum einen bauen sie Kostüme für Wesen, welche das mythische Atlantis bevölkern: Mondwesen mit Zepter und Krone, eine Kreatur mit einem raschelnden Schuppen-Rock oder ein Waldtier, welches einen tarnfarbenen Blätter-Umhang trägt. Denn darin sind sich die Schülerinnen und Schüler des Robert-Mayer-Gymnasium einig: Eine mythische Welt, wie Atlantis, ist bestimmt von allerlei Tieren und Fabelwesen bevölkert. Zum anderen erfinden sie Kostüme und Bühnenelemente, die die bürgerliche Welt zeigen: Einen überdimensionalen Hut oder ein Hamsterrad, in dem man in einer monotonen, langweiligen Welt voller Regeln gefangen ist. Offenbar reizt die junge Künstlerinnen und Künstler aber auch die Idee beide Welten zu vereinen. Wir sind sehr gespannt, wo die Reise hingeht und würden uns sehr freuen, wenn Sie uns dabei begleiten.

Die fertigen Kunstwerke werden anlässlich unserer AbiTour-Tage im BOXX-Foyer ausgestellt und am 28.01.2019 um 18:00 Uhr in einer Performance präsentiert.

Weitere Informationen zu den Abi-Tour-Tagen finden Sie unter: https://www.boxx-heilbronn.de/spielplan/tippsabitour-tage.html

Kostümentwurf des Projekts

Rache ist kein guter Begleiter

Rahel Ohm als Margaret in »Richard III.«

»Die oben sind, sie werden hart geschüttelt, / und wenn sie falln, haun sie sich selbst zu Brei.«

Rahel Ohm in »Richard III.«

Nur zwei Szenen hat William Shakespeare der ehemaligen Königin Margaret in »Richard III.« geschrieben. Aber die Auftritte der Witwe des ermordeten Heinrich VI. gehören zweifellos zu den Höhenpunkten des erschreckend aktuellen Historien-Stücks. Sie kommentiert das dreckige und blutige Machtgerangel im Staat und verflucht ihre Gegner, sie wagt es, Dinge auszusprechen, für die Andere den Kopf verlieren würden. Für die markante Rolle hat sich Intendant und Regisseur Axel Vornam Verstärkung ans Haus geholt: Rahel Ohm, die schon an vielen renommierten Theatern zwischen Leipzig und Düsseldorf, Kassel und Weimar gearbeitet hat, war die letzten neun Spielzeiten festes Ensemblemitglied am Schauspiel Stuttgart. Wie würde sie Margaret beschreiben? »Verstoßen, mehr oder weniger mittellos, wissend dass Rache kein guter Begleiter ist, dennoch von ihr getrieben.« Ob sich die vielen Flüche, die die verbitterte Ex-Königin ausstößt, alle bewahrheiten, will Rahel Ohm nicht verraten. Die große Herausforderung auf der Bühne besteht für sie nicht im Navigieren des rutschigen, dreckigen Terrains, durch das die Figuren sich mühsam an die Macht bewegen, sondern in der »Verlebendigung« der kongenialen deutschen Übersetzung von Thomas Brasch: »Wie bekomme ich den Text griffig und in den Körper, so dass man der Figur abnimmt, dass es ihre Gedanken sind und nicht die einer Schauspielerin, die Shakespeare spricht.« Der immer wieder einsetzende Szenenapplaus für ihre Auftritte zeigt, dass Rahel Ohm das hervorragend gelingt.